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22.12.2009 | Von:
Jan C. Behrends

Politische Führung in der Diktatur

Politische Führung in der Diktatur gründet sich auf persönliche Netzwerke der Macht und den Versuch, eine charismatische, "emotionale Vergemeinschaftung" (Max Weber) zwischen Herrscher und Beherrschten herzustellen.

Einleitung

Max Weber vertrat gegen Ende des Ersten Weltkriegs die Auffassung, dass es schwer sein werde, die Monarchie als legitimierende Kraft zu substituieren. Das Erbcharisma eines Königs versehe die staatliche Ordnung mit einer Legitimitätsquelle, die "gerade in modernen Massenstaaten nicht leicht ersetzt werden könne".[1] Der radikale Bruch, den die Revolution im Herbst 1918 für die deutsche Staatlichkeit bedeutete, erschien ihm deshalb als problematisch. Und auf einer allgemeinen Ebene verdeutlichte Weber ein Grundproblem moderner Herrschaft: Wie konnte eine Republik emotionale Bindungen zwischen Herrschaft und Gesellschaft aufbauen, die Europas Monarchien stark gemacht hatte? Wie konnte politische Führung neu begründet, legitimiert und durchgesetzt werden?






Der politische Beobachter Max Weber war ein Seismograph dafür, wie aktuell diese Fragen zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren. In vielerlei Hinsicht haben sie nur wenig von ihrer Dringlichkeit eingebüßt: In Zentralasien, China und in Teilen Südamerikas sind Formen diktatorischer Herrschaft und Varianten autoritärer Führerschaft fest verankert. Sie schöpfen ihre Legitimität aus einer antiliberalen Agenda, die auch die Diktaturen Europas im 20. Jahrhundert auszeichnete.

Diktatur als Begriff und moderne Regierungsform

Der Begriff Diktatur geht auf das außerordentliche Amt des Diktators in der Römischen Republik zurück, eines politischen Führers, der im Krieg oder während innerer Unruhen für begrenzte Zeit mit weitgehenden Machtbefugnissen ausgestattet wurde. Wer bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von "Diktatur" sprach, hatte vor allem diese Institution des römischen Verfassungsrechts vor Augen. Illegitime Herrscher wurden dagegen als Tyrannen oder Despoten gebrandmarkt.

Der Sturz der legitimen Monarchien Europas nach 1789 schuf die Voraussetzung für die Rückkehr des antiken Begriffs in die politische Sprache.[2] Schließlich entwickelte Karl Marx den Begriff der Diktatur weiter; er sah nicht mehr in einem einzelnen Diktator, sondern in der sozialen Gruppe des "Proletariats" den Träger einer autoritären Herrschaft, die insofern begrenzt sein sollte, als ihr Ziel das "Absterben" des Staates an sich in der kommunistischen Gesellschaft war. Seine gegenwärtige Bedeutung erhielt der Begriff Diktatur im Ergebnis der russischen Revolution. In Lenins Schrift "Staat und Revolution" stellte der russische Revolutionsführer eine Verbindung her zwischen dem Klassenkampf und der Errichtung einer auf Gewalt gestützten Herrschaft des Proletariats: "Die Lehre vom Klassenkampf, von Marx auf die Frage des Staates und der sozialistischen Revolution angewandt, führt notwendig zur Anerkennung der politischen Herrschaft des Proletariats, seiner Diktatur, d.h. einer mit niemand geteilten und sich unmittelbar auf die bewaffnete Gewalt der Massen stützenden Macht."[3] Wie Marx sah auch Lenin die "Volksmassen" als Souverän, dem allein die legitime Macht in dieser neuen Form von Staatlichkeit zustand.

