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16.2.2010 | Von:
Volker Hinnenkamp

Vom Umgang mit Mehrsprachigkeiten

Die Welt ist mehrsprachig

Ab wann gilt ein Individuum, eine Gesellschaft als zwei- oder mehrsprachig? Die Wissenschaft ist sich hier nicht einig, auch wenn anerkannt ist, dass die meisten Menschen zwei- und mehrsprachig sind (allerdings mit unterschiedlichen Schätzungen über den genauen Anteil, der zwischen 60 und 75 Prozent liegen dürfte). Es gibt dazu keine klaren Aussagen, weil erstens nicht klar ist, wie viele Sprachen in der Welt überhaupt existieren; zweitens können Sprachen nicht einfach gezählt werden; drittens ist unklar, wo die Grenze zwischen Ein-, Zwei- und Mehrsprachigkeit liegt.

Ob man eine Sprache als selbstständig zählt oder einer anderen Sprache als Dialekt zuordnet, ist letztendlich willkürlich. Der meist mühselige Prozess der Standardisierung von Sprachen hat sich in historischen Prozessen herauskristallisiert. In Europa hat sich ein Verständnis von Sprache entwickelt, das zumeist identisch mit Nationalsprache ist.[10] Daneben werden Sprachen von Minderheiten nur als Zweitsprachen toleriert. Dennoch gilt Vielsprachigkeit auch für alle europäischen Länder.[11] Je nach Zählweise gibt es zwischen 5000 und 6800 Sprachen auf der Welt. Bei etwa 200 Staaten (die UNO hat 192 Mitgliedstaaten) verteilt sich im Durchschnitt also die 20 bis 30-fache Menge an Sprachen auf die Länder. Andererseits decken 100 Großsprachen gut 90 Prozent der Weltbevölkerung ab. Diese hegemoniale Tendenz nimmt weiter zu.[12] Der weitaus größte Teil der Sprachen wird von Gruppen von weniger als einer Million Menschen gesprochen, wobei viele Sprachen über weniger als 1000 Sprecher verfügen. Selbst für Deutschland sind 69 Sprachen indexiert - Migrantensprachen immer eingeschlossen.[13]

Es gibt individuelle und gesellschaftliche Zwei- und Mehrsprachigkeit; mehrsprachige Individuen leben nicht unbedingt in einer mehrsprachigen Gesellschaft; letztere besagt noch nicht, dass die Gesellschaftsmitglieder zwei- oder mehrsprachig sind.[14] Zwei- und Mehrsprachigkeit kann mündlich und schriftlich zum Ausdruck kommen, sie kann aktiv oder auch nur passiv sein.

Soziolinguistik der Mehrsprachigkeit

Ein soziolinguistisches Interesse an gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit gilt unter anderem der Frage, welche Sprache als Nationalsprache dienen soll oder welche Sprachen institutionell gefördert werden sollen. In Gesellschaften mit vielen allochthonen (zugewanderten) Sprachgruppen bedeutet dies die Wahl zwischen zu fördernder Mehrsprachigkeit oder deren Aufgabe zu Gunsten der Mehrheitssprache. Die Soziolinguistik erforscht die gesellschaftlichen und interaktiven Funktionen von Mehrsprachigkeit, was sich in der folgenden Frage zusammenfassen ließe: "Wer spricht wann wem gegenüber welche Sprache und zu welchem Zweck?"[15] Dies bezieht sich sowohl auf Individuen als auch auf gesellschaftliche Gruppen. In der neueren Forschung zur Sprachwahl stehen Fragen zur interaktiven Funktion der jeweils verwendeten Sprache bzw. Sprachvarietät im Vordergrund sowie nach dem Zusammenhang von Identität und Sprachwahl.[16]

