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Wirtschaftsstile in der Landwirtschaft


25.1.2010
In dem Beitrag werden die Landwirtschaftsstile als innovatives, realistisches Agrarkonzept vorgestellt, um gemeinsam mit der landwirtschaftlichen Praxis gute Lösungen für eine zukunftsgerichtete Landwirtschaft zu finden.

Einleitung



Wie lassen sich zeitgemäße und zukunftsfähige Konzepte gemeinsam mit der und für die Landwirtschaft entwickeln? Die akademische Auseinandersetzung um das wirtschaftliche Handeln in der Landwirtschaft dreht sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer wieder um die Frage nach gutem oder schlechtem Wirtschaften: als Bauer oder Unternehmer, als Klein- oder Großbetrieb? Für eine auf höchste Erträge ausgerichtete Landwirtschaft galt es lange Zeit, Landwirte von einer rationellen Wirtschaftsgesinnung und der Bereitschaft zur Intensivierung und Vergrößerung der Betriebe zu überzeugen. So war auch die wissenschaftliche Debatte davon geprägt, Landwirte über die "richtige" wirtschaftliche Grundhaltung aufzuklären. Sie blieb losgelöst von der wirtschaftlichen Realität und den Vorstellungen und Leitlinien der Landwirte.






Zu Leitbegriffen des zukunftsgerichteten Typus wirtschaftlichen Handels sollte in Westdeutschland ab den 1950er Jahren der landwirtschaftliche Familienbetrieb, später dann das landwirtschaftliche Familienunternehmen werden. Im Rückblick handelt es sich bei beiden um Begriffe, die nicht mehr als geschickte theoretische Spielarten waren, um Wirtschaftsformen zu überwinden, welche der gewünschten, fremdbestimmten Modernisierung und Rationalisierung entgegenstanden. Heute gilt Landwirtschaft als zukunftsfähig, wenn sie im Konsens mit den dringenden Ansprüchen an den Klima-, Umwelt- und Naturschutz sowie dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit gestaltet wird. Eine echte, vom tatsächlichen Handeln in der landwirtschaftlichen Praxis hergeleitete wissenschaftliche Auseinandersetzung liefert dazu die Basis. Das hier vorzustellende Konzept der Landwirtschaftsstile ist ein zukunftsweisender Ansatz.

Optimales Landwirtschaften



Trotz vieler gemeinsamer Strukturmerkmale war und ist die Landwirtschaft in sich vielfältig sozioökonomisch differenziert. Jüngste Antriebskräfte dafür waren neben dem fortschreitenden wirtschaftstrukturellen Wandel sowie Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen auch politische Neuorientierungen (deutsche Vereinigung, Agrarwende, EU-Agrarreformen). Diese Prozesse haben zur Pluralisierung landwirtschaftlicher Entwicklungspfade geführt.[1] Die Landwirte folgen nicht unmittelbar der von außen an sie gerichteten Leitlinie, ein rein gewinnorientiertes landwirtschaftliches Unternehmen aufzubauen. Viele versuchen, die Landwirtschaft als Sozial- und Lebensform zu erhalten. Perspektiven dazu bieten alternative Einkommensquellen, Arbeitsfelder und Betriebszweige oder die ökologische und/oder regionale Produktion. Wirtschaftsstrategien wie Low-Input-Verfahren haben an Bedeutung gewonnen.[2] Tendenziell ist der Anteil der Nebenerwerbs- gegenüber den Haupterwerbsbetrieben gewachsen. Hofgemeinschaften, Kooperationen und Hofneugründungen sind neben den Familienwirtschaften immer bedeutsamer geworden.[3]

