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19.2.2010 | Von:
Heike Kratt

Zivile Konfliktbearbeitung in Israel und Palästina

Zwei Fallbeispiele

Wie kann ein Instrument wie der ZFD in einem solchen Umfeld arbeiten? Das soll im Folgenden anhand von zwei Beispielen deutlich werden, die mit jeweils beiden Konfliktparteien zusammenarbeiten. Ihnen ist gemeinsam, dass sie den grenzüberschreitenden Dialog als ein politisches Instrument sehen. Es geht nicht um sogenannte "Hummus-Treffen", auf denen sich beide Seiten treffen, essen, sich kennenlernen und dann wieder in ihr normales Leben zurückkehren, in dem es den anderen nicht gibt. Beide Projekte wollen das gesellschaftliche Verhalten und das politische Handeln ihrer Zielgruppen ändern.

Gesellschaftlicher Wandel über Grenzen hinweg: "Mit Israelis an einem Tisch zu sitzen, war für mich Verrat an der palästinensischen Sache. Jetzt glaube ich, dass ich mich für Palästina stark mache, indem ich direkt mit Israelis rede. Schließlich ist es unsere Zukunft, die auf dem Spiel steht."[11] Nimala ist im Jahr 2005 Teil eines trilateralen Leitungsteams des Willy Brandt Center (WBC) geworden. Ähnlich äußert sich auch Ido, ebenfalls Mitglied im Leitungsteam des WBC: "Für uns Israelis ist es wichtig, die Palästinenser auf gleichberechtigter Basis treffen zu können."

Das WBC ist ein Jugendzentrum auf der "Grünen Linie" zwischen Ost- und West-Jerusalem. Ziel der Aktivitäten ist die Entwicklung von friedenspolitischen (Bildungs-)Konzepten als reale Handlungsalternativen zur Gewalt durch junge politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger aus Deutschland, Israel und Palästina. Viele der Aktivitäten des WBC sind grenzüberschreitend. Seit dem Jahr 2003 gibt es gemischt palästinensisch-israelische Teams mit deutscher Beteiligung, die kontinuierlich zusammenarbeiten - auch während lokaler Kriege wie dem Libanon-Krieg im Jahr 2006 und dem Gaza-Krieg im Jahr 2009. Unter dem Dach des Zentrums arbeiten vier Zivile Friedensfachkräfte und zahlreiche lokale Mitarbeiter - sowohl von israelischer als auch palästinensischer Seite.

Die gemischten Leitungsgruppen setzen sich aus jungen politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungsträgern zusammen. Sie sind Mitglieder von Jugendorganisationen und Jugendbildungsverbänden - den lokalen Partnerorganisationen des WBC. Diese Leitungsteams treffen sich regelmäßig alle ein bis drei Monate und legen miteinander die Schwerpunkte und Themen der gemeinsamen Seminare, Workshops und Konferenzen fest. Diese können öffentlich sein oder sich nur an die Mitglieder der Partnerorganisationen richten. So wird sichergestellt, dass nicht nur wenige Schlüsselakteure erreicht werden, sondern auch eine breitere Basis. Es gibt auch getrennte Seminare und Workshops nur mit israelischer oder palästinensischer Beteiligung. Diese werden von den einzelnen Teammitgliedern und ihren Organisationen geplant - mit Beratung und Unterstützung durch die deutsche Fachkraft. Diese Einzelseminare stehen mit den gemeinsamen Aktivitäten inhaltlich in Verbindung.

Die Rolle der deutschen Friedensfachkraft ist vor allem die des moderierenden Vermittlers (facilitator), der die Gespräche und Aktivitäten der beiden Seiten erleichtert, vermittelt und strukturiert. Sie versucht, den politischen Gewinn, den beide Seiten von Kooperationen haben können, herauszuarbeiten. Auf diese Weise schafft sie Möglichkeiten und Wege sinnvoller Kooperationen, von denen beide Seiten profitieren können.

