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"Tatort" und "Lindenstraße" als Spiegel der Gesellschaft


11.5.2010
Seit 40 bzw. 25 Jahren liefern "Tatort" und "Lindenstraße" Bilder von der bundesdeutschen Gesellschaft. Diese sind zwar fiktional aufbereitet, bieten aber gerade deshalb Deutungsmuster für die Wirklichkeit.

Einleitung



Serien haben kulturell noch immer einen schlechten Ruf. Dabei können sie anders als die üblicherweise auf 90 Minuten begrenzten Kinospielfilme länger, ausdauernder und weniger punktuell von den Menschen erzählen. Sie können deren Handeln über eine lange Zeit begleiten und dabei auch vielfältige Figurenkonfigurationen entstehen und wieder vergehen lassen. Serien können deshalb differenzierter Wirklichkeit in den menschlichen Beziehungen sichtbar machen, vor allem auch dann, wenn sie mit ihren Figuren, ihren Handlungsorten und ihren Geschichten im Hier und Jetzt der Zuschauer verankert sind. "Tatort" und "Lindenstraße" sind solche Institutionen in einem Maße wie kaum andere Serien im deutschen Fernsehen.

Anders als die vielgerühmten amerikanischen Serien, deren Welten auf deutsche Zuschauer letztlich immer fremd, exotisch, oft auch künstlich wirken, zeigen "Lindenstraße" und "Tatort" bundesdeutsche Milieus und Situationen, die letztlich mehr Vertrautheit, mehr Zugehörigkeit signalisieren, auch wenn viele Handlungsorte und Geschehen der Mehrheit der Zuschauer unbekannt sind. Im Gros leben die deutschen Serien von der Wiedererkennbarkeit ihrer Figuren und deren Geschehnisse. Das lässt sie gelegentlich bieder wirken, ohne dass ihre Handlungen deshalb weniger aufregend wären.

Fernsehserien stellen deshalb "kulturelle Foren"[1] dar, auf denen in lebensnahen Situationen gesellschaftliche Probleme erörtert und verhandelt werden. Dass es sich hier um fiktionale Formen handelt, die eben keinen Anspruch erheben, unmittelbar identifizierbare Personen darzustellen, erlaubt es, Sachverhalte und Verhaltensweisen anzusprechen, die im dokumentarischen Bereich so nicht möglich wären und sich nicht in gleicher Weise idealtypisch zuspitzen ließen. In komprimierter und gleichzeitig überdeutlicher Form führen die Serienfiguren die Probleme vor, die im gesellschaftlichen Leben virulent sind. Aufgrund ihrer Überspitzung lassen sich die hier angesprochenen Konflikte und Lösungen besonders gut diskutieren. An ihnen entzünden sich Streitgespräche der Zuschauer, die wiederum zur Festigung von Maßstäben und zur Neuorientierung von Handlungsmaximen im realen Leben dienen können.

Genres im Fernsehen - Stabilisierungssysteme der Gesellschaft



Mit der "Lindenstraße" und dem "Tatort" sind zwei zentrale Fernsehgenres angesprochen: Die Familiengeschichte und die Kriminalgeschichte. Beide Genres hat es bereits in der Massenunterhaltung seit dem 19. Jahrhundert in vielen Medien, vom Kolportageheft bis zum Theater, vielfach gegeben, aber erst im Fernsehen haben sie ihre wirkliche Bedeutung erlangt. Beide stehen in einem eigentümlichen Spannungsfeld: Die Familiengeschichte zeigt die Innenseite, das Private, und wirkt von hier aus nach außen. Die Kriminalgeschichte zeigt die Bedrohungen der Einzelnen durch die Außenwelt und wirkt von hier aus nach innen. Deshalb ist die Familiengeschichte - bei allen Störungen und Gefährdungen, die die Familie erfährt - immer ein Ort der erhofften oder versprochenen Harmonie, des friedvollen Miteinanders, während die Kriminalgeschichte den Konflikt der Individuen mit den Normen und Institutionen der Gesellschaft zum Thema hat.

