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26.2.2010 | Von:
Detlef J. Kotte

Entwicklung durch Handel?

Exportorientierte Entwicklungsstrategien können erfolgreich sein. Es kommt darauf an, ob die wirtschaftspolitischen Rahmenbedigungen wechselseitige Dynamiken zwischen steigenden Exporten und höheren Investitionen fördern.

Einleitung

Die Frage, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen der wirtschaftliche Fortschritt in Entwicklungsländern durch eine verstärkte Ausrichtung ihrer Entwicklungsstrategien auf den Außenhandel beschleunigt werden kann, steht im Zusammenhang mit der umfassenderen Auseinandersetzung über die Bedeutung von "Markt" und "Staat" im Wirtschaftsgeschehen und hat daher häufig eine stark ideologische Konnotation. Insbesondere im Zuge einer allgemeinen Hinwendung des wirtschaftspolitischen Denkens zur Betonung der Vorzüge des freien Marktes seit Anfang der 1980er Jahre hat das Konzept der exportorientierten Entwicklung in den Wirtschaftswissenschaften, der Politik und den internationalen Organisationen, insbesondere der Welthandelsorganisation (WTO), der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF), immer mehr Adepten gefunden.[1]




Dieser Artikel betrachtet die Frage des Zusammenhangs zwischen Handel und Entwicklung vor dem Hintergrund, dass der Schlüssel zu Produktivitätsfortschritt und nachhaltigem Wachstum des Sozialprodukts in einem typischen Entwicklungsland in der Ausweitung des industriellen Sektors und einer Erhöhung der dafür erforderlichen Investitionen in das Produktivkapital liegt. Von daher kommt es für positive Entwicklungsimpulse darauf an, inwieweit eine wechselseitige Dynamik zwischen steigenden Exporten und verstärkter Investitionstätigkeit entsteht.

Erweiterung des Außenhandels

Im Außenhandel der Entwicklungsländer bedingen sich Exporte und Importe zum großen Teil gegenseitig: Devisenerlöse aus Exporten sind erforderlich für die Finanzierung von Importen, umgekehrt erfordert die Produktion von Gütern für den Export häufig den Import von Kapitalgütern und Vorprodukten, die nicht im Lande selbst produziert werden können.

Höhere Exporte können das Sozialprodukt in den Entwicklungsländern unmittelbar in dem Umfang erhöhen, in dem sie die Wertschöpfung in diesen Ländern steigern, d.h. keine erhöhten Importe an Vorprodukten erfordern und nicht mit einer Verringerung der Produktion für den einheimischen Markt verbunden sind.[2] Der für die wirtschaftliche Entwicklung wichtigere Effekt besteht dabei in den höheren Deviseneinnahmen, mit denen zusätzliche Importe bezahlt werden können. Ob daraus ein nachhaltiger positiver Entwicklungseffekt entsteht, hängt aber wesentlich davon ab, für welche Art von Importgütern sie verwendet werden. Exporterlöse, die für den Import von Konsumgütern verwendet werden, bringen keinen Entwicklungseffekt im Sinne einer Verbesserung der einheimischen Wertschöpfungsmöglichkeiten mit sich; das Gleiche gilt für Exporterlöse, die auf internationalen Kapitalmärkten angelegt werden.

Um Investitionen vornehmen zu können, die die Produktivität im Rohstoffsektor und die Kapazität für die Produktion von Industriegütern erhöhen, müssen Maschinen und Anlagegüter mit zunehmend anspruchsvoller Technologie und meist auch Vorprodukte importiert werden. Es kommt also darauf an, die Exporterlöse so weit wie möglich für solche Güter zu verwenden, um langfristig eine Steigerung der einheimischen Wertschöpfung sowie internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen.

Der potenzielle Beitrag eines erweiterten Außenhandels hängt daher u.a. davon ab, in welchem Maße Importe von Konsumgütern begrenzt werden können. Daraus ergibt sich für die Entwicklungsländer die Bedeutung der maximalen Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln und der Vermeidung von Importen von Luxusgütern. Auch andere Konsumgüter sollten nach Möglichkeit nur dann importiert werden, wenn ihre Herstellung im Lande selbst aus Mangel an einheimischem Kapital oder Technologie nicht möglich ist.

