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25.1.2010 | Von:
Werner Rösener

Landwirtschaft und Klimawandel in historischer Perspektive

Bevölkerungsexpansion und Landesausbau

Welche Auswirkungen hatte die hochmittelalterliche Warmphase auf Agrarwirtschaft und Bevölkerungsdichte? In seinen grundlegenden Untersuchungen zur Agrar- und Ernährungsgeschichte Mitteleuropas seit dem Hochmittelalter hat Wilhelm Abel die Zeit des 12. und 13. Jahrhunderts als Aufschwungsepoche charakterisiert, die im 14. und 15. Jahrhundert von einer Phase der Agrardepression abgelöst wurde.[8] Bei der Frage nach den Ursachen des hochmittelalterlichen Booms wies Abel neben den agrikulturellen Fortschritten in Agrartechnik und Bodennutzung vor allem auf den demographischen Faktor hin: Die enorme Bevölkerungszunahme, die vom 11. bis zum frühen 14. Jahrhundert annähernd zu einer Verdreifachung führte, sei die Voraussetzung für die großartige Ausweitung und Intensivierung des Ackerbaus gewesen. Bei den Ursachen des hochmittelalterlichen Aufschwungs fehlt bei Abel noch jeglicher Hinweis auf die klimatischen Veränderungen der Warmphase, wodurch die Expansion des Ackerbaus und die Intensivierung der Agrarwirtschaft befördert wurden.

Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert vergrößerte sich die Bevölkerung in den meisten west- und mitteleuropäischen Ländern um das Zwei- bis Dreifache. In Frankreich wuchs in diesem Zeitraum die Bevölkerung von etwa sechs auf 19 Millionen, während in Deutschland eine Zunahme von etwa vier auf 12 Millionen stattfand.[9] In Wechselwirkung zur enormen Bevölkerungsexpansion wurde das Kultur- und Ackerland auf Kosten der bis dahin noch anders genutzten Flächen und der Waldareale ausgeweitet. Dieser hochmittelalterliche Landesausbau vollzog sich in Deutschland in zwei Bereichen: einerseits in der Binnenkolonisation und dem Ausbau des altdeutschen Siedlungsgebietes und andererseits in der Ostsiedlung, wodurch die Gebiete jenseits von Elbe und Saale kolonisiert wurden.[10] Der intensive Landesausbau verwandelte das Bild der mitteleuropäischen Landschaft in ein blühendes Kulturland von Hof- und Dorfgemarkungen. Gleichzeitig veränderte sich im Gunstklima des Hochmittelalters das Siedlungsbild Europas durch die Entstehung zahlreicher Städte als Zentren von Handel und Gewerbe.

Fußnoten

8.
Vgl. Wilhelm Abel, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur. Eine Geschichte der Land- und Ernährungswirtschaft Mitteleuropas seit dem Hochmittelalter, Hamburg-Berlin 19662, S. 25 - 60.
9.
Vgl. Werner Rösener, Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter, München 1992, S. 17.
10.
Vgl. Wilhelm Abel, Geschichte der deutschen Landwirtschaft vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, Stuttgart 19672, S. 25 - 66; W. Rösener (Anm. 9), S. 16 - 20.