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26.2.2010 | Von:
Aram Ziai

Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses

Der Entwicklungsdiskurs ließe sich als eurozentrisch, entpolitisierend und autoritär kritisieren. Seit den 1980er Jahren ist jedoch eine Transformation des Diskurses feststellbar, die einige der Kritikpunkte aufgreift.

Einleitung

Es erscheint uns heute nahezu unsinnig, abzustreiten, dass es Entwicklung gibt, oder das Konzept als bedeutungslos zu verwerfen, gerade so wie es im 19. Jahrhundert schlichtweg unmöglich gewesen sein muss, das Konzept Zivilisation abzulehnen oder im zwölften Jahrhundert das Konzept Gott."[1] Der Entwicklungsdiskurs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt sich anknüpfend an die Post-Development-Kritik in seiner hegemonialen Ausprägung als eurozentrisch, entpolitisierend und autoritär kritisieren. Seit der Krise der Entwicklungstheorie in den 1980er Jahren ist jedoch eine Transformation des Entwicklungsdiskurses feststellbar, die einige der Kritikpunkte aufgreift, sich jedoch auch von der Vision globaler sozialer Gleichheit verabschiedet hat.






Als Beginn des Entwicklungsdiskurses wird oftmals die zweite Antrittsrede von US-Präsident Harry S. Truman im Jahr 1949 genannt, in der er versprach, den Menschen in den "unterentwickelten Gebieten" durch Kapitalinvestitionen und technischen Fortschritt zu einem besseren Leben zu verhelfen. Natürlich ist das Konzept der Entwicklung weit älter und lässt sich über den Colonial Development Act aus dem Jahr 1929 über Comte und die Saint-Simonisten bis hin zu Herder und Kant und sogar bis in die griechische Antike zurückverfolgen. Doch politisch wirkmächtig wurde das Konzept erst nach dem Zweiten Weltkrieg, im Kontext des Kalten Krieges und der Dekolonisierung - und den sich daraus ergebenden geopolitischen und außenwirtschaftlichen Interessen der USA und ihrer Verbündeten.[2]

Wenn an dieser Stelle von einem Diskurs der "Entwicklung" die Rede ist, so ist damit eine Struktur in der Art und Weise, über einen Gegenstand zu sprechen, gemeint. Diese Struktur ist mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verflochten. Sie verknüpft bestimmte Begriffe mit bestimmten Inhalten und Assoziationen und stellt bestimmte Aussagen und Argumentationsmuster zur Verfügung. Auf diese Weise konstruiert sie die soziale Wirklichkeit und, über entsprechende Wertvorstellungen und Bilder vom Eigenen und Fremden, auch unsere Identitäten. Die Regelhaftigkeit des Diskurses wird jedoch nicht nur auf der inhaltlichen Ebene sichtbar, sondern auf einer abstrakteren Ebene auch darin, wie bestimmte Gegenstände und Begriffe gebildet werden.[3]

Inhaltlich bezieht sich der hier thematisierte Diskurs auf Prozesse sozialen Wandels und Interventionen zu seinen Gunsten in nichtindustrialisierten Gesellschaften. Sicherlich ist der Entwicklungsdiskurs ein durchaus heterogenes Phänomen, doch die tiefgreifenden (und durchaus relevanten) theoretischen und politischen Differenzen (so zwischen Modernisierungs- und Dependenztheorien) sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hinsichtlich der Problemdefinition und der Ziele und auch hinsichtlich anderer Annahmen einen weitgehenden (wenn auch nicht vollständigen) Konsens in der entwicklungstheoretischen und -politischen Debatte gab.[4]

Dies gilt jedoch allenfalls bis zur Krise der Entwicklungstheorie in den 1980er Jahren. Seither ist eine Reihe von neuen Konzepten aufgetaucht, die einige der gemeinsamen Annahmen in Frage stellen und es erlauben, von einer Transformation des Entwicklungsdiskurses zu sprechen. Im Rahmen dieser Krise bildete sich unter dem Namen "Post-Development" auch ein neuer Ansatz heraus, der den Entwicklungsdiskurs fundamental in Frage stellt, also nicht zu einer verbesserten Entwicklungstheorie und -praxis beitragen will, sondern ihre Abschaffung fordert.[5] Die Radikalität und zum Teil überspitzte und pauschale Artikulation dieser Kritik haben vehementen Widerspruch hervorgerufen, dennoch sind einige ihrer zentralen Thesen durchaus plausibel.

Fußnoten

1.
James Ferguson, The Anti-Politics Machine. "Development", Depoliticization and Bureaucratic Power in Lesotho, Minneapolis 1994, S. xiii.
2.
Zur Geschichte des Entwicklungsdiskurses siehe Reinhart Kößler, Entwicklung, Münster 1998; Michael Cowen/Robert Shenton, Doctrines of Development, London 1996; Aram Ziai, Entwicklung als Ideologie? Das klassische Entwicklungsparadigma und die Post-Development Kritik, Hamburg 2004.
3.
So ist beispielsweise im Rahmen des Entwicklungsdiskurses zu beobachten, dass Begriffe oftmals als Abnormalitäten, als defizitäre Abweichungen von einer Norm gebildet werden: unter-entwickelt, An-Alphabeten, Mangel-Ernährung, Arbeits-losigkeit, usw.; vgl. auch Arturo Escobar, Encountering Development. The Making and Unmaking of the Third World, Princeton 1995, S. 41.
4.
Vgl. A. Ziai und R. Kößler (beide Anm. 2).
5.
Vgl. Wolfgang Sachs (Hrsg.), Wie im Westen so auf Erden. Ein polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik, Reinbek 1993; Gustavo Esteva, FIESTA - jenseits von Entwicklung, Hilfe und Politik, Frankfurt/M. 19952; A. Escobar (Anm. 3); Majid Rahnema/Victoria Bawtree (eds.), The Post-Development Reader, London 1997. Zur Kritik siehe Stuart Corbridge, Beneath the Pavement only Soil: The Poverty of Post-Development, in: Journal of Development Studies, 34 (1998), S. 138 - 148; Ray Kiely, The Last Refuge of the Noble Savage? A critical assessment of Post-Development Theory, in: The European Journal of Development Research, 11 (1999), S. 30 - 55.

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