Nur wenige Jahre nach Lenin hat der Staatsrechtler Carl Schmitt versucht, den Begriff der Diktatur dadurch zu schärfen, dass er die Unterscheidung zwischen "kommissarischer" und "souveräner" Diktatur einführte.[4] Während die "kommissarische Diktatur" auf die Bewahrung der bestehenden Staatsordnung durch zeitweilige Aufhebung der Verfassung ziele, will die "souveräne Diktatur" eine neue gesellschaftliche Ordnung etablieren. Im Unterschied zur marxistischen Tradition, die Diktatur als Herrschaft der entrechteten Massen begriff, und abweichend von der Analyse Schmitts, der Diktatur als Scharnier zur neuen Ordnung sah, waren die Diktaturen des 20. Jahrhunderts von langer Dauer, innerer Stabilität und lebenslanger Führerschaft einzelner Personen geprägt. "Kommissarische Diktaturen", das heißt befristete Ausnahmezustände zum Schutz oder der Wiederherstellung der politischen Ordnung, waren die Ausnahme.

Aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bildete sich eine Verwendung des Begriffs der Diktatur, der jegliche Form unumschränkter Machtentfaltung bezeichnet, die sich in Gegensatz zum liberalen Verfassungsstaat westlicher Prägung befindet. Um die Form der Diktatur zu charakterisieren, ist die historische Forschung dazu übergegangen, von "kommunistischer", "faschistischer" oder "nationalsozialistischer Diktatur" ebenso zu sprechen wie von "moderner Diktatur" oder auch von "Wohlfahrtsdiktatur". Bei diesen Bezeichnungen handelt es sich um Interpretationsangebote, die einen spezifischen Akzent - Ideologie, Wirtschaft, Sozialpolitik - diktatorischer Herrschaft betonen.

Für die Frage nach politischer Führung in der Diktatur ist es zielführender, sich auf Max Weber zu beziehen, der charismatische Führerschaft als "außeralltäglich (...) geltende Qualität einer Persönlichkeit" bezeichnete, "um derentwillen sie als mit nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als Führer gewertet wird".[5] Weber wies darauf hin, dass nicht die Eigenschaften des Charismaträgers, sondern die soziale Beziehung zwischen Führern und Geführten entscheidend sei. Der unbedingte Gehorsam bedingt zudem die Gewaltstruktur charismatischer Herrschaft, die eines rechtlichen Fundamentes nicht bedarf. Bedroht wird dieses Führercharisma nach Weber durch Veralltäglichung, Entzauberung, Bürokratisierung und fehlenden Erfolg.

In der Geschichte des 20. Jahrhunderts lassen sich sowohl Anhaltspunkte für eine Interpretation von Diktatur als permanentem Ausnahmezustand wie auch als Form charismatischer Herrschaft finden. Zentral ist in beiden Fällen, dass einzelne Personen politische Macht in beispielloser Weise auf sich vereinigen konnten. Erst diese Machtfülle erlaubte ihnen, die Verbrechen zu befehlen, von denen das vergangene Jahrhundert geprägt wurde.[6]

Russland und Deutschland: Wege zu persönlicher Führerschaft

Im Zuge der russischen Revolution des Jahres 1917 gelangten die Bolschewiki an die Macht und errichteten gezielt ihre Alleinherrschaft.[7] Der Berufsrevolutionär Wladimir I. Lenin war in den Jahren des Untergrunds und Exils der unumstrittene Parteiführer. Doch nach seiner eigenen Doktrin war Lenin einer höheren Instanz, nämlich der Partei als historische Gestalt der Arbeiterklasse, Rechenschaft schuldig. Dies verpflichtete ihn zur Rücksichtnahme auf andere Führungsfiguren.

Lenin ergriff 1917 den Vorsitz in der Regierung ("Rat der Volkskommissare"). Seine Stellung lässt sich mit dem Begriff des Diktators nur unzutreffend beschreiben. Er beanspruchte von Beginn an extralegale Gewalt und konnte im Bürgerkrieg weitreichende Entscheidungen treffen. Dies zeigte sich im Konflikt mit Polen, den Lenin weitgehend im Alleingang vorantrieb. Nach der militärischen Niederlage im Sommer 1920 musste er seine Strategie jedoch rechtfertigen und suchte den Schulterschluss mit anderen führenden Genossen.[8] Während die bolschewistische Diktatur mit dem Beginn des "Roten Terrors" im Sommer 1918 zum permanenten Ausnahmezustand überging, lag die politische Führung nicht allein in den Händen Lenins. Sie wurde vielmehr vom Zentralkomitee der KPdSU ausgeübt, das Entscheidungen intern kontrovers diskutierte. Für gewöhnliche Parteimitglieder oder die Bevölkerung machte dies freilich keinen bedeutenden Unterschied: Sie waren der kommunistischen Herrschaft ausgeliefert. Mit dem Tod Lenins 1924 begann seine Verklärung im Führerkult. An der Parteispitze tobte ein langjähriger Kampf um die politische Führung. Dabei zeigte sich rasch, dass die Kontrolle des Parteiapparats für Josef W. Stalin, der seit April 1922 das neue Amt eines Generalsekretärs besetzte, einen entscheidenden Vorteil bedeutete.