Doch trotz dieser Vielfalt dienen bis heute theoretische Gegenentwürfe mit substantiellen Unterscheidungen zwischen traditionell bäuerlichem und fortschrittlich unternehmerischem Wirtschaften als konzeptionelle Instrumente zur Erklärung landwirtschaftlichen Handelns. Geschaffen wurden diese polarisierenden Denkansätze im 19. Jahrhundert, als die industrielle Modernisierung und Marktorientierung der Landwirtschaft zu den vordringlichsten Zielen des städtischen Bürgertums gehörte. Mit der Intention, die eigenen Erwartungen an die Entwicklung landwirtschaftlicher Strukturen und staatliche Ansprüche an die Landwirtschaft zu rechtfertigen, betrieben Agrartheoretiker, ob Ökonomen, Volkskundler oder Soziologen, eine Idealisierung oder Stigmatisierung entweder bäuerlicher oder unternehmerischer Bewirtschaftungsformen. Drei ideologische Richtungen bestimmten in dieser Zeit die Debatte: liberale, konservative und marxistische - in allen drei Ideologien wurde das Gegensatzpaar Bauer - Unternehmer verwendet.[4]

Für Albrecht Daniel Thaer, dem Begründer der Agrarwissenschaften, war die bäuerliche Wirtschaft der Antityp (ohne Eigenpotenzial, Dynamik, Überlebensfähigkeit) und der landwirtschaftliche Großbetrieb der Prototyp, um die Landwirtschaft nach kapitalistischen, gewinnorientierten Grundsätzen zu organisieren.[5] Nach Thaers Vorstellung konnten entscheidende Produktions- und Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft nur über eine konsequente Einführung kapitalistischer Wirtschaftsmethoden erreicht werden. Sein Vorbild war der historische Sonderfall der Agrarrevolution in England (18. Jahrhundert): Im dörflichen Verband organisierte, bäuerliche Betriebe wurden zu Gunsten großbetrieblicher Strukturen zerstört. Eine soziale Klasse abhängig wirtschaftender Pächter entstand. Nationalökonomen wie Karl Bücher, Friedrich List und Werner Sombart oder der Kapitalismuskritiker Karl Marx deuteten bäuerliche Wirtschaftsweisen als primitive wirtschaftliche Entwicklungsstufe und setzten deren unausweichliche Überwindung mit kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung gleich.[6] Stellvertretend für die konservative Richtung stehen die Arbeiten des Kulturhistorikers Wilhelm Heinrich Riehl,[7] der sich gegen die Entwicklungsinteressen der "landwirtschaftlichen Theoretiker" seiner Zeit wandte und eine Politik für den Erhalt des "Bauernstandes" forderte. "Bauern von guter Art" repräsentieren hier gesellschaftliche Stabilität, Bauernbetriebe mit spezialisierten Arbeitsweisen, Handel, Gelderwerb und gewinnorientiertem Absatz dagegen "entartete".[8]

Im Nationalsozialismus begannen Agrartheoretiker damit, die beiden alternativ gedachten Szenarien vom guten oder schlechten Landwirtschaften zu einem einzigen, universalistischen und zugleich widersprüchlichen Anspruch zu verschmelzen. Sie legten ihn als Maßstab an das wirtschaftliche Handeln aller Bauern an. Trotz aller ideologischen Bevorzugungen und mystisch verklärender Zuschreibungen zielte die nationalsozialistische Agrarpolitik auf eine umfangreiche Rationalisierung der landwirtschaftlichen Produktion und eine Veränderung der landwirtschaftlichen Markt-, Verbands- und Gesetzesstrukturen. Die "unvergleichliche Beständigkeit des bäuerlichen Wesens" durfte nach dem NS-Ideologen Gunter Ipsen nicht dafür stehen, dass die Bauern selbst unberührt von gesellschaftlicher Entwicklung blieben.[9]

