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3.5.2010 | Von:
Kathrin Voss

Grassrootscampaigning und Chancen durch neue Medien

Künstliche Graswurzeln

Doch nicht nur zivilgesellschaftliche Akteure nutzen die Möglichkeiten des Grassrootscampaigning im Internet. Auch Unternehmen und Wirtschaftsverbände haben inzwischen Versuche gestartet, sich diesen Weg der Mobilisierung zu Nutze zu machen. Doch während das Mittel des Grassrootscampaigning bei zivilgesellschaftlichen Gruppierungen eine gewisse Tradition aufweist und daher auch ein anerkanntes Mittel ist, werden ähnliche Aktionen von Unternehmen eher misstrauisch betrachtet, zumal es immer wieder vorkommt, dass die Initiatoren sich nicht offen zu erkennen geben. "Astroturfing" wurde dieses Phänomen getauft, benannt nach dem künstlichen Rasen der Marke Astroturf. Im Zusammenhang mit Grassrootscampaigning bezeichnet Astroturfing den Versuch, durch eine Art künstliche Bürgerbewegung, also künstliche Graswurzeln, den eigenen Forderungen die Legitimität einer breiten Bewegung zu verleihen.[15] Astroturfing gab es schon früher, aber das Internet hat diese Art des verdeckten Campaigning deutlich vereinfacht. Allerdings mussten sich die meisten dieser Versuche aufgrund mangelnder Transparenz mit negativer Medienberichterstattung und zum Teil auch mit Gegenaktionen von NGOs auseinandersetzen.

Eines der bekanntesten Beispiele für Astroturfing ist die "Campaign for Creativity" (C4C), eine Kampagne, die 2005 für die Patentierbarkeit von Software auf europäischer Ebene kämpfte. Ins Netz gestellt von einem britischen PR-Manager, warb die Kampagnenseite damit, die Interessen von Künstlern, Designern und Softwareentwicklern zu vertreten.[16] Sie enthielt auch eine Reihe von Grassrootselementen: So wurden die Besucher unter anderem aufgefordert, vorformulierte E-Mails an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments zu schicken. In die Kritik geriet die "Campaign for Creativity" vor allem, weil die Rolle der großen Softwarefirmen Microsoft und SAP nicht klar ersichtlich war und der Initiator den Einfluss der Firmen auf die Kampagne nicht offenlegen wollte. Am Ende bekam die Kampagne den "Worst EU Lobbying Award", und die Seite wurde wenig später aus dem Netz genommen.

Auch in Deutschland haben eine Reihe von Unternehmen und Verbänden sich im verdeckten Grassrootslobbying versucht, sei es die Atomlobby mit ihrem Verein "Bürger für Technik" oder die Straßenbauindustrie mit der "Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung". In die Rubrik Astroturfing fallen auch einzelne Kampagnen der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM), eine maßgeblich von der Arbeitgebervereinigung Gesamtmetall finanzierte Organisation. 2007 startete die INSM beispielsweise die Webseite unicheck.de, ohne die Urheberschaft deutlich zu machen. Mit einer Mail - Absender war eine Einzelperson - wurden Studierendenvertretungen aufgefordert, bei den Studierenden Werbung für das Portal zu machen, bei dem Universitäten danach bewertet werden sollten, wie gut oder schlecht sie die Studiengebühren verwenden. Dabei wurde unicheck.de als eine Webseite "von Studenten für Studenten" beschrieben und gleichzeitig die Einführung von Studiengebühren als positive Mitbestimmungsmöglichkeit für Studierende dargestellt.

Einmal aufgedeckt, ernten solche Aktionen fast durchweg ein negatives Presseecho. Den Medien kommt eine wichtige Kontrollfunktion zu, wenn es darum geht, vorgetäuschte Grassrootskampagnen offenzulegen. Die genannten negativen Beispiele zeigen, dass Grassrootscampaigning für Unternehmen und Wirtschaftsverbände nur funktionieren kann, wenn von Anfang an mit offenen Karten gespielt wird. Nur wenn die Quelle und Financiers von Kommunikationsaktivitäten transparent sind, ist die Legitimität des Grassrootslobbying gegeben.

Fußnoten

15.
Vgl. John McNutt/Katherine Boland, Astroturf. Technology and the Future of Community Mobilization: Implications for Nonprofit Theory, in: Journal of Sociology & Social Welfare, 34 (2007) 3, S. 165ff.
16.
Die Originalwebsite ist nicht mehr online. Eine Kopie findet sich unter: http://web.archive.org/web/
20050310052552/campaignforcreativity.org/
camp4creativity/index.htm (5.3.2010).