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9.4.2010 | Von:
Michael Bochow

AIDS-Prävention: Erfolgsgeschichte mit offenem Ausgang

Streit im aufklärungsorientierten Lager

Die engagierte Studie Rosenbrocks lieferte eine willkommene konzeptionelle Handlungsanleitung für die AIDS-Hilfen, die sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre vehement gegen die Vertreter einer repressiven seuchenpolizeilichen Linie in der AIDS-Politik wehrten. In der alten Bundesrepublik wurde diese politisch vor allem repräsentiert durch CSU-Politiker wie Peter Gauweiler, publizistisch sekundiert von Spiegel-Journalisten wie Hans Halter[2] und von sozialepidemiologisch agierenden Medizinern wie Michael G. Koch.[3]

In Absetzung von unbefolgbaren Safer-Sex-Katalogen aus den USA und in Anlehnung an die von Rosenbrock formulierte Ablehnung maximalistischer Konzepte beschloss die Deutsche AIDS-Hilfe, die lange Liste von Geboten und Verboten durch wenige klare und knappe Empfehlungen zu ersetzen. Für die Hauptbetroffenengruppe homo- und bisexueller Männer lauteten sie: 1. bei Analverkehr ein Kondom benutzen; 2. kein Sperma in den Mund des Partners. Die Konzentration auf diese Empfehlungen wurde - ganz im Sinne einer "minimalistischen" Strategie - als notwendig empfunden, um nicht nur die Akzeptanz der Normen des Safer Sex zu erhöhen, sondern auch ihre praktische Umsetzung zu erleichtern. Während die AIDS-Hilfen (nicht zu Unrecht) darauf beharrten, dass ihre Präventionsempfehlungen eine "minimal invasive" Schutzstrategie seien, rief das Ansinnen eines generalisierten und "zeitstabilen" Kondomgebrauchs sofort Kritiker in der gay community und in der (west)deutschen Sexualwissenschaft auf den Plan. Schwule Publizisten wie Matthias Frings[4] und Frank Rühmann[5] beklagten eine "Kondomisierung" der Sexualität; der Heidelberger Psychotherapeut Ulrich Clement kritisierte den "zum Teil kastrierenden Charakter des Safer Sex".[6]

Kennzeichnend für die Diskussionen in (West)Deutschland Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre war, und dies unterschied die Debatten deutlich von denen in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden, dass innerhalb des Lagers derer, die auf individuelle Selbstverantwortlichkeit setzten, sich noch einmal zwei Positionen gegenüberstanden. Eine Mehrheit befürwortete einen zunächst unhinterfragten generalisierten Kondomgebrauch, eine bedeutsame Minderheit warnte vor einer blinden "Kondomisierung". Clement unterschied in einem viel beachteten Vortrag im "aufklärungsorientiertem Lager" zwischen "Präventionsrationalisten" und "Triebrealisten": "Die 'Präventionsrationalisten' glauben an die vernunftgesteuerte Lenkbarkeit der Sexualität. Theoretisch gehen sie von einem kognitiven Lernmodell aus und von der vorpsychoanalytischen Annahme, dass das 'Ich Herr im eigenen Haus' sei. Die 'Triebrealisten' beharren auf der Widerständigkeit und dionysischen Unbelehrbarkeit des Triebes. Theoretisch sehen sie einen hohen Stellenwert unbewusster Motive, präventionspolitisch vertreten sie eine kritische Position zur Safer-Sex-Kampagne."[7]

Fußnoten

2.
Vgl. Hans Halter (Hrsg.), Todesseuche AIDS, Reinbek 1985.
3.
Vgl. Michael G. Koch, AIDS: Vom Molekül zur Pandemie, Heidelberg 1987.
4.
Vgl. Matthias Frings (Hrsg.), Dimensionen einer Krankheit - AIDS, Reinbek 1986.
5.
Vgl. Frank Rühmann, Sicherer Sex, in: Volkmar Sigusch/Hermann L. Gremliza (Hrsg.), Operation AIDS - Das Geschäft mit der Angst (Sexualität Konkret 7), Hamburg 1986.
6.
Ulrich Clement, Zur Sozialpsychologie des "Safer Sex", in: M. Frings (Anm. 4), S. 233.
7.
Ders., Zum Wahrheitsgehalt empirischer Sexualbefragungen. Vortrag auf der 16. Wissenschaftlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, Berlin 6.-8.10.1988, unveröff. Ms.

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