Die gesellschaftlichen Probleme nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (Ernährungssicherung, Eingliederung von Flüchtlingen, zweite Industrialisierung) führten schließlich dazu, dass die Agrartheoretiker die fiktiven, simplen, aber scharfen Kontrastbilder übergangslos übernahmen. Sie behielten die Deutungsmacht darüber, welche Art des Landwirtschaftens als das unerwünschte Andere, als das Dysfunktionale überwunden werden musste.[10] Ohne die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Ausgangsbedingen wirtschaftlichen Handelns in der Landwirtschaft zu beachten wurde von der Agrartheorie ein unauflöslicher Orientierungswiderspruch auf die Menschen übertragen: nämlich sozial und kulturell als Bauern zu handeln, wirtschaftlich aber als kalkulierender Unternehmer. Dieser Widerspruch sollte sich in den folgenden Jahrzehnten nicht auflösen. Denn dieser an die Landwirtschaft gerichtete Wertmaßstab sollte in Form begrifflicher Spielarten wie "bäuerlicher Familienbetrieb" (1970er/1980er Jahre), "landwirtschaftliches Familienunternehmen" (1980er/1990er Jahre) oder - aktuell - dem "erweiterten Familienunternehmen" nicht nur in der wissenschaftlichen Agrardebatte immer wieder auftauchen; er hatte großen Einfluss auf Beratungsansätze, das Politikverständnis und vor allem auf die Umsetzung agrarpolitischer Förderinstrumente.

Bis über die 1990er Jahre hinaus blieb der Blick auf die tatsächlichen Aspekte wirtschaftlichen Handelns in der Landwirtschaft verstellt. Selbst als die Forschung begann, sich kritisch den Folgen der industrialisierten Landwirtschaft zuzuwenden, blieb sie in den denselben Kontrastbildern verhaftet: etwa, wenn sie wirtschaftliche Anpassungsleistungen und soziale Bewältigungsstrategien des Agrarstrukturwandels als Ablösung vom bäuerlichen Oikos, als Austarieren von Traditionserhalt und -bruch, als Bereitschaft zur Rationalisierung oder in Form von Handlungstypen wie subsistenz-/marktlogisch denkende Landwirte beschrieben.[11] Damit trug sie die alte Dichotomie und ihre impliziten Bewertungen stillschweigend weiter. Auch die fachwissenschaftliche Diskussion von heute leidet noch unter den alten Agrarkonzepten: Als Konsequenz der "Agrarwende", die als neues landwirtschaftliches Leitbild "Klasse statt Masse" propagierte, stand Anfang 2000 die Ausweitung der ökologischen Landwirtschaft an. Von Neuem begann die deutsche Agrarforschung, das wirtschaftliche Handeln (nun: der Ökobauern) anhand der markanten Trennlinie zwischen marktorientiert/modern und idealistisch/traditionell einzuteilen.[12]

Landwirtschaftsstile



In den Niederlanden dagegen lösten sich kritische Agrarforscher von agrarwissenschaftlichen Definitionsansätzen, in denen das wirtschaftliche Handeln eng an der Anpassungs- und Bewältigungsfähigkeit des Modernisierungsparadigmas gemessen wurde. Eine Forschergruppe um den Agrarsoziologen Jan Douwe van der Ploeg präsentierte eine Konzeption, die von der alltäglich beobachtbaren Vielfalt wirtschaftlicher Rationalitäten und den vielfältigen Bedürfnissen und Ausgangsbedingen des Landwirtschaftens hergeleitet wurde: die der farming styles[13] (Landwirtschaftsstile). Die Idee hinter den Landwirtschaftsstilen war es, das Typische an der Vielfalt zu systematisieren, um unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten erklären zu können. Anregungen dazu fanden die Forscher durch ein in der damaligen Agrarforschung nicht selbstverständliches, partizipativ mit regionalen Beratungsdiensten und Praktikern umgesetztes Projekt, in dem das wirtschaftliche Handeln von Milchbauern exemplarisch und nah an der Lebenswelt betrachtet werden sollte.

