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16.12.2009 | Von:
Heike Becker

Kids of the Rainbow Nation: Blicke in die junge südafrikanische Gesellschaft

Identität und Nationalität

Anfang 2008 behandelte ich in einer Lehrveranstaltung das Thema "Prozesse von Identitätsformierung in Südafrika". In den dazu eingereichten Arbeiten zeigte sich bei einigen Studierenden eine deutliche Sorge angesichts der zentralen Rolle von ethnischer "Identität" im alltäglichen und öffentlichen Diskurs. Sie sahen darin ein "Krebsgeschwür", das aus den Zeiten der Apartheid in das "neue Südafrika" hinüberwuchert, und befürchteten, dass dies schlimmstenfalls sogar zu ethnischer Gewalt führen könne. Einige andere wiederum machten sich Gedanken darüber, wie ihre Einbindung in die globalisierte Welt in neue Hoffnung auf Gemeinsamkeit münden könne. Diese jungen Leute vertrauen darauf, dass sie als die erste Generation der "Freigeborenen" (born-frees) des Landes selbstbewusst Technologien und Kulturstile der globalen Jugendkultur aufnehmen und neu besetzen können, um damit Gemeinsamkeiten zu schaffen und die Trennlinien der Vergangenheit zu überwinden: "We all listen to the same music, hip-hop, and value the same cars", schrieb eine Studentin. In diesem hoffnungsvollen Kommunikationsstrang spielten neue digitale Medien eine zentrale Rolle ("We all speak Mxit").

Die überwiegende Mehrheit der 180 Studierenden - die meisten von ihnen zwischen 1985 und 1988 geboren - aber drückte aus, was ein Student mit den Worten beschrieb: "We all belong to different cultures. Only a completely ignorant person would deny this." Diese Studierenden waren sich einig: Zentral für "unsere Identität" ist, dass wir zu einer jeweils ethnisch bestimmten, von anderen unterschiedenen "kulturellen Gruppe" gehören.

Auf den ersten Blick klingt das ganz so, wie der südafrikanische Ethnologe John Sharp vor 20 Jahren das Grundkonzept der Apartheidgesellschaft beschrieb: "To many South Africans it is self-evident, a matter of common sense, that the society consists of different racial and ethnic groups, each of which forms a separate community with its own culture and traditions. It is believed that such groups actually exist objectively in the real world, and that there is nothing anybody can do to change this."[8] Wenn ich entsprechende Aussagen heute in den Arbeiten von Studierenden lese, die zum Teil noch nicht mal eingeschult waren, als Nelson Mandela 1994 zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten Südafrikas wurde, frage ich mich, ob deren selbstverständliche Annahme unabänderlicher Trennlinien zwischen jeweils ethnisch eingegrenzten "Kulturen" tatsächlich der Apartheid-Vergangenheit geschuldet ist. Zum Teil sicherlich ja, aber es wäre verkehrt anzunehmen, dass nur sie allein dafür verantwortlich ist.

Anders als vor 1994 ist heute in Südafrika Identität der zentrale Begriff, um zu verstehen, wie ethnisch-kulturelle Unterschiede in individuelles und kollektives Selbstverständnis umgedeutet werden. Wie Adam Kuper schreibt, ist "kulturelle Identität" für viele Menschen tief persönlich und hoch politisch zugleich.[9] Fallstudien auf allen Kontinenten haben gezeigt, dass es ein Wechselspiel von Faktoren gibt, die zum einen "homogenisieren" (z.B. die globale Jugendkultur) und zum anderen "heterogenisieren". Letzteres bedeutet, dass vorgeblich althergebrachte, festgefügte Besonderheiten der eigenen ethnischen oder ethnisch-nationalen Gruppe betont werden. Dies schließt immer auch die Abgrenzung von den "Anderen" ein und kann mitunter zu gewalttätigen ethnischen Konflikten führen.[10]

Für viele junge Studierende in Südafrika stellt sich das weit weniger problematisch dar. Für sie ist ethnische Identität und Differenz gewissermaßen natürlich und unabdingbar für die Konstitution des "neuen Südafrika". Im März 2008 fragte ich zum Beispiel in einer Vorlesung: "Does a South African culture exist?" Die Studierenden waren sich einig, dass es so etwas wie eine allen gemeinsame südafrikanische Kultur nicht gebe. Die Grundlage des "neuen Südafrika" sei doch eben die Harmonie des Regenbogens: "The one thing we have in common is that we are all so different, yet we get along so well."

Die wichtigste "Qualifikation" für die Zugehörigkeit zur südafrikanischen Nation heute ist für viele Studierende - wie auch für die meisten führenden Politikerinnen und Politiker -, dass man einer ethnisch definierten "Kultur" angehört. Diesem weit verbreiteten Denken zufolge kann man ohne "eigene Kultur" (my culture) kein Südafrikaner, keine Südafrikanerin sein. Eine solche Vorstellung von politisierter kulturell-ethnischer Verschiedenheit ist im gegenwärtigen, neoliberalen Zeitalter jedoch nicht nur in Südafrika, sondern weltweit üblich.[11]

Fußnoten

8.
Vgl. John Sharp, Introduction: Constructing Social Reality, in: Emile Boonzaier/John Sharp (eds.), South African Keywords. The Uses and Abuses of Political Concepts, Cape Town 1988, S. 1.
9.
Vgl. Adam Kuper, The Culture of Discrimination, in: Reginald Byron/Ullrich Kockel (eds.), Negotiating Culture. Moving, Mixing and Memory in Contemporary Europe, Münster 2006, S. 186.
10.
Vgl. Birgit Meyer/Peter Geschiere (eds.), Globalization and Identity. Dialectics of Flow and Closure, Oxford 2003.
11.
Vgl. John Comaroff/Jean Comaroff, Reflections on Liberalism, Policulturalism & ID-ology: Citizenship & Difference in South Africa, in: Steven Robins (ed.), Limits to Liberation after Apartheid: Citizenship, Governance & Culture, Oxford 2005.

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

Afrika – Länder und Regionen

Der afrikanische Kontinent lässt sich in fünf Großräume untergliedern: Nord-, West- und Zentralafrika, das Horn von Afrika plus Ostafrika sowie das südliche Afrika. Ein Überblick über ihre jeweiligen Entwicklungen und Besonderheiten verbindet sich mit Analysen von Ländern, die für ihre Region charakteristisch oder besonders bedeutsam sind.

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