Das Fernsehen kann von diesen Verschränkungen von Innenwelt und Außenwelt in vielfacher Variation wieder und wieder erzählen, weil es als Medium selbst die Verbindung von Innerem und Äußerem zum eigenen Thema gemacht hat. Als Öffentlichkeit schaffende Institution ist das Fernsehen in der privaten Welt seiner Zuschauer verankert, verbindet somit Innen- und Außensphäre aufs Engste und variiert diese Verbindung in zahlreichen Programmformaten.

"Das Erste", wie das Gemeinschaftsprogramm der ARD genannt wird, ist letztlich die Mutter der deutschen Fernsehprogramme (sieht man einmal von den mühseligen Programmversuchen vor 1945 ab). Es hat im deutschen Fernsehen die Familiengeschichte und die Kriminalgeschichte als Fernsehgenres in Gang gesetzt, an ihm haben sich letztlich auch die meisten nachfolgenden und erfolgreichen deutschen Produktionen in diesen Genres ausgerichtet.

Welt der Familien - die "Lindenstraße"



Die "Lindenstraße" hat prominente Vorgänger: Von 1954 bis 1960 produzierte der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR), ab 1956 der Norddeutsche Rundfunk (NDR), die für damalige Verhältnisse "endlos" erscheinende Serie "Unsere Nachbarn heute Abend - die Schölermanns". Alltagsszenen wurden von Darstellern gespielt, deren Namen den Zuschauern anfangs unbekannt waren, wodurch der Realitätseindruck der Szenen noch erhöht wurde. Lotte Rausch als Mutter und Willy Krüger als Vater wurden frühe Institutionen, Charles Brauer, später "Tatort"-Kommissar, spielte Sohn Heinz. Zahlreiche weitere ARD-Familien folgten, von den "Hesselbachs" (1960-1967) über "Die Unverbesserlichen" (1965-1971) bis zur "Lindenstraße", die ab Dezember 1985 (bis Mitte Mai 2010 in 1275 Folgen) als erste weekly soap - ähnlich den "Schölermanns" - auf "Endlosigkeit" hin angelegt wurde.

Die "Lindenstraße" war eine Reaktion auf die amerikanischen Importe von "Dallas" und "Denver Clan" und etablierte - in Anlehnung an amerikanische Formate - eine neue, personenstarke Großerzählung von der bundesdeutschen Gesellschaft. Zwar wurde diese in Staffeln produziert, aber mit offenem Ausgang, so wie auch das Leben letztlich nur selten fein abgestimmte, auf Höhepunkte und Pointen ausgerichtete Dramaturgien kennt.

Diese Familiengeschichten der "Lindenstraße" bilden in toto eine Art von "Innenseite der Gesellschaft", in ihnen wird Gesellschaft in der Form von Beziehungsproblemen zur Anschauung gebracht. Das Serienpersonal erhebt den Anspruch, einen Querschnitt der Gesellschaft abzubilden. Nicht nur sind alle Altersgruppen vertreten, Tod und Geburt von Serienfiguren stehen für den Wandel, auch die sozialen Schichten werden ebenso wie Randgruppen und Minderheiten repräsentiert. Zwar gibt es - Identifikation stiftend - einige Kernfamilien vor allem um Helga und Hans Beimer (gespielt von Marie-Luise Marjan und Joachim Hermann Luger), Gaby und Andy Zenker (Andrea Spatzek und Jo Bolling), um Momo (Moritz Zielke), Klaus Beimer (Moritz A. Sachs) und andere, doch es ist vor allem die große Gruppe sonstiger Darsteller, die durch ihre Vielfältigkeit Alltagsnähe suggeriert. Ungefähr fünfzig Schauspieler gelten als Hauptdarsteller, immer wieder kann es deshalb zu neuen Konstellationen kommen, neue Figuren tauchen auf, andere verschwinden für einige Zeit oder für immer.

