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16.2.2010 | Von:
Vazrik Bazil

Politische Sprache: Zeichen und Zunge der Macht

Ideologie

Im politischen Wettstreit sind stets Ideologien am Werke - teils bekannt, teils unbekannt. Sie sind handlungsorientierte Überzeugungen, einfache und allgemeine, die absolut gesetzt werden und im Handeln selbst jeder Kritik entzogen bleiben. Mit ihrer Hilfe meistern Menschen ihr Leben oder sichern politische Kräfte ihre Macht. Mögen Ideologien, einschließlich der in ihnen enthaltenen Vorurteile, auch falsch sein - nützlich und notwendig sind sie daher allemal. Ohne sie könnten Menschen überhaupt nicht handeln. Da im politischen Kampf alle Teilnehmer (Parteien, Verbände, Unternehmen usw.) auf Gesichtswahrung in der Öffentlichkeit bemüht sind,[8] werden Meinungen und Überzeugungen mit Verve vertreten, selten in Frage gestellt und kaum zurückgenommen. Die Zweiteilung in Regierung und Opposition - die Rollenverteilung, das Loben des Eigenen und das Tadeln des Gegnerischen - setzt unbeabsichtigt Beharrungskräfte frei, welche die dahintersteckenden Ideologien noch mehr stärken.

Geschichtlich betrachtet ist die Zeit der großen Ideologien vorbei. Aber vom "Ende der Ideologien" zu sprechen, wäre aus den erwähnten Gründen verfehlt. Der bekannte Gegensatz zwischen "Gerechtigkeit" und "Freiheit" ist und bleibt in der Bundespolitik nach wie vor maßgebend. Die Erfindung der "Neuen Mitte" oder neuerdings nur der "Mitte" ist ein Versuch, diesen Gegensatz zu überwinden, doch gerinnt dieser Name selbst zu einem ideologischen Kampfbegriff, der wiederum besetzt werden muss. "Soziale Marktwirtschaft" und "Globalisierung" sind weitere Begriffe, die im öffentlichen Diskurs ideologisch gebraucht werden.

Fußnoten

8.
Vgl. Erving Goffman, The Presentation of Self in Everyday Life, New York 1959.

Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

"Unordentliche" Kleidung, lange Haare und offene Verstöße gegen Benimmformen: Die 68er-Bewegung war eine Rebellion gegen die herrschende Ordnung. Auch in der Sprache und Kommunikationsritualen sorgten die 68er für reichlich Unordnung.

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