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9.4.2010 | Von:
Benno Gammerl

Eine Regenbogengeschichte

Entkriminalisierung des zwischenmännlichen Geschlechtsverkehrs

Dieser aus dem Jahr 1872 stammende Strafrechtsparagraf hing wie ein Damoklesschwert über der Geschichte der Homosexualitäten in Deutschland. Im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung war er 1935 verschärft und ausgeweitet worden. Die Justiz der DDR kehrte nach dem Krieg zur etwas milderen Weimarer Version zurück. Nach 1957 wurden homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern im Osten kaum noch bestraft, und 1968 strich man den §175 aus dem Strafrecht. Lediglich das sogenannte Schutzalter lag für gleichgeschlechtlichen Sex weiterhin höher als für gegengeschlechtlichen. 1988 schaffte die letzte unfrei gewählte Volkskammer auch diese Unterscheidung ab und setzte damit die juristische Gleichbehandlung von Homo- und Heterosexualität durch.[8]

Die westdeutschen Behörden hielten dagegen zunächst an der Fassung aus dem "Dritten Reich" fest. Beschwerden dagegen wiesen das Bundesverfassungsgericht 1957 und die Bundesregierung unter Konrad Adenauer 1962 zurück. Dabei verwiesen sie - ganz im Stil der repressiven Atmosphäre jener Jahre - auf christliche Normen und die Notwendigkeit, die "gesunde und natürliche Lebensordnung im Volke" zu schützen.[9] Nach dem Regierungswechsel in Bonn und nicht zuletzt aufgrund liberaler Interventionen kam es 1969 und 1973 zu einer Reform des Sexualstrafrechts. Danach waren einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Männern über 21 Jahren auch in der Bundesrepublik legal.[10] Allerdings wendete man den §175 in Fällen, an denen jüngere Männer beteiligt waren, bis in die 1990er Jahre hinein an. Erst im Zuge der Rechtsangleichung nach der Vereinigung beider deutscher Staaten wurde 1994 der §175 endgültig aus dem deutschen Strafrecht getilgt.

Fußnoten

8.
Vgl. B. Thinius (Anm. 1), S. 16f.
9.
Vgl. Hans-Georg Stümke, Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte, München 1989, S. 183f.
10.
Vgl. Michael Kandora, Homosexualität und Sittengesetz, in: Ulrich Herbert (Hrsg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland, Göttingen 2002, S. 379-401; Christian Schäfer, Widernatürliche Unzucht. Reformdiskussion und Gesetzgebung seit 1945, Berlin 2006.

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