"Realitätsnähe" wird hier zum Markenzeichen, wobei diese "Realität", ihrerseits schon im Vorfeld publizistisch konturiert ist, weil sie in Zeitungen, Zeitschriften und in den Informations- und Ratgebersendungen der Medien selbst bereits erörtert wurde. Schnelle Erkennbarkeit ist das Prinzip. Krankheiten in der "Lindenstraße" sind die gerade in der aktuellen öffentlichen Diskussion stehenden Krankheiten: "Benno hat Aids" wurde zu einem Slogan, der Ende der 1980er Jahre weit über die Sendung hinaus zum Schlagwort wurde. HIV-Infektion und Aids-Tod waren schon vorher Thema der öffentlichen Debatte gewesen, aber die "Lindenstraße" popularisierte das Thema und machte es für breite Schichten der Bevölkerung diskutierbar. Letztlich betrieb die "Lindenstraße" hier Aufklärungsarbeit im sozialen Rahmen.

Später waren es dann die Alzheimer-Krankheit (bei der Serienfigur Hubert Koch), Behinderungen (wie die spastische Lähmung von Christoph Bogner und das Down-Syndrom beim Sohn Martin von Anna Ziegler und Hans Beimer) oder dann 2009 die Herzkrankheit von Erich Schiller. Es ist dabei ein Kennzeichen der Serie, dass die Krankheiten explizit benannt, die Diagnosen diskutiert und die Folgen angesprochen und gezeigt werden. Damit werden die Probleme konkret erkennbar und lassen sich von den Zuschauern mit Problemen im eigenen Leben oder im Leben von Freunden und Verwandten direkt in Beziehung setzen.

Ähnlich ist dies bei zahlreichen anderen in der Serie erörterten Problemen wie Ehekrisen, Fragen der Pubertätsbewältigung, schwierige Schwangerschaften, Kindesmisshandlungen, Potenzstörungen, gleichgeschlechtlichen Beziehungen, Konflikten im Zusammenhang mit Coming-out-Ereignissen, Essstörungen, extremistischen Neigungen, Drogenabhängigkeit usw. Kein Problem des realen Lebens ist den "Lindenstraßen"-Figuren fremd. Typisch für die "Lindenstraße" ist dabei, dass diese Themen nicht nur punktuell ein Mal erörtert werden, sondern über mehrere Folgen hinweg aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder angesprochen werden. Für das Publikum sind damit längerfristige Auseinandersetzungen mit ihnen möglich.

Da die Dramaturgie auf kurze Episoden in jeweils drei Handlungssträngen mit etwa zwanzig Episoden pro Folge aufgebaut ist, können auch andere gesellschaftliche Themen angespielt werden. Pointierte Behandlungen sind vorherrschend. Arbeitssuche ist bei mehreren Personen fortgesetztes Thema gewesen; Ausbildungsfragen, fehlende Berufschancen und Behinderungen im eigenen Fortkommen bestimmen vielfach das Handeln der jüngeren Figuren; Verschuldungen bei Kredithaien, Probleme mit dem Wohnen und die Veränderung von Lebensweisen werden immer wieder gezeigt; vegetarische Ernährung, der Kampf gegen artfremde Tierhaltung, alternative Energiegewinnung, die Auseinandersetzung mit Doping beim Sport, das Problem der Wehrdienstverweigerung, die Belastungen beim Zivildienst, die Situation junger Soldaten, Fremdenhass und Rechtsradikalismus sind wiederholt zur Sprache gekommen; auch militanter Islamismus wurde gezeigt.

Immer ist bestimmend, dass diese Themen schon im öffentlichen Gespräch sind und dass sie in der Serie in den menschlichen Beziehungen eingebettet sind. Sie werden nicht allgemein oder journalistisch aufbereitet angesprochen, sondern sie drängen sich in die Welt der Familien und der Lebensbeziehungen hinein, fordern damit die anderen Figuren heraus, sich zu ihnen zu verhalten und Meinungen zu entwickeln. Auf indirekte Weise betreibt die "Lindenstraße" damit auch eine Art verdeckter Spezialpädagogik. Letztlich steckt hinter der Geschichte oft die untergründige Moral: Man muss über alles sprechen, dann wird alles gut.

