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Der vergessene "Dritte Weg"


4.3.2010
Dass Vorstellungen eines "Dritten Wegs" so widerstandslos untergingen und heute aus der öffentlichen Erinnerung geschwunden sind, findet seine tiefste Ursache im Abschied von der Moderne des 20. Jahrhunderts.

Einleitung



Der "Dritte Weg" einer demokratisch erneuerten DDR ist kein Erinnerungsort der jüngsten Zeitgeschichte. Nicht mit der Vision eines demokratischen Sozialismus zwischen Markt- und Planwirtschaft hat sich der revolutionäre Umbruch von 1989/90 im Gedächtnis unserer Zeit etabliert, sondern mit dem Pathos einer nationalen Freiheits- und Einheitsbewegung, die folgerichtig in das Ende der über vierzigjährigen Teilung Deutschlands mündete. Die öffentliche Erinnerung wird von einem zeithistorischen Narrativ beherrscht, das die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 aus dem Blickwinkel der deutschen Vereinigung vom 3. Oktober 1990 betrachtet und auf die zielstrebige Geschlossenheit des atemberaubenden Revolutionsgeschehens abhebt: "Wir dachten daran", erinnerte sich Rainer Eppelmann, "in der DDR einen freiheitlichen Staat aufzubauen, der in zunehmend engerer Verbindung zur Bundesrepublik Deutschland neue Wege erproben sollte."[1]


Dieser Sicht folgen nicht wenige jüngere Gesamtdarstellungen der friedlichen Revolution.[2] In einem narrativen Rahmen, der den Umbruch von 1989/90 als gradlinige Entwicklung hin zu politischer Freiheit und oft auch nationaler Einheit fasst, schrumpfen zeitgenössische Zielvorstellungen einer eigenständigen sozialistischen DDR zum realitätsfernen Hirngespinst von Sonderlingen, die während des Umbruchs den Kontakt zur Bevölkerung verloren hätten. Soweit die Vision eines "Dritten Wegs" diesen Rahmenwechsel überstanden hat, zog sie sich in die trotzige oder melancholische Gegenerinnerung ehemaliger Protagonisten zurück, die sich der "Nötigung zur Identitätsverleugnung" verweigern[3] und resigniert mit dem Verlauf des Umsturzes von 1989/90 ins Gericht gehen[4] oder bis heute über den "lebendige(n) Traum von einer anderen DDR" nachsinnen, "die wirklich demokratisch wäre".[5]

Sozialistische Erneuerung



Auch eine entschlossen teleologische Deutung der friedlichen Revolution kann nicht die Kluft zwischen der kaum mehr als zweitausend mutige Köpfe umfassenden Bürgerrechtsbewegung und der Millionen zählenden Volksbewegung ignorieren, die sich vor allem über die Montagsdemonstrationen und die anschwellende Ausreiserwelle entfaltete und im Mauerdurchbruch ein Ventil für das unterdrückte Bedürfnis nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und Wohlstand fand. Hier behilft sich die erfolgsgeschichtliche Revolutionserzählung mit einer Denkfigur, die den sich aufdrängenden Gegensatz zwischen den "Oppositionellen, die im Land etwas verändern wollten", und den "Hoffnungslosen, die nur noch wegwollten", mit einer Unterscheidung zwischen empirischem und eigentlichem Geschehen zum Verschwinden bringt: "Beide Gruppen pochten auf die Einhaltung der Menschenrechte, die einen wollten sie erkämpfen, die anderen sie sofort haben. Beide Ansätze waren legitim. Öffentlich einräumen konnten beide Seiten aber nicht, dass sie eigentlich auf der gleichen Seite der Barrikade standen."[6]

Gegen die glättende Sicht der Zeitzeugen, die in ihrer Unterscheidung zwischen subjektivem und objektivem Wollen[7] die Akteure des Umbruchs zu Werkzeugen des historischen Fortschritts entmündigt, steht freilich die Aussage der Zeitzeugnisse. Beobachter der radikalen Veränderungen und der von ihnen ausgelösten Aufbruchsstimmung zeigten sich Ende 1989 vielfach ganz selbstverständlich davon überzeugt, dass die Erneuerung auf eine "sozialistisch inspirierte Alternative zur Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik" ziele,[8] die Stalinismus und Thatcherismus gleichermaßen hinter sich lassen wolle.[9] Dieser Eindruck deckt sich mit zahllosen regimekritischen Verlautbarungen des Herbstes. "Es geht nicht um Reformen, die den Sozialismus abschaffen, sondern um Reformen, die ihn weiterhin in diesem Lande möglich machen", deklarierte die Resolution der Künstler vom 18. September 1989[10] und drückte aus, was den oppositionellen Aufbruch in der DDR insgesamt beseelte: "Niemand forderte das Ende des Sozialismus, keiner dachte an das Ende vom Sozialismus."[11] Es steht außer Frage, dass sich die regimekritische Bewegung der 1980er Jahre in der DDR "an einem alternativen Sozialismus, nicht aber an einer Alternative zum Sozialismus" orientierte.[12]

