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26.2.2010 | Von:
Detlef J. Kotte

Entwicklung durch Handel?

Rahmenbedingungen für positive Entwicklungsimpulse

Im Gegensatz zu Annahmen in den meisten theoretischen Modellen erfordern die strukturellen Veränderungen im Zuge der Öffnung einer Volkswirtschaft einen erhebliche Zeitaufwand; außerdem sind sie mit erheblichen Kosten verbunden, denn neue oder zusätzliche Exportaktivitäten können nicht einfach durch eine "Reallokation" existierender Produktionsfaktoren in Gang gesetzt werden: Sie erfordern den Aufbau neuer Produktionskapazitäten, d.h. Investitionen. Ebenso wie die existierenden Produktionskapazitäten technisch spezifiziert sind, verfügen die eingesetzten Arbeitskräfte über spezifische Kenntnisse und Fähigkeiten, und sie können deshalb nicht ohne weiteres von einer Aktivität in eine andere verlagert werden. Vielmehr müssen Arbeitskräfte für neue Funktionen ausgebildet werden und Erfahrungen sammeln, bevor sie optimal produktiv eingesetzt werden können. Unternehmen brauchen für ihre Investitionsentscheidungen Informationen über Absatzmöglichkeiten in geografisch fernliegenden Märkten, die es zu beschaffen und unter relativ großer Unsicherheit auszuwerten gilt. Es müssen Absatzkanäle auf weitgehend unbekannten Märkten geschaffen und bestimmte Standards technischer und qualitativer Art erfüllt werden, bevor erfolgreich exportiert werden kann. Schliesslich müssen die erforderlichen Investitionen zu angemessenen Kosten finanziert werden können.

In all diesen Punkten haben es Anbieter aus Entwicklungsländern, die sich auf dem Weltmarkt auf unbekanntem Terrain bewegen, wesentlich schwerer als Anbieter aus Industrieländern, die ihnen Jahre oder Jahrzehnte an Erfahrung voraus haben und über bessere Technologie, höhere Produktionsstückzahlen, größere Produktionsflexibilität und ausgeteste Marketingmöglichkeiten verfügen sowie weitaus bessere Finanzierungsbedingungen für zusätzliche Investitionen vorfinden. Dieser Ungleichheit in den Ausgangsbedingungen könnte durch wirtschaftspolitische Maßnahmen auf nationaler Ebene und eine entsprechende Gestaltung des multilateralen Handelssystems begegnet werden.

Die in den erfolgreichen asiatischen Schwellenländern praktizierten Strategien lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Entwicklungsländer übertragen, aber der Vergleich der dort gemachten Erfahrungen mit denen anderer Länder weist doch auf einige Prinzipien und Rahmenbedingungen hin, die für die Freisetzung positiver Entwicklungsimpulse durch den Außenhandel von Bedeutung sind.

Handelsliberalisierung kann eine wachstumsfördernde Ausrichtung der Geld-, Finanz- und Strukturpolitik nicht ersetzen. Auf makroökonomischer Ebene besonders zu beachten ist die Bedeutung eines niedrigen Zinsniveaus für die Investitionstätigkeit und die Bedeutung des Wechselkurses für den Außenhandel. Letzterer ist eine Schlüsselvariable für die internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit für die Höhe der Exporte und Importe einer Volkswirtschaft. Es gilt daher, Überbewertung und Instabilität des Wechselkurses zu vermeiden. Überbewertung benachteiligt die einheimischen Produzenten und führt durch eine Verbilligung der Importe bei gleichzeitiger Verteuerung der Exporte tendenziell zu einem Handelsdefizit. Wechselkursinstabilität impliziert zusätzliche Unsicherheit für die einheimischen Produzenten und Investoren, mit tendenziell negativen Rückwirkungen auf ihre Investionsbereitschaft und auf die Finanzierungskosten. Aus diesen Gründen sollte so weit wie möglich verhindert werden, dass spekulative Kapitalbewegungen Fehlentwicklungen des Wechselkurses bewirken. Dies kann entweder durch Kapitalverkehrskontrollen auf nationaler Ebene oder durch internationale Maßnahmen im Rahmen einer Reform des internationalen Währungssystems geschehen.[7]

Handelsliberalisierung kann dann Wachstum und Entwicklung fördern, wenn sie nicht allgemein und radikal vollzogen wird, sondern selektiv und schrittweise, und dabei integraler Bestandteil einer umfassenderen Entwicklungsstrategie ist, in der verschiedene nationale wirtschaftspolitische Instrumente kohärent eingesetzt werden.

Auf internationaler Ebene muss natürlich in den Industrieländern der Marktzugang für Anbieter aus Entwicklungsländern gewährleistet sein. Je mehr Entwicklungsländer auf exportorientierte Entwicklung setzen, umso schwieriger wird es für jedes einzelne von ihnen, dies mit Erfolg zu tun. In stagnierenden Märkten kann ein Land seine Exporte nur dann erhöhen, wenn es Anbieter aus anderen Ländern zurückdrängt. Deshalb hängen die Möglichkeiten der Entwicklungsländer insgesamt, ihre Entwicklung durch Exportorientierung voranzutreiben, entscheidend vom Wachstum der Nachfrage in den Industrieländern ab.

Fußnoten

7.
Vgl. UNCTAD, Trade and Development Report 2009, New York-Genf 2009, S. 113 - 131.

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