Der dänische Soziolinguist Jens Normann JØrgensen[17] ist der Auffassung (und mit ihm viele andere), dass die sprachpolitischen Verdikte zu Mehrsprachigkeit allesamt einen zu kurz gegriffenen Begriff von Mehrsprachigkeit zu Grunde legen, der sich nie vom Maximalismus verabschiedet habe, dass wahrer Bilingualismus "die Beherrschung zweier Sprachen wie Muttersprachen"[18] bedeute. JØrgensen bezeichnet diese herkömmliche Auffassung in Anlehnung an die problematische Etikettierung einer "doppelseitigen Halbsprachigkeit"[19] als die doppelte Monolingualismusnorm: "Menschen, die zwei Sprachen beherrschen, werden zum gegebenen Zeitpunkt jeweils die eine und nur die eine Sprache verwenden; und dabei werden sie die jeweilige Sprache in einer Weise nutzen, die sich im Prinzip nicht davon unterscheidet wie Einsprachige diese Sprache nutzen."[20] Nur einer kleinen privilegierten Bildungsschicht in der Welt ist das möglich. Dies bei Menschen zum Maßstab zu erheben, die zum Beispiel durch Migration oder Flucht gezwungen sind, Sprachen dazuzulernen, ist vermessen.

Eine Erweiterung sieht JØrgensen in der integrierten Bilingualismusnorm: "Menschen, die zwei Sprachen beherrschen, werden ihre ganze linguistische Kompetenz in zwei verschiedenen Sprachen zum jeweils gegebenen Zeitpunkt auf die Notwendigkeiten und Möglichkeiten des Gesprächs ausrichten, und dabei auch die linguistischen Fertigkeiten der Gesprächspartner berücksichtigen."[21] Dies geht auf die Realität von face-to-face-Interaktionen ein, in denen mehrsprachige Akteure aus denselben soziolinguistischen Gründen, mit denen sie auch ein einsprachiges Gespräch führen, die unterschiedlichen Sprachen zum Einsatz bringen. Die Polylingualismusnorm schließlich geht noch einen Schritt weiter: "Sprachbenutzer setzen alle zur Verfügung stehenden linguistischen Mittel ein, um ihre kommunikativen Ziele so gut wie möglich zu erreichen, auch unabhängig davon, wie gut sie die betreffenden Sprachen beherrschen; dabei nehmen die Sprachbenutzer durchaus in Kauf - ja nutzen es sogar aus -, dass bestimmte sprachliche Merkmale als nicht zueinander passend empfunden werden."[22]

In dieser Konzeptualisierung umfasst Mehrsprachigkeit ein weites Spektrum von Kompetenzen oder besser: Sprachigkeitskonstellationen. Festschreibungen, wie eine nützliche oder effektive Mehrsprachigkeit auszusehen hat, sind demnach künstlich. Ein Teil der soziolinguistischen Mehrsprachigkeitsforschung arbeitet im Rahmen der Kommunikationsethnografie oder der Interaktionalen Soziolinguistik.[23] Diese "richtet sich auf die Erfassung des engen Zusammenspiels zwischen Sprache, Gesellschaft, Kultur und kommunikative Verschiedenheit",[24] und ihr Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Akteure Sprachigkeit verwenden, um ihre kommunikativen Ziele in typischen Alltagssituationen (real life situations) zu erreichen. Dabei stellen sich Sinn und Bedeutungen nicht automatisch ein, sondern werden vor dem Hintergrund lebensweltlicher Annahmen stetig ausgehandelt (negotiation of shared interpretations) - es liegt auf der Hand, dass dem Alternieren zwischen Sprachen (codeswitching) dabei eine große Rolle zukommt.[25]