Dass die "Lindenstraße" ein gesellschaftliches Spiegelbild sein will, wird von Fans und Kritikern auch darin gesehen, dass bei bestimmten vorhersehbaren gesellschaftlichen Ereignissen die Figuren auch direkt zu den realen Ereignissen Stellung nehmen. Hier wird gelegentlich eine sehr enge Verknüpfung von realen Geschehnissen und Seriengeschichten hergestellt. Prominentestes Beispiel dafür sind die Bundestagswahlen, bei denen oft direkte Einspielungen eingebaut werden und die Figuren diese kommentieren, wobei oft mehrere Versionen der Sequenz vorproduziert wurden. Direkte Verknüpfungen bestehen auch, wenn zum Beispiel die Serienfiguren Hajo Scholz (Knut Hinz) und Andy Zenker (Jo Bolling) in der "Lindenstraße" für "Strom ohne Atom" werben und darüber hinaus in der Wirklichkeit außerhalb des Fernsehens eine Homepage besteht, auf der direkt für einen Stromanbieterwechsel geworben wird.

Die "Lindenstraße" will nicht nur Gesellschaft abbilden, sondern sie zumindest in einigen Dingen auch beeinflussen und verändern. Dies führt oft zu erregten öffentlichen Debatten, von den Serienmachern nicht ganz ungewollt, aber in ihrer konkreten Erscheinung nicht immer vorausgesehen. Etwa als die "Lindenstraßen"-Figur Chris Barnsteg (Stefanie Mühle) 1988 den damaligen CSU-Staatssekretär Peter Gauweiler als "Faschisten" bezeichnete, weil dieser eine Ghettoisierung Aids-Kranker gefordert hatte. Gauweiler reagierte mit einer Verleumdungsklage.

So offensichtlich bei solchen Verknüpfungen der Bezug zur Wirklichkeit ist, wichtiger ist die Beschäftigung mit den längerfristigen Themen und Debatten der Gesellschaft, weil hier unterschiedliche Perspektiven und Reaktionsweisen vorgeführt werden können. Damit gelingt es stärker, Positionsvielfalt sichtbar zu machen und die Zuschauer anzuregen, selbst zu einer eigenen Haltung zu finden.

Die Bezüge zu der gesellschaftlichen Realität der Bundesrepublik sind in der "Lindenstraße" so plakativ, dass man sich fragen kann, ob dies nicht doch letztlich immer eine Medienwirklichkeit ist, auf die hier Bezug genommen wird. Denn die Form der kurzen Handlungseinheiten, in denen sich hier Geschichten entwickeln, lässt tiefer gehende Überlegungen nicht wirklich zu. Irritierende Fremdheiten, unerwartete Situationen, längere Beobachtungen sind in der Dramaturgie nicht möglich, alles muss rasch auf eine Pointe, eine Zuspitzung hinauslaufen.

Regionalität der Verbrechen - "Tatort"



Die zweite große Form, in der sich Gesellschaft im deutschen Fernsehen darstellt, ist der "Tatort". Hier wird Gesellschaft als Konfliktfall zwischen den Individuen und den Normen der Gesellschaft vorgeführt. Das Schema ist in allen Folgen weitgehend gleich, wie bei fast allen Fernsehkrimis: Am Anfang steht ein Verbrechen, zumeist ein Mordfall ("Tatort"-Regel: Der Mord muss innerhalb der ersten zehn Minuten geschehen), weil dieser die Normverletzung schlechthin darstellt. Dieses Verbrechen fordert das Eingreifen der für Ordnung und Sicherheit sorgenden Institutionen heraus. Die Akteure der Aufklärung, der Detektion, kommen dem Täter auf die Spur und stellen ihn, so dass die am Anfang gestörte Ordnung am Ende wieder hergestellt wird.