Der deutsche Weg in die Diktatur unterscheidet sich fundamental vom russischen Szenario. Nach der Niederlage des Kaiserreichs gelang es Mitte der 1920er Jahre zunächst, die neue liberale Staatsordnung zu stabilisieren. Erst mit dem Ende der parlamentarischen Regierung im Reich 1930 und in Preußen 1932 begann die Zerstörung der Republik, die seit ihrer Gründung von links und rechts bekämpft worden war. Die Nationalsozialisten, die sich von demokratischen Parteien dadurch absetzten, dass sie sich als "Bewegung" inszenierten, wurden nach ihrer Niederlage im Putsch von 1923 zur Partei Adolf Hitlers, der nach seiner Entlassung aus kurzer Haft zu ihrem unumschränkten "Führer" aufstieg.[9] Hitler eiferte dem Vorbild des faschistischen duce Benito Mussolini nach und präsentierte sich als starker Mann, der Deutschland vor der "bolschewistischen Gefahr" bewahren könne.[10] Innerhalb der "Bewegung" gelang es Hitler bereits vor 1933, seine Rivalen auszuschalten.

Hitlers Auftritte prägten das Bild der NSDAP. Zugleich stand er im Zentrum der Macht; es gab in der Partei keine Instanz, der er Rechenschaft schuldig war. Im Unterschied zu den Bolschewiki existierte in der NSDAP keine Diskussionskultur. Während in der Sowjetunion zunächst noch auf Parteitagen über politische Entscheidungen in eingeschränktem Maße gestritten werden konnte, waren die Nürnberger Aufmärsche der NSDAP nur mehr Mittel der Selbstdarstellung. Politische Entscheidungen fällte Hitler im Kreise seiner zu absoluter Loyalität verpflichteten Führungsriege. Seine Stärke zog der Nationalsozialismus in den frühen 1930er Jahren aus seiner breiten sozialen Basis: Es gelang den Nationalsozialisten, Anhänger aus unterschiedlichsten sozialen Milieus zu rekrutieren - von der Landbevölkerung über Selbständige bis zu Akademikern und Beamten. Die NSDAP war eine "junge, klassenübergreifende Volkspartei'", deren Versprechen von Einheit, Gemeinschaft und autoritärer Führung aufgrund des verlorenen Krieges und der Weltwirtschaftskrise attraktiv waren.[11]

Im direkten Anschluss an die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann der Umbau der Staatlichkeit. Der Brand des Reichstags lieferte den Vorwand, mit der "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" wesentliche Grundrechte der Verfassung außer Kraft zu setzen. Das "Ermächtigungsgesetz" vom 24. März 1933 verlieh dem Reichskanzler auch offiziell die Vollmachten eines Diktators; seine Regierung konnte nun Gesetze erlassen, die von der Verfassung abweichen durften. Hitler eroberte innerhalb weniger Wochen eine Machtstellung im Staatsapparat, die seiner Position in der NSDAP entsprach. Diese Umstrukturierung deutscher Staatlichkeit war ohne die Unterstützung der traditionellen Eliten nicht denkbar. Ihre Mitwirkung erlaubte die "Säuberung" der Verwaltungen und die gezielte Zerstörung der Verfassungsordnung im Reich und in den Ländern. Zugleich gaben sie den Weg frei in den "Führerstaat", der nicht nur das Ende der föderalen Ordnung bedeutete, sondern auch den Aufstieg zahlloser NS-Funktionäre bedingte, die Hitler durch persönliche Gefolgschaftsbeziehungen verbunden waren. Zugleich inszenierte das Regime am "Tag von Potsdam" im März 1933 Hitler als Staatsmann in der Nachfolge Friedrich II., Bismarcks und Hindenburgs. Die Revolution legitimierte sich auch aus der Tradition.