Zwei Stichwörter sind hier besonders hervorzuheben: real life situations, also eine Empirie situierter Sprachverwendung, und negotiation, das interaktive Aushandeln von Bedeutungen. Diese Aushandlungsprozesse finden auf allen Ebenen der komplexen Interaktionsstruktur statt; sie sind zumeist unausgesprochen und schaffen die jeweils bedeutsamen Handlungskontexte, auf die sich die Akteure ja irgendwie abstimmen müssen, um sich zu verstehen. Die Verwendung von verschiedenen Sprachen und auch Sprachvarietäten sind Teil dieses Aushandlungsprozesses: "Jedes Mal, wenn wir etwas in der einen Sprache sagen, das wir vielleicht auch in einer anderen hätten sagen können, stellen wir eine Verbindung her zu Menschen, zu Situationen, zu Machtkonstellationen aus unserer eigenen Geschichte vergangener Interaktionen. Gleichzeitig drücken wir dieser Geschichte und den beteiligten Menschen und Sprachen unseren eigenen Stempel auf. Es ist die Sprachwahl, mit der wir Grenzen der ethnischen Zugehörigkeit und persönlicher Beziehungen aufrecht erhalten oder ändern; es ist die Sprachwahl, mit der wir uns und die Anderen im Rahmen politisch-ökonomischer und historischer Kontexte konstruieren und definieren."[26]

Fußnoten

10.
Vgl. Peter Burke, Wörter machen Leute. Gesellschaft und Sprachen im Europa der frühen Neuzeit, Berlin 2006.
11.
Vgl. Lewis M. Paul (ed.), Ethnologue. Languages of the World, Dallas 200916, Statistical Summaries, online: www.ethnologue.com/ethno_docs/
distribution.asp?b y=country (15. 1. 2010).
12.
Vgl. Daniel Nettle/Suzanne Romaine, Vanishing Voices. The Extinction of the World's Languages, Oxford 2000.
13.
Vgl. L. M. Paul (Anm. 11).
14.
Schon die Begrifflichkeit ist mitunter verwirrend: Einsprachige werden auch monolingual, Zweisprachige bilingual und Mehrsprachige auch vielsprachig oder multilingual genannt. Zweisprachigkeit, Bilingualität, Bilinguismus, Mehrsprachigkeit, Multilingualität etc. werden in der Regel alternierend verwendet. In Konkurrenz dazu steht der neuere Begriff "polylingual".
15.
Erweiterte Fassung nach Joshua Fishman, Sociolinguistics. A Brief Introduction, Rowley, MA 1970.
16.
Vgl. exemplarisch dazu Peter Auer (ed.), Code-Switching in Conversation: Language, Interaction and Identity, London 1998.
17.
Vgl. Jens Normann JØrgensen, Introduction: Polylingual Languaging Around and Among Children and Adolescents, in: International Journal of Multilingualism, 5 (2008) 3, S. 161 - 176.
18.
Leonard Bloomfield, Language, New York 1933, S. 55 (alle Übersetzungen: VH).
19.
Vgl. Volker Hinnenkamp, Semilingualism, Double Monolingualism and Blurred Genres - On (Not) Speaking a Legitimate Language, in: Migration. Onlinejournal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik, (2005) 1, online: www.sowi-onlinejournal.de/2005 - 1/index.html (15. 1. 2010).
20.
J. N. JØrgensen (Anm. 17), S. 163.
21.
Ebd.
22.
Ebd.
23.
Vgl. Dell Hymes, Soziolinguistik. Zur Ethnographie der Kommunikation, Frankfurt/M., 1979; Volker Hinnenkamp, Interaktionale Soziolinguistik und Interkulturelle Kommunikation. Gesprächsmanagement zwischen Deutschen und Türken, Tübingen 1989; Inken Keim, Interaktionale Soziolinguistik und kommunikative, soziale Stilistik, in: Sociolinguistica, 20 (2006), S. 70 - 91.
24.
I. Keim (Anm. 23), S. 70.
25.
John J. Gumperz, On Interactional Sociolinguistic Method, in Srikant Sarangi/Celia Roberts (eds.), Talk, Work and Institutional Order, Berlin-New York 1999, S. 454.
26.
Li Wei, Dimensions of Bilingualism, in: ders. (ed.), The Bilingualism Reader, London-New York 2000, S. 15.

Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

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