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9.4.2010 | Von:
Tatjana Eggeling

Homosexualität und Fußball - ein Widerspruch?

Homophobie im Fußball

Das (männliche) Homosexuelle wird landläufig dem Weiblichen zugeordnet: Schwule gelten als unmännlich, ihnen wird zugeschrieben, weich, emotional, wenig durchsetzungsfähig, leicht verletzlich, zickig oder zimperlich zu sein, also als typisch weiblich geltende Eigenschaften aufzuweisen. Sie verstoßen gegen die Normen des Männlichen, das als fraglos heterosexuell angenommen wird. Schwules Begehren verletzt diese Annahme: Da das Heterosexuelle unhinterfragte Norm ist, etwas Vertrautes und für weite Teile der Bevölkerung Selbstverständliches, besteht noch kaum ein selbstverständlicher Umgang mit Homosexuellen - gerade im Fußball, der als klassische Männersportart gilt und von manchen Aktiven auch als Kampfsportart bezeichnet wird. Fußball ist ein körperbetontes Spiel, das ohne direkte Kontakte mit Gegnern und auch eigenen Teammitgliedern nicht zu spielen ist, in dem Härte, Wendigkeit, Schnelligkeit und bisweilen auch schmerzhafter Körpereinsatz gefragt sind.

Deshalb bemühen sich (Profi)Fußballer, so heterosexuell wie möglich aufzutreten - ob sie es sind oder nicht, denn die Erfahrung vieler offen lebender homosexueller Sportlerinnen und Sportler ist mehr oder weniger offene Diskriminierung. Für Profis kann ein Bekenntnis zum Schwulsein bedeuten, von ihren Verbänden, Vereinen oder Teams abgelehnt, aus dem Kader entfernt zu werden oder Sponsoren zu verlieren, was wiederum den Verlust der Existenzgrundlage bedeuten würde. Die Demonstration der eigenen Heterosexualität eines (schwulen) Fußballers kann verschiedene Elemente enthalten: betont hartes Einsteigen in Zweikämpfen; demonstratives Auftreten in weiblicher Begleitung; Mitlachen bei Schwulenwitzen in der Kabine. Solange Männer nicht in den Verdacht geraten, schwul zu sein, haben sie nichts zu befürchten.

Im Fußball, für viele "die schönste Nebensache der Welt", zeigt sich dies besonders deutlich. Er hält besonders beharrlich an überkommenen Werten und Normen, Geschlechterverhältnissen und -rollen fest und weigert sich, gesellschaftliche Wandlungsprozesse anzuerkennen. Er pflegt damit das heteronormative Denken. Dieses beruht auf zwei Grundannahmen: der von zwei distinkten Geschlechtern - dem männlichen und dem weiblichen - und der des grundsätzlichen heterosexuellen Begehrens. Die erste Annahme geht davon aus, dass Mann und Frau anhand ihrer Physis, ihrer seelischen Eigenschaften und ihrer Wesensart identifizierbar und leicht und eindeutig zu unterscheiden sind. Die zweite Annahme besagt, dass "normales" Begehren immer auf Angehörige des anderen Geschlechts gerichtet ist und dass das heterosexuelle Paar per se das Prinzip der sozialen Bindung ist. Es erscheint kaum notwendig, diese Essentialismen und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, jede Abweichung von der Norm dagegen sehr wohl, also auch die Homosexualität, die als das Gegenüber der Heterosexualität, das erklärungsbedürftige Andere betrachtet wird.

Dabei zeigt der Blick über unsere Gesellschaft hinaus, dass dies eine kulturelle Vereinbarung ist, die nicht überall auf der Welt zu allen Zeiten geteilt wurde oder wird: Weder ist die körperliche Lust immer auf gegengeschlechtliche Beziehungen festgelegt, noch werden enge, stabile soziale Bindungen immer gegengeschlechtlich eingegangen.[12] Der Heteronormativität die Vorstellung eines Spektrums entgegenzustellen, in dem das Männliche und das Weibliche nur zwei Pole markieren, zwischen denen es graduelle Abstufungen gibt, also verschiedene Mischungen dessen, was als männlich oder weiblich gilt, waren bisher nicht nachhaltig erfolgreich. Vielmehr werden Darstellungen und Demonstrationen des Uneindeutigen als "nicht normal" registriert und auch meist nur in mehr oder weniger kleinen sozialen Zusammenhängen ausgelebt. Wer sich mit einer verstörend uneindeutigen Darstellung von Geschlecht in die Öffentlichkeit begibt, muss mit Anfeindungen rechnen, bis hin zu für das körperliche und geistige Wohlbefinden existentiell bedrohlichen Übergriffen.