Bereits in den 1920er Jahren hatten sich auch deutsche Landbauwissenschaftler (Friedrich Aeroboe[14]/ Theodor Brinkmann[15]) mit der Vielgestaltigkeit landwirtschaftlicher Ökonomien beschäftigt. Sie brachen mit der herrschenden Lehrmeinung, nur Großbetriebe könnten wirtschaftlich überlegen und kapitalis-tisch organisiert sein. Das Landwirtschaften wurde verstanden als Kunst des Notwendigsten, als Kunst stets das Notwendigste herauszufinden und zuerst zu tun.[16] Die Art und Weise des Landwirtschaftens war für sie eine Frage des Gesamtgefüges der Betriebe. Ihre Integration in Volkswirtschaft und Märkte, die Betriebsgröße und erreichbare Preise waren für sie definitive Gründe für eine extensive oder intensive Ausrichtung. Wirtschaftlicher Erfolg und Kompetenz im Wirtschaften waren keine Frage der Wirtschaftsgesinnung, sondern Landwirte mussten in ihren Augen Experten ihrer je eigenen Wirtschaftspraxis sein. Der Betrieb war ihnen "auf den Leib geschnitten": Wirtschaftlicher Erfolg konnte sich durch Geschäftstüchtigkeit, durch unternehmerisches Risiko, aber ebenso durch andere berufliche Leidenschaften (z.B. Viehzucht) einstellen - vorausgesetzt, den Landwirten gelingt es, die vielfältigen Ansprüche eines Betriebes in der Balance zu halten. Nicht den maximalen Geldgewinn, sondern den hohen, nachhaltigen privatwirtschaftlichen Nutzen, der über den Geldverdienst ebenso wie über die Natural- und Versorgungswirtschaft erreicht werden könnte, definierten sie als optimale (land-)wirtschaftliche Rationalität.

Bei den Landwirtschaftsstilen geht es also im Kern um die Beziehungen, Einstellungen und Strategien, welche Landwirtsfamilien in Abgrenzung zur wirtschaftlichen Praxis anderer Betriebe entwickeln. In einem landwirtschaftlichen Betrieb muss eine Bandbreite variabel auftretender Aufgaben sorgfältig koordiniert werden. Dies enthält eine je spezifische Koordination im Bereich der Produktion und Reproduktion. Innovative Stärke dieses Konzeptes ist es, wirtschaftliches Handeln als Ergebnis der Aushandlung dieser praktischen, persönlichen und theoretischen Elemente zu verstehen. Wie gelingt es Landwirten, ökonomische, politische und technologische Aspekte des Wirtschaftens mit praktischen Anforderungen sowie persönlichen und kulturellen Ansprüchen, Werten und Interessen zu verbinden? Ein Landwirtschaftsstil entfaltet sich dauerhaft durch die sorgfältige Koordination der komplexen und vielfältigen Aufgaben, die Landwirte in der alltäglichen Arbeits- und Wirtschaftspraxis zu bewältigen haben.[17] Van der Ploeg grenzte beispielsweise die Landwirtschaftsstile von Milchbauern in den 1990er Jahren in Form typischer Gruppen voneinander ab: intensive, große oder wirtschaftliche Bauern; Züchter oder Maschinenbauern.

Landwirtschaftsstile beschreiben eine geregelte Art und Weise des wirtschaftlichen Handelns, eine grundlegende ökonomische Rationalität der Bauern. Sie repräsentieren die eigenständigen Antworten, die beispielsweise die Milchbauern auf den landwirtschaftlichen Strukturwandel seit den 1950er Jahren in den Niederlanden fanden (auf die eigenen Ressourcen orientiert zu wirtschaften, ohne Schulden zu machen, statt den Ertrag durch maximalen Einsatz externen Kapitals und Ressourcen permanent zu steigern; auf langsames Wachstum zu setzen, statt sehr expansive Wachstumsschritte vorzunehmen; auf eigene handwerkliche Kompetenzen und Familienarbeitskraft setzen, statt neue, Arbeitszeit sparende Technologien einzusetzen). Es steht der wirtschaftliche Gestaltungs- und Handlungsspielraum von Landwirten im Vordergrund - ein Manövrierraum, in dem Märkte und Technologien den Kontext für Varianten der wirtschaftlichen Ausgestaltung der Betriebe bieten. Bevorzugen Landwirte etwa Technologien neuesten Standards, sind sie abhängiger von externen Dienstleistungen und Fachwerkstätten und damit stärker in externe Märkte integriert; setzen sie dagegen eher Gebrauchtmaschinen ein, die selbst repariert werden können, dann führt dies zu einer geringeren Marktintegration. Solche Manövrierräume ergeben sich immer dort, wo nicht nur die Produktion, sondern auch die Reproduktion wichtiger Ressourcen auf dem Hof selbst möglich ist (Viehhaltung, Futter, Arbeit).