Diese Überlegung hat zum Konzept der "Importsubstitution" geführt, das aber nicht als Alternative zu "Exportorientierung" verstanden werden sollte. Tatsächlich handelt es sich nicht um Alternativen, sondern um je nach den Bedingungen und dem Entwicklungsstand des einzelnen Landes unterschiedlich zu kombinierende Elemente einer umfassenden Entwicklungs- und Industrialisierungstrategie.[3] Dies zeigen die Erfahrungen aller Volkswirtschaften, die sich erfolgreich in die Weltwirtschaft integriert haben.

Die Vorstellung, dass eine Ausweitung des Außenhandels durch Handelsliberalisierung grundsätzlich von Vorteil sei, beruht auf den Überlegungen der neoklassischen Wirtschaftstheorie, derzufolge sich bei Abwesenheit von Handelshemmnissen die Allokation der Produktionsfaktoren gemäß der "Theorie des komparativen Vorteils" verbessert und die gesamtwirtschaftliche Effizienz erhöht.[4] Der Einsatz der Produktionsfaktoren wird dabei verlagert von der Herstellung von Gütern, in denen die einheimische Wirtschaft international nicht wettbewerbsfähig ist, hin zur Herstellung solcher Güter, in denen die jeweilige Volkswirtschaft im internationalen Vergleich günstigere Bedingungen aufweist. In der Folge kommt es dann zwar zum verstärkten Import bestimmter Güter, die bisher im Lande selbst produziert wurden, aber der damit verbundene Rückgang der einheimischen Produktion wird kompensiert durch die verstärkte Produktion für den Export von Gütern, in denen die Volkswirtschaft international eine bessere Wettbewerbsfähigkeit besitzt. Trotz quantitativ unverändertem Ressourceneinsatz ergibt sich ein höheres Einkommen, da die Ressourcen effizienter eingesetzt werden.

Wichtiger als dieser theoretisch abgeleitete einmalige Effizienzgewinn sind aber die möglichen dynamischen Effekte einer Integration in die internationale Wirtschaft. So verbessert eine Erweiterung des Außenhandels die Möglichkeit, Kostenvorteile aus Massenproduktion, sogenannte Skaleneffekte, zu erzielen, insbesondere dann, wenn bereits die Anfänge einer industriellen Entwicklung gemacht sind. Aus diesem Grunde, so die Theorie, erhöht eine Erweiterung des Außenhandels auch die Möglichkeit der Spezialisierung auf bestimmte Produktgruppen, in denen einmal eine starke internationale Wettbewerbsposition erreicht ist. Außerdem können sich dynamische Entwicklungseffekte daraus ergeben, dass bei einer Öffnung der Märkte einheimische Produzenten verstärktem Wettbewerb ausgesetzt sind, der den Druck zu Produktivitätssteigerungen und Innovationen erhöht. Eine Ausweitung des Außenhandels kann auch ein Anreiz für ausländische Investoren sein, in dem betreffenden Land Produktionskapazitäten aufzubauen, was wiederum mit dem Transfer von Know-how und Technologie verbunden sein kann.

Unter den in den Modellen der neoklassischen Wirtschaftstheorie gemachten Annahmen ergeben sich all diese Wirkungen ohne Friktionen und Zeitaufwand. Die Realität sieht allerdings anders aus: Gerade in Entwicklungsländern stehen den dynamischen Anpassungsprozessen zahlreiche strukturelle Hindernisse im Wege.