Einschränkungen gelten am ehesten noch für die sozialdemokratische Neugründung SDP, die eine an die Tradition von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit anknüpfende Alternative für "unser Land" engagieren wollte.[13] Ein Bekenntnis zur sozialistischen Zukunft legte dagegen der Appell "Für eine vereinigte Linke in der DDR" vom September 1989 ab, der sich "an alle politischen Kräfte" richtete, "die für einen demokratischen und freiheitlichen Sozialismus eintreten".[14] Auf anderer weltanschaulicher Basis hielt auch der "Aufruf zur Einmischung in eigener Sache" der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" an einer sozialistischen Zukunft fest: "Was die sozialistische Arbeiterbewegung an sozialer Gerechtigkeit und solidarischer Gesellschaftlichkeit angestrebt hat, steht auf dem Spiel. Der Sozialismus muß nun seine eigentliche, demokratische Gestalt finden, wenn er nicht geschichtlich verloren gehen soll."[15] Auch der "Demokratische Aufbruch" stellte Ende Oktober 1989 den "Demokratischen Sozialismus" als Orientierungsnorm heraus: "Die kritische Haltung des Demokratischen Aufbruchs (DA) zum real-existierenden Sozialismus bedeutet keine Absage an die Vision einer sozialistischen Gesellschaftsordnung."[16] Nicht anders warnte der Aufruf zur Gründung einer Grünen Partei in der DDR im November davor, dass die "Erneuerungsbewegung (...) eine Gesellschaft der Ellbogenfreiheit, der Verschwendung und Wegwerfmentalität entstehen läßt".[17]

Die Erosion des diktatorischen Machtgebäudes nährte unter Oppositionellen wie SED-Reformern die Hoffnung, dass "der Untergang des dogmatischen und bürokratischen Sozialismus und der Anfang des wahren, des schöpferischen Sozialismus" erst bevorstehe.[18] Die Demonstration "der Kunst- und Theaterschaffenden" am 4. November auf dem Alexanderplatz mobilisierte Hunderttausende und wurde zur massenwirksamsten Manifestation eines "verbesserlichen" Sozialismus in der Geschichte der DDR. Gemeinsam bekannten sich 22 kritische Intellektuelle und führende SED-Funktionäre von einer zur Rednertribüne umgestalteten Lastwagenpritsche hinweg zum Geist der Erneuerung, den am eindrucksvollsten Stefan Heym formulierte: "Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, (...) den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit." Die Zukunft sei der "Sozialismus, nicht der Stalinsche, der richtige, den wir endlich erbauen wollen zu unserem Nutzen und zum Nutzen von ganz Deutschland".[19] In der Menschenmenge standen Basisdemokraten neben reformwilligen SED-Mitgliedern, die von der Vorstellung beseelt waren, dass "wir es in der DDR selbst schaffen würden, Gesellschaft und politische Ordnung eigenverantwortlich umzugestalten".[20] Die Kundgebung blieb vielen Beteiligten als "das zentrale Erlebnis der Wendezeit" im Gedächtnis,[21] und der Schulterschluss zwischen Opposition, SED-Reformern und Bevölkerung ließ die Verwirklichung der alten Utopie des "Dritten Wegs" zum Greifen nahe erscheinen: "Wir schwebten noch im Traum einer Selbstbefreiung. Wir meinten, nun würde eine deutsche demokratische Republik möglich, eine revolutionäre Frucht des gemeinsamen aufrechten Gangs (...)."[22] Mit Recht konnte Egon Krenz rückblickend darauf verweisen, dass an diesem Tag keine Forderungen nach Abschaffung der DDR zu hören waren.[23]

Im Gegenteil: Selbst dem Fall der Mauer fünf Tage später kam im Horizont dieses Aufbruchsdenkens vielfach nur beiläufige Bedeutung zu.[24] Weit wichtiger konnte stattdessen der von Hunderttausenden unterzeichnete Aufruf "Für unser Land" vom 26. November 1989 erscheinen, der die Vision einer "sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik" beschwor und davor warnte, dass "ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt".[25] In der Erarbeitung einer neuen, betont plebiszitären und sozialrechtlichen DDR-Verfassung schien der Traum eines "Dritten Wegs" im April 1990 Gestalt anzunehmen - und sollte von den politischen Umständen sofort wieder in Luft aufgelöst werden: Die vom vorgezogenen Termin der Volkskammerwahl überraschte Arbeitsgruppe konnte dem Zentralen Runden Tisch auf dessen 16. und letzter Sitzung am 12. März 1990 noch keinen vollständigen Verfassungsentwurf präsentieren, und ihr Vorschlag, einen Verfassungsrat zu gründen, fand keine Mehrheit mehr.[26] Sechs Tage später entzog der Ausgang der Volkskammerwahl mit der Marginalisierung der Bürgerrechtsbewegung und dem Sieg der vereinigungsorientierten "Allianz für Deutschland" dem Konzept eines "Dritten Wegs" die politische Handlungsgrundlage und ließ nicht nur Bärbel Bohley um "die verlorene Chance" trauern, "daß hier wirklich etwas hätte entstehen können, was ganz neu ist in der Welt".[27]

Vom Königsweg zum Irrweg



Dass sich der Königsweg so rasch und entschieden in einen Irrweg verwandelte,[28] lässt sich nicht allein aus der Wirkungsmacht der Teleologie ableiten. Sie allein kann schwerlich erklären, warum die Zielvorstellung eines "Dritten Wegs" - anders als im Gefolge der deutschen Novemberrevolution 1918/19, des Ungarn-Aufstands 1956 oder des Prager Frühlings 1968 - heute keinen öffentlichen Erinnerungswert mehr besitzt und selbst in der Revolutionsdeutung vieler seiner einstigen Protagonisten wie ausradiert erscheint.