Dass der englische Fußballstar David Beckham mit seiner Selbstbezeichnung als "metrosexuell" und dem Bekenntnis, er trage gerne die Unterwäsche seiner Frau, seinerzeit kaum negative Reaktionen, stattdessen viel interessierte Aufmerksamkeit erhielt, widerspricht nicht der Heteronormativität. Klaus Theweleit sieht in Beckhams Verhalten zwar ein Beispiel für einen neuen öffentlichen Umgang mit Sexualitätsformen, die in der Pop-Welt des Sports auch die Wahl einer schwulen Option ermöglichen könnte,[13] doch wie weit dieser Schluss trägt, ist zu fragen. Denn die publikumswirksame Inszenierung des Spiels mit Attributen wie Kleidungsstücken, die für ein bestimmtes Gender (soziales Geschlecht) stehen, muss keinesfalls eine solche Wahl der Option vertreten und mehr sein als ein Spiel mit transvestitischem Exotismus - dies vielleicht gerade auch deshalb, weil Schwulsein meist direkt und unhinterfragt mit Sexualität assoziiert wird, ein Auftritt als Transvestit weniger.

Letztlich hat sich durch Beckhams cross dressing unter der Oberbekleidung bislang im Fußball nichts nachhaltig verändert. Zwar mag gelten, dass ein performativer Akt wie das Spiel mit Geschlechterrollen und Geschlechterbildern das Denken und Sprechen über diese verändert. Doch Beckham hat nie Zweifel an seiner heterosexuellen Orientierung und seiner weitgehend der (europäischen) Norm entsprechenden Männlichkeit gelassen. Gerade als Fußballer ist er "ganz Mann" - stark, kampferprobt, einsatzfreudig auch unter Inkaufnahme körperlicher Versehrtheit, kameradschaftlich, furchtlos. Seine sorgfältig ausgewählten Informationen über sein Privatleben, das Auftreten und die Selbstinszenierung seiner Frau Victoria und seiner Kinder stützen dieses Bild. Er hat mit seinem Bekenntnis nur an der Oberfläche der symbolischen Ordnung der Geschlechtsstereotype gekratzt und dies geschickt für die popkulturelle Selbstvermarktung genutzt.

"Männlichkeit" ist im Sport wie in anderen Alltagsbereichen eine kulturelle Vereinbarung. Sie schlägt sich auch in der Fußballkultur eines jeden Landes nieder: Die dargestellte Männlichkeit zeigt die "social actor's gender identity",[14] was darauf verweist, dass Männlichkeit auch und vor allem eine Kategorie des Sozialen ist. Fußballidentitäten verschiedener Länder führen verschiedene Bilder von Männlichkeit vor: Der argentinische Spielertypus und sein Stil, der criolla, zeigen individuelle Ausdrucksfähigkeit, Kreativität und große fußballtechnische Fähigkeiten. Leitbild dieses Typs ist nicht der physisch große, reife Mann, sondern der Junge, bei dem technische Fähigkeiten und Kreativität mit einem kleinen Körper und mit Verletzlichkeit gepaart sind. Solche Beispiele für Fußballer, die sehr unterschiedliche Konzepte von Männlichkeit in ihrem Spiel verkörpern, weist Richard Giulianotti auch für südeuropäische Länder nach. Er zählt auch Beckham dazu, dessen Stil offensichtlich vom traditionellen englischen Fußballstil abweicht. Vor dem Hintergrund, dass in den weitaus meisten Gesellschaften und Kulturen Männlichkeit als Maßstab und Leitwert gilt, sind diese verschiedenen Männlichkeiten im gemeinsamen Fußballspiel durchaus miteinander kompatibel; es genügt, individuelle Spielweisen und regionale Stile aufeinander abzustimmen. Auch ein argentinischer Spieler wie Diego Maradona wird in Europa als genialer männlicher Fußballer verehrt.[15] Solche Spieler und Stile stellen die heteronormative Ordnung nicht in Frage, sondern werden als akzeptable Abweichungen von vertrauten Konnotationen im Rahmen geltender Normen mit Ver- oder auch Bewunderung registriert.

