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9.4.2010 | Von:
Volkmar Sigusch

Homosexuelle zwischen Verfolgung und Emanzipation - Essay

Vermögen aller Menschen

Offenbar haben nach wie vor Menschen ein Problem damit, homosexuelles Verhalten und Verlangen als ein Vermögen anzusehen, das der Gattung Mensch insgesamt zu eigen ist. Als wir 1980 als Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung für einen "Aufruf zur Entkriminalisierung der Homosexualität"[3] Unterschriften sammelten, weil die politische Chance bestand, den "Homosexuellen-Paragrafen" 175 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, ging einigen Angesprochenen wie Walter Dirks und Eugen Kogon die "anthropologische" Gleichstellung von Hetero- und Homosexualität zu weit. Der letzte Absatz unseres Aufrufs, den sie nicht akzeptieren konnten, lautet: "Für uns ist Homosexualität nichts Minderes, Kriminelles, Infektiöses, das verpönt und verfolgt gehört. Für uns ist Homosexualität nichts, dessen man sich zu schämen hätte. Anthropologisch betrachtet, verweist der Begriff ,Homosexualität' zuallererst auf einen menschlichen Sachverhalt: darauf, daß dieses Erleben und Verhalten zur Ausstattung der Gattung Mensch gehört, also nicht nur den manifest homosexuellen, sondern allen Menschen eigen ist."

Erfreulich war dagegen, wer unterzeichnet hat: Joseph Beuys, Heinrich Böll, Ludwig von Friedeburg, Marcel Reich-Ranicki, Luise Rinser, Hildegard Knef, Harry Valérien, Martin Walser, Wolfgang Koeppen, Wolfgang Abendroth, Pina Bausch, Margarethe von Trotta, Michael Gielen, Günter Grass, Bernhard Grzimek, Jürgen Habermas, Hans Werner Henze, Dieter Hildebrandt, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Siegfried Lenz, Reinhold Neven DuMont, Jil Sander, Johannes Mario Simmel und viele andere. Besonders erfreut haben uns damals die Ehepaare Inge und Walter Jens, Margie und Curd Jürgens, Margarete und Alexander Mitscherlich sowie Eva und Peter Rühmkorf.

Keiner Antwort würdigten uns alle Gewerkschaftsvorsitzenden sowie die Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Schmerzhaft war die Absage von Anna Freud, die als Kinderanalytikerin in London mit einer Lebensgefährtin zusammenlebte. Ihr Vater Sigmund Freud hatte Jahrzehnte zuvor an die Rat suchende Mutter eines Homosexuellen geschrieben, Homosexualität sei nichts, dessen man sich zu schämen hätte, sie sei kein Laster und keine Krankheit, sondern eine Variation der sexuellen Funktion.[4] Ebenso schmerzte die Absage Heinz Galinskis von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er schrieb, dieser "Fragenkomplex" falle nicht in seinen "Zuständigkeitsbereich": "Diese Angelegenheit ist eine rabbinische und fällt daher in den religiösen Komplex."[5]

Verhindert haben die Streichung des "abscheulichen Homosexuellenparagraphen" (Adorno) in den damaligen Koalitionsverhandlungen die Sozialdemokraten Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel, streichen wollte ihn der Liberale Hans-Dietrich Genscher, öffentlich unterstützt von seinen damaligen Parteifreunden Andreas von Schoeler und Günter Verheugen. Erst 1994, im Zuge der Wiedervereinigung, fiel der noch in Westdeutschland existierende Paragraf 175.

Fußnoten

3.
Volkmar Sigusch/Martin Dannecker/Agnes Katzenbach, Der Aufruf der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung zur Entkriminalisierung der Homosexualität vom Januar 1981 im Spiegel einiger Voten, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 3 (1990) 4, S. 246-265.
4.
Vgl. A letter from Freud [an die Mutter eines Homosexuellen, 9.4.1935], in: American Journal of Psychiatry, 107 (1950/51) 4, S. 786f.
5.
Vgl. V. Sigusch et al. (Anm. 3), S. 254.

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