Landwirtschaftsstile in Deutschland



International nahmen viele Wissenschaftler das Konzept der farming styles auf und entwickelten es am Beispiel unterschiedlicher landwirtschaftlicher "Branchen" weiter (z.B. italienische Rindermäster; niederländische Schweinehalter; australische Wein- und Obstbauern). Methodisch gibt es keinen einheitlichen Weg zur Erforschung von farming styles.[18] Mittlerweile nutzen sogar Agrarhistoriker dieses Konzept.[19]

In Deutschland wurden Mitte der 2000er Jahre erste Untersuchungen zu den Wirtschaftsstilen unter Milchbauern durchgeführt.[20] Methodisch und konzeptionell wurde eine wesentliche Kritik an dem Ansatz von van der Ploeg aufgenommen, indem die Entwicklung von Landwirtschaftsstilen auf Milchviehbetrieben aus einer längerfristigen Perspektive, also betriebsbiografisch betrachtet wurde. Dabei wurden grundlegende ethische Wertorientierungen und Leitbilder ebenso wie familiäre Strukturen einbezogen. Auch sollte sich die Forschungsperspektive noch stärker auf die Praxis der milchviehhaltenden Betriebe verdichten: von den wirtschaftlichen Grundprinzipien über die Arbeitspraxis und Betriebsorganisation zu den gewählten Haltungs- und Stallformen, der Zuchtpraxis und Fütterung bis hin zu Fragen über die Bedeutung der Arbeit mit Nutztieren. Gegebene Ressourcen (Betriebsgröße, Milchquote), politische und institutionelle Vorgaben, aber auch die Visionen aller auf dem Betrieb wirkenden Personen und Generationen nahmen Einfluss auf die Betriebsgestaltung. Wie die Betriebe geführt wurden, hing stark vom Generations- und Lebensstadium der Menschen ab, in dem sie sich mit ihrem Betrieb befanden: Landwirtschaftsstile sind dynamisch.

Als grundlegende Ausprägungen ihres wirtschaftlichen Handelns und damit als Landwirtschaftsstile zeichnete sich Mitte der 2000er Jahre unter den Milchviehbetrieben ab, dass sie neue Balancen zwischen Vielseitigkeit und Spezialisierung suchten. Drei Landwirtschaftsstile lassen sich unterscheiden.

