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26.2.2010 | Von:
Detlef J. Kotte

Entwicklung durch Handel?

Erweiterung des Außenhandels

Im Außenhandel der Entwicklungsländer bedingen sich Exporte und Importe zum großen Teil gegenseitig: Devisenerlöse aus Exporten sind erforderlich für die Finanzierung von Importen, umgekehrt erfordert die Produktion von Gütern für den Export häufig den Import von Kapitalgütern und Vorprodukten, die nicht im Lande selbst produziert werden können.

Höhere Exporte können das Sozialprodukt in den Entwicklungsländern unmittelbar in dem Umfang erhöhen, in dem sie die Wertschöpfung in diesen Ländern steigern, d.h. keine erhöhten Importe an Vorprodukten erfordern und nicht mit einer Verringerung der Produktion für den einheimischen Markt verbunden sind.[2] Der für die wirtschaftliche Entwicklung wichtigere Effekt besteht dabei in den höheren Deviseneinnahmen, mit denen zusätzliche Importe bezahlt werden können. Ob daraus ein nachhaltiger positiver Entwicklungseffekt entsteht, hängt aber wesentlich davon ab, für welche Art von Importgütern sie verwendet werden. Exporterlöse, die für den Import von Konsumgütern verwendet werden, bringen keinen Entwicklungseffekt im Sinne einer Verbesserung der einheimischen Wertschöpfungsmöglichkeiten mit sich; das Gleiche gilt für Exporterlöse, die auf internationalen Kapitalmärkten angelegt werden.

Um Investitionen vornehmen zu können, die die Produktivität im Rohstoffsektor und die Kapazität für die Produktion von Industriegütern erhöhen, müssen Maschinen und Anlagegüter mit zunehmend anspruchsvoller Technologie und meist auch Vorprodukte importiert werden. Es kommt also darauf an, die Exporterlöse so weit wie möglich für solche Güter zu verwenden, um langfristig eine Steigerung der einheimischen Wertschöpfung sowie internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen.

Der potenzielle Beitrag eines erweiterten Außenhandels hängt daher u.a. davon ab, in welchem Maße Importe von Konsumgütern begrenzt werden können. Daraus ergibt sich für die Entwicklungsländer die Bedeutung der maximalen Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln und der Vermeidung von Importen von Luxusgütern. Auch andere Konsumgüter sollten nach Möglichkeit nur dann importiert werden, wenn ihre Herstellung im Lande selbst aus Mangel an einheimischem Kapital oder Technologie nicht möglich ist.

Diese Überlegung hat zum Konzept der "Importsubstitution" geführt, das aber nicht als Alternative zu "Exportorientierung" verstanden werden sollte. Tatsächlich handelt es sich nicht um Alternativen, sondern um je nach den Bedingungen und dem Entwicklungsstand des einzelnen Landes unterschiedlich zu kombinierende Elemente einer umfassenden Entwicklungs- und Industrialisierungstrategie.[3] Dies zeigen die Erfahrungen aller Volkswirtschaften, die sich erfolgreich in die Weltwirtschaft integriert haben.

Die Vorstellung, dass eine Ausweitung des Außenhandels durch Handelsliberalisierung grundsätzlich von Vorteil sei, beruht auf den Überlegungen der neoklassischen Wirtschaftstheorie, derzufolge sich bei Abwesenheit von Handelshemmnissen die Allokation der Produktionsfaktoren gemäß der "Theorie des komparativen Vorteils" verbessert und die gesamtwirtschaftliche Effizienz erhöht.[4] Der Einsatz der Produktionsfaktoren wird dabei verlagert von der Herstellung von Gütern, in denen die einheimische Wirtschaft international nicht wettbewerbsfähig ist, hin zur Herstellung solcher Güter, in denen die jeweilige Volkswirtschaft im internationalen Vergleich günstigere Bedingungen aufweist. In der Folge kommt es dann zwar zum verstärkten Import bestimmter Güter, die bisher im Lande selbst produziert wurden, aber der damit verbundene Rückgang der einheimischen Produktion wird kompensiert durch die verstärkte Produktion für den Export von Gütern, in denen die Volkswirtschaft international eine bessere Wettbewerbsfähigkeit besitzt. Trotz quantitativ unverändertem Ressourceneinsatz ergibt sich ein höheres Einkommen, da die Ressourcen effizienter eingesetzt werden.

Wichtiger als dieser theoretisch abgeleitete einmalige Effizienzgewinn sind aber die möglichen dynamischen Effekte einer Integration in die internationale Wirtschaft. So verbessert eine Erweiterung des Außenhandels die Möglichkeit, Kostenvorteile aus Massenproduktion, sogenannte Skaleneffekte, zu erzielen, insbesondere dann, wenn bereits die Anfänge einer industriellen Entwicklung gemacht sind. Aus diesem Grunde, so die Theorie, erhöht eine Erweiterung des Außenhandels auch die Möglichkeit der Spezialisierung auf bestimmte Produktgruppen, in denen einmal eine starke internationale Wettbewerbsposition erreicht ist. Außerdem können sich dynamische Entwicklungseffekte daraus ergeben, dass bei einer Öffnung der Märkte einheimische Produzenten verstärktem Wettbewerb ausgesetzt sind, der den Druck zu Produktivitätssteigerungen und Innovationen erhöht. Eine Ausweitung des Außenhandels kann auch ein Anreiz für ausländische Investoren sein, in dem betreffenden Land Produktionskapazitäten aufzubauen, was wiederum mit dem Transfer von Know-how und Technologie verbunden sein kann.

Unter den in den Modellen der neoklassischen Wirtschaftstheorie gemachten Annahmen ergeben sich all diese Wirkungen ohne Friktionen und Zeitaufwand. Die Realität sieht allerdings anders aus: Gerade in Entwicklungsländern stehen den dynamischen Anpassungsprozessen zahlreiche strukturelle Hindernisse im Wege.

Fußnoten

2.
Diese Idee des "vent for surplus" geht zurück auf Adam Smith und wurde für den Fall der Entwicklungsländer weiter ausgeführt von Hla Myint, The Classical Theory of International Trade and the Underdeveloped Countries, in: Economic Journal, 68 (1958), S. 317 - 337.
3.
Vgl. Lutz Hoffmann, Importsubstitution und wirtschaftliches Wachstum in Entwicklungsländern, Tübingen 1970; Dani Rodrik, The Limits of Trade Policy Reform in Developing Countries, in: The Journal of Economic Perspectives, 6 (1992) 1, S. 87 - 105.
4.
Vgl. Klaus Rose/Karlhans Sauernheimer, Theorie der Außenwirtschaft, München 200614, S. 387 - 392.

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