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16.12.2009 | Von:
Heike Becker

Kids of the Rainbow Nation: Blicke in die junge südafrikanische Gesellschaft

Xenophobie

"Identität" tritt in Südafrika wie andernorts vor allem in der Form sozialer und politischer Ansprüche auf. Während die Identitätspolitik, im Ganzen betrachtet, seit 1994 bislang kaum beunruhigende Folgen hatte, führte die brutale Gewalt, die sich im Mai und Juni 2008 in südafrikanischen Townships gegen Migrantinnen und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern entlud, zu intensivem Nachdenken und Ursachenforschung.[12] Owen Sichone, der schon seit langem die Situation der afrikanischen Migranten in Kapstadt untersucht, vertritt die Auffassung, dass Armut und die Enttäuschung über das Ausbleiben der erhofften raschen sozialen Verbesserungen zu einem gewissen Grad für die Eskalation verantwortlich seien, dass es letztlich aber keine gradlinige Erklärung gebe.[13]

Wie stehen junge Südafrikanerinnen und Südafrikaner zur Fremdenfeindlichkeit? In einem Pressebericht, in dem junge Täter zu Wort kamen, sagt der 20-jährige Wandile Langa, dass es in seinem Township schon immer Probleme mit kwerekwere ("Stotterer", wie afrikanische Ausländer herabsetzend genannt werden) gegeben habe, die den Südafrikanern zustehende Jobs wegnehmen und auch ganz allgemein die Vorzüge "unserer Freiheit" ernten würden.[14] Andere weitverbreitete Mythen deuten auf sexuelle Eifersucht hin ("die Ausländer" nehmen uns "unsere" Frauen weg). Auch wird die hohe Kriminalitätsrate gerne Nicht-Südafrikanern, vor allem Nigerianern, zugeschrieben, wenngleich dies keineswegs statistisch signifikant ist. Nicht zuletzt werden afrikanische Migranten der Verbreitung von Krankheiten, insbesondere von HIV/Aids verdächtigt. Solche fremdenfeindlichen Klischees sind zumindest teilweise den unsicheren Lebensgrundlagen, insbesondere denen junger Männer, geschuldet.

Die UWC blieb von der fremdenfeindlichen Gewalt nicht unberührt. Ausländische Studierende berichteten, dass sie in Sammeltaxis beschimpft und bedroht wurden. Auf dem Universitätsgelände kam es zum Glück zu keinen Angriffen, und die Universität, die inmitten der von den Gewalttaten erschütterten Townships liegt, wurde zu einer Basis zahlreicher friedlicher Initiativen. Beschäftigte und Studierende organisierten materielle Unterstützung für die Verfolgten sowie Protestversammlungen auf dem Campus und im Stadtzentrum. Die Universitätsleitung wandte sich in einer scharf formulierten öffentlichen Erklärung gegen die Gewalt.

Kann daraus geschlossen werden, dass das Verhältnis zwischen südafrikanischen und internationalen Studierenden frei von Stereotypen, Diskriminierung und Ausgrenzung ist? Knapp ein Jahr nach der Gewaltwelle von 2008 leitete ich ein Lehrforschungsprojekt mit Studierenden zu Xenophobie an der UWC, in dessen Rahmen je 200 südafrikanische und ausländische Studierende in offenen Interviews befragt wurden. Diese ergaben unter anderem:

Erstens: Nur afrikanische Studierende erlebten Diskriminierung und hatten oft den Eindruck, nicht willkommen zu sein. Niemand unter den Befragten, die aus Europa, Nordamerika oder Asien stammten, fühlte sich diskriminiert, im Gegenteil: Viele südafrikanische Kommilitoninnen und Kommilitonen suchten aktiv Kontakt mit ihnen. Die befragten Südafrikaner bestätigten dies: Sie machten einen klaren Unterschied zwischen "ausländischen", das heißt afrikanischen, und "internationalen", außer-afrikanischen Studierenden. Letztere werden als bereichernd im studentischen Leben wahrgenommen; die "Ausländer" hingegen werden von vielen südafrikanischen Studierenden abgelehnt. Zum Teil liegt dieser Haltung offenkundig kultureller Rassismus zu Grunde. So beklagte sich zum Beispiel eine Studentin aus Tansania, dass "ausländische" Studierende zum Teil aus den Gemeinschaftsküchen der Wohnheime gedrängt worden seien, weil den "Einheimischen" der Geruch von scharf gewürztem afrikanischem Essen nicht gepasst habe.

Zweitens wurde in unserer Untersuchung deutlich, dass Sprache eine zentrale Rolle bei der Ausgrenzung von "Ausländern" spielt. Insbesondere Xhosa-sprachige Studierende scheinen oft anzunehmen, dass alle Afrikaner "ihre Sprache" sprächen, und wenn sie dies nicht können, dies eine Barriere darstelle. In Wirklichkeit ist Englisch Vorlesungssprache an der UWC, das von allen Studierenden weitgehend beherrscht wird. Das Argument zeigt nur einmal mehr, dass sich Fremdenfeindlichkeit in Südafrika generell über "Hautfarbe" und "Sprache" manifestiert und dunkelhäutige Menschen, die keine einheimischen Sprachen oder diese nur mit Akzent sprechen, als kwerekwere ausgegrenzt, diskriminiert und eben auch gewaltsam angegriffen werden können.

Drittens: Obgleich Verallgemeinerungen in solchen komplexen Zusammenhängen nur begrenzte Aussagekraft haben, fiel auf, dass sich unter den südafrikanischen Studierenden vor allem eine Gruppe besonders oft fremdenfeindlich äußerte oder behauptete, dass Xenophobie in Südafrika "kein Problem" darstelle: Die Xhosa-sprachigen Männer, und darunter inbesondere jene, die wenig erfolgreich in ihrem Studium waren. Offensichtlich fühlten sich diese von den häufig überdurchschnittlichen befähigten "Ausländern" bedroht, während sich viele der besseren unter den südafrikanischen Studierenden mit ihren "ausländischen" Kommilitonen solidarisierten und Freundschaften pflegten.

Fußnoten

12.
Vgl. Adrian Hadland (ed.), Violence and Xenophobia in South Africa: Developing Consensus, Moving to Action, Pretoria 2008; Shireen Hassim/Tawana Kupe/Eric Worby (eds.), Go Home Or Die Here: Violence, Xenophobia and the Reinvention of Difference in South Africa, Johannesburg 2008.
13.
Vgl. Owen Sichone, Xenophobia, in: Nick Shepherd/Steven Robins (eds.), New South African Keywords, Johannesburg-Athens 2008.
14.
Vgl. Thembelihle Tshabalala/Monako Dibetle, Inside the Mob, 22. 5. 2008, in: www.mg.co.za (12. 10. 2009). Siehe hierzu auch den Artikel von Norbert Kersting in dieser Ausgabe.

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Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

Afrika – Länder und Regionen

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