Die übrig gebliebenen Anhänger einer sozialistischen Erneuerung, die sich als authentische Vertreter des oppositionellen Geistes von 1989 verstehen und "das Umlügen der eigenen Geschichte" durch die "nachträglichen Fetischisten des Status quo" geißeln,[29] glauben die Erklärung in der moralischen Denunzierung ihrer einstigen Mitstreiter finden zu können. Doch wer die Abkehr der Bürgerrechtsbewegung von der Vision des "Dritten Wegs" vornehmlich auf die unterwürfige Anpassungsbereitschaft von Oppositionellen zurückführen will, "die in Amt oder Mandat ihren Frieden mit dem Bestehenden gemacht haben",[30] hält ausgerechnet denen eine herrschaftsfromme Charakterschwäche vor, die sich vor dem Herbst 1989 durch regimekritische Gesinnungsstärke ausgezeichnet hatten.[31] Mehr analytischen Gewinn verspricht eine Erklärungsstrategie, welche die Ursache für das Verschwinden des "Dritten Wegs" nicht in den Akteuren des Umbruchs sucht, sondern in den politisch-kulturellen Bedingungen, unter denen sie handelten.

Der überragende Grund für das rasche Verschwinden des "Dritten Wegs" aus der politischen Diskussion ergibt sich fraglos aus seiner Inkompatibilität mit den Zielen und Interessen der in Bewegung geratenen Massen, die das Grenzregime des Mauerstaats seit Sommer 1989 immer stärker unter Druck zu setzen begonnen hatten und denen am 9. November die missverständliche Medienreaktion auf eine missverständliche Erklärung zum neuen Reisegesetz genügte, um die Tore der Mauer zu sprengen. Dass der kurzzeitigen "Verschmelzung von Opposition und Volksprotest"[32] ebenfalls eine Fehlannahme zugrundelag, tat Bärbel Bohley nur Tage nach dem Mauerfall mit drastischen Worten kund: "Die Menschen sind verrückt, und die Regierung hat den Verstand verloren."[33]

Bis zum Mauerfall hatte der Druck des Regimes den unterschiedlichen Bewegungen von Regimekritikern, Montagsdemonstranten und Ausreisern ein gemeinsames Ziel gegeben, wiewohl gerade die Ausreiserproblematik immer wieder die Gräben zwischen der auf demokratische Erneuerung hinarbeitenden Bürgerrechtsbewegung und der auf Reisefreiheit und Wohlstandsteilhabe gerichteten Volksbewegung hatte aufscheinen lassen.[34] In dem Moment, als die SED-Diktatur ins Wanken geriet, schossen nicht nur die strukturell entgegengesetzten Handlungsstrategien von Ausreisern und Hierbleibern zusammen. Für wenige Wochen konnte die Protestbewegung einer kleinen Gruppe standhafter Regimekritiker zum Sprachrohr der massenhaft anschwellenden und dann landesweiten Loyalitätskündigung in der Gesellschaft werden. Welche Irritationen diese situative Allianz auf beiden Seiten erzeugte, illustrierte rückblickend ein Sprecher des Neuen Forums, das für den 2. Oktober in Schwerin zu einem Gesprächsabend geladen hatte: "Wir fragten uns an diesem Abend: Was wollen die ganzen Leute hier?" Auf der Gegenseite war demselben Zeugnis nach die Fremdheit nicht geringer: "Es kamen Leute, die ihre Sympathie, die ihre Unterstützung für das Neue Forum erklären wollten, die mitarbeiten wollten, die sich engagieren wollten. (...) Ich habe dann angefangen zu erzählen, was wir vorhaben, (...) wo das Ganze hingehen soll. Aber häufig lief das dann darauf hinaus, daß sie irgendwann zumachten und sagten: Bitte, das ist jetzt alles zuviel, das wollen wir alles nicht wissen, zeigen Sie uns einfach, wo sollen wir unterschreiben, sagen Sie uns, wer ist hier der Chef, wer sagt, wo's lang geht und was wir machen sollen."[35]

So ernüchternd dieses Zusammenfinden denkbar unterschiedlicher politisch-kultureller Milieus war, und so misstrauisch viele Bürgerrechtler gegenüber dem Massenzulauf blieben, erzeugte die plötzliche Popularität der Protestbewegung doch zwangsläufig die beflügelnde Vorstellung einer gesamtgesellschaftlichen Verankerung, die dann ihre Realitätsferne im Laufe des Jahres 1990 in aller Härte offenbaren sollte. Viele Bürgerrechtler waren unter dem Eindruck dieser Enttäuschung bereit, sich lieber von der Idee eines "Dritten Wegs" zu trennen als den einmal erreichten Konsens mit der Mehrheitsbevölkerung wieder preiszugeben. Sie mochten darin durch die oft schmerzhafte Erkenntnis bestärkt worden seien, dass die Dissidenten auch von den oppositionellen Bewegungen in den anderen kommunistischen Staaten Ostmitteleuropas isoliert waren, die sich längst von reformsozialistischen Hoffnungen verabschiedet hatten.[36]

