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9.4.2010 | Von:
Tatjana Eggeling

Homosexualität und Fußball - ein Widerspruch?

Männlichkeit und Weiblichkeit im Sport

Sport bietet Frauen Möglichkeiten, Aspekte ihrer Persönlichkeit auszudrücken, die gewöhnlich als "männlich" definiert werden, ja, sie müssen diese sogar pflegen und demonstrieren, um sportlich erfolgreich zu sein. Somit müssen sie Verhaltensweisen und Haltungen in ihre Identifikation als Frau, in das Bild, das sie sich selbst und andere von einer Frau machen, integrieren, die ihnen nicht selbstverständlich zugeschrieben werden. Als Athletinnen überschreiten sie häufig die Grenzen zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, können Maskulinität ausdrücken und Anerkennung für ihre körperlichen Fähigkeiten suchen und finden.[4] Frauen können dies durchaus als positiv wahrnehmen, denn der Einstieg in eine Männerwelt eröffnet auch die Freiheit, sich zwischen den Geschlechtern zu bewegen: Frauen müssen nicht klassisch "Frau" sein, um ihre Identität als Frau nicht in Frage stellen müssen.

Sie bewegen sich im Sport jedoch immer auch am Rande des Akzeptablen und nahe an dem Vorwurf, zu "vermännlichen". Deshalb müssen sie zusehen, so "weiblich" wie möglich aufzutreten: "Activities coded as male are evaluated to see whether they ,contaminate' female participants."[5] Mit den neuen Standards für Frauenkörper, gekennzeichnet durch Stärke, Beweglichkeit, Schlankheit, Größe und kleine Brüste, werden überkommene Auffassungen des Begehrenswerten in Frage gestellt, ein Wandel, der Misstrauen auslöst: "A hermeneutics of suspicion surrounds this desirable body: Is it still female, is it still feminine, and is it drug-enhanced?"[6] In diesem Misstrauen spielt immer auch die Sorge mit, eine Frau, die sich als männlich geltende Verhaltensweisen und Fähigkeiten angeeignet hat, könne lesbisch sein. Hier wirkt das stereotype Bild von einer Lesbe als einer Frau, die sich den gängigen Zumutungen akzeptierter Weiblichkeit widersetzt, sich gängigen Schönheitsidealen verweigert und von Männern und deren Anerkennung unabhängig auftritt - und damit für den heterosexuellen männlichen Betrachter unattraktiv ist.

Also geben sich Sportlerinnen meist eindeutig heterosexuell, damit sie nicht, gerade weil ihr Sporttreiben einen kräftigen, beweglichen und vielleicht auch besonders muskulösen Körper bewirkt, möglicherweise als lesbisch gelten.[7] Je mehr im Sport Geschlechtergrenzen überschritten oder auch erweitert werden, desto mehr müssen sie auch aufrechterhalten werden, um die symbolische Ordnung der Geschlechtsstereotype nicht zu gefährden. Nur so bleibt eine Wahl zwischen geschlechtskonnotierten Verhaltensweisen möglich.[8] Allerdings bringen diese Wahloptionen bislang nur wenig Offenheit auch für die Wahl einer homosexuellen Option mit sich.

Männer haben dieses Problem der Grenzüberschreitung im Sport nicht, da im Sport "männliche" Leistungsfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Kraft und Stärke sowie "männliche" Tugenden wie Kameradschaft ohnehin die Meßlatte für jegliches sportliches Handeln sind. Sport verlangt von Männern also nur, was ihnen aufgrund ihrer Sozialisation zum Mann schon vertraut ist. Für Männer ist daher das Überschreiten von Geschlechtergrenzen hin zu dem, was gemeinhin als "weiblich" gilt, weniger einfach. Denn wenn sie es tun, bedeutet dies sozialen und kulturellen Abstieg sowie Statusverlust. Ihnen wird dann häufig ihre Männlichkeit abgesprochen, und/oder sie werden für schwul gehalten. Sie brechen ein stärkeres Tabu als Frauen.[9]

Es gibt also gute Gründe, Männlichkeit im Sport nicht in Frage zu stellen. Er ist nicht nur ein Ventil, um Kräfte wie sexuelle Regungen, Vitalität und körperliche Stärke schadlos für andere auszuagieren, "er bietet gleichzeitig ein Moratorium, in dem auch eine kulturelle Gewissheit der eigenen Männlichkeit, eine männliche Identität entwickelt wird".[10] Doch es scheint immer schwieriger zu werden, dies aufrechtzuerhalten: "However, the capacity of sports to ideologize masculine superiority has been destabilized as women have struggled to gain greater access and commercially minded sports governors have sought women out as consumers."[11] Dies erklärt, warum es gerade in traditionellen Männersportarten Bestrebungen gibt, sich gesellschaftlichen Veränderungen, die dazu geeignet sind, tradierte Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit aufzuweichen, zu widersetzen. Und es unterstützt die Haltung, Schwule hätten im Fußball keinen Platz.

Fußnoten

4.
Vgl Steven Seidman, Beyond the Closet. The Transformation of Gay and Lesbian Life, New York-London 2002. S. 49ff.
5.
Toby Miller, Sportsex, Philadelphia 2001, S. 22.
6.
Ebd. S. 22f. Vgl. auch Lotte Rose, Das sportliche Weiblichkeitsideal - Vorbild oder Falle?, in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, NF 31, (1996), S. 155-168.
7.
Vgl. Pat Griffin, Strong Women, Deep Closets. Lesbians and Homophobia in Sport, Champaign 1998, S. 57-63; Marnie Haig-Muir, Is That a Woman? Gender and Sexuality in Women's Golf, in: Dennis Hemphill/Caroline Symmons (eds.), Gender, Sexuality and Sport. A Dangerous Mix, Petersham 2002, S. 49-59; Laura Robinson, Black Tights. Women, Sport and Sexuality, Toronto 2002, S. 59-76.
8.
Zum Fußballstadion als Raum, der es anders als andere öffentliche Räume Fußballfans ermöglicht, Verhaltensweisen auszuagieren, die außerhalb dessen als nicht geschlechtskonform kaum gestattet sind, vgl. Almut Sülzle, Fußball als Schutzraum für Männlichkeit? Ethnographische Anmerkungen zum Spielraum für Geschlechter im Stadion, in: Antje Hagel/Nicole Selmer/Almut Sülzle (Hrsg.), Gender Kicks. Texte zu Fußball und Geschlecht. Hrsg. von der Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend, Bd. 10, Frankfurt/M. 2005, S. 37-52.
9.
Vgl. hierzu Tanja Walther, Kick it out. Homophobia in Football, hrsg. von der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF), Amsterdam-Berlin 2006, S. 5.
10.
Thomas Germann, "Auf geht's, ihr Männer!" Der Bezug auf den Körper bei der Herausbildung von männlicher Identität, in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, NF 31, (1996), S. 145-154, hier: S. 146.
11.
T. Miller (Anm. 5), S. 23.

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