Während der Ausschaltung der SA-Führung am 30. Juni 1930 ("Röhm-Putsch") zeigte sich, dass das Regime nicht nur die Entrechtung und Ermordung Andersdenkender sanktionierte, sondern auch in regimeinternen Auseinandersetzungen tötete. Hitler nutzte die Gelegenheit, um sich zum "obersten Gerichtsherren" zu stilisieren. Carl Schmitt sekundierte: "Inhalt und Umfang seines Vorgehens bestimmt der Führer selbst."[12] Die Machtakkumulation fand mit dem Tod des Reichspräsidenten seinen Abschluss in der Ernennung Hitlers zum "Führer und Reichskanzler" am 2. August 1934. Die Reichswehr veranlasste, dass auch das Heer auf Hitler vereidigt wurde. Damit war der Umbau der Republik zum "Führerstaat" im Sommer 1934 beendet. Am 19. August bestätigte die Bevölkerung das neue Staatsoberhaupt per Akklamation in einem "Volksentscheid".

Zugleich bestritt Ernst Rudolf Huber, der führende Theoretiker der neuen Ordnung, dass es sich um eine Diktatur handle. Ganz im Sinne der klassischen Lehre argumentierte er, dass eine Diktatur nur für begrenzte Zeit in Notlagen anzutreffen sei, "der Führerstaat aber ist eine endgültige und normale Ordnung". Er sei aus der Erkenntnis entstanden, dass das Volk seinen Willen nicht in Wahlen und Abstimmungen zum Ausdruck bringen könne: Das Deutsche Reich "ist ein völkischer Führerstaat, in der das Volk die Substanz der politischen Einheit ist, während der Volkswille im Führer gebildet wird. Der Führerstaat beruht auf der Autorität, nicht wie die Demokratie auf der volonté générale."[13] Staatsgewalt ging im Nationalsozialismus auf die Autorität Hitlers zurück, und dessen Befugnisse kannten keine Grenzen. Ähnlich grenzenlos war die Apotheose des "Führers", die vom Propagandaministerium und den Massenmedien ("Führer-Geburtstag", 1. Mai, "Heldengedenktag") in Szene gesetzt wurde.

Politische Führung und Radikalisierung

In den Jahren nach Lenins Tod setzte sich Stalin im innerparteilichen Machtkampf als Nachfolger durch. Dabei nutzte er wechselnde Allianzen, um sämtliche Mitstreiter Lenins auszuschalten.[14] Stalin gelang es, politische Gegner zu stigmatisieren, in dem er sie als Verräter an der Einheit der Partei bezeichnete. Als "Opposition" oder linke und rechte "Abweichler" bezeichneten der Generalsekretär und seine Kamarilla diejenigen, die gegen die von ihnen bestimmte "Linie" der Partei verstießen. Mit Stalin siegte auch seine Vorstellung von der Fortsetzung der Revolution. Er setzte auf den "Sozialismus in einem Land" als Programm autoritärer Modernisierung und Staatsbildung. Dabei verabschiedete er sich von der marxistischen Vorstellung, wonach der Staat beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft absterbe. Im Gegenteil: Stalins Anliegen war der Ausbau der Staatsmacht und die Stärkung der Staatspartei.

