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16.2.2010 | Von:
Volker Hinnenkamp

Vom Umgang mit Mehrsprachigkeiten

Lebensweltliche Mehrsprachigkeit

Je mehr gelebte kommunikative Welten mit lebensweltlicher Mehrsprachigkeit in den Blick einbezogen werden, umso mehr verlieren starre Begrifflichkeiten und variablenabhängige Kausalzusammenhänge ihre Bedeutung, und es treten differenzierte, interaktionsbezogene Untersuchungsergebnisse an ihre Stelle. Als "funktional" kann diese Art von Mehrsprachigkeit also dann bezeichnet werden, wenn sie aufgaben- und kompetenzspezifisch und nicht als von außen vorgeschrieben, also "präskriptiv" eingesetzt wird.[27]

Ich will im Folgenden eine Sequenz eines Sprechers aus einem mehrsprachigen (deutsch-türkischen) Gespräch vorstellen,[28] in der die lokalen Funktionen des codeswitching deutlich werden:[29]
    Indim, Sema'yi ari yom baki yom. Bi bakti m Matthias'i diyor: "Hey, kannsch du mi' mitnehmen?" Is'n Freund von mir, mit dem ich früher inner Klasse war. "He, kannschte mi' mitnehmen?", diyo, "I hab niemand", diyo, "sonst muss ich mit'm Bus oder mit der U-Bahn (...)."[30]
In dieser Sequenz wechselt (switcht) der Erzähler in dem Moment vom Türkischen ins Deutsche, als er seinen alten Schulfreund Matthias zitiert. Er gibt ihm sozusagen seine authentische Stimme. Diese Zitate sind mit dem türkischen Verb diyor bzw. diyo (er sagt) eingeklammert. Gleichzeitig wechselt er auch ins erzählerische Präsens und leiht seinem Freund die dialektale (schwäbische) Stimme: "Kannschte mi' mitnehmen (...) I hab niemand". Bei der Erläuterung in Deutsch, woher er Matthias kennt ("Is'n Freund von mir"), handelt es sich um eine Qualifizierung des Gesagten bzw. des eingeführten neuen Protagonisten. Da es sich um eine Nebensequenz der Erzählung handelt, wird sie in Deutsch wiedergegeben. Die Haupterzählung geht auf Türkisch weiter. Gleichzeitig wird in dieser Nebensequenz kein Schwäbisch mehr gesprochen und steht so in Kontrast zur wörtlichen Rede.

Diese Sequenz ist ein kleiner Ausschnitt aus einem über halbstündigen Gespräch, in dem alle beteiligten Sprecher zwischen Sprachen und zwischen Varietäten hin und her wechseln. In der kleinen Beispielsequenz zeigt der Sprecher, wie er zwei Sprachen und unterschiedliche Varietäten (Schwäbisch, Hochdeutsch; türkische Umgangssprache) einsetzt, um seine kommunikativen Intentionen differenziert und gleichzeitig verschiedene Zugehörigkeiten auszudrücken. Hier handelt es sich im Sinne von JØrgensen um eine Spielart der integrierten Bilingualismusnorm.

Polylinguale Sprachbasteleien

Sprache hat viele Funktionen, auch expressiv-performative und poetische. In meinen Untersuchungen von polylingualen Jugendlichen bin ich auch immer wieder auf spontane - mitunter dichterische - Sprachbasteleien gestoßen. Dabei wird das Potenzial aller zur Verfügung stehenden Sprachen und Varietäten genutzt - JØrgensens Polylingualismusnorm. Dazu gehören neben Stilisierungen, Verdrehungen und Verulkungen anderer Sprachen und Varietäten (z.B. Imitationen von "Gastarbeiterdeutsch", amerikanischem Akzent u.a.), Zitate aus den Medien, vor allem aber auch das Ausschöpfen von Mehrdeutigkeiten bei Sprachähnlichkeiten von Deutsch und Türkisch und witzige deutsch-türkische Kombinationen, wie im folgenden Beispiel:
    Wolfgang adi Wolfgang
    Wolfgang Wolf'un oğlu Molf
    Wolfgang Wolf'un oğlu Molfgang
    Wolfgang Wolf'un oğlu in Wolfsburg
    Adam drei mal Wolf oldu Doppelwolf
    Ama Wolfsburg'da oynuyor
    Wolfgang oynuyor ama wo wo[31]
Diese Reihung entstand im Rahmen eines kleinen verbalen Austausches von zwei 15-Jährigen. Deutlich kann man das Spiel mit "o" und dunklen Lauten (o, a) sehen; deutlich auch die türkischen Verdopplungen mit "m" im Anlaut: "Wolfgang Molfgang", was so viel wie "Wolfgang usw." heißt. Bei einer anderen Gelegenheit beispielsweise wird aus hava (Wetter, Luft) der rhythmische Abzählvers "Bir sana bi hava / bir sana bi hava" ("Einen für dich, einen in die Luft / Einen für dich, einen in die Luft"), was zur "Hava Ana", der "Mutter Eva", führt, um dann schließlich ganz profan in "Havanna Zigarre" übergeleitet zu werden.

