APUZ Dossier Bild

16.12.2009 | Von:
Scarlett Cornelissen

Fußball-WM 2010: Herausforderungen und Hoffnungen

Politische Herausforderungen

Die Umsetzung eines angemessenen Sicherheitsplans für die WM stellt eine weitere Herausforderung dar. Das liegt daran, dass die Behörden neben den Vorkehrungen, die bei einem Turnier dieser Größenordnung zum Standard gehören - etwa gegen Hooligans oder mögliche Terroranschläge - zusätzlich Maßnahmen zur Kriminalitätsbekämpfung ergreifen müssen. Südafrika hat international traurige Berühmtheit für das Ausmaß an Kriminalität und sozialer Gewalt erlangt, was abschreckend auf potenzielle Turnierbesucher aus dem Ausland wirkt. Der Sicherheitsplan muss also auch eine gute Kommunikationsstrategie enthalten, um negativen Darstellungen entgegenzuwirken. Ein Entwurf, bei dem unter anderem Deutschland und Interpol beratend zur Seite standen, ist von der Fifa grundsätzlich gebilligt worden.

Im Juni und Juli 2009 richtete Südafrika den Confederations Cup der Fifa aus, der als Probelauf für die anstehende WM betrachtet wird. Während des Turniers stellte sich heraus, dass die Sicherheitspläne verbesserungsbedürftig waren. So hatte das Organisationskomitee (Local Organising Committee, LOC) versäumt, ein Sicherheitsunternehmen zu engagieren, was den kurzfristigen Einsatz zusätzlicher Polizeibeamter erforderlich machte. Nach vereinzelten kriminellen Zwischenfällen (zumeist Raubüberfällen) gegen Turnierbesucher wurde in internationalen Medien ausführlich darüber berichtet. Daraufhin gab das LOC bekannt, dass es für die WM den Einsatz von 41 000 zusätzlichen Sicherheitskräften plane und dass die Polizei 700 Polizisten für Streifen an den Austragungsorten bereitstellen werde.[19] Ein durchdachter und effizienter Sicherheitsplan war auch für die gute Atmosphäre bei der WM 2006 in Deutschland eine wichtige Grundlage. Will Südafrika ähnliches erreichen, wird es eine Menge leisten müssen, um den weitverbreiteten Zynismus zu überwinden, der hinsichtlich seiner überdehnten Sicherheits- und Polizeiinfrastruktur besteht.

Eine weitere Herausforderung bildet der im Vorfeld der WM 2010 politisierte Vertrieb und Verkauf von Eintrittskarten im Inland. Damit verknüpft sind weiterreichende Fragen nach der möglicherweise elitären Art der Veranstaltung und der Ausschlusswirkung auf die im Allgemeinen arme inländische fußballbegeisterte Öffentlichkeit. Dies ist teilweise auf den weiterhin rassistisch aufgeladenen Charakter von Sportbeteiligung, -verbandswesen und -anhängerschaft in Südafrika zurückzuführen, wobei Fußball noch immer hauptsächlich von der schwarzen Bevölkerung getragen wird. Die starke Betonung der WM als afrikanisches Ereignis - und die Tatsache, dass als ein Hauptgrund für die WM-Bewerbung angeführt wurde, dass das Turnier die Afrikaner zusammenwachsen lassen würde - verpflichtet das LOC in besonderem Maße. Dieser Schwerpunkt steht aber auch in Zusammenhang mit dem Bestreben der Organisatoren, dafür zu sorgen, dass die WM in ihrem Windschatten eine loyale Fangemeinde hinterlässt und die Austragungsorte nach dem Ereignis nicht brachliegen.