Auch der "Tatort" hat eine Vorgeschichte. Nach der lang laufenden Präventionsserie "Der Polizeibericht" vom NWDR entwickelten der Drehbuchautor Wolfgang Menge und der Regisseur Jürgen Roland daraus 1958 die Serie "Stahlnetz" (1958-1968), von der Struktur her ähnlich dem "Tatort": wechselnde Kommissare an wechselnden Handlungsorten, immer aber in der Bundesrepublik, an Orten, die der Zuschauer kennen konnte und die er dann auch wiedererkannte. Von "Stahlnetz" wurden 22 Folgen produziert. Die Verankerung der Fälle im Hier und Jetzt Deutschlands war neu, die zuvor gezeigten Krimi-Mehrteiler, zumeist von Francis Durbridge, spielten immer in England, obwohl sie in Deutschland und mit deutschen Schauspielern produziert wurden.

Zwei Jahre nach dem Ende von "Stahlnetz" entstand die "Tatort"-Reihe. Angeblich soll Gunter Witte, Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR), mehrere als Einzelsendungen produzierte Kriminalfilme - als Antwort auf die erfolgreiche ZDF-Serie "Der Kommissar" - unter dem Reihentitel "Tatort" und mit einem gemeinsamen Vorspann zusammengebunden haben. Bis Ende April 2010 wurden 762 Folgen produziert und mehrfach (im Ersten wie in allen Dritten Programmen) ausgestrahlt.

Der "Tatort" ist inzwischen zur langlebigsten und erfolgreichsten deutschen Krimiserie geworden. Sie hat den Föderalismus der ARD (und auch der Bundesrepublik) zum eigenen Strukturprinzip erhoben: Von den einzelnen ARD-Anstalten werden mit jeweils eigenen Kommissaren und an Handlungsorten der jeweiligen Bundesländer Kriminalgeschichten produziert, die dann gemeinsam auf dem Sonntagabend-Serienplatz gezeigt werden (in der Anfangszeit nur einmal im Monat). Regionalität und ein hoher Aufwand an Inszenierungsleistungen (jede Folge hat Spielfilmlänge) unterstreichen den Anspruch, bundesweit von der Wirklichkeit der Bundesrepublik im Genre des Krimis zu erzählen.

Von Folge zu Folge sorgen wechselnde Regisseure und Autoren für unterschiedliche Handschriften - ein deutliches Gegenkonzept etwa zum ZDF-"Kommissar", dessen Drehbücher alle der Krimi-Routinier Herbert Reinecker verfasste und die alle in München spielten. Diese Vielfältigkeit der Kommissare, der Orte, des Geschehens beugt dem Verschleiß der Serie vor, so dass der "Tatort" seine Konkurrenten (zum Beispiel den "Kommissar") um ein Vielfaches überlebt hat. In der Vielfalt der Regionen liegt das Erfolgskonzept, und der "Tatort"-Verantwortliche beim Südwestrundfunk (SWR), Manfred Hattendorf, stellte kürzlich fest: "Der ,Tatort' will nach wie vor regional bleiben."[2]

Programmatisch war schon die erste Folge ("Taxi nach Leipzig"), die am 29. November 1970 ausgestrahlt wurde: eine Geschichte mit dem sich proletarisch gebenden Kommissar Trimmel (Walter Richter), der ein Ost-West-Verbrechen, Kindestausch und Tod eines kranken Jungen, aufklärte. Die Ermittlung spielte über die innerdeutsche Grenze hinweg, brachte damit die deutsch-deutsche Wirklichkeit in die Geschichte ein. Programmatisch war auch der Schluss der Folge, bei dem der Täter zwar gestellt wird, Trimmel aber auf Strafverfolgung verzichtet, weil der Täter genug am Tod seines eigenen Sohns zu tragen hat. Das traditionelle Whodunnit des Krimis wurde bereits in der ersten Folge abgewandelt und damit der Realitätseindruck der Darstellung zusätzlich erhöht.

Auch die Handlungsorte stehen mit ihren regionalen Bezügen und ihren lokalen Erkennbarkeiten für die bundesdeutsche Gesellschaft. Zwar war auch das Österreichische Fernsehen (ORF) bis 2001 mit 13 Folgen beteiligt und will ab Herbst 2010 auch wieder neue Folgen produzieren, doch der Gesamteindruck ist, dass hauptsächlich die Regionen Deutschlands das Bild des "Tatort" bestimmen.

