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3.5.2010 | Von:
Kathrin Voss

Grassrootscampaigning und Chancen durch neue Medien

Neue Medien, neue Akteure

Doch das Internet hat Grassrootscampaigning nicht nur für die traditionellen Organisationen vereinfacht und kostengünstiger gemacht. Es hat auch neuen Akteuren, Einzelpersonen und Organisationen, ermöglicht, mit verhältnismäßig geringem Aufwand eigene Kampagnen zu starten. Eine der bekanntesten neueren Grassrootsorganisationen, die in ihren Aktivitäten maßgeblich auf das Internet setzt, entstand beispielsweise aus dem Engagement zweier Einzelpersonen: MoveOn.org.[10] Auslöser war das Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Bill Clinton 1998. Dagegen stellte das Unternehmerehepaar Joan Blades und Wes Boyd eine Seite mit einer Online-Petition ins Netz. Innerhalb kürzester Zeit konnten sie nicht nur über 100000 Unterschriften, sondern auch noch eine erhebliche Spendensumme sammeln. Dieser Erfolg veranlasste die Gründer weiterzumachen. Heute mobilisiert MoveOn.org über das Internet immer wieder zahlreiche Menschen zu den unterschiedlichsten Themen. Dabei verfügt die über Spenden finanzierte Organisation nur über einen kleinen Mitarbeiterstab und verzichtet auf traditionelle Mitgliedschaften. Nach eigenen Angaben erreicht MoveOn.org mit seinen "Action Alerts" genannten Mitmachaufrufen über fünf Millionen Menschen, die ihre E-Mail-Adresse auf der Internetseite eingetragen haben. Anders als viele traditionelle NGOs nutzt MoveOn.org das Internet aber nicht nur, um Menschen zu informieren und zu mobilisieren. Über Diskussionsforen wird auch die Agenda der Organisation von den registrierten Nutzern mitbestimmt.

Die Grundidee von MoveOn.org wurde inzwischen in anderen Ländern übernommen. In Deutschland wurde 2004 mit Campact eine Organisation gegründet, die sich ebenfalls auf onlinebasierte Kampagnen spezialisiert hat.[11] Ähnlich wie das amerikanische Vorbild betreibt Campact Kampagnen zu einer großen Bandbreite von Themen und ruft Bürger unter anderem zu Protesten per E-Mail auf. Campact konzentriert sich dabei ausdrücklich auf Themen, die sich bereits im Gesetzgebungsprozess befinden, kurz vor der Abstimmung im Bundestag stehen oder zu denen Entscheidungen in der EU anstehen.

MoveOn.org und Campact sind zwei Beispiele für die neue Art von Hybrid-Organisationen, bei deren Entwicklung das Internet von zentraler Bedeutung ist. Hybrid-Organisationen kombinieren Mobilisierungselemente, die typisch für soziale Bewegungen sind, mit klassischen Instrumentarien von Interessengruppen und Verbänden. Sie zeichnen sich durch eine große Flexibilität aus, sowohl organisatorisch als auch im Repertoire der genutzten Strategien.[12]

Neben diesen neuen Organisationen gibt es aber auch noch Akteure, die weitgehend ohne Eigeninteresse lediglich Netzkapazitäten für Grassrootskampagnen zur Verfügung stellen. Foren wie petitiononline.com, thepetitionsite.com oder auch protestmail.de sind in erster Linie Plattformen, die es jedem ermöglichen, über das Internet nach Mitstreitern zu suchen. Ähnliche Angebote gibt es inzwischen auch von etablierten Akteuren. Seit 2009 betreibt Greenpeace in Deutschland eine eigene Online-Community mit dem Titel "GreenAction",[13] wo jeder eine eigene Kampagne einstellen und für Unterstützung werben kann. Entsprechend finden sich dort neben den Greenpeace-Kampagnen auch Aktionen von Privatpersonen und Bürgerinitiativen. Eine ähnliche Plattform bietet ebenfalls seit 2009 "Die Tageszeitung" (taz) an. Unter bewegung.taz.de können sowohl Einzelpersonen als auch Organisationen Kampagnen zu den verschiedensten Themen einstellen und auf diesem Weg versuchen, Menschen zu mobilisieren.[14]

Diese Beispiele zeigen, wie das Internet mit seinen Vernetzungsmöglichkeiten neue Akteure hervorbringt und traditionelle Interessenvertreter veranlasst werden, neue Wege einzuschlagen. Darüber hinaus profitieren auch punktuell agierende Akteure wie Bürgerinitiativen von den Möglichkeiten des Internets: kaum ein Bürger- oder Volksentscheid, der nicht vorübergehend Gruppierungen hervorbringt, die neben den klassischen Mitteln wie Informationsstände oder Unterschriftensammlungen auf der Straße auch über das Internet Unterstützer zu mobilisieren versuchen.

Fußnoten

10.
Vgl. www.moveon.org (5.3.2010).
11.
Vgl. www.campact.de (5.3.2010).
12.
Zum Begriff der Hybrid-Organisationen vgl. Andrew Chadwick, Digital Network Repertoires and Organizational Hybridity, in: Political Communication, 24 (2007) 3, S. 283-301.
13.
Vgl. http://beta.greenaction.de (5.3.2010).
14.
Vgl. http://bewegung.taz.de (5.3.2010).