Für Schwule im Fußball bedeutet dies, dass sie ihre sexuelle Orientierung (immer noch) verbergen müssen. Sie lernen schon im Jugendalter, dass Schwule minderwertig sind; Beschimpfungen wie "Weichei", "Warmduscher", "Memme" oder Bezeichnungen wie "schwuler Pass" (für einen Fehlpass) sind sinnfälliger Ausdruck der fortdauernden Homophobie. So trainieren junge Fußballer nicht nur den versierten Umgang mit dem Ball, sondern auch das Vermeiden all dessen, was als "schwul" wahrgenommen werden könnte. Als Erwachsene sind schwule Fußballer häufig geradezu Meister eines viel Energie verbrauchenden Spagats zwischen zwei Aspekten ihrer Persönlichkeit, die nicht miteinander vereinbar scheinen. Die für das Verstecken des eigenen Schwulseins aufgewendete Energie steht für den Sport nicht mehr zur Verfügung; darunter kann ihre Leistungsfähigkeit leiden. Schwule Fußballer, die diese doppelte Belastung, sportliche Höchstleistungen erbringen und zugleich ihr Schwulsein verheimlichen zu müssen, nicht durchhalten, verzichten auf eine vielversprechende Profikarriere.[16] Dem Sport gehen damit Talente verloren.

Der Homophobie im Fußball sind auch Lesben ausgesetzt. Sie bekommen sie nur in anderer Weise zu spüren. Es ist weithin bekannt, dass im Frauenfußball im Breiten- wie im Leistungssport viele Lesben mitspielen. In den oberen Ligen können sie sich allerdings ebenso wenig zu ihrer Homosexualität bekennen wie ihre schwulen Kollegen und unterliegen Stillhalteabkommen. In den Teams und Vereinen ist bekannt, wer lesbisch ist, doch von diesen Spielerinnen wird verlangt, dies nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Damit sind Lesben zwar einem geringeren Druck ausgesetzt als Schwule, doch die heteronormative Ordnung wird auch hier aufrechterhalten. Das mag zum einen daran liegen, dass Lesbischsein weniger ernst genommen wird als Schwulsein, zum anderen daran, dass der Frauenfußball ohne Lesben nicht denselben Erfolg hätte, wird er doch mehr als andere Sportarten überdurchschnittlich von Lesben betrieben, die zu einem bedeutenden Teil seine Leistungsträgerinnen sind. Es liegt aber auch daran, dass Frauenfußball zur großen Fußballfamilie gehört und deshalb auch hier wie im Männerfußball über Homosexualität und Homophobie bislang wenig gesprochen wird.

Dass Lesben im Frauenfußball offenbar geduldet wurden und werden, hat weniger mit seiner verglichen mit dem Männerfußball noch immer geringeren Popularität zu tun als damit, dass er lange Zeit ohnehin nicht als "echter" Fußball ernst-, sondern als missglückte Imitation des Männerfußballs wahrgenommen wurde. Wenn Fußballerinnen ein von tradierten Männlichkeitswerten geprägtes Spiel betreiben, werden sie zudem immer noch von vielen nicht als "echte" Frauen betrachtet, dazu sind sie ihnen zu kerlig, robust, roh und damit unattraktiv - Attribute, die gemeinhin Lesben zugeschrieben werden. Ob lesbisch oder schwul, Homosexualität scheint dem Fußball zu schaden und sein Ansehen zu diskreditieren. Die Äußerungen des früheren Managers von Schalke 04, Rudi Assauer, im März 2010 belegen dies: Er empfahl Schwulen, sich einen anderen Arbeitsplatz als den Fußball zu suchen, weil es in dieser Sportart anders als vielleicht in anderen Sportarten nicht "funktioniere", offen homosexuell zu sein.[17]

Doch zugleich ist Homosexualität im Fußball ein interessantes und reizvolles Thema. In der Fußballberichterstattung wird immer häufiger danach gefragt, wann das erste Outing eines schwulen Fußballers stattfinde. Das wäre eine Schlagzeile, die größtmögliche Aufmerksamkeit garantieren würde. Dies konterkariert eine häufig geäußerte Meinung derer, die keine Notwendigkeit sehen, gegen Homophobie im Sport vorzugehen, denn die Art des sexuellen Begehrens sei Privatsache, und deshalb solle auch nicht darüber gesprochen werden. Dabei wird jedoch übersehen, dass Heterosexualität in der Sportberichterstattung eben keine Privatsache, sondern - wenn auch nicht mit diesem Begriff bezeichnet - ein selbstverständlicher Bestandteil ist. So werden Spielerfrauen auf Stadiontribünen in der Fernsehberichterstattung eingeblendet, es wird darüber berichtet, welcher Athlet mit welcher Athletin liiert ist, welche Sportlerin ihren Trainer geheiratet oder wie ihr Freund auf einen Olympiaerfolg reagiert hat und dergleichen mehr. Fans und Zuschauende erfahren so: Athletinnen und Athleten haben ein Privatleben, sind abgesehen von ihrer sportlichen Betätigungen Menschen wie du und ich - und insoweit über Privates berichtet wird, immer heterosexuell. Alles ganz normal. Unangenehm ist demgegenüber das Andere, die Homosexualität, das lieber ignoriert wird, selbst wenn es offenkundig oder bekannt ist.[18]