Die institutionelle Ordnung, die sich in den 1920er Jahren herausgebildet hatte, tastete Stalin zunächst nicht an. Als Generalsekretär stand er offiziell dem Zentralkomitee der bolschewistischen Partei vor, der höchsten Instanz zwischen Parteitagen. Unter Lenin lag das Zentrum der Macht noch bei der Regierung, dem "Rat der Volkskommissare". Doch alsbald entwickelte sich das Politische Büro ("Politbüro") zum Schattenkabinett mit Stalin als grauer Eminenz. Neben der Partei und stets auf Distanz zum übrigen Staatsapparat entwickelte sich die Geheimpolizei außerdem zum zentralen Machtinstrument. Das Politbüro traf 1928/29 die weitreichenden Entscheidungen zur gesellschaftlichen Umgestaltung in Stalins "Revolution von oben". Stalins persönlicher Einfluss wurde in der Versetzung, Abberufung oder Beförderung loyaler Funktionäre deutlich. Zugleich förderte er die Karriere ergebener Mitstreiter wie Wjatscheslaw Molotow, Lasar Kaganowitsch oder Anastas Mikojan, deren Namen für eine Generation das politische Leben in der UdSSR prägen sollten. Selbst hielt sich der Generalsekretär, der ein moderates und bescheidenes Image pflegte, gern im Hintergrund. Zugleich versuchte Stalin, die Macht in wenigen Händen zu konzentrieren. So schlug er 1930 Molotow als Regierungschef vor, um die "Partei- und Staatsführung zu vereinen" und die Stärke der Macht "zu verdoppeln".[15] Zeitgleich begann in der Öffentlichkeit mit seinem 50. Geburtstag 1929 die Verehrung als vozd' - Führer.

Stalins Stärke bestand im Ausbau informeller Netzwerke.[16] Anfang der 1930er Jahre hatte er es geschafft, enge Mitstreiter in allen Führungsgremien zu platzieren. Die hieß jedoch nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt keine Zugeständnisse mehr machen musste. Im Zuge der ökonomisch-sozialen Katastrophe, die sich während der Zwangskollektivierung und Industrialisierung entspann, spielte Stalin häufig die Rolle eines Vermittlers in zahllosen Konflikten, die sich um die Verteilung von Ressourcen drehten. Dass das Regime Aufstände und Hungersnot überstand, trug dazu bei, dass die Parteiarbeiter Stalin Charisma zuschrieben. Im Angesicht der Katastrophe bewährte er sich durch die Verteidigung der Macht. Die Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergei M. Kirow im Dezember 1934 führte in eine Spirale der Gewalt, die im großen Terror der Jahre 1937/38 endete.

Die ältere Forschung hat die Konflikte Mitte der 1930er Jahre - analog zum Machtkampf nach Lenins Tod - als Auseinandersetzung zwischen moderaten und radikalen Elementen in der sowjetischen Führung gedeutet. Dabei wurde Stalin die Rolle eines Vermittlers zwischen den beiden Lagern zugeschrieben. Die partielle Öffnung der Archive hat diese Deutung jedoch widerlegt. Es ist nun unbestritten, dass Stalin kein Getriebener, sondern der Motor des Terrors war. Nachdem er in den Jahren zuvor im Umgang mit Widersachern stets laviert hatte - auf Disziplinarstrafen folgten neue Posten, auf Parteiausschluss die Wiederaufnahme -, setzte er nun zur Abrechnung an. Durch diese Radikalisierung verschoben sich die politischen Gewichte erneut. Jede einzelne Frage wurde nun Stalin zur Entscheidung vorgelegt.[17]

Es fiel das Tabu, Mitglieder des eigenen Führungszirkels zu töten. Die Bevölkerung wurde gezwungen, der Vernichtung der Opposition in den Schauprozessen 1936/37 zuzustimmen. Diese Prozesse waren Bühne für Unterwerfungsrituale gegenüber einem Diktator, der totale Macht erreicht hatte, und Ausdruck eines Weltverständnisses, das überall feindliche Agenten und Spione am Werk sah. Im Führungszirkel wurde die Verhaftung enger Verwandter oder Ehepartner zur Loyalitätsprobe. Wer an der Spitze bleiben wollte, musste zeigen, dass die Loyalität zu Stalin für ihn mehr bedeutete als das Schicksal seiner Familie. Die sozialen Beziehungen in der sowjetischen Führung blieben bis zu Stalins Tod von Angst und Misstrauen geprägt. Die "Stalin-Verfassung" des Jahres 1936 verschleierte das reale Machtgefüge. Sie war ein Versuch, der Herrschaft Stalins den Anschein von Legalität und Rationalität zu verleihen. Zugleich dominierte der Führerkult um Stalin die Bildende Kunst, Literatur und auch den Film. Das Regime setzte auf das paternalistische Bild des "Vaters der Völker", das zunehmend vom Alltag abgekoppelt war. Die Persona Stalins wurde zum Symbol für Staat und Herrschaft in der UdSSR.