Dabei werden nicht nur Großstädte wie Hamburg, München, Köln oder Berlin, sondern auch ländliche Regionen zu Handlungsorten. Legendär sind etwa die frühen "Tatort"-Folgen mit dem Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf), die in Schleswig-Holstein spielten. Dem "Tatort" ist es immer wieder gelungen, Ortsspezifik mit prägnanten Ermittlerfiguren zu kombinieren: den Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) mit Essen, Bienzle (Dietz-Werner Steck) mit Stuttgart, dann auch Ermittlerpaare wie Schimanski/Thanner (Götz George/Eberhard Feik) mit Duisburg, Brockmöller/Stoever (Charles Brauer/Manfred Krug) mit Hamburg, Ehrlicher/Kain (Peter Sodann/Bernd Michael Lade) mit Leipzig, Odenthal/Kopper (Ulrike Folkerts/Andreas Hoppe) mit Ludwigshafen oder Ballauf/Schenk (Klaus J. Behrendt/Dietmar Bär) mit Köln, um nur einige zu nennen.

Gesellschaftskritische Sujets haben den "Tatort" von Beginn an bestimmt. Die Trimmel-"Tatorte" des NDR der ersten Jahre beispielsweise beschäftigen sich mit palästinensischen Attentaten und Flugzeugentführungen, mit Organhandel per Computer, Bundesligaskandalen, illegaler Giftentsorgung und anderem mehr, und oft folgen diese Filme den realen Skandalen (so etwa der Krimi "Platzverweis für Trimmel", der 1973 dem realen Bundesligaskandal von 1970/71 folgte) und gewinnen so noch eine zusätzliche Verstärkung ihres Realitätsbezugs.

Die Kriminalgeschichten spielen sowohl in Wirtschafts- und Finanzmilieus und eleganten Bankiersvillen als auch in Kleinkriminellenmilieus und Hinterhöfen. Sie steigen in Migrationswelten ein und erkunden Arbeiter- und Unterschichtenverhältnisse ebenso wie zerrüttete Familiengeschichten hinter bürgerlichen Fassaden. Deutlicher als Kriminalserien zuvor wird die bundesdeutsche Gesellschaft als eine Gesellschaft unterschiedlicher Schichten und Klassen dargestellt, und häufig kommt es zu Konflikten zwischen den Vertretern der verschiedenen Schichten. Oft steigt der Zuschauer mit den Kommissaren - und zunehmend auch den Kommissarinnen - in die auch diesen bis dahin wenig vertrauten Milieus, lernt diese als soziale Wirklichkeiten kennen und kann sich auf diese Weise ein Bild von der sozialen Gestalt der Bundesrepublik machen.

Dass die "Tatorte" die bundesdeutsche Realität abbilden, ist seit den 1970er Jahren Konsens unter den Zuschauern und Kritikern, auch wenn sich die Filme selbst in der fast vierzigjährigen Laufzeit der Reihe verändert haben. Wiederholt hat es öffentliche Erregung darüber gegeben, dass sich einzelne Personengruppen durch die - letztlich immer fiktionale Darstellung - diskriminiert fühlten, seien es Zahnärzte oder Polizisten oder andere gesellschaftliche Gruppen. Die Fiktion wird hier als dokumentarische Darstellung verstanden - ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr die Kriminalfilme des "Tatort" als Abbild der Gesellschaft und ihrer Teile gesehen werden.

Die großen aktuellen Konflikte der 1970er Jahre, wie Giftmüll-, Psychiatrie- und Bundesligaskandale, sind anderen Konflikten im Bereich der Wirtschaftskriminalität oder auch lokalen Auseinandersetzungen im Jugendbereich gewichen, die oft in neuer Weise für allgemeine gesellschaftliche Kontroversen stehen. Dabei wird oft mit den Vorurteilen der Zuschauer über bestimmte Milieus gespielt: Die Täter sind zumeist doch ganz woanders zu suchen als es zunächst den Anschein hat.