Um die Verfügbarkeit von Tickets im Inland zu verbessern, hatte das LOC mit der Fifa und der Match AG ausgehandelt, dass "billigere" Karten ausschließlich südafrikanischen Fans vorbehalten sind. Diese als "Kategorie 4" bezeichneten Tickets sind zu einem Festpreis von 20 US-Dollar (etwa 13 Euro) für Spiele der Gruppenphase zu haben - ungefähr ein Zehntel von Karten in der höchsten Preiskategorie ("Kategorie 1"). Das LOC hat sich außerdem verpflichtet, durch Kursschwankungen ausgelöste Preiserhöhungen aufzufangen; durch "Einfrieren" des Wechselkurses von 7 Rand zu einem US-Dollar bei Tickets der Kategorie 4 wurden deren Preise schon frühzeitig auf 140 Rand festgelegt. Allerdings gehören nur etwa vier Prozent aller zum Verkauf durch die Match AG stehenden WM-Tickets zur Kategorie 4 (120 000 einer vorläufigen Gesamtkartenmenge von 3 037 468).[20] Das heißt, dass nur ein kleiner Teil des einheimischen WM-Publikums Zugang zu den erschwinglicheren Karten haben wird. Aus Sorge, im internationalen Kartenverkauf könnten andere afrikanische Länder zu kurz kommen, deutete das LOC außerdem an, dass es gewährleisten wolle, dass auch im Rest des Kontinents genügend Tickets erhältlich seien.

Trotz dieser Zugeständnisse befürchten die WM-Organisatoren noch immer, dass nur wenige Südafrikaner Karten für die Spiele kaufen werden. Beim Confederations Cup 2009 zum Beispiel blieben viele Sitze in den Stadien leer. Um mehr Begeisterung und Rückhalt für die WM in der eigenen Bevölkerung zu wecken, richteten die Fifa und das LOC im August 2009 einen Kartenfonds ein, der 120 000 Freikarten an bestimmte Zielgruppen wie Jugendliche aus den Townships und am Stadionbau beteiligte Bauarbeiter verteilt.

Angesichts der Ungewissheit über die wirtschaftlichen Folgen der WM 2010 darf man vermuten, dass die wichtigste Langzeitwirkung für Südafrika in der Steigerung des Bürgerstolzes und in der Imageförderung des Landes liegt. Wie bereits erwähnt, gehören in der Postapartheid-Ära sportliche Leistungen zu den Hauptbestandteilen des jungen südafrikanischen nation building-Prozesses. Die neue Erfahrung, sportliche Großveranstaltungen auszutragen und an ihnen teilzunehmen, ist jedoch getrübt durch die im Allgemeinen hinter den Erwartungen weit zurückbleibenden Leistungen der Nationalmannschaften, was sich nicht nur negativ auf den Rückhalt der Teams im eigenen Land auswirkt, sondern in vielen Fällen auch auf die öffentliche Beachtung von Sportereignissen. So schnitt beispielsweise die Cricket-Mannschaft bei der WM 2003 in Südafrika unterdurchschnittlich ab, und ihr vorzeitiges Ausscheiden dämpfte die Begeisterung für die Veranstaltung als Ganzes. Auch die nach Peking zu den Olympischen Spielen 2008 entsandte Mannschaft vermochte es nicht, eine einzige Medaille zu gewinnen; in den Medien und in der öffentlichen Diskussion wurde die glanzlose Leistung der Olympioniken auf Faktoren wie mangelhafte Verbandsarbeit und die ständige Einmischung der Politik in Sportangelegenheiten zurückgeführt. Hierbei handelt es sich um allgemeine Kritikpunkte gegenüber allen größeren Sportarten in Südafrika. Während die Elite des Landes Sportveranstaltungen also immer noch für wichtige Instrumente hält, um politische Dividenden zu erzielen, haben die allgemeine Leistungsschwäche in internationalen Vergleichen und die offensichtlichen Defizite der südafrikanischen Sportverwaltung in der breiteren Bevölkerung zu viel Zynismus hinsichtlich fast aller Hauptsportarten geführt.