Erfahrungen mit Handelsliberalisierung

Seit Mitte der 1980er Jahre haben die meisten Entwicklungsländer ihre durchschnittlichen Importzölle und andere Handelshemmnisse stark reduziert. Vorangetrieben wurde diese zunächst weitgehend einseitige Handelsliberalisierung dadurch, dass zahlreiche Entwicklungsländer für die Inanspruchnahme von Krediten der Weltbank und des IWF entsprechende wirtschaftspolitische Auflagen bei Strukturanpassungs- und Stabilisierungsprogrammen zu erfüllen hatten. In diesen Fällen war die Handelsliberalisierung Bestandteil von Maßnahmenpaketen zur Krisenbekämpfung, zu denen auch eine restriktive Geldpolitik zur Inflationsbekämpfung, eine Reduzierung der Staatsausgaben zur Budgetkonsolidierung und die Liberalisierung des Finanzsektors und des Kapitalverkehrs mit dem Ausland gehörten. Ab Mitte der 1990er Jahre fand dann in vielen Ländern eine weitere Handelsliberalisierung als Ergebnis multilateraler Verhandlungen im Rahmen der Uruguay-Runde und durch den Beitritt zur WTO statt.

Im Zuge dieser Liberalisierungswellen nahm der Außenhandel schneller zu als in den 30 Jahren zuvor und expandierte stärker als die Gesamtproduktion; dies gilt sowohl für die Entwicklungsländer als auch für die Weltwirtschaft insgesamt. Zwischen den Jahren 1985 and 2000 stieg das Volumen der Güterexporte der Entwicklungsländer im Durchschnitt um 10 Prozent jährlich. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass die Handelsliberalisierung, gemessen an der Entwicklung des Sozialprodukts, dem wichtigsten Indikator für Entwicklungsfortschritte, nur sehr begrenzte positive Wirkungen auf die Entwicklung des globalen Südens hatte.[5]

Zwar erholte sich nach dem Jahr 1985 das Wachstum des Bruttosozialprodukts nach der Schuldenkrise, unter der zu Beginn der 1980er Jahre viele Entwicklungsländer litten. Aber in den 20 Jahren nach Beginn der Handelsliberalisierung blieben die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten deutlich hinter jenen in den 20 Jahren vor der Schuldenkrise zurück. Zudem war der Entwicklungsimpuls in den verschiedenen Regionen des Südens sehr unterschiedlich. In den Entwicklungsländern Ostasiens blieb das Wachstum unverändert hoch, während es in Afrika und Lateinamerika weit unter den Werten der 1960er und 1970er Jahre lag. Dies änderte sich zwar in der Zeit nach dem Jahr 2003, aber die Wachstumsbeschleunigung in dieser Phase kann nicht der Handelsliberalisierung zu Gute gehalten werden, sondern ist auf das starke Wachstum der weltwirtschaftlichen Nachfrage, angetrieben von den USA und China, zurückzuführen.

Die regionalen Unterschiede in den Auswirkungen der Handelsliberalisierung auf das Wachstum in Entwicklungsländern lassen sich mit beträchtlichen Unterschieden in der Ausgangssituation und in der Kohärenz zwischen Handelspolitik und anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik erklären. Dort, wo der Außenhandel als Teil einer Krisenbekämpfungsstrategie liberalisiert wurde, stiegen die Importe in der Regel schneller als die Exporte, und es kam zu einer Erhöhung der Handelsdefizite. So waren die ärmsten und fast ausschließlich von Rohstoffexporten abhängigen Länder, insbesondere in Afrika, nur in sehr begrenztem Umfang in der Lage, Industriegüter auf dem Weltmarkt anzubieten. Gleichzeitig drängten aber vermehrt Importwaren aus den Industrieländern, in erster Linie Konsumgüter einschließlich Nahrungsmitteln, auf ihre einheimischen Märkte.

Aber auch viele Länder, vor allem in Lateinamerika, die schon eine gewisse industrielle Entwicklung hinter sich hatten, waren meist nicht in der Lage ihre Exporte aufzustocken, weil ihre Industrien veraltet und sie aufgrund ungünstiger Wechselkurse und Produktionskosten international nicht wettbewerbsfähig waren. Hinzu kam, dass kapazitäts- und produktivitätssteigernde Investitionen in viel zu geringem Umfang vorgenommen wurden.