Aufbau von zivilgesellschaftlichen Dialogstrukturen: "Unsere Arbeit wird in der eigenen Gesellschaft oft missverstanden. Ich verstehe die Einwände gegen Dialogprojekte. Wenn sie schlecht angegangen werden, können sie viel Schaden anrichten. Deshalb sind wir sehr anspruchsvoll mit uns selber. All unsere Projekte basieren auf der Realität, nämlich dass wir unter Besatzung stehen. Ich erkläre immer, dass auch wir mit unseren Dialogprojekten gegen die Besatzung kämpfen",[12] so Noah Salameh, Direktor des Center for Conflict Resolution and Reconciliation (CCRR).[13]

Die Kooperation zwischen dem DED und dem palästinensischen CCRR besteht seit sieben Jahren. Das CCRR hat ein breites Repertoire an Aktivitäten - darunter sind auch Dialogprojekte mit israelischen Partnerorganisationen wie Rabbis for Human Rights (RHR) in Jerusalem.[14] Das ist nicht nur ein schwieriges, sondern auch ein mutiges Unterfangen, denn das Verständnis in den palästinensischen Gebieten für solche Projekte ist unter den schwierigen Bedingungen der Besatzung sehr gering. Doch das CCRR und die RHR sehen den Dialog als ein gewaltfreies Mittel, um die politischen Verhältnisse zu verändern, das heißt die Besatzung gewaltfrei zu bekämpfen.

Ein Projekt, das der DED seit Anfang des Jahres 2007 in Kooperation mit beiden lokalen Organisationen umsetzt, ist der Aufbau von interreligiösen Dialogstrukturen zwischen religiösen Führungspersönlichkeiten der drei großen monotheistischen Religionen - Christentum, Islam und Judentum. Es arbeitet zu diesem Zweck sowohl in Israel als auch in Palästina. Ähnlich wie bei den Projekten des WBC wird mit wenigen Schlüsselakteuren als Multiplikatoren aus lokalen Partnerorganisationen gearbeitet, wobei gleichzeitig die nachhaltige Weitergabe an eine größere Zielgruppe sichergestellt werden soll. Ein wichtiges Kriterium für die Auswahl der religiösen Würdenträger war deshalb deren Anbindung an die lokale Bevölkerung.

Im Jahr 2009 haben drei Runden multireligiöser Treffen stattgefunden, unter anderem zum Thema "Die Anderen in meiner Religion und meine Religion in der Sicht der Anderen". Zur Vor- und Nachbereitung dieser Treffen gab es jeweils unireligiöse Gesprächsrunden. Die Zivile Friedensfachkraft unterstützt und berät das CCRR und die RHR bei der Umsetzung dieses Projektes. Sie macht Eingaben zu möglichen Inhalten, begleitet die Veranstaltungen, arbeitet die Resultate auf und macht Hintergrundforschung zu den ausgewählten Themen.

Diese Anstrengungen werden oftmals durch die politischen Entwicklungen untergraben. Dies nährt auch bei überzeugten Teilnehmenden Zweifel, ob Dialogarbeit der richtige Ansatz ist, um einem gerechten Frieden näherzukommen. "Es vergeht kein Tag ohne dass ich mich frage, ob die Voraussetzungen für unsere Tätigkeit im grenzüberschreitenden Bereich überhaupt noch bestehen. Auf der anderen Seite muss gefragt werden: was ist die Alternative?", so der Leiter des CCRR.[15]

Fußnoten

11.
Zit. in: Heike Kratt, Miteinander reden, in: SympathieMagazin, Palästina verstehen, 2008, S. 56.
12.
Zit. in: Jonas Geith, Dialog gegen Besatzung? Grenzüberschreitende Arbeit in Israel/Palästina, in: dedBrief, 1 (2009) 46, S. 11f.
13.
Siehe Webseite, online: www.ccrr-pal.org (2.2. 2010).
14.
Siehe Webseite, online: www.rhr.org.il (2. 2. 2010)
15.
Zit. in: J. Geith (Anm. 13).

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