Stil 1: Vielseitig bleiben und im Plus wirtschaften. Auf Größe und Wachstum kommt es nicht an - diesem Handlungsmotiv folgte eine Gruppe der Milchviehbetriebe mit drei wesentlichen Leitlinien: 1) den bestehenden wirtschaftlichen Rahmen bestmöglich auszunutzen (Gebäude, Land, Betriebsgröße, Milchquote, Vieh); 2) "im Plus wirtschaften" (keine/wenig Schulden; größere Investitionen nur auf Basis finanzieller Rücklagen; Wachstum Schritt für Schritt; low input); 3) Vielseitigkeit in der eigentlichen landwirtschaftlichen Produktion. Sich modernisieren heißt für diese Landwirte nicht, allgemein empfohlene, schlüsselfertige "Projekte" nachzuahmen und die Betriebe durch Intensivierung und Vergrößerung weiterzuentwickeln. Sie verfolgen relativ autonome Wirtschaftsstrategien, in dem sie die benötigten Ressourcen für die Produktion wie Arbeit, Futtermittel, Vieh möglichst auf dem eigenen Betrieb mobilisieren. Die Betriebsentwicklung gestalten sie durch ständige kleine Innovationen im Detail und indem sie die Wertschöpfung aus ihrer Produktion erhöhen (z.B. durch eigene Vermarktung von Fleischprodukten). Bei diesen Betrieben bleiben Milchkuhbestand und Milchleistung über Jahrzehnte stabil. Ihre Strategie besteht darin, mit weniger Milchleistung mehr Geld zu verdienen. Sie kreuzen dafür robuste Rinderrassen ein, achten auf eine gute Gesundheit (geringe Tierarztkosten) und Langlebigkeit der Tiere, das Grünland wird durch Weidehaltung und zur Grundfutterwerbung voll ausgenutzt, Kraftfutterzukauf vermieden (Verfütterung von eigenem Getreide). Die Arbeit organisieren sie durch informelle Betriebs- und Maschinenkooperationen und eigene handwerkliche und technische Fähigkeiten.

Stil 2: Spezialisierung und neue Vielseitigkeit. Diese Betriebe haben sich im Laufe ihrer Betriebsgeschichte auf intensive Milchproduktion spezialisiert, den Gemischtbetrieb abgeschafft und trotzdem eine neue Vielseitigkeit aufgebaut. Sie streben eine Vergrößerung des Viehbesatzes an und relative Unabhängigkeit von den eigenen begrenzten betrieblichen Ressourcen. Sie erhöhen die Größe der Herde und die Milchleistung durch den Einsatz und Zukauf externer Betriebsmittel wie Futterkonzentrate, Düngemitteln, Maschinen oder Tiere. In Abständen werden relativ große Investitionen für elementare Wachstumsschritte und technologische Erneuerungen in der Milchviehhaltung umgesetzt (Stallneubauten, Vergrößerung der Anbaufläche, Einsatz neuester Reproduktionstechnologien). In der Milchviehhaltung setzen sie auf hohe Leistung, die Nutzungsdauer der Tiere ist kurz. Sie entscheiden sich für Spezialisierung - aber auf einer alten wirtschaftlichen Grundstrategie, der Vielseitigkeit -, ausgefüllt mit neuen Inhalten: Auf diesen Betrieben finden sich immer weitere, besondere wirtschaftliche Standbeine, etwa die Bullenmast für Rindfleischmarkenprogramme, eine eigene Molkerei zur Selbstvermarktung von Milch, Dienstleistungstätigkeiten, Solarenergie und Zuchttiere.

Stil 3: Spezialisierung und Vergrößerung durch gemeinsames Wachstum. Eine andere Gruppe von Betrieben nutzt alle Ressourcen, um Arbeitsteilung, Spezialisierung und Vergrößerung der Milchviehhaltung für ihren Betrieb voranzutreiben. Sie organisieren betriebliche Arbeitsteiligkeit, indem sie Kooperationen mit anderen spezialisierten Betrieben (Ackerbau, Milchvieh) eingehen. Ihre wirtschaftliche Philosophie gilt dem "gemeinsamen Wachstum", mit dem sie sich im Kampf um das betriebliche Überleben Vorteile verschaffen wollen. Eine kostenorientierte, leistungsstarke, optimierte Milchproduktion selbst steht hier im Vordergrund, aber nicht die Hochleistungszucht mit einer ständigen Verbesserung der Milchleistung. Kühe sind für diese Betriebe zum Melken da: Sie verzichten durchaus auf modernste Zuchttechnologien (Besamung, Embryotransfer) und setzen kostensparend auch Deckbullen ein. Im Glauben, dass nur wenige, aber eben große Betriebe wirtschaftlich überleben können, ordnen diese Milchbauern Verbesserungsmöglichkeiten in internen betrieblichen Produktionsprozessen immer dem betrieblichen Wachstum unter.

