30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

9.4.2010 | Von:
Volkmar Sigusch

Homosexuelle zwischen Verfolgung und Emanzipation - Essay

Liberalisierungen und Bewegungen

Für den weiteren Gang der Dinge entscheidend waren die vorausgegangenen Liberalisierungen 1968 und 1988 in Ost- und 1969 und 1973 in Westdeutschland. Nach Steinigung und Folter, nach Zuchthaus und KZ, nach Verachtung und Denunziation hatten Homosexuelle zum ersten Mal die Chance, ihre Eigenart kollektiv und öffentlich ohne Gefahr für Leib und Leben zu bekennen und zu einer gewissen Bewusstheit ihrer selbst zu gelangen. "Bewusste" homosexuelle Männer drehten damals den Spieß der Spießer einfach um, indem sie das Schimpfwort "schwul" mit erhobenem Kopf zum öffentlichen Kampfwort machten und dadurch zum Teil seines feindseligen Charakters beraubten.

Dieser Schwulenbewegung waren seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Kämpfe und Bewegungen vorausgegangen, vor allem inspiriert von dem Juristen Karl Heinrich Ulrichs und dem Mediziner Magnus Hirschfeld. Die Leidensgeschichte lesbischer Frauen und ihr Kampf um die Menschenrechte reichen auch schon einhundert Jahre zurück.[6] Zu einer politischen Bewegung im engeren Sinn organisierten sich Lesben Ende der 1970er Jahre in Ost- und Anfang der 1980er Jahre in Westdeutschland. Zuvor waren Lesben vor allem in der Frauenbewegung aktiv. Als bundesweiter Auftakt der Schwulenbewegung in Erinnerung geblieben ist der 1973 von der ARD - unter spektakulärer Selbstausschaltung Bayerns - gesendete Film von Rosa von Praunheim mit dem viel sagenden Titel "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Die tragenden Ideen des Films stammten von dem Soziologen und späteren Sexualforscher Martin Dannecker, der in den Jahren danach in Sachen Homosexualität auch wissenschaftlich den Ton angab.[7]

Insgesamt sind Schwulen- und Lesbenbewegung ein Lehrstück sexueller Emanzipation. Keine Sexualform ist in den vergangenen Jahrzehnten kulturell und individuell so stark verändert worden wie die Homosexualität, die weibliche Sexualität als Geschlechtsform einmal ausgenommen. Flankiert von einer Studenten- und von einer Frauenbewegung, schrieben vor allem kämpferische Schwule Kulturgeschichte. Denn jene Lebensart schwuler Männer, die der Aufbruch der 1970er Jahre sichtbar machte, imponiert als kulturell vorgezogenes Modell der durch eine "neosexuelle Revolution"[8] seit den 1980er Jahren ermöglichten "normalen" Sexualformen: Assoziation bisher als unvereinbar angesehener seelischer und sozialer Modalitäten, Suche nach dem schnellen, umstandslosen sexuellen Thrill bei gleichzeitig vorhandener Liebesfähigkeit in Dauerbeziehungen, hohe Besetzung der Autoerotik sowie eine enorme Flexibilität an den gesellschaftlichen Zirkulationsfronten. Durch diesen Prozess wurden Heterosexuelle gewissermaßen homosexualisiert - in dem Sinn, dass auch sie sich "homosexuelle" Freiheiten herausnahmen: keine Kinder, keine rigiden Geschlechtsrollen, alles für sich selbst, One-Night-Stands, markante Körperpflege usw.

Kein Wunder, dass die ehemals auffälligen homosexuellen Männer immer unauffälliger und die ehemals unauffälligen heterosexuellen Männer immer auffälliger wurden. Die einen spielen jetzt Fußball und gehen eine "Homo-Ehe" ein, die anderen lackieren sich die Fingernägel, besuchen Kunstausstellungen und tragen immer mal wieder die Unterwäsche ihrer Freundin. Inzwischen sind beide nicht mehr unter die alten Klischees zu subsumieren. Mehr oder weniger haben diese kulturellen Transformationen alle Gesellschaftsindividuen erfasst, sodass sich bisher im Untergrund existierende oder noch gar nicht organisierte Neosexualitäten und Neogeschlechter nach und nach zeigen. Zu ihnen gehören Bisexuelle, Fetischisten, BDSMler, Bigender, Transvestiten, Transgender, Transidentische, Transsexuelle, E-Sexuelle, Intersexuelle, Polyamoristen, Asexuelle, Objektophile, Agender und andere.[9]

Fußnoten

6.
Vgl. Gabriele Dennert/Christiane Leidinger/Franziska Rauchut (Hrsg.), In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007.
7.
Vgl. z.B. Martin Dannecker/Reimut Reiche, Der gewöhnliche Homosexuelle. Eine soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der Bundesrepublik, Frankfurt/M. 1974; Martin Dannecker, Der Homosexuelle und die Homosexualität, Frankfurt/M. 1978.
8.
Volkmar Sigusch, Die Zerstreuung des Eros. Über die "neosexuelle Revolution", in: Der Spiegel, Nr. 23 vom 3.6.1996, S. 126-130; ders., Die Trümmer der sexuellen Revolution, in: Die Zeit, Nr. 41 vom 4.10.1996, S. 33f.; ders., Die neosexuelle Revolution. Über gesellschaftliche Transformationen der Sexualität in den letzten Jahrzehnten, in: Psyche - Zeitschrift für Psychoanalyse, 52 (1998) 12, S. 1192-1234.
9.
Vgl. Volkmar Sigusch, Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion, Frankfurt/M.-New York 2005.

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch 70 Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus?

Mehr lesen

Mediathek

Homophobie begegnen

Homophobie und auch Transphobie findet man an vielen Orten. Dieser Film zeigt, was das eigentlich für die Betroffenen bedeutet.

Jetzt ansehen