Aber auch wer auf die Abwahl der Bürgerrechtsbewegung resignativ oder gelassen mit dem Ausstieg aus der Politik reagierte, tat dies im Bewusstsein, dass es für einen "Dritten Weg" keinen Handlungsspielraum mehr geben könnte, in dem zugleich das herrschaftskritische Selbstverständnis der Bürgerrechtsbewegung aufgehoben bliebe. Die eben noch scheinbar die Bevölkerung mobilisierende Vision eines "Dritten Wegs" erwies sich in den Monaten der welthistorischen Wende von 1989/90 als ein gleich in mehrfacher Hinsicht aus der Zeit gefallener Denkansatz, der einer vergangenen Sinnwelt des Politischen angehörte. Von der Mehrheitsbevölkerung trennte ihn das Ethos der Selbstbescheidung und der Geist der Askese, der das politische Denken der Verfechter eines erneuerten Sozialismus über den Zusammenbruch des SED-Staates hinaus grundierte. Hätten die freudetrunken den Fall der Mauer feiernden DDR-Bürger die Sprecher der Bürgerrechtsbewegung auch weiterhin als ihre Galionsfiguren akzeptiert, wenn sie gewusst hätten, dass Einzelne von ihnen zur selben Zeit über einen Aufruf der Opposition zur erneuten Grenzschließung berieten, "da die DDR ansonsten wirtschaftlich schnell ausbluten würde"?[37] Die Zukunftsvorstellungen der Oppositionsgruppen und der SED-Reformer trafen sich vielfach in der Abgrenzung von den Ausreisewilligen, denen die materiellen Segnungen des Westens mehr galten als die Mühen des Widerstands daheim, und sie trafen sich im gemeinsamen Grundzug einer moralischen Selbstbescheidung, der die ökologische Bewegung ebenso charakterisierte, wie er ihre Distanz zur westdeutschen Wohlstandsgesellschaft verstärkte.[38]

Der "Affekt gegen den Konsumismus"[39] ließ die Erneuerer des DDR-Sozialismus die Freude über Kaffeepakete als "würdelos"[40] ablehnen und mit einer Mischung von Schmerz und Verachtung auf ihre Landsleute blicken, die sich im Westen für ihr Begrüßungsgeld in die Schlange stellten, anstatt im Osten für eine bessere Zukunft zu kämpfen. "Ihr seid die Helden einer politischen Revolution, laßt Euch jetzt nicht ruhigstellen durch Reisen und schuldenerhöhende Konsumspritzen!", verlangte ein Aufruf des Neuen Forums nach dem Mauerfall[41] und deutete damit bereits den nur zeitweilig überdeckten Gegensatz der Demokratiebewegung zur wohlstandsorientierten Volksbewegung an. Während zwischen der zweiten Novemberhälfte 1989 und der ersten Februarhälfte 1990 die Zahl der DDR-Bürger, die sich für "den Weg eines besseren, reformierten Sozialismus" aussprachen, von 86 auf 56 Prozent sank und die der Vereinigungsbefürworter von 48 auf 79 Prozent stieg,[42] proklamierte das Neue Forum als Ziel seiner Arbeit, "dass so etwas wie eine DDR-Identität entsteht, die nach vierzig Jahren Verordnung von oben jetzt vielleicht die Möglichkeit hat, von unten zu wachsen".[43]

Strukturelle Differenzen taten sich aber auch zwischen der Bürgerrechtsbewegung und der politischen Denkwelt in der Bundesrepublik auf. Ein breiter Graben trennte das marktliberale und individualistische Freiheitsverständnis der politischen Kultur in der Bundesrepublik von einer DDR-Opposition, die "den Begriff der Freiheit nicht (...) als möglichst weitgehende Entgrenzung materieller Separatinteressen interpretierte, sondern (...) vor allem als soziale Norm und Verpflichtung begriff".[44] Das Politikverständnis der DDR-Opposition stand den prozeduralen Entscheidungsmustern politischen Handelns in westlichen Demokratien vielfach fremd gegenüber. Es orientierte sich an den Idealen einer basisdemokratischen Willensbildung, die auf Konsensgewinnung statt auf Konfliktaustrag zielte, und es war von einer aus der Diktaturerfahrung geborenen Machtscheu geprägt,[45] welche die Opposition im entscheidenden Moment die greifbar nahe Gelegenheit zur "Machtübernahme" verpassen ließ.[46] Der basisdemokratische und konsensorientierte Anspruch der Bürgerrechtsbewegung konnte sich lediglich in der Bildung der "Runden Tische" im Zuge der SED-Entmachtung manifestieren. Er fand darüber hinaus Eingang in den Verfassungsentwurf, der mit der Institutionalisierung der Bürgerbewegungen (Art. 35) und der Einrichtung von Volksentscheid und Volksbegehren (Art. 98) eine plebiszitäre Komponente schuf und mit der Stärkung der Rechte der Opposition (Art. 51) dem tradierten Konsensprinzip der oppositionellen Gruppen Rechnung trug.