Ein wesentlicher Grund hierfür war, dass parallel zur Handelsliberalisierung versucht wurde, mit einer stark restriktiven Geldpolitik die Inflation zu bekämpfen. Die damit verbundenen hohen Zinsen verschlechterten die Finanzierungsbedingungen für einheimische Investoren. Außerdem zogen sie oft in großem Umfang auch kurzfristige spekulative Kapitalzuflüsse ("hot money") aus dem Ausland an, die den Wechselkurs in die Höhe trieben, sodass sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Produzenten noch weiter verschlechterte.

Zu einem starken Anstieg der Exporte von Industriegütern kam es dagegen vor allem in den Schwellenländern Ostasiens, in denen Liberalisierung nicht als Maßnahme zur Krisenbekämpfung, sondern aus einer Position der Stärke und in einem fortgeschrittenen Stadium industrieller Entwicklung vorgenommen wurde. Der Anstieg des Anteils von Industriegütern an den Gesamtexporten der Entwicklungsländer von ca. 30 Prozent im Jahr 1985 auf ca. 65 Prozent im Jahr 2000 ging überwiegend auf das Konto dieser Länder. Außerdem ergänzten sich die verschiedenen Bereiche der Wirtschaftspolitik bei der Förderung des Strukturwandels. Die Geldpolitik erleichterte durch ein niedriges Zinsniveau die Investitionsfinanzierung, die Steuerpolitik förderte die Reinvestition von Unternehmensgewinnen und verteuerte den Konsum von Luxusgütern, und durch staatliche Investitionen in Forschung, Bildungswesen und Infrastruktur erbrachte der Staat wichtige gezielte Vorleistungen für eine Erhöhung der Produktivität, der Produktion und der Exporte.

Die Handelspolitik in diesen Ländern war Teil einer umfassenderen Industriepolitik.[6] Sie zielte auf eine strategische Integration in die internationale Wirtschaft und setzte deshalb nicht ausschließlich auf die Entfaltung von Marktkräften durch den Abbau von Handelsschranken und einen Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsgeschehen. Vielmehr wurden Exportsektoren durch spezifische staatliche Vorleistungen und Subventionen gefördert; solange Industrien noch im Entstehen waren, wurden sie weitgehend vor übermächtiger Weltmarktkonkurrenz geschützt. Die Öffnung für den Außenhandel erfolgte schrittweise in solchen Sektoren, in denen die einheimischen Produzenten internationale Wettbewerbsfähigkeit erreicht hatten. Auf diese Weise entwickelten sich industrielle Aktivitäten, die sowohl Importe durch einheimische Produktion ersetzten als auch höhere Exporte ermöglichten.

Vgl. Schaubild und Tabelle in der PDF-Version

Rahmenbedingungen für positive Entwicklungsimpulse

Im Gegensatz zu Annahmen in den meisten theoretischen Modellen erfordern die strukturellen Veränderungen im Zuge der Öffnung einer Volkswirtschaft einen erhebliche Zeitaufwand; außerdem sind sie mit erheblichen Kosten verbunden, denn neue oder zusätzliche Exportaktivitäten können nicht einfach durch eine "Reallokation" existierender Produktionsfaktoren in Gang gesetzt werden: Sie erfordern den Aufbau neuer Produktionskapazitäten, d.h. Investitionen. Ebenso wie die existierenden Produktionskapazitäten technisch spezifiziert sind, verfügen die eingesetzten Arbeitskräfte über spezifische Kenntnisse und Fähigkeiten, und sie können deshalb nicht ohne weiteres von einer Aktivität in eine andere verlagert werden. Vielmehr müssen Arbeitskräfte für neue Funktionen ausgebildet werden und Erfahrungen sammeln, bevor sie optimal produktiv eingesetzt werden können. Unternehmen brauchen für ihre Investitionsentscheidungen Informationen über Absatzmöglichkeiten in geografisch fernliegenden Märkten, die es zu beschaffen und unter relativ großer Unsicherheit auszuwerten gilt. Es müssen Absatzkanäle auf weitgehend unbekannten Märkten geschaffen und bestimmte Standards technischer und qualitativer Art erfüllt werden, bevor erfolgreich exportiert werden kann. Schliesslich müssen die erforderlichen Investitionen zu angemessenen Kosten finanziert werden können.

