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9.4.2010 | Von:
Tatjana Eggeling

Homosexualität und Fußball - ein Widerspruch?

Homophobie und Heteronormativität im Fußball werden erst seit kurzem thematisiert. Der Wandel zum fair play hat noch viele Hürden zu nehmen.

Einleitung

Bei den XXI. Olympischen Winterspielen in Vancouver/Kanada gewannen Shen Xue und Zhao Hongbo am 15. Februar 2010 die Goldmedaille im Eiskunstlauf der Paare. Beim die Eiskunstlaufwettbewerbe abschließenden Schaulaufen am 27. Februar hob der ARD-Kommentator der Live-Übertragung hervor, wie hoch der Erfolg einzuschätzen sei, weil das Paar nach den Olympischen Spielen in Turin 2006 zunächst eine Trainings- und Wettkampfpause eingelegt hatte, um dann doch wieder aufs Eis zurückzukehren. Dann fügte er hinzu: "Und sie sind verheiratet. Kann es etwas Schöneres geben?", und weiter: Sie wollten jetzt an Kinder denken. Mitgerissen von der eigenen Begeisterung für ein erfolgreiches und, wie er erfahren habe, sehr sympathisches Eislaufpaar, schien ihm der Sieg erst vollkommen durch die heterosexuelle Ehe, verbunden mit einem Kinderwunsch.

In wenigen Sätzen wurde hier reproduziert, was im Sport als "normal" angenommen wird: Heterosexuelle Beziehungen sind Standard, das Höchste dabei ist die Ehe, die durch Kinder gekrönt wird. Homosexuelle Beziehungen und homosexuelles Begehren hingegen sind kaum denkbar, sind tabuisiert. Denn: Homosexualität und Höchstleistungen scheinen im traditionellen Sport nicht zusammenzupassen. Oder doch?

Während der Olympischen Spiele bis zum Ende der Paralympics im März öffnete das Pride House in der Stadt Vancouver und auch in Whistler als Anlaufstelle und Treffpunkt für Lesben und Schwule, Fans und Medien.[1] Es sollte einen sicheren Ort für jene bieten, die Rat suchen, weil sie Angst davor haben, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen, und darauf aufmerksam machen, dass Homosexualität im Sport noch immer ein großes Problem ist. Erstmals bei einer globalen Veranstaltung des traditionellen Sports gab es eine solche Einrichtung, die Informationen zu Homophobie im Sport anbietet und dazu beitragen will, die Diskriminierung lesbischer und schwuler Athletinnen und Athleten zu bekämpfen.

Die "Zeit" leitete ihren Bericht über das Pride House mit dem Beispiel des jungen amerikanischen Eishockeytorwarts Brendan Burke ein, der sich im November 2009 als schwul geoutet hatte, um "die harte Oberfläche des Spitzensports ein(zu)reißen".[2] Es schien ein Outing gewesen zu sein, das keine negativen Folgen für den Spieler nach sich zog. Sogar sein Vater Brian Burke, Manager des Männereishockeyteams der USA und "berüchtigt als kompromissloser Macho",[3] habe ihn unterstützt. Ob Brendan als Schwuler in seinem Sport auch weiterhin akzeptiert worden wäre und seine Karriere erfolgreich hätte weiterführen können, wird leider nicht mehr zu verfolgen sein, denn er starb kurz vor Beginn der Olympischen Spiele bei einem Autounfall.

Diese aktuellen Berichte enthalten verschiedene Aspekte, die den Umgang mit Homosexualität im (Leistungs-)Sport kennzeichnen. Es geht um die unhinterfragte Annahme, alle Sportlerinnen und Sportler seien heterosexuell, um tradierte und damit stabile Vorstellungen von der Eigenart der Geschlechter - wiederum basierend auf der Annahme, es gebe zwei eindeutig voneinander unterscheidbare - und von ihnen unzweifelhaft eingeschriebenen Eigenschaften und Fähigkeiten sowie um eine Hierarchie der Geschlechter, in der das "männliche" den Leitwert darstellt. Diese Vorstellungen und Annahmen bilden die Rahmenbedingungen, denen alle Aktiven im Sport unterliegen. Sie werden stetig reproduziert und bekräftigt. Was dies für Lesben und Schwule im Sport und insbesondere im Fußball bedeutet, wird im Folgenden beleuchtet.

Fußnoten

1.
www.pridehouse.ca (28.2.2010).
2.
www.zeit.de/sport/2010-02/vancouver-homosexuelle-sportler?page=all (28.2.2010).
3.
Ebd.

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