In Deutschland begann Mitte der 1930er Jahre der von den Nationalsozialisten postulierte "Führerstaat" Gestalt anzunehmen. Der "Führerabsolutismus", wie Ian Kershaw Hitlers personalisierte Herrschaftsform genannt hat, bedeutete, dass Institutionen an Bedeutung verloren und durch ein Geflecht konkurrierender Ämter, Stäbe und persönlicher Beziehungen überlagert wurden. Dies zeigte sich an den immer seltener werdenden Sitzungen des Kabinetts und des Reichstags und der Bedeutung, die nun dem persönlichen Kontakt zu Hitler zukam. Kershaw hat anhand einer Rede des preußischen Staatssekretärs Werner Willikens gezeigt, auf welchem Fundament Hitlers Herrschaft stand. Willikens führte 1934 im Kreise von Regierungsvertretern aus: "Jeder, der Gelegenheit hat, das zu beobachten, weiß, dass der Führer sehr schwer von oben her alles befehlen kann (...). Im Gegenteil, bis jetzt hat jeder an seinem Platz im neuen Deutschland dann am besten gearbeitet, wenn er sozusagen dem Führer entgegenarbeitet. (...) Wer aber dem Führer in seiner Linie und seinem Ziel richtig entgegenarbeitet, der wird bestimmt wie bisher so auch in Zukunft den schönsten Lohn darin haben, daß er eines Tages plötzlich die legale Bestätigung seiner Arbeit bekommt."[18] Willikens beschrieb die politische Dynamik, die durch die Zerschlagung der verfassungsmäßigen Grundlagen und rechtlichen Verfahren entstehen konnte. So sollten Akteure auf allen Ebenen den "Führerwillen" antizipieren und mit ihren Initiativen die beständige Radikalisierung des Regimes gleichsam "von unten" vorantreiben.

Das Feld, auf dem Hitler sich profilierte, war die Außenpolitik. Durch den Austritt aus dem Völkerbund, die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 und den Einmarsch ins Rheinland im folgenden Jahr erreichte seine Popularität neue Höhen. Hier trafen seine Aktionen auf einen Konsens in der deutschen Gesellschaft, der weit über die überzeugten Nationalsozialisten hinausreichte.[19] Weit weniger populär war die Gewalt gegen die jüdischstämmige Bevölkerung. Sie ist jedoch ein Beispiel für den innenpolitischen Radikalisierungsprozess, der durch Druck aus der "Bewegung" am Laufen gehalten wurde. Auf Straßengewalt an der Basis folgte Zustimmung der politischen Führung und schließlich die pseudolegale Festschreibung der Diskriminierung durch Verordnungen und Gesetze. So war die NS-Herrschaft ein System, das zwar von großer Machtfülle an der Spitze gekennzeichnet war, das jedoch auf Druck seiner radikalen Basis reagierte. Es entwickelte sich eine wechselseitige Beziehung zwischen dem "Führer" und seiner Gefolgschaft: Während die Aktivisten "dem Führer entgegenarbeiteten", versuchte die politische Führung, den Elan der Basis zu kanalisieren. Hitler selbst forderte das Engagement der Bevölkerung, ihre Teilhabe an der Führung: "Man kann (...) diese Krise der heutigen Zeit beheben, durch einen wirklichen Führungs- und damit Führerstaat. Dabei ist ganz klar, dass der Sinn einer solchen Führung darin liegt, zu versuchen (...) immer aus dem Volk heraus, die Menschen zu gewinnen, die für eine solche Führung geeignet sind. (...) Das ist die schönste Art der Demokratie, die es gibt..."[20]

Die Diktaturen Hitlers und Stalins erlangten einen Teil ihrer Attraktivität dadurch, dass sie jungen Männern sozialen Aufstieg ermöglichten. Durch "Säuberungen", Expansion des Parteistaates und Krieg wurden beständig neue Kanäle in den Apparat frei. Ohne diese Möglichkeiten zur Teilhabe an der politischen Führung, die in geringerem Umfang auch Frauen offenstanden, ist die Stabilität der Diktaturen nicht zu erklären.

