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Sprache und Macht


16.2.2010
Neben der Sprache der Mächtigen wird im Beitrag auch die Sprache der "Machtunterworfenen" analysiert. Es geht um Begriffskarrieren, Argumentationsmuster, semantische Strategien, rhetorische Anforderungen und kommunikationsethische Standards.

Einleitung



Mit Sprache bringen wir die Welt "auf den Begriff"; mit ihr regeln wir weitgehend die sozialen Beziehungen. Sprache ist Bedingung für Machtausübung und selbst eine Macht - Macht verstanden als "jener Faktor in einer sozialen Beziehung, der die Handlungsmöglichkeiten der Akteure strukturiert".[1] Begriffe, in denen wir denken, prägen das Bild von der politisch-sozialen Wirklichkeit und beeinflussen Verhalten. Bei dieser "konzeptuellen" Funktion der Sprache handelt es sich um strukturelle Macht.[2] Die Macht von Personen, Gruppen und Institutionen ist dagegen Akteursmacht, welcher Sprache als Instrument dient. Politisch wirkt Sprache also zweifach: als anonyme Struktur (langue) und als rhetorische Praxis (parole).






Mächtige haben das Sagen. Machtlose haben nichts zu sagen. Die Redensarten sind eingängig, verraten aber nur eine Teilwahrheit. So kann Nichtssagen auch Merkmal intransparenter Machtausübung sein. In Gesellschaften mit Wettbewerb um die politische Macht sichert Sprache - trotz Kaschierpraktiken - Transparenz und dient mehr dem Bemühen, Macht zu erwerben und zu verteidigen als sie auszuüben. Machtunterworfene können Mächtige abwählen. Wer sich in politischen Institutionen durchsetzen will, muss auch dort Mehrheiten organisieren. Darum ist politisches Reden und Schreiben in Demokratien weit überwiegend "persuasiv", das heißt, es ist darauf ausgerichtet, andere zu überzeugen und vorhandene Überzeugungen zu bestärken, eine Spielart von soft power.[3]

Der "direktive" Sprachmodus, also das Vorschreiben und Anordnen, beschränkt sich weitgehend auf Gesetze und Verordnungen. Der kommunikative Vorlauf von Gesetzen ist allerdings persuasiv. Er besteht zum einen aus analytisch-erklärenden und argumentativ-empfehlenden Expertentexten, die darauf zielen, Entscheidungsträger zu überzeugen, zum anderen aus öffentlichen Diskursen - gegebenenfalls quer durch die Gesellschaft.[4] Darum mischen sich im politischen Sprachgebrauch Fachbegriffe des jeweiligen Ressorts, Terminologie der politischen Institutionen, ideologisch aufgeladene Begriffe und Alltagsvokabular.

In Diktaturen dominiert der direktive Sprachmodus mit Anordnung, Befehl und Drohung. Selbst der Gestus der Propaganda ist zwar auf der Oberfläche persuasiv, in der Substanz aber direktiv. Denn für Machterhalt, der sich auf Gewaltmittel stützt, ist es unerheblich, ob Propaganda die Menschen wirklich überzeugt. Wichtiger ist, dass die eigene Ideologie- und Propagandasprache in der öffentlichen Kommunikation monopolisiert und zum Zulassungskriterium für Karrieren wird. Sprache kann aber auch zum Instrument der Machtlosen werden. Die Endphase der DDR ist dafür exemplarisch. In Demokratien gehört die Sprache des Protestes fest zur politischen Kommunikation.

Asymmetrische Machtverteilung schlägt sich in modernen Demokratien im Privileg zur Erzeugung bestimmter Texttypen (Gesetz, Regierungserklärung, Parteiprogramm etc.) und in ungleichen Zugangschancen zu den Medien nieder. Soll an die Stelle von Protest Partizipation treten, gilt es nicht zuletzt, diese Hürden zu überwinden.

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Fußnoten

1.
Gerhard Göhler/Ulrike Höppner/Sybille De La Rosa, Einleitung, in: dies. (Hrsg.): Weiche Steuerung. Studien zur Steuerung durch diskursive Praktiken, Argumente und Symbole, Baden-Baden 2009, S. 12.
2.
Vgl. ebd.
3.
Vgl. Joseph S. Nye, Soft Power, New York 2004.
4.
Vgl. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung, Frankfurt/M. 19944, S. 349-467.

 

Joachim Scharloth

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