Ich nenne diese Spiele und andere Performances "virtuos", weil in ihnen nicht nur die poetische Funktion im Vordergrund steht, denn das teilen sie zweifelsohne mit der Spontanpoesie und den Wortspielereien anderer Kinder und Jugendlicher. Erstaunlich ist darüber hinaus, dass diese Sprachspielereien all die ihnen zur Verfügung stehenden kommunikativen Elemente souverän als Ressource ihrer Polylingualität nutzen. Die Sprachspieler zeigen dabei ein hohes normatives Bewusstsein für Sprache und Varietäten, sowie Wissen über Wortbildungsprozesse.

Weiterhin könnte man aus den Daten über polylinguale Jugendliche Rückschlüsse auf die Sprachaneignungsgeschichte dieser Jugendlichen außerhalb des Schulunterrichts ziehen und stieße auf ein bislang wenig beachtetes Kompetenzprofil: Die Fähigkeit, Sprachen bei jeder Gelegenheit zu lernen, auf der Straße, aus den Medien, in alltäglichen Kommunikationssituationen - und vielleicht selbst noch in der Schule.[32]

Fußnoten

27.
Vgl. Suzanne Romaine, Sprachmischung und Purismus: Sprich mir nicht vom Mischmasch., in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, (1986) 62, S. 92 - 107.
28.
Vgl. Volker Hinnenkamp, "Zwei zu bir miydi?" - Mischsprachliche Varietäten von Migrantenjugendlichen im Hybriditätsdiskurs, in: Volker Hinnenkamp/Katharina Meng (Hrsg.), Sprachgrenzen überspringen. Sprachliche Hybridität und polykulturelles Selbstverständnis, Tübingen 2005, S. 61f.
29.
Es handelt sich um ein Transkript aus der Erforschung des Gemischtsprechens von Jugendlichen mit Migrationshintergrund; vgl. ebd. Die Verschriftlichung berücksichtigt die jeweils umgangssprachliche Sprechweise im Türkischen und Deutschen. Dank für die Unterstützung bei der Datenbeschaffung geht an Tuna Döger.
30.
Übersetzung (Türkische Elemente kursiv): Bin ausgestiegen, bin los nach Sema schauen. Auf einmal seh ich Matthias, sagt er: "Hey, kannsch du mi' mitnehmen?" Is'n Freund von mir, mit dem ich früher inner Klasse war. "He, kannschte mi' mitnehmen?", sagt er, "I hab niemand", sagt er, "sonst muss ich mit'm Bus oder mit der U-Bahn (...)."
31.
Übersetzung: Wolfgang sein Name ist Wolfgang / Wolfgang Wolf sein Sohn ist Molf / Wolfgang Wolf sein Sohn ist Molfgang / Wolfgang Wolf sein Sohn ist in Wolfsburg / Der Mensch war drei mal Wolf Doppelwolf / Aber er spielt in Wolfsburg / Wolfgang spielt aber wo wo.
32.
Es gibt mittlerweile eine große Anzahl von soziolinguistischen Untersuchungen, die diese Mehrsprachigkeiten unter unterschiedlichen Fragestellungen gerade bei Jugendlichen untersuchen. Vgl. u.a. Ben Rampton, Crossing, London-New York 1995; Inci Dirim/Peter Auer, Türkisch sprechen nicht nur die Türken, Berlin-New York 2004; H. Julia Eksner, Ghetto Ideologies, Youth Identities and Stylized Turkish, Berlin 2006; Inken Keim, Die "türkischen Powergirls", Tübingen 20082.

Joachim Scharloth

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