Der gesellschaftliche Wandel lässt sich besonders gut an den Ermittlerfiguren und ihren Veränderungen erkennen. Sie stehen auch für die gesellschaftlich zulässigen Geschlechterrollen, demonstrieren deren Bewertungswandel. Nicht nur sind mit den Kommissarinnen Buchmüller (Nicole Heesters), Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) zunehmend auch Frauen als Ermittlerinnen tätig - und zeigen auch ganz anderen Vorgehensweisen als die patriarchalen Ermittler der Anfangszeit -, es wurden auch verstärkt Ermittlerpaare eingesetzt, so dass hier unterschiedliche Charaktereigenschaften miteinander und gegeneinander eingesetzt werden können. Das geht bis zu parodistischen Formen wie bei dem Münsteraner Ermittlerpaar des Kommissars Frank Thiel und des Rechtsmediziners Jan Friedrich Boerne (Axel Prahl und Jan Josef Liefers), die fast schon den Fokus des Krimis von den Tätern auf die Ermittler verlegen. Gleichviel - die Serienprotagonisten werden dadurch menschlicher, lebensnäher, und es ist deshalb kein Zufall, dass sie nun gelegentlich auch selbst ins Fadenkreuz der Ermittlung geraten (so geschehen bei Ballauf in "Klassentreffen", 2010). Der klassische Polizeikrimi wird hier zum Thriller.

Institutionen der Gesellschaftsbilder



"Über viele Jahre hinweg werden beim ,Tatort' kontinuierlich Höchstleistungen erbracht" stellte der "Tatort"-Koordinator Gebhard Henke in einem Interview fest[3] und begründete damit nebenbei, dass gerade die Kontinuität in Verbindung mit dem Variationsreichtum der Folgen den "Tatort" zu einer Institution der gesellschaftlichen Selbstdarstellung gemacht hat. Der "Tatort" wie auch die "Lindenstraße" liefern permanent verlässliche Bilder von der bundesdeutschen Gesellschaft, die inzwischen längst ihre Standards haben und damit Maßstäbe für andere geschaffen haben - Bilder, die fiktional aufbereitet, zugespitzt, überhöht sind. Gerade deshalb sind sie mehr als nur eine bloße Wiedergabe von Oberflächen. Sie liefern Deutungsmuster, wie diese bundesdeutsche Wirklichkeit zu verstehen ist, was im Hintergrund passiert - oder doch zumindest passieren kann.

Die lange Präsenz macht beide Serien zu dominanten Bildagenturen der bundesdeutschen Wirklichkeit, und wir lernen aus ihrem Material auf vielfältige Weise: in der "Lindenstraße", wie unterschiedlich und variationsreich die Beziehungsverhältnisse längst geworden sind - und dass wir sie zu tolerieren haben, weil es die Norm, wie Beziehungen zu sein haben, nicht mehr gibt. Im "Tatort", dass wir dem schönen Oberflächenschein zu misstrauen haben, dass den Verhältnissen in der Wirklichkeit kritisch zu begegnen ist. Die Krimis etablieren eine "Verdachtskultur", die der Demokratie und einem gesunden Misstrauen gegenüber den Entscheidungen der Mächtigen nur zugutekommt. Im "Tatort" erkennen wir die Realität der Bundesrepublik wieder, wie sie ist, wie sie sein könnte und vor allem, wie disparat und vielfältig sie sich entwickelt.

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Fußnoten

1.
Horace M. Newcomb/Paul Hirsch, Fernsehen als kulturelles Forum. Neue Perspektiven für die Medienforschung, in: Rundfunk und Fernsehen, 34 (1986), S. 177-190.
2.
Dieter Oßwald, Interview mit Manfred Hattendorf, Januar 2009, online: www.tatort-fundus.de/web/zeugen/ard-verantwortliche/hattendorf-20090304.html (19.4.2010).
3.
Zit. nach: Eric Leimann, Interview mit Gebhard Henke, April 2008, online: www.tatort-fundus.de/web/zeugen/ard-verantwortliche/henke-gebhard-tatort-koordinator.html (19.4.2010).

 
Öffentlich-rechtlicher RundfunkAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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