In Bezug auf den Fußball hat sich dies in den vergangenen Jahren noch verschärft, weil die südafrikanische Nationalmannschaft, gemeinhin bekannt als Bafana Bafana, konstant versagt hat: Bei nahezu allen größeren internationalen Turnieren spielte sie schwach und schaffte es nie, über die erste Runde hinauszukommen. Seit den anfänglichen, von leidenschaftlicher Unterstützung durch die Fans begleiteten Erfolgen (z.B. Gewinn der Afrikameisterschaft 1996) hat es einen deutlichen Leistungseinbruch gegeben. Da den Funktionären des südafrikanischen Fußballverbandes nur zu bewusst ist, welche Bedeutung eine gute Leistung der Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Land hat, investierten sie beträchtliche Mittel in die Ernennung eines renommierten Trainers und verpflichteten Carlos Alberto Parreira, der mit der brasilianischen Nationalmannschaft 1994 die WM gewonnen hatte. Nach seinem plötzlichen Rücktritt im April 2008 wurde der weniger bekannte, aber ebenso teure Brasilianer Joel Santana engagiert, der aber im Oktober 2009 nach einer Niederlagenserie wieder entlassen und erneut durch Parreira ersetzt wurde. Diese Entwicklungen trugen nicht gerade dazu bei, die tief verankerte Skepsis in Bezug auf die Erfolgsaussichten der Bafana Bafana bei der WM 2010 zu verringern. Eher haben die hohen Trainergehälter und die Tatsache, dass die Vorstellungen der Nationalmannschaft nicht besser wurden, die landesweite Geringschätzung des eigenen Teams noch verstärkt. Für die Fifa könnte sich eine schwache Leistung von Bafana Bafana als schädlich für die WM als Ganzes erweisen. Die Verbesserung des Gastgeberteams ist deshalb auch in ihren Augen eine der wichtigsten Aufgaben bei der Vorbereitung der WM.

In der Zwischenzeit hat die unlängst konstituierte Regierung von Jacob Zuma mit wachsenden sozialen Unruhen, Streiks städtischer Angestellter sowie Forderungen nach einer Verbesserung des Dienstleistungssektors zu kämpfen. Ausmaß und Gewalttätigkeit sozialer Proteste haben im Laufe des Jahres 2009 kontinuierlich zugenommen. Wenngleich nicht in direktem Zusammenhang mit der WM stehend, soll dennoch darauf hingewiesen werden, dass eine wachsende Bürgerbewegung entstanden ist, die fragt, worin der wahre Nutzen der gesamten Veranstaltung liegen wird. Ein deutliches Beispiel dafür war eine gewalttätige Demonstration Ende Oktober 2009 in einem Township, das direkt an das Johannesburger Stadion "Soccer City" angrenzt. Dabei schworen die Demonstranten, dass es "keine WM geben wird, weil wir keine Häuser und keine Arbeit haben", bemängelten, dass die Regierung "Geld in die WM steckt", und fragten "warum steckt sie kein Geld in Wohnungsbau?"[21] Dies verdeutlicht einmal mehr: Südafrikas politische Führer haben zahlreiche Aufgaben zu bewältigen, die weit über die WM hinaus gehen. Ob sie dazu in der Lage sind, ist ungewiss.


Übersetzung aus dem Englischen: Jaiken Struck, South Petherton, England/UK.

Fußnoten

19.
Vgl. Crime fears grow as South Africa readies for football World Cup, in: The Guardian vom 22. 9. 2009.
20.
Diese Zahlen wurden Ende 2007 beim offiziellen Start des 2010 Tour Operator and Hospitality Programme der Match AG genannt.
21.
Riverlea residents demand 2010 employment, in: The Times vom 22. 10. 2009.

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

Afrika – Länder und Regionen

Der afrikanische Kontinent lässt sich in fünf Großräume untergliedern: Nord-, West- und Zentralafrika, das Horn von Afrika plus Ostafrika sowie das südliche Afrika. Ein Überblick über ihre jeweiligen Entwicklungen und Besonderheiten verbindet sich mit Analysen von Ländern, die für ihre Region charakteristisch oder besonders bedeutsam sind.

Mehr lesen