In all diesen Punkten haben es Anbieter aus Entwicklungsländern, die sich auf dem Weltmarkt auf unbekanntem Terrain bewegen, wesentlich schwerer als Anbieter aus Industrieländern, die ihnen Jahre oder Jahrzehnte an Erfahrung voraus haben und über bessere Technologie, höhere Produktionsstückzahlen, größere Produktionsflexibilität und ausgeteste Marketingmöglichkeiten verfügen sowie weitaus bessere Finanzierungsbedingungen für zusätzliche Investitionen vorfinden. Dieser Ungleichheit in den Ausgangsbedingungen könnte durch wirtschaftspolitische Maßnahmen auf nationaler Ebene und eine entsprechende Gestaltung des multilateralen Handelssystems begegnet werden.

Die in den erfolgreichen asiatischen Schwellenländern praktizierten Strategien lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Entwicklungsländer übertragen, aber der Vergleich der dort gemachten Erfahrungen mit denen anderer Länder weist doch auf einige Prinzipien und Rahmenbedingungen hin, die für die Freisetzung positiver Entwicklungsimpulse durch den Außenhandel von Bedeutung sind.

Handelsliberalisierung kann eine wachstumsfördernde Ausrichtung der Geld-, Finanz- und Strukturpolitik nicht ersetzen. Auf makroökonomischer Ebene besonders zu beachten ist die Bedeutung eines niedrigen Zinsniveaus für die Investitionstätigkeit und die Bedeutung des Wechselkurses für den Außenhandel. Letzterer ist eine Schlüsselvariable für die internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit für die Höhe der Exporte und Importe einer Volkswirtschaft. Es gilt daher, Überbewertung und Instabilität des Wechselkurses zu vermeiden. Überbewertung benachteiligt die einheimischen Produzenten und führt durch eine Verbilligung der Importe bei gleichzeitiger Verteuerung der Exporte tendenziell zu einem Handelsdefizit. Wechselkursinstabilität impliziert zusätzliche Unsicherheit für die einheimischen Produzenten und Investoren, mit tendenziell negativen Rückwirkungen auf ihre Investionsbereitschaft und auf die Finanzierungskosten. Aus diesen Gründen sollte so weit wie möglich verhindert werden, dass spekulative Kapitalbewegungen Fehlentwicklungen des Wechselkurses bewirken. Dies kann entweder durch Kapitalverkehrskontrollen auf nationaler Ebene oder durch internationale Maßnahmen im Rahmen einer Reform des internationalen Währungssystems geschehen.[7]

Handelsliberalisierung kann dann Wachstum und Entwicklung fördern, wenn sie nicht allgemein und radikal vollzogen wird, sondern selektiv und schrittweise, und dabei integraler Bestandteil einer umfassenderen Entwicklungsstrategie ist, in der verschiedene nationale wirtschaftspolitische Instrumente kohärent eingesetzt werden.

Auf internationaler Ebene muss natürlich in den Industrieländern der Marktzugang für Anbieter aus Entwicklungsländern gewährleistet sein. Je mehr Entwicklungsländer auf exportorientierte Entwicklung setzen, umso schwieriger wird es für jedes einzelne von ihnen, dies mit Erfolg zu tun. In stagnierenden Märkten kann ein Land seine Exporte nur dann erhöhen, wenn es Anbieter aus anderen Ländern zurückdrängt. Deshalb hängen die Möglichkeiten der Entwicklungsländer insgesamt, ihre Entwicklung durch Exportorientierung voranzutreiben, entscheidend vom Wachstum der Nachfrage in den Industrieländern ab.

Gestaltung der internationalen Wirtschaftsordnung

Die Globalisierung der Wirtschaft verlangt nach einer Globalisierung der Institutionen und der Schaffung eines umfassenden, für alle Länder verbindlichen Regelwerks. Multilateral vereinbarte Handelsregeln tragen wesentlich zu einem stabilen internationalen Umfeld bei und erleichtern Planungs- und Investitionsentscheidungen bei Unternehmen, die im Außenhandel engagiert sind.

