30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

9.4.2010 | Von:
Bernd Simon

Respekt und Zumutung bei der Begegnung von Schwulen/Lesben und Muslimen

Was tun? Ein optimistischer Ausblick

Es ist davon auszugehen, dass sich Schwule und Lesben auf der einen Seite und muslimische Migranten und ihre Nachkommen auf der anderen noch lange eine gegenseitige Zumutung sein werden. Beide Gruppen können eine exemplarische Leistung erbringen, indem sie zunächst diese Zumutungen zumindest mit wechselseitigem Respekt aushalten.

Die Begegnung oder auch Konfrontation mit respektwürdiger Alterität, sei es in Gestalt von Schwulen und Lesben oder in Gestalt von Muslimen, ist nicht nur eine unvermeidliche, sondern auch eine zumutbare Zumutung in unserer offenen, pluralen Gesellschaft. Diese gilt es auszuhalten, wenngleich dies nicht bedeutet, dass man dem anderen immer und überall alles zumuten muss. Freiwilliges und gelassenes Sich-Zurücknehmen als Bestandteil einer respektvollen Haltung gegenüber dem Anderen mindert nicht den Selbst-Respekt. Auch nicht unterschätzt werden sollte der simple Gewöhnungseffekt. "Große Freiheit" bedeutet eben auch: Beim ersten Mal, da tut's noch weh, da glaubt man noch, dass man es nie verwinden kann, dann geht die Zeit, und peu à peu gewöhnt man sich daran. [11] In ähnlicher Weise bringt es ein Slogan der nordamerikanischen Schwulen- und Lesbenbewegung auf den Punkt: We are here, we are queer, get used to it!

Gesellschaftlicher Fortschritt braucht Schrittmacher. Hierbei kommt der schwul-lesbischen Community wie auch der muslimischen Migranten-Community eine wichtige Rolle und Verantwortung zu. Ohne ihre jeweiligen Anerkennungsanliegen zu vernachlässigen, müssen beide über den eigenen Tellerrand hinaus ihren Blick auch auf die Gesamtgesellschaft richten. Denn es steht mehr auf dem Spiel als nur die beiden Communities. Beispielsweise könnte die schwul-lesbische Community zumindest versuchsweise eine solche De-Zentrierung auf dem zunehmend sicherer werdenden Fundament ihrer Gleichstellungserfolge wagen. Jedenfalls darf keine der beiden Communities zu einem rückwärtsgewandten Vertriebenenverband mutieren, nur um einer Vertreibung aus dem Paradies der gesellschaftlichen Anerkennung - einer Vertreibung, die zweifelsohne schmerzhaft war und viel zu lange währte - auch dann noch möglichst profitabel nachtrauern zu können, wenn man längst seinen respektablen Platz in der Gesellschaft gefunden hat.

Gesellschaftlicher Fortschritt basiert immer auch auf sozialem Einfluss. Gegenseitiger Respekt verbietet nicht den Versuch der gegenseitigen Einflussnahme. Allerdings schuldet man dem respektierten Gegenüber gute Gründe und Argumente, die er oder sie verstehen und vernünftigerweise akzeptieren kann.[12] So wie es eine dem Empfänger zumutbare Zumutung ist, Einflussversuchen durch gute Argumente ausgesetzt zu sein, ist es auch eine dem Sender zumutbare Zumutung, seine Einflussversuche in eine für den Empfänger verständliche Sprache zu übersetzen. Wollen Schwule und Lesben auf die muslimische Migranten-Community respektvoll Einfluss nehmen, dürfen sie die religiösen Überzeugungen von Muslimen nicht schlichtweg als irrational ablehnen. Mehr noch: Sie müssen sich der religiösen Sprache der Muslime aussetzen und sollten sich sogar daran beteiligen, "relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen".[13]

Vielleicht erlaubt der Begriff "Zumutung" ja die Interpretation, dass nicht nur der Zumutende Mut braucht und beweist, sondern dieser auch seinem Gegenüber den Mut zuschreibt, ihm also zutraut, mit der Zumutung angemessen umgehen zu können. In diesem Sinne könnten sich die in diesem Beitrag diskutierten irritierenden Konfrontationen mit Alterität sowie die damit verbundenen Einflussversuche langfristig sogar als produktive Zumutungen erweisen. Überrascht vom eigenen Mut, den Anderen zulassen zu können, fassen beide Seiten möglicherweise den Mut, das Andere auch als Ressource für sich selbst anzuerkennen und zu explorieren.[14]

Sollten die schwul-lesbische Community und die muslimische Migranten-Community diesen Mut entwickeln, wäre das eine Ermutigung für alle, denn if we can make it there, we'll make it anywhere ...

Fußnoten

11.
Davon wusste schon Hans Albers in Helmut Käutners Spielfilm "Große Freiheit Nr. 7" (1944) ein Lied zu singen.
12.
Vgl. J. Habermas (Anm. 6), S. 126.
13.
Ebd., S. 322.
14.
Vgl. ebd., S. 115.

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch 70 Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus?

Mehr lesen

Mediathek

Homophobie begegnen

Homophobie und auch Transphobie findet man an vielen Orten. Dieser Film zeigt, was das eigentlich für die Betroffenen bedeutet.

Jetzt ansehen