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20.4.2010 | Von:
Christine Hannemann

Heimischsein, Übernachten und Residieren - wie das Wohnen die Stadt verändert

Desintegrative Wohnprojekte

Zielen die MGW und BG-Projekte auf integriertes innerstädtisches Wohnen, fokussieren andere neue Wohnprojekte durch exklusive Lage, Abschottung oder Serviceangebote auf "residentielle Exklusivität". Immer häufiger werden Wohnungen in Wohnlagen konzipiert, die auf die Abgrenzungsinteressen ihrer Nutzer ausgerichtet sind. Das innerstädtische Wohnen als räumliches Medium der Gesellschaft dient zunehmend als symbolische Ressource in alltäglichen Kommunikationspraktiken, als Mittel der Distinktion. Die Adresse symbolisiert den sozialen Status in der Gesellschaft. Eine Vielzahl dieser Projekte befriedigt jedoch nicht nur soziale Statusbedürfnisse sondern auch alltägliche Nutzungsanforderungen. So wirbt beispielsweise die Nymphenburger Höfe Grundstücksgesellschaft mbH & Co. KG in München: "Wohnen in den Nymphenburger Höfen bedeutet ein Stück Münchner Mitte kaufen. Die Maxvorstadt ist eines der derzeit angesagtesten Stadtviertel Münchens. Neben Restaurants, Szene-Bars, Biergärten und Trend-Läden verfügt die Maxvorstadt über eine einmalige Dichte an Museen, Theatern, Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Außerdem haben zahlreiche renommierte Konzerne, Consultingfirmen und Werbeagenturen Ihren Sitz in der Maxvorstadt."[8] Offeriert werden unter anderem "Design-Apartments" die sich als Opernwohnung, Studentendomizil, Zweitwohnung oder gar als Lebensmittelpunkt eignen.

Andere Wohnprojekte gehen noch einen Schritt weiter und greifen auf das Konzept der gated community zurück. Dies ist ein Stichwort, das zumindest in deutschen Großstädten im Kontext des Wandels des Wohnens aufgrund von Individualisierung nicht mehr außer Acht gelassen werden kann. Als Ende der 1980er Jahre die neuen sozialräumlichen Spaltungen der Städte in der Stadtforschung beispielsweise als quartered city (Peter Marcuse) beschrieben wurden, begründete die Disparitätsthese auch den Beginn einer Auseinandersetzung mit nichtöffentlichen und ummauerten Wohnanlagen. Historisch gesehen sind räumlich und baulich abgegrenzte Wohnanlagen zwar in Europa und den USA eigentlich keine neue Erscheinung. Was bislang aber hauptsächlich aus Megastädten der sogenannten Dritten Welt bekannt war oder als neue Form des Wohnens in postsowjetischen Städten galt, existiert auch in deutschen Großstädten, zwar noch in geringem Umfang, ist aber von stadtpolitischer Brisanz. So wurde in Berlin mit den "Prenzlauer Gärten" in hervorragender innerstädtischer Lage eine Neubausiedlung realisiert, die 60 Reihenhäuser umfasst. Ganz in weiß gehalten, ist deren wichtigstes stadträumliches Merkmal ein Tor, das die beiden Kopfbauten am Eingang vom Rest der Stadt trennt und deutlich sichtbar den Wunsch nach "Zutritt nur für Bewohnende" signalisiert.

Auf die Verbesserung von Vermarktungschancen zielen des Weiteren Wohnkonzepte, die zusätzlich zur Wohnstätte auch einen speziellen Service anbieten. Basierend auf dem doorman-Konzept werden den Bewohnern verschiedene Dienstleistungen angeboten. Allerdings lässt sich hier nicht in jedem Fall ein Trend der Nobilitierung des städtischen Wohnens konstatieren, sondern ist Ergebnis davon, dass sich der Prozess der Individualisierung mit dem der Subjektivierung von Arbeitszeiten und -formen verknüpft. Die Erosion der Normalarbeitsverhältnisse ist zum einen immer häufiger mit Prekarität, also mit temporärem und finanziell ungewissem Charakter verbunden, aber zum anderen auch mit Zeitsouveränität durch flexible Arbeitszeiten. Dabei entstehen individuelle Möglichkeiten zur Gestaltung der persönlichen Lebensbereiche. Arbeiten und Wohnen überlagern sich, die tradierte Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit hebt sich auf. In Städten wie Wohngebieten verändern sich zeitliche Nutzungsmuster.

Fußnoten

8.
Kurzinfo Nymphenburger Höfe, online: www.nymphenburger-hoefe.de/wohnen/de/kurzinfo.html (24.3.2010).