Idealerweise sind solche Regeln so beschaffen, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt und den einzelnen Ländern ausreichender Spielraum zur Verfolgung nationaler Entwicklungsstrategien und stabilisierender Maßnahmen zugestanden wird. Im Zusammenhang mit der Problematik der aufholenden Entwicklung im globalen Süden heißt dies unter anderem, den Entwicklungsländern über größtmöglichen Marktzugang hinaus die Möglichkeit einer aktiven Industriepolitik zu gewähren, wie sie den heute hoch entwickelten Ländern in früheren Stadien ihrer industriellen Entwicklung möglich war und die auch in den aufstrebenden Industrieländern des Südens praktiziert wurde, die sich am erfolgreichsten in die Weltwirtschaft integriert haben.

Dazu gehört die Möglichkeit, zeitweise und selektiv von handelspolitischen Instrumenten Gebrauch zu machen, die es den Entwicklungsländern ermöglichen, ihre schlechtere Ausgangsposition im globalen Wettbewerb zu kompensieren und durch Förderung und Schutz bestimmter Sektoren ihren Entwicklungsrückstand aufzuholen. Im gegenwärtigen Rahmen des multilateralen Handelssystems ist dies immer weniger möglich, und die Entwicklungsländer beklagen daher den Verlust von "policy space".[8]

Die Verhandlungen der Doha-Runde wurden im Jahr 2001 mit dem Ziel begonnen, die besonderen Probleme und handelspolitischen Anliegen der Entwicklungsländer besonders zu berücksichtigen ("Doha Development Agenda"). Das Hauptinteresse der Entwicklungsländer in der Doha-Runde liegt in der Reduzierung des Agrarprotektionismus der Industrieländer, weil dadurch ihre Agrarexporte in den Norden behindert werden und ihre eigene Landwirtschaft nicht mit den hoch subventionierten Agrarexporten des Nordens konkurrieren kann. Außerdem ist für sie die weitere Verbesserung des Zugangs zu den Märkten des Nordens für Produkte der verarbeitenden Industrie wichtig. Umgekehrt sind viele von ihnen nicht bereit, ihre eigenen Märkte so weit für Industriegüterimporte aus Industrieländern zu öffnen, wie diese es wünschen, da sich damit ihr wirtschaftspolitischer Spielraum für die Ausgestaltung und Durchführung von Entwicklungs- und Industrialisierungsstrategien weiter verringern würde.

Da sich die Verhandlungspartner über diese und eine Reihe anderer strittiger Punkte nicht einig werden können, ist die Doha-Runde, die ursprünglich bereits Ende 2004 abgeschlossen werden sollte, seit geraumer Zeit festgefahren. Um ihrem Anspruch gerecht zu werden, müsste die Doha-Runde dazu beitragen, das Regelwerk des internationalen Handelssystems so weiter zu entwickeln, dass sich für die Länder des Südens mehr Entwicklungsimpulse ergeben können als bisher, ohne dass sie dafür noch weiteren entwicklungspolitischen Spielraum opfern müssen. Dies könnte durch die Gewährung größerer Flexibilität für die Entwicklungsländer bei der Öffnung ihrer eigenen Märkte, durch Schutzklauseln, auf die in bestimmten Situationen temporär zurückgegriffen werden kann, und durch weitreichende Bestimmungen über Sonder- und Vorzugsbehandlung für verschiedene Gruppen von Entwicklungsländern erreicht werden.[9]