Im Zweiten Weltkrieg blieben die Machtpositionen Stalins und Hitlers unangetastet. Beide verknüpften als Oberste Befehlshaber ihre charismatische Ausstrahlung und letztlich ihr politisches Schicksal mit dem Ausgang des militärischen Konflikts. Die neuere Forschung betont, dass es der Sowjetunion besser gelang, ihre Kriegswirtschaft zu organisieren, während das "Dritte Reich" keine rationale Ordnung etablierte.[21] Gerade im Krieg wogen persönliche Bindungen schwerer als institutionelle Ordnungen. So trug das nationalsozialistische Imperium in Osteuropa, das von Männern wie Hans Frank oder Erich Koch brutal regiert wurde, neofeudale Züge. Ihre Gewaltherrschaft bedurfte keiner anderen Legitimation als der Loyalität zum "Führer". Auch die Entfesselung des Terrors im Zweiten Weltkrieg, der Völkermord an den europäischen Juden und die ethnischen "Säuberungen" gingen auf Initiativen der politischen Führung zurück.[22] Wie andere Verbrechen blieben sie jedoch undurchführbar ohne die Mittäterschaft großer Bevölkerungsgruppen - von den akademischen Eliten als Vordenkern, den Verwaltungen bis hinunter zu den mordenden Schergen. Die Legitimität der Diktaturen des 20. Jahrhunderts fußte auf dem Charisma, das ihren Führern zugeschrieben wurde, und in ihrer verbrecherischen Funktionalität stützten sie sich auf parteistaatliche Apparate, die absolut loyal zur Führung standen.

Ausblick und Zusammenfassung

Nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg dauerte die persönliche Diktatur Stalins in der UdSSR an. Die Gremien des Parteistaates verloren weiter an Bedeutung; die Herrschaft im sowjetischen Nachkriegsimperium fußte mehr denn je auf persönlichen Beziehungen und Patronage.[23] Der Kult um Stalin als "Befreier" und Sieger bildete den emotionalen Kitt des Regimes, der bis heute in der politischen Kultur Russlands nachwirkt. Hinter einer (volks-)demokratischen Fassade entstanden in Osteuropa Parteistaaten sowjetischen Typs, die sich am sowjetischen Vorbild orientierten.

Da er die Autonomie der Satellitenstaaten erhöhte, bildete der Tod Stalins 1953 einen gewissen Einschnitt. Im eigentlichen Sinne souverän wurden die "Volksdemokratien" jedoch bis 1989 nicht. Auch wenn sie - mit Ausnahme Rumäniens unter Nicolae Ceau?escu - keine persönlichen Diktaturen wie die Stalin'sche Sowjetunion darstellten, waren auch sie von autoritären Generalsekretären geprägt, die wie Walter Ulbricht, W?adys?aw Gomu?ka oder Janos Kádár über Jahrzehnte regierten und erhebliche Machtfülle besaßen. Dennoch bildeten die Staatspartei, die Regierung und ökonomische Interessengruppen ein zunehmendes Gegengewicht zu ihrem Einfluss. Eine Rückkehr zu den Verhältnissen der 1930er und 1940er Jahre war nicht möglich.

Die moderne Diktatur war eine Reaktion auf die europäische Krise zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie war nicht der temporäre, sondern der permanente Ausnahmezustand. Den Parteiführern gelang es, beispiellose Machtfülle anzuhäufen. Dabei waren, wie die neuere Forschung gezeigt hat, informelle Beziehungen wichtiger als (partei-)staatliche Institutionen. Die Institutionenordnung der modernen Diktatur blieb primär Fassade; personale Macht, Patronage, Stäbe und lokale Netzwerke waren weitaus wichtiger. Zentrale Fragen, etwa das Verhältnis zwischen Partei und Staat, blieben letztlich ungeklärt.

