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16.2.2010 | Von:
Vazrik Bazil

Politische Sprache: Zeichen und Zunge der Macht

Rhetorische Zunge

Politische Sprache als solche ist nicht nur ideologisch, sondern auch rhetorisch, das heißt, sie ist auf Überzeugung angelegt. Dieser appellative Zug ist zwar auch in der schriftlichen Kommunikation sichtbar, aber das mächtigstes Instrument der politischen Sprache ist die Rede. Sie geht aus fünf Schritten hervor: inventio (Ideen sammeln, Recherche), dispositio (Gliederung des Stoffes, Argumentation), elocutio (Formulierung), memoria (Einprägen) und actio (Vortrag). An dieser Stelle sollen vor allem der zweite und der dritte betrachtet werden.

Im Unterschied zum Beweis besteht das Ziel der rhetorischen Argumentation nicht darin, "die Folgen aus bestimmten Prämissen abzuleiten, sondern die Übereinstimmung eines Publikums mit den Thesen, die man seiner Zustimmung unterbreitet, hervorzurufen oder zu verstärken".[9] Die rhetorische Argumentation überträgt also die den Prämissen (Voraussetzungen) eingeräumte Zustimmung auf die Folgerungen. Welche sind nun diese Prämissen? Sie sind natürlich, je nach Ressort, die kontextabhängigen Sachverhalte. Doch entscheidend sind letztlich andere Voraussetzungen, nämlich die "Werte", welche in einer Gesellschaft zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt gültig sind. Die rhetorische Argumentation greift, wenn politische Kräfte ihre Thesen und Meinungen mit diesen Prämissen bzw. Werten "umrahmen" (framing).

Umrahmungen gehen in der politischen Sprache in alle möglichen Formulierungen ein: Rahmt eine Organisation den Sachverhalt "Homo-Ehe" mit dem Begriff "Verantwortungsgemeinschaft" ein, dann stattet dieser den Sachverhalt "Homo-Ehe" mit Vorstellungen von "Verantwortung" und "Gemeinschaft" aus, die unserer Wertewelt entsprechen. "Bürgerversicherung", "Lohnzurückhaltung" oder "gerechte Entlohnung" sind weitere Beispiele, die zeigen, wie die Praxis des Benennens, Besetzens und Beschönigens ebenfalls in diesen Werten wurzelt und aus Werteumrahmungen schöpft.

Zu diesen Werten gehören auch kulturelle Vorurteile, die als Werturteile unser Denken und Handeln leiten und auch als Ideologien bezeichnet werden können. Einige dieser Vor- und Werturteile sind: Die Zukunft ist besser als die Vergangenheit; das Neue ist besser als das Alte; Dynamik (Kraft) ist besser als Statik; Frieden ist besser als Krieg.

Schlagwörter wie "Neue Kraft", "Zukunft gestalten" oder "Neue Mitte" sind inzwischen vertraute Wendungen. Politiker haben diese Umrahmungstechnik so stark verinnerlicht, dass sie Gegensätze (Zukunft/Vergangenheit, neu/alt usw.) mit Rahmungen aufzuheben vermögen. So gelingt es ihnen sogar, Kriege mit "Frieden" (oder "Gerechtigkeit") zu umrahmen und zu rechtfertigen.

Fußnoten

9.
Chaim Perelman, Das Reich der Rhetorik. Rhetorik und Argumentation, München 1980, S. 18.

Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

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