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9.4.2010 | Von:
Michael Bochow

AIDS-Prävention: Erfolgsgeschichte mit offenem Ausgang

Liberaler Präventionskonsens

Nach einem Höhepunkt der registrierten HIV-Infektionen Mitte der 1980er Jahre stabilisierte sich deren Zahl, um dann zurückzugehen.[8] Es könnte gefragt werden, ob dieser Rückgang vor allem auf die sich seit 1985 entwickelnde AIDS-Prävention zurückzuführen ist oder eher auf die mit AIDS verknüpfte Todesangst. Allein, eine solche isolierende Betrachtungsweise ist problematisch, weil die Erfolge der AIDS-Prävention nicht von der Angst, zum Teil Panik, der damaligen Zeit zu trennen sind. Unbestreitbar ist wohl, dass sich die auf gesellschaftliche Lernprozesse setzende Präventionsstrategie nicht so schnell durchgesetzt hätte, wenn nicht in der alten Bundesrepublik ein prekäres Gleichgewicht zwischen einer weiter bestehenden und weit verbreiteten antihomosexuellen Diskriminierung einerseits und einer gleichzeitigen gesellschaftlich organisierten Abwehr der tödlichen Bedrohung schwuler Männer durch AIDS andererseits hätte hergestellt werden können.

Vor dem Hintergrund der brutalen Verfolgung der Homosexuellen im "Dritten Reich" und angesichts des homosexuellenfeindlichen gesellschaftlichen Klimas der Adenauer-Zeit bestand in der liberalen Öffentlichkeit Einigkeit darüber, dass Vorsicht und Behutsamkeit in der AIDS-Politik dringend erforderlich seien. Hiervon profitierte neben der Hauptbetroffenengruppe der Schwulen auch die andere besonders betroffene Gruppe, die der Konsumentinnen und Konsumenten intravenös injizierter Drogen. Vor dem Hintergrund einer "großen Koalition" in der AIDS-Präventionspolitik, die sich Ende der 1980er Jahre durchsetzte und von liberalen CDU-Mitgliedern über die FDP und die SPD bis zu den Grünen reichte,[9] wurde ein gesellschaftliches Klima geschaffen, das der am meisten von HIV/AIDS betroffenen Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (im Folgenden MSM), dazu verhalf, eine Routine des Risikomanagements im Hinblick auf AIDS zu entwickeln.[10]

Waren während des Höhepunktes der AIDS-Krise die Zahl der Sexualpartner und die Frequenz anal-genitaler Kontakte bei homo- und bisexuellen Männern stark zurückgegangen, so erfolgte eine Zunahme von beiden wieder ab Anfang der 1990er Jahre.[11] Dass dies vor der Einführung wirkungsmächtiger antiretroviraler Kombinationstherapien erfolgte, muss hervorgehoben werden. Das praktizierte Risikomanagement war Ausdruck einer größeren Zuversicht und Selbstsicherheit im Verfolgen individueller Bewältigungsstrategien in der AIDS-Krise. Diese erfolgten im Rahmen eines kollektiven Lernprozesses homo- und bisexueller Männer, der wiederum gestützt wurde durch das relativ liberale gesellschaftliche Klima in den 1990er Jahren. Schneller als ursprünglich gehofft werden konnte, bestätigten sich somit zwei zentrale Thesen des aufklärungsorientierten Präventionslagers: die These des gesundheitserhaltenden Potentials nichtmedizinischer Prävention und die These, dass das gesellschaftliche Klima einen wesentlichen Bestandteil des Infektionsklimas ausmacht.[12]

Unabhängig von der wechselnden Parteizusammensetzung der Bundesregierungen seit 1990 (ebenso der Landesregierungen) wurde dieser auf Selbstverantwortung setzende Präventionsansatz weiter verfolgt. Der Erfolg der deutschen Präventionspolitik sei hier mit einer kurzen Zahlenreihe illustriert. Unter den postindustriellen westlichen Ländern ist die stärkste Ausbreitung von HIV in den USA und in der Schweiz zu beobachten: 0,6% der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren sind in beiden Ländern von einer Infektion mit dem HI-Virus betroffen. In der gleichen Altersgruppe sind in Frankreich 0,4%, in Großbritannien 0,2% und in Deutschland 0,1% der Bevölkerung betroffen.[13]

Fußnoten

8.
Vgl. Ulrich Marcus, 20 Jahre HIV/AIDS-Epidemie in Deutschland, in: ders. (Hrsg.), Glück gehabt? Zwei Jahrzehnte AIDS in Deutschland, Berlin-Wien 2000.
9.
Vgl. Günter Frankenberg, Deutschland - der verlegene Triumph des Pragmatismus, in: David Kirp/Ron Bayer (Hrsg.), Strategien gegen AIDS. Ein internationaler Politikvergleich, Berlin 1994.
10.
Vgl. Michael Bochow, Safer Sex: Quo vadis?, in: AIDS-Hilfe Frankfurt (Hrsg.), Vielfältig verbunden - 20 Jahre AIDS-Hilfe Frankfurt, Miltenberg-Frankfurt/M. 2005.
11.
Vgl. Michael Bochow/Axel J. Schmidt/Stefanie Grote, Schwule Männer und AIDS: Lebensstile, Szene, Sex 2007. Eine Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung/BZgA (AIDS-Forum DAH 55), Berlin 2010.
12.
Vgl. auch Rolf Rosenbrock/Doris Schaeffer (Hrsg.), Die Normalisierung von AIDS. Politik-Prävention-Krankenversorgung, Berlin 2002.
13.
Vgl. Michael T. Wright/Rolf Rosenbrock, Zur Normalisierung einer Infektionskrankheit, in: Günter Albrecht/Axel Groenemeyer/Friedrich W. Stallberg (Hrsg.), Handbuch Soziale Probleme, Wiesbaden 2010 (i.E.).

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