Es gibt aber auch Landwirte, die nicht durch einen Stil, sondern vielmehr durch Orientierungslosigkeit im wirtschaftlichen Handeln auffallen. Sie verhalten sich zögerlich, wenn es um Entscheidungen zur weiteren Veränderung ihrer Betriebe geht. Angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Lage wird improvisiert und gelegenheitsorientiert gewirtschaftet.

Landwirtschaftsstile als Wege zur Veränderung



Um die Landwirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit verändern zu wollen, brauchen wir ein vertieftes Verständnis davon, wie die Menschen von der bisherigen zu einer zukunftsgerichteten Landwirtschaft kommen können. Das Agrarkonzept der Landwirtschaftsstile erscheint hier als innovativer und zugleich realistischer Weg, praxisorientierte Optionen und Vorschläge zu finden, statt Landwirten eine bloße Wirtschaftsgesinnung anzuraten oder Technologie und Wissenschaft allein als Verbündete im Streben um eine gute Art des Landwirtschaftens zu sehen. Landwirtschaftstile lassen sich nicht nur auf Aspekte wie die Vielseitigkeit der Betriebe, ihre spezifischen Wachstumsstrategien, die Integration in Märkte, auf den Einsatz der Technologien oder den Zugang zu benötigten Ressourcen wie Arbeit (Fremdarbeit oder Familienkräfte) oder Betriebsmittel (Kauf oder Eigenproduktion) übertragen. Mit den Landwirtschaftsstilen können unterschiedliche Ausprägungen wirtschaftlichen Handelns zweifellos auch aus ethischer, umweltbezogener oder sozialer Sicht erklärt werden.

Mit den Landwirtschaftsstilen wurden eigenständige Antworten auf die Frage entwickelt, welcher Umgang mit den Tieren angemessen und verantwortbar ist. Im Stil 1 besitzen die Landwirte Kenntnisse über jedes einzelne Tier, sie bemühen sich um gesunde, langlebige Tiere, die sie überwiegend auf der Weide halten. Im Stil 2 werden regelmäßig Verbesserungsmöglichkeiten in der Laufstallhaltung umgesetzt. Betont werden die richtigen technischen Ausstattungen der Ställe, um Tiere vernünftig behandeln zu können. Weidehaltung wird zu Gunsten der Stallhaltung aufgegeben. Im Stil 3 ist Tierhaltung mehr eine Frage des Managements. Im Vordergrund stehen vor allem physiologische Bedürfnisse von Nutztieren (Futter, Gesundheit), die es für eine verbesserte Leistung zu optimieren gilt.

Landwirtschaftsstile können in der alltäglichen Praxis und mit dem Erfahrungswissen erarbeitete Wege aufzeigen, die einen Kompromiss zum ständigen Intensivierungs- und Vergrößerungsdruck darstellen - ohne dass die Betriebe sich von der eigentlichen landwirtschaftlichen Produktion entfernen müssen. Gerade in Stil 1 wird die Landwirtschaft an die vorhandenen Ressourcen angepasst; durch eine flexible Nutzung produktionsrelevanter Ressourcen und eine hohe Wertschöpfung gelingt es, eine relativ geringe Basis an externen Ressourcen zu verbrauchen.[21] Stil 3 dagegen ist auf die Ausnutzung externer Ressourcen ausgerichtet. Wie labil diese Ausrichtung sein kann, zeigte sich in Zusammenhang mit der aktuellen Wirtschaftskrise, als die Bundesregierung Liquiditätshilfen gerade für diese Betriebe auflegen musste.