Spätestens als die nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 neugebildete Regierung Lothar de Maizières den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 GG beschloss, bot sich der geschrumpften Anhängerschar eines "Dritten Wegs" nur noch jene politische Kraft als Weggenossin an, die in unmittelbarer Kontinuität zum institutionellen Kern der SED-Diktatur stand und deren materielles wie mentales Erbe angetreten hatte: die SED-PDS bzw. die PDS. Schon der den Außerordentlichen Parteitag im Dezember 1989 vorbereitende Arbeitsausschuss der SED hatte das Existenzrecht der erneuerten DDR nur noch in der "historische(n) Chance einer deutschen Alternative des demokratischen Sozialismus" gesehen.[47] Entsprechend warb die PDS im Vorfeld der Volkskammerwahl für einen "demokratischen Sozialismus", der die Herrschaft der Politbürokratie und die Herrschaft der Banken gleichermaßen hinter sich lasse und mit Hilfe der Dominanz des gesellschaftlichen Eigentums in die Herrschaft des Volkes überführe.[48]

Ein Zusammengehen mit den politischen Erben der totalitären Macht, deren Zurückdrängung das gemeinsame Anliegen aller dissidentischen Strömungen gebildet hatte, hätte dem Selbstverständnis der allermeisten oppositionellen Gruppen angesichts der veränderten Rahmenbedingungen und des absehbaren Aufgehens der DDR in der Bundesrepublik entschieden mehr abverlangt als die Abkehr von der Utopie des "Dritten Wegs". Nur wenige Bürgerrechtler etwa der Vereinigten Linken stellten die inhaltlichen Gemeinsamkeiten über die historische Gegnerschaft. Mit überwältigender Mehrheit aber lehnten die Oppositionellen eine Zusammenarbeit mit der geläuterten Staatspartei und ihren innerinstitutionellen Kritikern auch dann ab, wenn sie konzedierten, dass "wir eigentlich viele übereinstimmende Positionen dazu hatten, was jetzt nötig sei".[49] Keine inhaltliche Nähe vermochte die Kluft zu einer SED-PDS zu überbrücken, die sich einer Neugründung unter Verzicht auf das Erbe der Staatspartei verweigerte und bis in den revolutionären Umbruch hinein ungebrochen dem in die Frühphase des 20. Jahrhunderts zurückweisenden Glauben an die erzieherische Rolle der Avantgarde und die führende Rolle der Partei anhing.[50]

Von der eigenen Bevölkerung abgelehnt und ohne Widerhall in West wie in Ost, konnte ein "Dritter Weg", dem sich alleine noch ausgerechnet die gestürzte Diktaturpartei verpflichtet fühlte, keine politische Option der bürgerrechtlichen Bewegung mehr sein. In vielen Oppositionellen der späten DDR wurde der identitätsstiftende Glauben an eine sozialistische Erneuerung der DDR in kurzer Zeit zur Scham über die "peinliche Utopisterei",[51] deren Überwindung als persönliche Befreiung erlebt werden konnte.[52]

Dass das oppositionelle Konzept eines "Dritten Wegs" so nachhaltig von der Agenda des politischen Handelns verschwinden konnte, lag auch an seiner inhaltlichen Unbestimmtheit. Theoretische Diskussionen, die zur inhaltlichen Füllung der Vorstellung eines "verbesserlichen Sozialismus" hätten beitragen können, waren nicht das Anliegen der Bürgerrechtsbewegung gewesen.[53] Die unterschiedlichen Überlegungen der Oppositionsgruppen trafen sich in der Kritik an der stalinistischen und dogmatischen Verzerrung des "realen" Sozialismus und seiner diktatorischen Herrschaft, ließen aber Zukunftsvorstellungen weitgehend vermissen.[54] Letzteres gilt auch für die theoretisch fundierten Reformkonzepte der innerparteilichen SED-Reformintelligenz, die vorwiegend in akademischen Denkzirkeln etwa der Humboldt-Universität entwickelt wurden.[55]

In dem Moment, in dem die Massenbewegung die Mauer überwunden hatte, die sich ihrer Partizipation am westlichen Wohlstand in den Weg gestellt hatte, erodierte der leere Konsens über den "Dritten Weg" in die Zukunft ebenso wie die Machtstrukturen der SED-Herrschaft, aus deren Ablehnung er erwachsen war. Hinter ihm offenbarte sich die konzeptionelle Ratlosigkeit einer Opposition, die vom Mauerfall überrascht worden war. Die inhaltliche Unbestimmtheit des "Dritten Wegs" machte es vielen Bürgerrechtlern leicht, ihn als Hindernis einer Verständigung mit der in Aufruhr geratenen DDR-Bevölkerung hinter sich zu lassen.[56]

Fazit



Dass die Zukunftsvorstellung eines "Dritten Wegs" im Verlauf des Umbruchs von 1989/90 so widerstandslos unterging und heute aus der öffentlichen Erinnerung geschwunden ist, findet seine tiefste Ursache im Abschied von der Moderne des 20. Jahrhunderts und ihrer gesellschaftlichen Großordnungen. Mit dem Ende der Systemkonkurrenz und ihrer weltanschaulich geführten Religionskriege (Eric Hobsbawm) hatte sich auch die Suche nach historischen Alternativen zu den beiden beherrschenden sozialen Großordnungen von Kapitalismus und Kommunismus erschöpft.

