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20.4.2010 | Von:
Christine Hannemann

Heimischsein, Übernachten und Residieren - wie das Wohnen die Stadt verändert

Individualisierung und Wohnen

Die Ursachen hierfür sind vielfältig und betreffen zunächst den gesellschaftlichen Wertewandel, der in den späten 1960er Jahren einsetzte. Zur Kennzeichnung dieses Prozesses ist hierfür durch die Soziologie der wissenschaftliche Begriff der Individualisierung geprägt worden. Er bezeichnet einen mit der Industrialisierung und Modernisierung der westlichen Gesellschaften einhergehenden Prozess des Übergangs des Individuums von der Fremd- zur Selbstbestimmung. In der gegenwärtigen postmodernen Gesellschaft prägt eine qualitativ neue Radikalisierung diesen Prozess. Gesellschaftliche Grundmuster wie die klassische Kernfamilie zerfallen. Der zunehmende Zwang zur reflexiven Lebensführung bewirkt die Pluralisierung von Lebensstilen und Identitäts- und Sinnfindung werden zur individuellen Leistung. Für das Wohnen ist dabei vor allem die Singularisierung relevant, als freiwillige oder unfreiwillige Form des Alleinwohnens und der Schrumpfung der Haushaltsgrößen. Gerade die mit dem Alleinwohnen verbundenen Verhaltensweisen und Bedürfnisse verändern die Infrastruktur in den Innenstädten: Außerhäusliche Einrichtungen wie Cafés und Imbissmöglichkeiten bestimmen zunehmend die öffentlich sichtbare Infrastruktur in den Stadtteilen. Dies gilt gleichermaßen für Angebote von Dienstleistungen aller Art.

Hinsichtlich dieses Trends sind gerade aus den Medien quantitative Alarmierungen nach dem Motto "Die Gesellschaft vereinsamt - immer mehr Singles in den Großstädten" bekannt. So präsentiert eine aktuelle Studie eines Wirtschaftsberatungsunternehmens die Erkenntnis, dass der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland weiter wachse. Laut dieser Studie wohnen 38 Prozent der Deutschen allein. Berlin ist mit einem Anteil von 52 Prozent "Singlehauptstadt".[1] Allerdings, und darauf verweist zurecht die Webseite "No Titel ", die sich mit Akteuren, Positionen und Abgrenzungspolitiken gegenüber der Singles beschäftigt, sind solche Aussagen nur bedingt aussagekräftig: Da das Statistische Bundesamt nicht die Haushaltsstrukturstatistik mit der Bevölkerungsstruktur verknüpft, ergibt sich ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Lebensverhältnisse in Deutschland. Aus der Haushaltsstatistik resultiert eine Überschätzung des Alleinwohnens.

Auch wenn deshalb über die genaue Zahl der Alleinwohnenden nur spekuliert werden kann, bleibt erstens die Tatsache, dass sich die Anzahl der Personen, die in einem Haushalt zusammenleben, gerade in Städten immer weiter verringert. Jeder zweite Haushalt in deutschen Großstädten ist ein Einpersonenhaushalt, das Statistische Bundesamt nennt dies ausdrücklich ein "Großstadtphänomen". Dies betrifft vor allem Personen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die gleichwohl temporär alleine wohnen. Wie viele Umfragen immer wieder bestätigen, wird dies nicht als eine auf Dauer gestellte Wunschwohnform betrachtet, sondern als Übergangsphase zu Gemeinschafts- oder familiären Wohnformen.

Fußnoten

1.
"Mehr als jeder dritte Deutsche wohnt allein", online: www.gfk-geomarketing.de/fileadmin/newsletter/
pressemitteilung/bvsd_2008.html (6.4..2010).