Bei der Gestaltung einer internationalen Wirtschaftsordnung, die es den Entwicklungsländern erlaubt, durch eine erfolgreiche Integration in die Weltwirtschaft ihren Entwicklungsrückstand aufzuholen, kommt es aber nicht nur auf die Handelsregeln an. Im Gegensatz zum internationalen Handel, für den es - wenn auch durchaus verbesserungsbedürftige - multilateral akzeptierte Regeln gibt, finden die internationalen Finanzbeziehungen in einem institutionellen Vakuum statt. Dabei ist das Volumen der Finanztransaktionen, die nicht nur die makroökonomische Stabilität, sondern auch den internationalen Handel ganz erheblich beeinträchtigen können, um ein Vielfaches größer als das der Handelsbeziehungen. Eine Stärkung des institutionellen und legalen Rahmens für die internationalen Währungs- und Finanzbeziehungen würde erheblich dazu beitragen, die potenziell positiven Wirkungen des Außenhandels zur wirtschaftlichen Entwicklung zu erhöhen. Je größer der Anteil des Außenhandels am Sozialprodukt wird, umso wichtiger ist die Ausgestaltung des internationalen Wechselkurssystems in einer Weise, die einerseits die Entstehung großer Handelsungleichgewichte verhindert, es andererseits aber auch unmöglich macht, durch gezielte Unterbewertung der Währung die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Handel zu erhöhen.

Ein auf im Prinzip konstante reale Wechselkurse ausgerichtetes Währungssystem könnte erheblich zu größerer Währungssicherheit im internationalen Handel beitragen.[10] Dazu wären multilateral zu vereinbarende Regeln anzuwenden, nach denen die nominalen Wechselkurse im Wesentlichen nach Maßgabe der Unterschiede in der Preis- und Lohnkostenentwicklung zwischen den einzelnen Ländern angepasst werden. In einem solchen System gäbe es kaum noch Anreize für Wechselkursspekulation; auch die zuletzt wieder viel diskutierte Besteuerung internationaler Finanztransaktionen würde in diese Richtung wirken.[11]

Nicht nur, aber auch wegen der großen Bedeutung, die die Entwicklung der globalen Nachfrage für eine Stärkung des Außenhandels der Entwicklungsländer hat, wäre es zudem sinnvoll, eine bessere Abstimmung der makroökonomischen Steuerung in den für die Weltwirtschaft wichtigsten Volkswirtschaften als ein zentrales Element der internationalen Wirtschaftsordnung institutionell zu verankern. So hätte das Ausmaß der gegenwärtigen Krise wesentlich durch eine bessere internationale Koordination der Nachfragesteuerung und Wechselkurspolitik in den G8-Ländern im Vorfeld der Finanzkrise eingedämmt werden können.

Darüberhinaus ist eine Reform der Operationsweise von Weltbank und insbesondere IWF überfällig.[12] Dies betrifft sowohl ihre Kreditvergabemodalitäten als auch die den Gläubigerländern auferlegten wirtschaftspolitischen Bedingungen, die in der Vergangenheit einseitig auf Inflationsbekämpfung und Beschränkung des staatlichen Interventionsspielraums ausgerichtet gewesen ist und damit häufig die Entfaltung positiver Entwicklungsimpulse durch eine Ausweitung des Außenhandels der Entwicklungsländer behindert hat.

Die Erfahrungen zeigen, dass Handelsliberalisierung, die als Teil einer Politik vorgenommen wird, die auf "weniger Staat" und den "Abbau von Marktverzerrungen" abzielt, Gefahr läuft zu scheitern. Handelsliberalisierung ruft selten die auf der Grundlage von abstrakten Modellen vorausgesagten positiven Entwicklungsimpulse hervor, und eine Ausweitung des Außenhandels kann nicht mit ökonomischer Entwicklung gleichgesetzt werden. Sie kann ein wichtiger Antrieb für die wirtschaftliche Entwicklung im globalen Süden sein. Diese setzt aber voraus, dass auf nationaler Ebene begleitend eine aktive wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik betrieben werden kann, mit deren Hilfe sich Exporte und Investitionen in das Produktivkapital gegenseitig stimulieren. Dazu bedarf es auch einer Ausgestaltung des multilateralen Rahmens für die internationalen Handels- und Finanzbeziehungen, der den Entwicklungsländern ausreichenden wirtschaftspolitischen Spielraum zur Ausgestaltung einer export- und wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik erlaubt.
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Fußnoten