Als die realsozialistische SED-Herrschaft zerfiel, zeigte sich, dass auch ihre mutigsten Kritiker stärker auf sie bezogen waren als die eben noch überwiegend loyale Bevölkerung, die sich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien suchte, sobald sich ihr die Gelegenheit dazu bot. In der Anziehungskraft, welche die Idee eines inhaltlich vage bleibenden "Dritten Wegs" auf Dissidenten und Oppositionelle ausübte, drückte sich die ideologische Abgeschlossenheit der DDR aus, deren Opposition mit zwanzigjähriger Verspätung eine Systemauseinandersetzung im Nachgang der 68er-Bewegung nachholte,[57] für die es im Westen kaum mehr einen politischen Resonanzboden gab.[58]

Zugleich aber war die Auseinandersetzung postmaterialistisch gefärbt. Von der westdeutschen Friedens- und Umweltbewegung angestoßen und ihren zivilisationskritischen Werten verpflichtet, bewegte sich die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung gerade nicht in der Tradition der neomarxistischen Vordenker eines "Dritten Wegs" in der DDR und ihrem Politikverständnis samt der ungebrochenen Bindung an das Fortschrittsdenken der industriegesellschaftlichen Moderne.[59] Im Untergang des Kommunismus an der Macht am Ende des 20. Jahrhunderts erwies sich die historische Utopie eines "Dritten Wegs", die nie den Ort ihrer Verwirklichung gefunden hatte, zugleich als politische Uchronie, deren Zeit abgelaufen war.

