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16.2.2010 | Von:
Vazrik Bazil

Politische Sprache: Zeichen und Zunge der Macht

Zeitgeist und Antipolitik

Werte und deren Deutungen unterliegen dem geschichtlichen Wandel und hängen von Kulturräumen ab. So hat jede Zeit und jeder Kulturraum einen eigenen "Zeitgeist"[10] und, wenn man das Wort prägen darf, "Raumgeist", welcher der Inbegriff der vorherrschenden Werte ist. Der Zeit- und Raumgeist hat kein Sitzfleisch, wohl aber Macht auf Zeit. Er gibt vielen Menschen Halt, Sicherheit und Anerkennung.

Schon im 18. Jahrhundert haben die Menschen erkannt, dass Wissen geschichtlich verfasst ist, und dass das ideale Wissensmodell der Zeitlosigkeit, verkörpert in der Mathematik, hinfällig ist. Ausgleich schafft nun zeitweise der Zeitgeist: Er bestimmt, was in einer bestimmten Epoche und in einem bestimmten Land gültig, ungültig, richtig und falsch ist. Wer in der Öffentlichkeit erfolgreich handeln will, muss diesen Zeitgeist als absolut anerkennen. Daher kann Politik ihm nicht widersprechen, wenn sie erfolgreich sein will, aber sie muss ihn auch ändern, wenn sie führen soll. Dieser Spannung ist auch die politische Sprache ausgesetzt, weshalb "antipolitische" Skepsis stets geboten ist - auch als Korrektiv zum Politischen.

Antipolitisch ist in dieser Hinsicht, sehen wir von der privaten Sprache ab, die Fiktion. Max Frisch hat in einer seiner Poetikvorlesungen die Kunst als "Gegen-Position zur Macht" definiert - nicht als "Gegen-Macht", welche wiederum innerhalb der politischen Sprache bliebe. Frisch führte dazu aus: "Da viele aber nicht sagen können, wie sie erleben, fühlen sie sich verpflichtet, so zu erleben, wie diese Herrschaftssprache es der schweigenden Mehrheit vorschreibt. Wie man erlebt. Die Herrschaftssprache hat die Tendenz, uns zu entmündigen, um uns verfügbar zu machen. Sie kastriert uns politisch Tag für Tag. Was Literatur leistet: (...) Der Schriftsteller blickt um sich. Indem er den Redensarten (der politischen Sprache, Anm. d. A.) eine andere Sprache entgegensetzt, die Sprache seiner Erfahrung, entlarvt er die Herrschaftssprache als Herrschaftssprache, als Trug-Sprache (...)."[11]

Frisch definiert hier die politische Sprache als eine Herrschaftssprache und setzt das "Man" mit dem Zeitgeist gleich. Zusammengefasst heißt dies: Das "Man" ist der Träger des Zeit- und Raumgeistes und seine Sprache ist die politische. Gerade darin zeigt sich auch die politisch relevante Seite der Fiktion: Das "Man" des Zeitgeistes weicht dem "Ich" der Person, des Einzelnen, des Einmaligen.

In einer demokratisch verfassten Gesellschaft brauchen wir nicht nur "Gegen-Mächte" innerhalb der politischen Sprache, sondern wir brauchen außerhalb davon auch "Gegen-Positionen zur Macht". Erst in diesem Gleichgewicht vermag die Freiheit jene frische Luft zu bringen, die wir als Bürger zum Atmen brauchen.

Fußnoten

10.
Vgl. Vazrik Bazil, Welchen Raum braucht das Denken?, in: Preisfrage 2008: Welchen Raum braucht das Denken?, Berlin 2009, S. 157 - 168.
11.
Max Frisch, Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen, Frankfurt/M. 2008, S. 67 - 68.

Joachim Scharloth

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