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20.4.2010 | Von:
Christine Hannemann

Heimischsein, Übernachten und Residieren - wie das Wohnen die Stadt verändert

Integrative Wohnprojekte

Beispielhaft für diesen Wandel des Wohnens in der Stadt sind hier Projekte, die unter den Begriffen Mehrgenerationenwohnen (MGW) und Baugemeinschaften (BG) firmieren. Der Anspruch, MGW zu verwirklichen, wird erst seit einigen Jahren stärker erhoben, obwohl es sich eigentlich um eine alte Wohntradition handelt. Auch die BG (oder auch Baugruppen oder Baugemeinschaft) als private Eigentümergemeinschaft haben sich zunehmend zu einem Erfolgsmodell insbesondere in wohlhabenderen Städten der Bundesrepublik entwickelt. Die Präferenz für einzelnen Modelle oder mögliche Mischformen zwischen ihnen ergibt sich aus den sozialen Milieus des jeweiligen Ortes und aus den ideellen Zielvorstellungen der Projekte. Tendenziell befördern Genossenschaften stärkere soziale Mischungen als rein private Baugruppen. Bei letzteren dominiert, auch durch die Finanzierungsform erzwungen, ein gehobenes Mittelschichtsmilieu. Die Realität von Wohnungsfinanzierung und Wohnungsmarkt drängt vor allen Dingen Besserverdienende zu den privaten BG mit ihrer weitestgehend freien Verfügbarkeit und damit Wertsteigerung des Wohneigentums. Soziale Mischung und Genossenschaftsprinzip hingegen stellen eine Bremse für die Wertsteigerung des Wohnungsbestandes dar. MGW und BG sind getragen von einer Kultur der Selbsthilfe und der Selbsttätigkeit einer gebildeten, über materielles und kulturelles Kapital verfügenden, in der Regel akademisch qualifizierten Mittelschicht.

Allerdings zeigen erste Studien hinsichtlich des MGW, dass gerade die Verbindung von Alten und jungen Familien mit Kindern ein seltener Grenzfall ist. Es dominiert die Generation 50+, die noch Älteren sind schon schwächer vertreten, Junge sind, abgesehen von eigenen Kindern, unterrepräsentiert. Die Vermutung lautet: "Die MGW- Bewegung ist noch ein Generationsprojekt der älter werdenden mittleren Generation, genauer der Babyboomer."[3] Die Wortführer und die Aktiven sind häufig jenseits der Fünfzig, seltener die wenigen Jungen. In der Aktivenkultur besteht darüber hinaus eine beträchtliche Professionalität. Häufig sind die Gründer eines Projekts selbst Architekten oder, wie in dem sehr großen Projekt "Beginenwerk e.V." in Berlin-Kreuzberg, als Sozialplaner Mitarbeiter im Kontext der Entwicklung des Konzepts der "behutsamen Stadterneuerung" in den 1980er Jahren.[4]

Das Konzept der BG[5] hingegen ist häufig eine Initiative von jungen Familien. Ältere sind zwar integriert, jedoch eher nicht Initiatoren und nicht in einer nennenswerten Anzahl vertreten. Diese Altersspezifik bewirkt eine andere Ausrichtung des Wohnsinns, das zwar auf das städtische, gleichwohl eher kleinstädtische Milieu gerichtet ist: "Berlins dörflichstes Wohnprojekt findet sich in Kreuzberg" analysiert spitzzüngig "Die Tageszeitung".[6] "Haus & Hof" heißt in Berlin eine BG, die durch einen Architekten in Form von fünf dreigeschossigen Reihenhäusern mit Garten und Dachterrasse - sowie einem Doppelhaus realisiert wurde. Das Konzept steht für einen Mix aus dörflichem Wohngefühl und urbaner Umgebung. Die Berliner Stadtpolitik bewirbt dieses Konzept als hoch notwendiges Projekt, um junge Familien in der Stadt zu halten. Garten und Dachterrasse plus Ganztagskinderversorgung, wie auch Kino und Biosupermarkt wohnortnah, das sind die Konturen eines neuen urbanen Lebensstils, der von der Idee - frei nach Karl Kraus - "Urbaner Gemütlichkeit"[7] getragen wird.

Fußnoten

3.
De+ architekten mit Werner Sewing, Mehrgenerationenwohnen in den neuen Bundesländern - Abschlussbericht. Forschungsergebnis und Konzept, H.1/2, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung, Berlin 2009, unveröff., S. 22.
4.
Vgl. ebd.
5.
Eine hervorragende aktuelle Übersicht für Deutschland bieten Stefan Krämer/Gerd Kuhn, Städte und Baugemeinschaften, Stuttgart 2009.
6.
Uwe Rada, Die Stadt im Dorf lassen, in: Die Tageszeitung (taz) vom 27.1.2010.
7.
Frei nach Karl Kraus, der bekanntlich von einer Stadt, in der er leben sollte, Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung und Warmwasserleitung verlangte, da er selbst gemütlich genug sei.