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Fußnoten

1.
Rainer Eppelmann, Fünf Jahre deutsche Einheit, in: Deutschland Archiv (DA), 28 (1995) 9, S. 897.
2.
"Der 18. März vollendete, was die Fluchtbewegung, die Massenproteste und die Bürgerbewegungen seit dem Spätsommer und Frühherbst 1989 gemeinsam erzwangen: freie demokratische Wahlen." Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 528. Mehr noch erkennt Ehrhart Neubert in der bruchlosen Folgerichtigkeit der Entwicklung das entscheidende Merkmal der Revolution von 1989/90: "Für die Deutschen ist sie schon deshalb etwas Einzigartiges, da es die erste Revolution war, die erfolgreich die Ideen von Freiheit und Nation miteinander verband." Ehrhart Neubert, Unsere Revolution, München 2008, S. 13.
3.
Vgl. Dieter Segert, Das 41. Jahr. Eine andere Geschichte der DDR, Wien-Köln-Weimar 2008, S. 7.
4.
Vgl. Thomas Klein, Außer Reden nichts gewesen? Der Runde Tisch zwischen Volkskammer und Modrow-Regierung, in: Bernd Gehrke/Wolfgang Rüddenklau (Hrsg.), ... das war doch nicht unsere Alternative. DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende, Münster 1999: "Wir wußten, daß die Mehrheit der Bürger der DDR sich der von den Herrschenden in Ost und West erfundenen Weisheit, daß keine Alternative jenseits der zwischen dem real existierenden Sozialismus und Kapitalismus denkbar wäre, unterwarf." (S. 236)
5.
D. Segert (Anm. 3), S. 7.
6.
I.-S. Kowalczuk (Anm. 2), S. 386.
7.
Exemplarisch Rainer Eckert, der unter Berufung auf Neubert der Opposition ein Politikverständnis attestiert, das "indirekt und direkt die Werte bzw. politischen Ziele Freiheit, Recht und Menschenrecht, Pluralismus und Entideologisierung des Staates, Selbstbestimmung sowie freie Wahlen verfolgte. Diese Forderung nach grundlegenden Werten der Demokratie stellte die Herrschaft der SED in Frage und damit indirekt auch die des eigenständigen deutschen Teilstaates DDR." Rainer Eckert, Sozialismusvorstellungen im Herbst 1989: Opposition und SED-interne Kritiker, in: Horch und Guck, Nr. 24, (1998) 3, S. 26f.
8.
Hubertus Knabe, Die deutsche Oktoberrevolution, in: ders. (Hrsg.), Aufbruch in eine andere DDR, Reinbek 1989, S. 19.
9.
Vgl. John Palmer, Eastern Bloc in Search of a Third Way, in: The Guardian vom 22.11. 1989, S. 23: "In East Germany, New Forum and other groups are beginning to polarise along new lines. Some seek to influence the reform wing of the ruling Communist Party in a more social democratic direction. Others want to fight for a distinctive third camp (...) - equally opposed to Stalinism and East European-style neo-Thatcherism."
10.
Zit. nach: Gerhard Rein (Hrsg.), Die Opposition in der DDR. Entwürfe für einen anderen Sozialismus, Berlin 1989, S. 150f.
11.
Frank Eigenfeld, Bürgerrechtsbewegungen 1988 - 1990 in der DDR, in: Andrea Pabst/Catharina Schultheiß/Petra Bohley (Hrsg.), Wir sind das Volk? Ostdeutsche Bürgerrechtsbewegungen und die Wende, Tübingen 2001, S. 68.
12.
Sung-Wang Choi, Von der Dissidenz zur Opposition, Köln 1999, S. 116. Stellvertretend für die mit zahlreichen empirischen Belegen gegen die teleologische Entfärbung der sozialistischen Oppositionsziele anschreibende Forschungsliteratur siehe des Weiteren: Dirk Rochtus, Zwischen Realität und Utopie. Das Konzept des "dritten Weges" in der DDR 1989/90, Leipzig 1999, S. 201ff.; Christof Geisel, Auf der Suche nach einem dritten Weg, Berlin 2005, S. 55ff.; Thomas Klein, "Frieden und Gerechtigkeit!" Die Politisierung der Unabhängigen Friedensbewegung in Ost-Berlin während der 80er Jahre, Köln-Weimar-Wien 2007, S. 512ff.
13.
Vgl. R. Eckert (Anm. 7), S. 27.
14.
Für eine vereinigte Linke in der DDR! Appell, in: Charles Schüddekopf (Hrsg.), "Wir sind das Volk!" Flugschriften, Aufrufe und Texte einer deutschen Revolution, Reinbek 1990, S. 19.
15.
Aufruf zur Einmischung in eigener Sache. Flugschrift der Bürgerbewegung "Demokratie jetzt" vom 12.9. 1989, in: ebd., S. 32, S. 35.
16.
Vorläufige Grundsatzerklärung und Diskussionspapier des "Demokratischen Aufbruch" (DA) vom 30.10. 1989, in: ebd., S. 163.
17.
Erklärung der Gründungsinitiative für eine Grüne Partei, zit. nach: G. Rein (Anm. 10), S. 120.
18.
Friedrich Schorlemmer, Umkehren und Gestalten, in: ders., Träume und Alpträume, Berlin 1990, S. 49f.
19.
4. November 1989. Protestdemonstration Berlin-Alexanderplatz. Tonbandprotokolle, in: Ch. Schüddekopf (Anm. 14), S. 207f.
20.
D. Segert (Anm. 3), S. 108.
21.
Vgl. Larissa Klinzing, Mein eigenwilliges Gedächtnis. Spannende Tage an der Humboldt-Universität, in: blz. Zeitschrift der GEW Berlin, (2009) November, S. 11.
22.
Friedrich Schorlemmer, Worte öffnen Fäuste, München 1992, S. 295.
23.
Vgl. Neues Deutschland (ND) vom 12.10. 2009.
24.
"Mich hat das erstaunlich wenig berührt, (...) zu erfahren, daß die Mauer auf ist. Ich war noch ganz beschäftigt mit unserem Mauerdurchbruch in den Sälen meiner Stadt." F. Schorlemmer (Anm. 22), S. 297.
25.
Zit. nach: ND vom 29.11. 1989.
26.
Vgl. D. Rochtus (Anm. 12), S. 252f. Zur Mobilisierungswirkung des Aufrufs siehe auch: Karsten Timmer, Vom Aufbruch zum Umbruch. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989, Göttingen 2000, S. 341ff.
27.
Konrad H. Jarausch, Die unverhoffte Einheit: 1989 - 1990, Frankfurt/M. 1995, S. 180.
28.
So treffend Eckhard Jesse, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Eine Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz, Berlin 2000, S. 10.
29.
Bernd Gehrke, 1989 und keine Alternative?, in: ders./W. Rüddenklau (Anm. 4), S. 430 und 420.
30.
Judith Demba u.a., Offener Brief an Joachim Gauck, 8.11. 1999, zit. nach: http://judithdemba.two day.net/stories/837755/main (26. 2. 2010).