1.
Vgl. Anne O. Krueger, Trade policy as an input to development, in: American Economic Review, Papers and Proceedings, 76 (1980), S. 288 - 290. Die Idee, den Entwicklungsprozess in den Ländern des Südens durch Handelsliberalisierung zu stärken, wurde wesentlich von der Weltbank vorangetrieben. Sie gab Anfang der 1990er Jahre eine Studie in Auftrag, um die Vorteile des freien Handels für die Entwicklungsländer nachzuweisen; vgl. Demetrinus Papageorgiu/Michael Michaely/Armeane M. Choksi (eds.), Liberalizing Foreign Trade, Washington 1991.
2.
Diese Idee des "vent for surplus" geht zurück auf Adam Smith und wurde für den Fall der Entwicklungsländer weiter ausgeführt von Hla Myint, The Classical Theory of International Trade and the Underdeveloped Countries, in: Economic Journal, 68 (1958), S. 317 - 337.
3.
Vgl. Lutz Hoffmann, Importsubstitution und wirtschaftliches Wachstum in Entwicklungsländern, Tübingen 1970; Dani Rodrik, The Limits of Trade Policy Reform in Developing Countries, in: The Journal of Economic Perspectives, 6 (1992) 1, S. 87 - 105.
4.
Vgl. Klaus Rose/Karlhans Sauernheimer, Theorie der Außenwirtschaft, München 200614, S. 387 - 392.
5.
Studien dazu kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einige ermittelten einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum, so Jeffrey D. Sachs/Andrew M. Warner, Economic Reform and the Process of Global Integration, in: Brooking Papers on Economic Activity, 26 (1995) 1, S. 1 - 118; David Dollar/Aart Kraay, Growth is Good for the Poor, World Bank Policy Research Working Paper, Washington D.C. 2001. Zu anderen Ergebnissen kommen Francisco Rodriguez/Dani Rodrik, Trade Policy and Economic Growth: A Skeptic's Guide to Cross-National Evidence, in: NBER Macroeconomic Annual 2000, Cambridge 2001, S. 261 - 338; Steve Dowrick/Jane Golley, Trade Openness and Growth: Who Benefits?, in: Oxford Review of Economic Policy, 20 (2004) 1, S. 38 - 56; Richard B. Freeman, Trade Wars: The Exaggerated Impact of Trade in Economic Debate, in: The World Economy, 27 (2004) 1, S. 1 - 23; Yilmaz Akyüz (ed.), Developing Countries and World Trade. Performance and Prospects, London 2003.
6.
Vgl. Alice Amsden, Asia's Next Giant, New York 1985; Ha-Joon Chang, The East Asian Development Experience - The Miracle, the Crisis and the Future, Penang-London-New York 2006.
7.
Vgl. UNCTAD, Trade and Development Report 2009, New York-Genf 2009, S. 113 - 131.
8.
Vgl. Ha-Joon Chang, Kicking away the ladder. Development Strategy in Historical Perspective, London 2002; Yilmaz Akyüz, The WTO Negotiations on Industrial Tariffs: What is at Stake for Developing Countries, Third World Network, Trade and Development Series, Nr. 24, Penang 2005.
9.
Vgl. WTO, Work on special and differential provisions, online: www.wto.org/english/
tratop_e/devel_e/dev_special_
differential_provisions_e.htm (20.1. 2010).
10.
Vgl. UNCTAD, The Global Economic Crisis: Systemic Failures and Multilateral Remedies, New York-Genf 2009, S. 41 - 54.
11.
Vgl. Rüdiger Dornbusch, Cross-border Payment Taxes and Alternative Capital-account Regimes, in: UNCTAD (ed.), International Monetary and Financial Issues for the 1990s, Vol. VIII, New York-Genf 1997, S. 27 - 35; Dean Baker, The Benefits of a Financial Transactions Tax, Washington D.C. 2008, online: www.cepr.net/documents/publications/
financial-trans actions-tax-2008 - 12.pdf (19.1. 2010).
12.
Vgl. Mark Weisbrot/Jose Cordero/Luis Sandoval, Empowering the IMF: Should Reform be a Requirement for Increasing the Fund's Resources?, Washington D.C. 2009, online: www.cepr.net/documents/pu blications/imf-reform-2009 - 04.pdf (19.1. 2010).

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