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16.12.2009 | Von:
Scarlett Cornelissen

Fußball-WM 2010: Herausforderungen und Hoffnungen

Wirtschaftliche Auswirkungen

Trotz alledem ist unbestritten, dass bei den Bemühungen, im eigenen Land Rückhalt für die WM-Bewerbung zu gewinnen, wirtschaftliche Argumente eine wichtige Rolle gespielt haben. Seit dem anfänglichen Bewerbungsverfahren sind grobe Schätzungen über die volkswirtschaftlichen Effekte der WM 2010 nach oben korrigiert worden: War 2004 noch von 30 Milliarden Rand die Rede, die durch die WM in das Land fließen würden, gehen heutige Schätzungen von 56 Milliarden Rand (etwa 5,1 Milliarden Euro) aus. Laut Grant Thornton, einer von der südafrikanischen Regierung beauftragten Beraterfirma, werden sich davon knapp 60 Prozent aus den Direktinvestitionen in Stadien und Infrastruktur herleiten, während sich der Rest aus Einnahmen aus dem Kartenverkauf, Zuschauerumsätzen, Tourismus und Sponsorenschaften zusammensetzt. Ferner wird prognostiziert, dass die Veranstaltung der Regierung 1,7 Milliarden Euro an Steuereinnahmen einbringen und insgesamt bis zu 415 000 neue Arbeitsplätze schaffen wird.[10]

In Erwartung dieser positiven Effekte versprach die Regierung, zwischen 2006 und 2010 mehr als 400 Milliarden Rand (etwa 36 Milliarden Euro) als Teil eines viel größeren Investitionsprogramms zur Entwicklung der Infrastruktur aufzuwenden, insbesondere zur Sanierung von Einfuhrhäfen, Straßen, Eisenbahnlinien und der Energieversorgung.[11] Ein positiver Aspekt daran ist, dass staatliche Investitionen zur Vorbereitung auf die WM in ohnehin dringend notwendige Infrastrukturprogramme fließen. Ein beträchtlicher Anteil der 36 Milliarden Euro ist beispielsweise für die Instandsetzung des desolaten Straßennetzes und die Erneuerung des öffentlichen Verkehrswesens vorgesehen. Diese Investitionen machen ungefähr ein Zehntel des südafrikanischen Bruttoinlandsprodukts aus - langfristig gesehen sind die Turnierkosten also erheblich höher als etwa bei der WM 2006 in Deutschland. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Die teuersten Olympischen Sommerspiele waren die Spiele 2008 in Peking - mit etwa 28 Milliarden Euro.

Zwar beabsichtigen Südafrikas Behörden, die Weltmeisterschaft 2010 zur Ankurbelung neuer umfangreicher Entwicklungen im Land zu nutzen; allerdings ist dies sehr kostspielig. Außerdem ist offen, ob das Turnier die prognostizierten wirtschaftlichen Vorteile tatsächlich erbringt. Die meisten Untersuchungen vergangener Sportgroßereignisse zeigen, dass die Veranstaltungen bestenfalls einen unwesentlichen Einfluss auf die Makroökonomie der Gastgeberländer hatten. Schlimmstenfalls können sie sogar Verluste und öffentliche Verschuldungen nach sich ziehen, von denen sich die ausrichtenden Städte unter Umständen erst etliche Jahre später erholen.[12] Das bekannteste Beispiel für einen solchen Fall ist Montreal, dessen Behörden sich infolge der Olympischen Spiele 1976 erst 30 Jahre später endgültig von den Schulden befreien konnten.

Für die Fußball-WM 2010 steht die zügige Entwicklung von drei Infrastruktur-Arten im Vordergrund: die Stadien, das Verkehrswesen sowie die Unterbringung der Touristen. Von den zehn WM-Stadien werden sechs neu gebaut oder umgebaut (Kapstadt, Durban, "Soccer City" Johannesburg, Port Elizabeth, Nelspruit und Polokwane), während vier bereits vorhandene Stadien, die bislang vor allem für Rugby genutzt wurden, erweitert bzw. modernisiert werden (Bloemfontein, Ellis-Park-Stadion Johannesburg, Pretoria und Rustenburg). Die Aussicht auf die Austragung besonders wichtiger Spiele des Turniers hat viele Großstädte dazu angetrieben, viel Geld in Vorzeigestadien zu investieren. Bei einigen bedeutenderen ist der Bau jedoch von einer explosionsartigen Kostenentwicklung gekennzeichnet. "Soccer City" in Johannesburg zum Beispiel, das umgebaut wird, um die Sitzplatzkapazität auf 94 700 zu steigern und während des Turniers der Fifa und dem südafrikanischen Fußballverband als Hauptgeschäftsstelle zu dienen, hatte schon bis 2008 Mehrkosten in Höhe von 42 Millionen Euro verursacht. Schätzungen zufolge wird auch der Bau des Stadions in Kapstadt 220 Millionen Euro kosten - und somit erheblich mehr als die ursprünglich veranschlagten 160 Millionen.[13]

