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16.2.2010 | Von:
Heike Wiese

Kiezdeutsch - ein neuer Dialekt

Bedroht Kiezdeutsch das Deutsche?

Die sprachlichen Neuerungen liefern in der öffentlichen Diskussion zu Kiezdeutsch mitunter Anlass für massive Sprachkritik. Kiezdeutsch wird als "gebrochenes Deutsch" angesehen, als aggressives "Gossen-Stakkato", das auf "Spracharmut" und "sprachliches Unvermögen" hinweise, als eine "Verhunzung des Deutschen", die zum "Verfall unserer Sprache" beitrage.[7] Kritik an Jugendsprache hat es selbstverständlich schon immer gegeben - schließlich ist eine der Funktionen von Jugendsprache die Abgrenzung gegenüber den Älteren. Im Fall einer multiethnischen Jugendsprache wie Kiezdeutsch findet sich darüber hinaus aber oft eine deutliche gesellschaftspolitische Komponente, die neben der Sorge um das Deutsche zum Teil in dem Vorwurf gipfelt, wer als Jugendlicher nicht-deutscher Herkunft Kiezdeutsch spreche, zeige damit zumindest einen mangelnden Integrationswillen, wenn nicht gar seine Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft und ihrer Sprache.

Man muss sich hier aber klar machen, dass es nicht das eine Deutsch gibt, sondern dass die deutsche Sprache, wie jede Sprache, ein Spektrum unterschiedlicher Dialekte und Stile umfasst, und die Entwicklung von Jugendsprachen ist ein Aspekt davon. Wir alle beherrschen mehrere Elemente dieses Spektrums und sprechen beispielsweise neben dem Standarddeutschen noch eine regional gefärbte Varietät oder einen Dialekt, und wir sprechen ein stärker umgangssprachliches Deutsch mit der Familie oder mit Freunden als etwa mit Vorgesetzten oder bei einer Prüfung. Ebenso ist Kiezdeutsch nur ein Teil des sprachlichen Repertoires von Jugendlichen: Kiezdeutsch wird unter Freunden gesprochen, aber nicht mit Eltern, Lehrern usw.

Kiezdeutsch stellt somit grundsätzlich keine Bedrohung für das Deutsche dar: Auf der Ebene seiner Sprecher ist es Teil eines größeren sprachlichen Repertoires, auf der Ebene des Sprachsystems einer von vielen Dialekten des Deutschen - lediglich mit der Besonderheit, dass es sich hier um einen Dialekt handelt, der überregional im multiethnischen urbanen Raum beheimatet ist. Daher ist es auch nicht überraschend, dass wir ganz ähnlichen Vorurteilen und Befürchtungen gegenüber Kiezdeutsch begegnen, wie sie auch gegenüber traditionellen Dialekten verbreitet waren und zum Teil noch sind. Ebenso wie das Hessische oder das Bayerische jedoch nicht eine Bedrohung des Deutschen, sondern eine Bereicherung des deutschen Varietätenspektrums darstellen, beeinträchtigt auch Kiezdeutsch die deutsche Sprache nicht in ihrer grammatischen Integrität, sondern fügt ihrem Spektrum ein neues Element hinzu. Und ebenso wie der Gebrauch des Hessischen oder des Bayerischen nicht einen gescheiterten Versuch darstellt, Standarddeutsch zu sprechen, so weist auch die Verwendung von Kiezdeutsch nicht auf mangelnde Sprachkompetenzen hin.

Kiezdeutsch ist somit keine formelhafte, grammatisch reduzierte Sprache, die sich in ritualisierten Drohgebärden erschöpft, wie sie oft karikaturhaft zitiert werden ("Was guckst du? Bin ich Kino?" "Ich mach dich Messer!"). Wie jeder andere Dialekt unterscheidet sich auch Kiezdeutsch von der deutschen Standardsprache. Diese Unterschiede weisen jedoch nicht auf "gebrochenes Deutsch", sondern bilden ein eigenständiges System und sind Bestandteil einer eigenen Varietätengrammatik: Wir finden in Kiezdeutsch nicht bloß sprachliche Vereinfachung, sondern eine systematische, produktive Erweiterung des Standarddeutschen.

Fußnoten

7.
Zitate aus Medien und Zuschriften in Reaktion auf Medienberichte zu sprachwissenschaftlichen Forschungsergebnissen.

Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

"Unordentliche" Kleidung, lange Haare und offene Verstöße gegen Benimmformen: Die 68er-Bewegung war eine Rebellion gegen die herrschende Ordnung. Auch in der Sprache und Kommunikationsritualen sorgten die 68er für reichlich Unordnung.

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