31.
"(W)ie sich Freunde in Fremde und Kampfgefährten in peinliche Speichellecker des heute herrschenden Systems verwandelten, das ist schon ein durchaus befremdlicher Vorgang." Zit. nach: Bernd Gehrke/Wolfgang Rüddenklau, Vorwort, in: dies. (Anm. 4), S. 10.
32.
Klaus-Dietmar Henke, 1989, in: ders. (Hrsg.), Revolution und Vereinigung 1989/90, München 2009, S. 28.
33.
Zit. nach: E. Neubert (Anm. 2), S. 234.
34.
Vgl. Detlef Pollack, Politischer Protest. Politisch-alternative Gruppen in der DDR, Opladen 2000, S. 215.
35.
Martin Klähn, Bürgerbewegung als Träger der Wende - Bericht eines Zeitzeugen, in: Landtag Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.), Aufarbeitung und Versöhnung III. Zur Arbeit der Enquete-Kommission "Leben in der DDR. Leben nach 1989", Schwerin 1996, S. 137.
36.
F. Schorlemmer beschrieb diese Erfahrung im September 1989 so: "Als ich im Sommer in Polen war und mit Polen diskutiert habe, habe ich mich fast lächerlich gemacht damit, daß ich wirklich etwas vom Sozialismus halte." Zit. nach: G. Rein (Anm. 10), S. 145.
37.
Ein entsprechendes Treffen in seiner Wohnung mit Wolfgang Ullmann und Sebastian Artzt von "Demokratie Jetzt" überliefert E. Neubert (Anm. 2, S. 235) für den Abend des 13. November 1989 (an anderer Stelle: des 10. November) und referiert dessen Ausgang bemerkenswert schmallippig: "Die Idee wurde verworfen."
38.
Exemplarisch sind die Thesen einer Wittenberger Gemeindegruppe um Schorlemmer zum Kirchentag in Halle 1989: "Weil das Bewußtsein für den wahren Wert der Produkte gering ist, halten wir es für erforderlich, die Preise für Grundnahrungsmittel, Wohnungen und Energie so zu gestalten, daß nicht weiter achtlos damit umgegangen wird." F. Schorlemmer (Anm. 22), S. 46.
39.
E. Jesse (Anm. 28), S. 273.
40.
D. Segert (Anm. 3), S. 121.
41.
Zit. nach: Julia Michelis (Hrsg.), Die ersten Texte des Neuen Forum, Berlin 1990, S. 20.
42.
Vgl. Peter Förster/Günter Roski, DDR zwischen Wende und Wahl. Meinungsforscher analysieren den Umbruch, Berlin 1990, S. 53, S. 56.
43.
Mitteilungsblatt des Neuen Forum Nr. 5 vom 14.11. 1989, zit. nach: Ch. Geisel (Anm. 12), S. 148.
44.
Ebd., S. 64.
45.
Vgl. Konrad Weiß, "Was macht ihr, wenn ihr die Macht habt?", in: E. Jesse (Anm. 28): "Was wir keinesfalls wollten, war Macht." (S. 48)
46.
Vgl. z.B. Jens Reich, Revolution in der DDR - und zehn Jahre danach, in: A. Pabst u.a. (Anm. 11): "Viele von uns waren überdies aus moralischen und politischen Erwägungen nicht zu einer Machtübernahme bereit." (S. 46)
47.
Der Außerordentliche Parteitag der SED im Dezember 1989, in: DA, 23 (1990) 2, S. 291. Zur Entstehung und Zusammensetzung des Arbeitsausschusses vgl. D. Segert (Anm. 3), S. 29f.
48.
Vgl. D. Rochtus (Anm. 12), S. 239.
49.
So die Erinnerung des SED-Reformers Segert an ein Treffen mit dem SDP-Mitbegründer Hans Misselwitz am 19.11. 1989, vgl. D. Segert (Anm. 3), S. 126.
50.
Vgl. Michael Brie/Rainer Land/Hannelore Petsch/Dieter Segert/Rosi Will, Das Umbaupapier, in: Rainer Land (Hrsg.), Das Umbaupapier (DDR). Argumente gegen die Wiedervereinigung, Berlin 1990: "Reformprozesse müssen durch eine politische Kraft geführt werden, die Handlungsspielraum besitzt. Dies ist unter den Bedingungen des Sozialismus in der DDR heute allein die SED, die auf neue Weise das Integrationszentrum für progressive politische Parteien und Massenorganisationen, Bewegungen und Bürgerinitiativen werden muss. Die SED muss sich selbst an die Spitze des Reformprozesses stellen (...)." (S. 128)
51.
B. Gehrke (Anm. 29), S. 430.
52.
Vgl. Vera Lengsfeld, "Der Stalinismus ist eine Entzerrung des Kommunismus zur Kenntlichkeit", in: E. Jesse (Anm. 28): "Sich von eingetrichtertem Sozialismus und Reformsozialismus, sich von linker Utopie zu entfernen, von angstbestimmter Politik, ideologischer Depression und verinnerlichtem Antikapitalismus zu lösen, war schwer. Aber es war für mich ein (...) Prozeß der politischen Emanzipation." (S. 80)
53.
Vgl. Günter Nooke, "Wir trauten uns nicht, die auf der Straße liegende Macht aufzuheben", in: ebd.: "Wir haben gehandelt, nicht theoretisiert." (S. 103)
54.
Vgl. D. Rochtus (Anm. 12), S. 103; K. Timmer (Anm. 25), S. 339ff.
55.
Vgl. Michael Brie, Die Wende, in: Ch. Schüddekopf (Anm. 14), S. 217.
56.
Vgl. E. Neubert (Anm. 2), S. 236.
57.
Zum engen Bezug der DDR-Opposition auf "1968" vgl. Ch. Geisel (Anm. 12), S. 163ff.
58.
Vgl. Helga Grebing, Die schöne Gewöhnlichkeit. Vom Ende des Dritten Weges, in: Deutsches Institut für Fernstudienforschung an der Universität Tübingen (Hrsg.), Funkkolleg Deutschland im Umbruch. Studienbrief 3, Tübingen 1997, S. 25ff.
59.
Hellsichtig charakterisierte Rudolf Bahro schon 1982 den hoffnungsvollen Eigencharakter der sich formierenden Ökologie- und Friedensbewegung in der DDR: "Während hier manche angestrengt und dann enttäuscht nach dem DDR-Pendant zu Solidarnosc Ausschau hielten, schickte sich dort gerade eine völlig eigenständige Bewegung an, ins volle Tageslicht zu treten. (...). Das sind keine marxistischen Dissidenten, wie etwa Robert Havemann und ich es waren. Obwohl sie unsere Ideen aufgenommen haben, der Ansatz ist verschieden. (...) In dem Maße, wie dieses Netz nicht nur auf politische Ziele hin, sondern aus Lebens-, Gesinnungs-, Glaubensentscheidungen heraus gewebt ist, wird es sich als unzerstörbar, weitgehend auch unangreifbar erweisen." Ein Netz von erheblicher Spannkraft. Rudolf Bahro über die Friedensbewegung in der DDR, in: Der Spiegel, Nr. 50 vom 13.12. 1982, S. 58ff.

 

Dossier

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