Die Budgetüberschreitungen für den Stadionbau - verursacht durch diverse Faktoren wie das hohe internationale Preisniveau für Baumaterialien wie Zement - betrugen bis Ende 2008 geschätzte 212 Millionen Euro. Einige der wichtigsten Verkehrsentwicklungen wie das Gautrain-Schnellzugsystem in der Provinz Gauteng sind zudem von Terminverschiebungen und enormen Kostensteigerungen betroffen. In der international düsteren Wirtschaftssituation und angesichts der Tatsache, dass die nationalen Wachstumsaussichten unter den Energieversorgungsproblemen des Landes leiden, ist zu erwarten, dass die südafrikanische Regierung letztlich weitaus mehr für die WM 2010 ausgeben wird als ursprünglich geplant.[14] Andererseits argumentieren einige Ökonomen, dass die Weltmeisterschaft konjunkturfördernde Effekte haben könnte, die sich ausgleichend auf die Deflation auswirken könnten, die für die nächsten Jahre erwartet wird.[15]

Was den Tourismus betrifft, betrachten die südafrikanischen Behörden die WM als die Gelegenheit für die internationale Vermarktung und ein (re)branding Südafrikas. Tatsächlich war die frühzeitige Bewerbung für die WM teilweise von der Aussicht motiviert, die Sportveranstaltung mit einer internationalen Erneuerung des Images verbinden und den Tourismussektor ankurbeln zu können. Seit der Apartheid hat sich der Fremdenverkehr zu einem der wichtigsten Wirtschaftssektoren in Südafrika entwickelt. Derzeit verzeichnet die Branche jährlich knapp acht Millionen Einreisende. Zur WM 2010 werden etwa 450 000 ausländische Besucher erwartet, und Prognosen zufolge könnte der WM-Tourismus dem Land 761 Millionen Euro einbringen.[16]

Schon frühzeitig haben Südafrikas Tourismusbehörden festgestellt, dass im Land ein gravierender Mangel an Unterkünften besteht, vor allem in Städten wie Johannesburg und Durban.[17] Die Gastgeberstädte bemühen sich, dieses Problem zu lösen, aber auch weniger als ein Jahr vor Beginn der WM äußern hochrangige Fifa-Funktionäre noch Bedenken. So erklärte zum Beispiel Jérôme Valcke, der Generalsekretär des Weltfußballverbandes, im September 2009 in einem Interview mit einem deutschen Sportmagazin, er sei "nicht besorgt wegen der Kartenverkäufe, sondern um die Unterbringung der Fans. Es ist unser Anliegen, dass jeder Fan, der eine Eintrittskarte gekauft hat, auch einen Flug und ein Zimmer bekommt. (...) Wir brauchen genügend Unterkünfte für die Gäste sowie hohe und sichere Transportkapazitäten."[18]

Es überrascht somit nicht, dass Fragen der Infrastrukturentwicklung und -kapazität in der aktuellen Debatte um Südafrikas Stand der Vorbereitungen auf die WM 2010 am heißesten diskutiert werden. Berichte der internationalen Medien spiegeln eine tiefe Skepsis gegenüber der Fähigkeit des Landes wider, eine Veranstaltung dieser Größenordnung auszutragen. Südafrikas Organisatoren und Behörden sehen sich zusätzlichem Druck ausgesetzt, ihre Versprechen, denen zufolge die WM Arbeit schaffen und zu wirtschaftlicher Entwicklung führen wird, erfüllen zu müssen - nicht zuletzt wegen der äußerst erwartungsvollen heimischen Wählerschaft. Somit ist gutes Gelingen hinsichtlich der WM-bedingten infrastrukturellen Entwicklungen von enormer Wichtigkeit - sowohl für eventuelle langfristige sozioökonomische Auswirkungen, als auch für ein gelungenes Turnier an sich und dessen positive Beurteilung.

Fußnoten

10.
Vgl. 2010 tourism to grow despite financial crisis, in: Business Report vom 24. 11. 2008.
11.
Vgl. Trevor Manuel (Finanzminister Südafrikas), Budget speech 2007, 21 February 2007, online: www.info.gov.za/speeches/2007/07022115261001.htm 1 (23. 2. 2007).
12.
Vgl. z.B. Victor Matheson, Mega-Events. The Effect of the World's Biggest Sporting Events on Local, Regional and National Economies, in: Dennis Howard/Brad Humphreys (eds.), The Business of Sports, Westport, Connecticut 2008, S. 81 - 99; John Horne, The Four "Knowns" of Sport Mega-Events, in: Leisure Studies, 26 (2007), S. 81 - 96.
13.
Vgl. 2010 stadiums R 3.2 bn over budget, in: Business Day vom 2. 12. 2008.
14.
Vgl. What crisis means for SA's mini-budget, in: The Witness vom 16. 10. 2008.
15.
Vgl. Soccer will save SA - economist, in: Financial Times vom 8. 10. 2008.
16.
Vgl. Business Report (Anm. 10).
17.
Vgl. Department of Environmental Affairs/South African Tourism (Anm. 3).
18.
South African Press Association/Deutsche Presse Agentur, World Cup accommodation a "challenge", in: www.ioltravel.co.za/article/view/5164469 (22. 10. 2009).

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

Afrika – Länder und Regionen

Der afrikanische Kontinent lässt sich in fünf Großräume untergliedern: Nord-, West- und Zentralafrika, das Horn von Afrika plus Ostafrika sowie das südliche Afrika. Ein Überblick über ihre jeweiligen Entwicklungen und Besonderheiten verbindet sich mit Analysen von Ländern, die für ihre Region charakteristisch oder besonders bedeutsam sind.

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