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16.12.2009 | Von:
Heike Becker

Kids of the Rainbow Nation: Blicke in die junge südafrikanische Gesellschaft

Multikultur und Ethnizität

Wie jede Einrichtung im heutigen Südafrika ist auch die UWC verpflichtet, die "Rasse" aller Beschäftigten und Studierenden statistisch zu erfassen, um auf dieser Grundlage die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zu beheben. Demzufolge sind derzeit etwas über 60 Prozent der Studierenden "Farbige", etwa ein Drittel haben sich als "schwarz/afrikanisch" definiert, während nur wenige Studierende als "Inder" oder "Weiße" registriert sind. Früher gab es gar keine weißen Studierenden an der Universität, deren immer noch kleine, aber seit ein paar Jahren stetig zunehmende Zahl ist daher durchaus bemerkenswert. Knapp zehn Prozent der Studierenden stammen aus dem Ausland, vor allem aus dem südlichen Afrika und ostafrikanischen Ländern, wie Kenia oder Ruanda. Auch diese Internationalisierung der Studentenschaft ist eine relativ neue Entwicklung.

Der Rückgang des Anteils schwarzer Studierender im vergangenen Jahrzehnt hat unter anderem dazu geführt, dass "rassisch" motivierte Argumente in der Studentenpolitik gelegentlich eine Rolle spielen. Während der Wahlen zum Student Representative Council im August 2008 hängte zum Beispiel eine der zur Wahl stehenden Organisationen in den Hörsaalgebäuden Transparente auf, in denen rhetorisch gefragt wurde, ob die Abnahme des prozentualen Anteils schwarzer Studierender von 46 auf 34 Prozent ein "Zufall" sei, oder ob dies vielleicht doch "absichtlich" geschehen sei, um sie vom Studium an der UWC auszuschließen. Die Studierenden sind aber nur teilweise um die (Zahlen-) Verhältnisse zwischen den "Rassengruppen" besorgt; diesbezügliche Spannungen gibt es - glücklicherweise - nur selten. Wie in Untersuchungen zur Jugendkultur beobachtet, sind die jungen Südafrikanerinnen und Südafrikaner heute in der Regel sehr viel "farbenblinder" als die älteren.[6] Unterschiede werden eher als "kulturell" wahrgenommen, wobei es dabei manchen Untersuchungen zufolge hauptsächlich um als selbstverständlich angenommene populärkulturelle Vorlieben von Jugendlichen der verschiedenen "rassischen" Gruppen geht.[7]

Andererseits spielen sogenannte "traditionelle", ethnisch definierte Gebräuche auch im Diskurs unter den Studierenden eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Bezeichnend sind dafür die zunehmenden Ankündigungen von "kulturellen" Studentenverereinigungen, die sich über ethnische Zugehörigkeit definieren. Manche Organisationen drücken das schon in ihrem Namen aus; es gibt zum Beispiel eine Gruppe, die sich "Zulu Kingdom" nennt. Die mitgliederstärkste "kulturelle" Studentenorganisation nennt sich "Abambo". Obwohl der Name sich historisch eindeutig auf die Xhosa-Gruppen bezieht, aus denen die Mehrheit der schwarzen Studierenden stammen, verneint der Vorsitzende eine ethnische Orientierung. Dies wird von vielen Studierenden allerdings anders verstanden, obwohl es - so sagen die Abambo-Aktivisten - ihr explizites Ziel sei, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, bei denen Studierende verschiedener ethnischer Herkunft ihre "Kulturen aufführen", um "sich besser kennenzulernen". Sie führen etwa im Rahmen von "kulturellen Tagen" in den weitläufigen Wohnheimkomplexen traditionelle Tänze und Gesänge auf. Für ein paar Stunden tauschen sie dann ihre modische Kleidung gegen "traditionell-afrikanische" Lendenschurze oder Lederschärpen ein.

Was steckt dahinter? Wie stehen diese Aufführungen "traditioneller" Kultur im Verhältnis zum Alltag auf dem multikulturellen Campus? Und wie sollen wir dabei die immer präsenten Bezüge auf Ethnizität verstehen, wenn die meisten Studierenden "Kultur" als Tradition bzw. Brauchtum verstehen? Oft genug höre ich von jungen Frauen und Männern in meinen Seminaren, dass sie befürchten, ihre traditionell-ethnische "Kultur" im modernen Alltag zu verlieren.

Warum also diese angestrengte Suche nach der "eigenen Kultur", die ja mit dem Alltag und der von der überwiegenden Mehrheit geteilten Populärkultur der Studierenden wenig gemeinsam hat? Warum ist es für diese jungen Frauen und Männer, die erst nach dem Ende der Apartheid aufgewachsen sind, so wichtig, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten "Kultur" zu betonen? Wie ich im Folgenden zeigen werde, ist die Verschiedenheit von ethnisch definierten, weitgehend unveränderlichen und kohärenten "Kulturen", die als "Eigentum" jeweils genau bezeichneter ethnisch-sozialer Gruppen verstanden werden, in der Tat ein zentrales Moment der Selbstvergewisserung vieler, auch vieler junger Südafrikanerinnen und Südafrikaner.

Fußnoten

6.
Vgl. G. Codrington (Anm. 1).
7.
Vgl. Nadine Dolby, Constructing Race: Youth, Identity, and Popular Culture in South Africa, Albany 2001.

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

Afrika – Länder und Regionen

Der afrikanische Kontinent lässt sich in fünf Großräume untergliedern: Nord-, West- und Zentralafrika, das Horn von Afrika plus Ostafrika sowie das südliche Afrika. Ein Überblick über ihre jeweiligen Entwicklungen und Besonderheiten verbindet sich mit Analysen von Ländern, die für ihre Region charakteristisch oder besonders bedeutsam sind.

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