Bereits Begebenheiten, die zunächst nichts mit Homosexualität zu tun haben, werden in diesem Kontext dargestellt, so auch die im Spätwinter 2010 eskalierende Auseinandersetzung um den Vorwurf der sexuellen Belästigung, den der Bundesligaschiedsrichter Michael Kempter gegen den inzwischen zurückgetretenen Schiedsrichterfunktionär des Deutschen Fußballbundes (DFB), Manfred Amerell, vorgebracht hat. Auch Rudi Assauer führt diese Angelegenheit an, um seine Haltung zu bekräftigen: Der Fall zeige ja, was im Fußball passiere, wenn sich jemand oute.[19] Ein Gutteil der Berichterstattung beruht auf der Annahme, dass doch zumindest einer der beiden Beteiligten schwul sein müsse. Das vermutete Schwulsein macht das Thema besonders interessant. Doch hat sexuelle Belästigung in erster Linie etwas mit Machtverhältnissen, Abhängigkeiten und Machtmissbrauch zu tun. Die Berichterstattung vermischt zwei völlig verschiedene Ebenen und trägt somit dazu bei, Homosexualität als etwas im Fußball Unbequemes und Unerwünschtes zu betrachten. Und sie zeigt, dass Homosexualität anders als Heterosexualität unwillkürlich mit ausgelebter Sexualität oder dem unaufhaltsamen Drang, dies immer und überall zu tun, assoziiert wird.

Hier schlägt sich das Stereotyp des Schwulen als grundsätzlich promisk, seinen sexuellen Trieben ausgeliefert und ausschließlich an Sex interessiert nieder: als wäre der Zivilisationsprozess an homosexuellen Menschen vorbeigegangen, als hätten sie nicht ebenso wie Heterosexuelle gelernt, ihre Affekte zu kontrollieren. Übersehen wird zudem, dass die Zurschaustellung von Erotik, Begehren und Werbung um den oder die Andere/n in manchen Sportarten wie etwa im Turniertanz reine Darstellung und Inszenierung ist. Denn Sport an sich ist eine asexuelle Angelegenheit. Für Heterosexualität wird dies fraglos als selbstverständlich an- und hingenommen, gegenüber der Homosexualität jedoch angestrengt und absichtlich immer wieder bekräftigt, indem sie totgeschwiegen, diskriminiert oder lächerlich gemacht wird. Sie bleibt das gefährliche Andere.

Fußnoten

12.
Vgl. Dieter Haller, Die Entdeckung des Selbstverständlichen: Heteronormativität im Blick, in: KEA. Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 14 (2001), S. 1-33. Zur kulturellen Gebundenheit dessen, wie (sexuelle) Beziehungen in einer Gesellschaft gewertet werden, siehe Susanne Schröter, FeMale. Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern, Frankfurt/M. 2002.
13.
Vgl. Klaus Theweleit, Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell, Köln 2006, S. 198f.
14.
Richard Giulianotti, Sport. A Critical Sociology, Cambridge 2005, S. 98.
15.
Vgl. ebd, S. 98f.
16.
Ein Beispiel dafür ist der ehemalige DDR-Jugendnationalspieler Marcus Urban aus Erfurt, der seine Geschichte öffentlich machte: vgl. Ronny Blaschke, Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban, Göttingen 2008.
17.
Vgl. www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,
683002,00.html (11.3.2010).
18.
Vgl. den Live-Kommentar zum Spiel um die Goldmedaille im Männereishockey bei den Olympischen Spielen in Vancouver am 28.2.2010 im ZDF: Der Kommentator erwähnte bei der Einblendung des amerikanischen Teammanagers auf der Tribüne den tragischen Verlust seines Sohnes durch einen Autounfall. Dass Brendan Burke schwul war, erwähnte er nicht. Das hätte eine Chance sein können, in der Berichterstattung für die Selbstverständlichkeit von Homosexualität im Sport einzutreten.
19.
Vgl. www.spiegel.de (Anm. 17).

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