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9.4.2010 | Von:
Michael Bochow

AIDS-Prävention: Erfolgsgeschichte mit offenem Ausgang

"Zunehmende Sorglosigkeit" oder anhaltende Medizinergläubigkeit?

Diskutiert wird inzwischen die Frage, ob sich in absehbarer Zeit (vor allem) in den großstädtischen Schwulenszenen das Bewusstsein durchsetzen wird, dass eine Viruslast unter der Nachweisgrenze bei HIV-Infizierten viel bedeutsamer ist als der generalisierte Gebrauch des Kondoms, auch bei Sexkontakten außerhalb von Paarbeziehungen. Die EKAF-Schlussfolgerungen werden gegenwärtig weder im deutschen Mediziner-Establishment noch bei den leitenden Akteuren der AIDS-Prävention uneingeschränkt akzeptiert. Dass neun Zehntel der über 8000 in Deutschland befragten MSM sich 2007 noch sehr skeptisch zur Nichtinfektiosität von antiretroviral behandelten Positiven äußern, lässt auf ein großes Vertrauen in "konservativ" argumentierende Mediziner schließen. Abzuwarten bleibt, wie sich diese Haltung entwickeln wird. Von abrupten Einstellungsänderungen ist allerdings nicht auszugehen.[22]

Die anhaltende Vorsicht unter homosexuellen Männern scheint die immer wieder vorgebrachte Behauptung zu widerlegen, es mache sich unter ihnen "zunehmende Sorglosigkeit" breit. Vor dem Hintergrund der seit 2002 vom Robert Koch-Institut (RKI) beobachteten Zunahme von registrierten HIV-Infektionen vor allem unter MSM wurde in unterschiedlichsten Zusammenhängen ein wachsendes Risikoverhalten in dieser Gruppe vermutet. Die Behauptung "zunehmender Sorglosigkeit" von MSM (oder generell von jungen Erwachsenen) wurde nicht nur von Vertretern der AIDS-Hilfen mehrfach geäußert, sondern vor allem auch in der Boulevardpresse kolportiert.[23]

Die empirische Evidenz, die aus den in Deutschland bislang erhobenen Daten abgeleitet werden kann, bestätigt die These von der "zunehmenden Sorglosigkeit" vorerst nicht. Die fachlich zuständigen Epidemiologen des RKI schlagen - traditionell vorsichtig formulierend - eine sehr differenzierte Interpretation der ihnen zugänglichen Informationen vor. Als "wahrscheinlichste Deutung" der vorliegenden Daten gilt für sie, "dass sich die Zunahme der neudiagnostizierten HIV-Infektionen zu einem kleineren Anteil aus vermehrter Testdurchführung und zum größeren Teil aus einer tatsächlichen Zunahme von Neuinfektionen zusammensetzt". Die Zunahme der Neuinfektionen wiederum kommt nach Einschätzung der RKI-Epidemiologen [24] eine Zunahme von sexuell übertragbaren Infektionen unter MSM, vor allem von Syphilis, erhöhe die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV.

Fußnoten

22.
Vgl. M. Bochow et al. (Anm. 11).
23.
Vgl. statt vieler Kai-Uwe Merkenich, Die neue Sorglosigkeit. Interview mit Anja Schlender, in: Berliner Zeitung vom 1.12.2007, S. 26.
24.
Robert-Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin, Sonderausgabe A (2008), S. 2.

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