Aus der landwirtschaftlichen Praxis heraus wurden Antworten auf unterschiedlichste Konsequenzen des dominierenden Modernisierungsparadigmas des "Wachsen oder Weichens" gefunden. Hier gilt es weiterzuarbeiten. Das Konzept der Landwirtschaftsstile ermöglicht es, gemeinsam mit der Praxis gute Lösungen herauszuarbeiten - bereits in der Praxis etablierte Fähigkeiten, die es ermöglichen, Landwirtschaft in vielerlei Hinsicht "gut" zu betreiben: ökonomisch, nachhaltig, tier-, umwelt- und auch klimagerecht.

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Fußnoten

1.
Vgl. Götz Schmidt/Ulrich Jasper, Agrarwende, München 2001.
2.
Vgl. Jan Douwe van der Ploeg, Revitalizing Agriculture, in: Sociologia Ruralis, 40 (2000) 4, S. 498 - 511.
3.
Dieser Text bezieht sich auf die westdeutsche Landwirtschaft. Auch in den ostdeutschen Bundesländern entstanden nach 1990 differenzierte Produktions- und Sozialstrukturen mit vielfältigen Organisations- und Rechtsformen. Einzelbäuerliche Neu- und Wiedereinrichtungsbetriebe entstanden, viele Genossenschaftsmitglieder hielten aber auch an der gemeinschaftlichen, kollektiven Landbewirtschaftung fest.
4.
Vgl. Andreas Bodenstedt/Andreas Nebelung, Agar-Kultur-Soziologie, Gießen 2003.
5.
Hauptwerke: Die Landwirtschaft ist ein Gewerbe (1809); Grundsätze der rationellen Landwirtschaft (1809 - 1812).
6.
Vgl. Michael Kopsidis, Agrarentwicklung, Stuttgart 2006. Die Gedanken des in Russland wirkenden Alexander Tschajanow, der eine auf der sozialen Eigenständigkeit begründete "Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft" (1923) erarbeitete, erfuhren erst ab den 1960er Jahren unter deutschen Entwicklungssoziologen Anerkennung; vgl. A. Bodenstedt/A. Nebelung (Anm. 4), S. 289.
7.
Vgl. ebd., S. 286.
8.
Wilhelm H. Riehl, Die bürgerliche Gesellschaft, Stuttgart 1861.
9.
Vgl. Gunter Ipsen, Das Landvolk, Hamburg 1933, S. 17.
10.
Vgl. Clemens Dirscherl, Bäuerliche Freiheit und genossenschaftliche Koordination, Bamberg 1989, S. 50f.
11.
Vgl. Peter Schallberger, Subsistenz und Markt. Bäuerliche Positionierungsleistungen unter veränderten Handlungsbedingungen, Bern 1996.
12.
Vgl. hierzu Katrin Hirte/Jürgen Walter, Handlungsstrategien und Werte, Neubrandenburg 2005.
13.
Vgl. Jan Douwe van der Ploeg, Styles of Farming, in: ders./Ann Long, Born from Within, Assen 1994.
14.
Vgl. Friedrich Aeroboe, Allgemeine Landwirtschaftliche Betriebslehre, Berlin 1923.
15.
Vgl. Theodor Brinkmann, Die Ökonomik des landwirtschaftlichen Betriebes, Tübingen 1922.
16.
Vgl. F. Aeroboe (Anm. 14), S. 613.
17.
Vgl. Jan Douwe van der Ploeg, The Virtual Farmer, Assen 2003.
18.
Vgl. Frank Vanclay/Luciano Mesiti, Specifying the farming styles in viticulture, in: Australian Journal of Experimental Agriculture, 46 (2006) 4, S. 585 - 593.
19.
Vgl. Ernst Langthaler/Rita Garstenauer/Sophie Kickinger/Ulrich Schwarz, Landwirtschaftsstile, Ms., St. Pölten 2008.
20.
Vgl. Karin Jürgens, Der Blick in den Stall fehlt, in: Der kritische Agrarbericht 2008, Kassel 2008, S. 140 - 144.
21.
Vgl. hierzu J. D. van der Ploeg (Anm. 2).