Dabei unterschied sich die Begründung politischer Führerschaft beträchtlich. Während Hitler sich von Beginn seiner Karriere an zum "Führer" stilisierte, verleugneten Lenin und Stalin - trotz des Führerkultes um sie - diese Rolle und betonten ihren Dienst an der Partei. Mit seiner Stilisierung zum "Führerstaat" stand der Nationalsozialismus allein. Jenseits dieser phänomenologischen Differenzen hat die Forschung deutlich gemacht, dass politische Führung in der Diktatur von Personen abhängig war. Sie gründete sich auf persönliche Netzwerke im Innern der Macht und dem Versuch, eine charismatische Beziehung, eine "emotionale Vergemeinschaftung" (Max Weber) zwischen Herrscher und Beherrschten zu inszenieren und herzustellen.
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Fußnoten

1.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie [1921], Tübingen 1972, S. 689.
2.
Vgl. Ernst Nolte, Diktatur, in: Otto Brunner u.a. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 900 - 924.
3.
W. I. Lenin, Staat und Revolution, in: ders., Ausgewählte Werke, Moskau 1987, S. 275.
4.
Vgl. Carl Schmitt, Die Diktatur. Von den Anfängen des modernen Souveränitätsgedankens bis zum proletarischen Klassenkampf [1921], Berlin 20067.
5.
M. Weber (Anm. 1), S. 140 - 148; S. 654 - 681, hier: S. 140.
6.
Für eine vergleichende Perspektive und exzellente Bibliografie siehe Michael Geyer/Sheila Fitzpatrick (eds.), Beyond Totalitarianism. Stalinism and Nazism Compared, Cambridge 2009.
7.
Vgl. Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution, 1891 - 1924, Berlin 1998; Jörg Baberowski, Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003.
8.
Vgl. Political Report of the Central Committee RKP (b), 20.9. 1920, in: Richard Pipes (ed.), The Unknown Lenin. From the Secret Archive, New Haven 1998, S. 95 - 115.
9.
Vgl. Ian Kershaw, Hitler. 1889 - 1936, München 2002, S. 215 - 398.
10.
Vgl. Wolfgang Schieder, Das italienische Experiment. Der Faschismus als Vorbild in der Krise der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift, 262 (1986), S. 73 - 125.
11.
Vgl. Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 58 - 66, hier: S. 66.
12.
Carl Schmitt, Der Führer schützt das Recht. Zur Reichstagsrede Adolf Hitlers vom 13. Juli 1934, in: Deutsche Juristenzeitung, 39 (1934), S. 945 - 950, hier: S. 948.
13.
Ernst Rudolf Huber, Das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 95 (1935), S. 202 - 229, hier: S. 229.
14.
Vgl. J. Baberowski (Anm. 7), S. 77 - 93.
15.
Stalin an Molotow, 22.9. 1930, in: Lars T. Lih u.a. (ed.), Stalin's Letters to Molotov, New Haven 1995, S. 217f.
16.
Vgl. Oleg V. Khlevniuk, Master of the House. Stalin and his Inner Circle, New Haven 2009.
17.
Vgl. R. W. Davis u.a. (ed.), The Stalin-Kaganovich Correspondence. 1931 - 36, New Haven 2003.
18.
Zit. nach I. Kershaw (Anm. 9), S. 665.
19.
Vgl. Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999, S. 151 - 171.
20.
Rede Adolf Hitlers vom 29.4. 1937, zit. nach: Norbert Frei, Der Führerstaat, München 2007, S. 236 - 241, hier: S. 238f.
21.
Vgl. Yoram Gorlizki/Hans Mommsen, The Political Disorders of Stalinism and National Socialism, in: M. Geyer/S. Fitzpatrick (Anm. 6), S. 41 - 86.
22.
Vgl. Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, Bonn 2006.
23.
Vgl. Yoram Gorlizki/Oleg Khlevniuk, Cold Peace. Stalin and the Soviet Ruling Circle, 1945 - 1953, Oxford 2004.

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