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9.4.2010 | Von:
Volkmar Sigusch

Homosexuelle zwischen Verfolgung und Emanzipation - Essay

Die europäische Geschichte der Homosexuellen ist eine der Verachtung und Vernichtung bis hin zum Tod in den NS-Konzentrationslagern, seit kurzem aber auch eine der lehrstückhaften sexuellen Emanzipation.

Einleitung

Wer über Homosexualität nachdenkt, hat es auch heute noch vor allem mit Vorurteilen zu tun. Die einen sind neuerdings positiv, die anderen seit Jahrhunderten negativ. Positive Vorurteile hören sich so an: Schwule sind gebildeter und sensibler, verdienen besser, ziehen sich erlesener an, sind weltweit vernetzt. Lesben sind selbstbewusster, emotional stärker, sexuell versierter, für Leitungspositionen geeigneter. Negative Vorurteile klingen so: Schwule sind weibisch ("Tunten"), schrill, feige, unsportlich, machen schmutzigen Sex, sind als Verantwortungs- und Geheimnisträger ungeeignet. Lesben wissen gar nicht, wie richtiger Sex gemacht wird, sind bissig, uncharmant, pseudomännlich, wollen überall das Sagen haben ("Kampflesben"). Im Grunde sind alle Homosexuellen Gesellschaftsparasiten, weil sie keine Kinder in die Welt setzen, welche die "Normalen" unter Strapazen großziehen müssen.

Die Wirklichkeit ist natürlich vielfältiger. Tatsächlich gibt es unter Homosexuellen alle Entwicklungen und Charaktere: Genies und Kleinstgeister, Anständige und Lumpen, Menschenfreunde und Menschenschinder. Damit ist gesagt, dass es im Grunde unverantwortlich ist, Menschen allein nach ihrer überdies immer mehr oder weniger flüssigen sexuellen Orientierung in einen Topf zu werfen: das Begehren eines Thomas Mann mit dem des SA-Führers Ernst Röhm, die Männerliebe eines James Dean oder Anthony Perkins mit der des Ökonomen John Maynard Keynes, des FBI-Chefs J. Edgar Hoover oder des Kolonialisten Cecil Rhodes oder auch die Frauenliebe einer Martina Navrátilová mit der einer Simone de Beauvoir oder einer Susan Sontag. Immer wird die differente Personalität des Begehrens zugunsten eines verramschenden Vorurteils beseitigt.

Ähnlich problematisch ist es, gleichgeschlechtliches Verhalten und Verlangen aus differenten Kulturen oder weit auseinander liegenden Epochen gleichzusetzen. Frauen werden von Frauen und Männer von Männern seit Jahrtausenden begehrt. Wie dieses Begehren jedoch erlebt und eingeordnet wird, bestimmt die jeweilige Kultur oder Epoche. Folglich ist zum Beispiel die Differenz zwischen dem antiken mannmännlichen Eros, der zur platonischen Staatskunst aufstieg, und unserer gegenwärtigen Homosexualität enorm. Vom Begehren des Sokrates führt kein gerader Weg zu dem von Pjotr Tschaikowski, Ludwig Wittgenstein, Heinrich von Brentano, Michael Kühnen oder Hape Kerkeling.


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