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26.9.2011 | Von:
Marianne Braig

Hinterhof der USA? Eine Beziehungsgeschichte

In Mexiko und den USA wurde immer wieder versucht, eine gemeinsame Ge­schichte der Befreiung vom europäischen Kolonialismus zu entwerfen. Doch die "Hinterhofpolitik" der USA verhindert eine Kooperation unter Gleichen.

Einleitung

Ein in die USA ausgewanderter Mexikaner, der sich dafür einsetzte, auf beiden Seiten des Rio Grande an Wahlen teilnehmen und seine politischen Rechte wahrnehmen zu können, antwortete auf die Frage nach seiner politischen Heimat ohne zu zögern: "La nacion mexicana llega hasta donde estamos los mexicanos."[1] Unter anderem diese Ansicht - nach der sich die mexikanische Nation auf das Territorium erstrecke, auf dem Mexikaner leben, zumal, wenn dieses früher zu Mexiko gehört habe -, bewog den US-amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel Huntington dazu, von einer Hispanic Challenge zu sprechen. Und so warnte er vor mexikanischen Ansprüchen auf US-Gebiete oder gar einer reconquista.[2] Für viele Mexikaner wie den Schriftsteller Carlos Fuentes wiederum ist die heutige Grenze zu den USA tatsächlich eine "offene Wunde", steht sie doch für den Verlust der Hälfte des mexikanischen Staatsgebiets im Zuge des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges von 1846 bis 1848.

Historische Wurzeln: Gespaltene Amerikas

Die Erfahrungen Süd- und Mittelamerikas mit den USA sind geprägt von Annexion, Intervention und kultureller Polarisierung; zugleich gab es aber auch immer wieder Versuche, eine gemeinsame Geschichte der Befreiung vom europäischen Kolonialismus und vom Kampf für Unabhängigkeit zu entwerfen. Für die Entgegensetzung der Amerikas und die Wahrnehmung Mexikos als "Hinterhof der USA" sind Verlust- und Gewalterlebnisse zentral: Bereits 1811 legalisierte der US-Kongress nachträglich die Besetzung spanischen Territoriums durch angloamerikanische Siedler, 1845 folgte die Annexion von Texas, und bis 1848 verschoben die USA ihre südliche Staatsgrenze schließlich bis zum Rio Grande. Mit dem Frieden von Guadelupe Hidalgo (1848) gingen Texas, New Mexico, Arizona, Kalifornien, Nevada und Utah sowie Teile von Wyoming, Colorado und Oklahoma endgültig in US-amerikanisches Staatsgebiet über. Nach dieser Aneignung großer Teile des mexikanischen Territoriums lehnte der damalige US-Prsident James R. Polk (1845-1849) ein weiteres Vordringen in das "Herz Mexikos" jedoch entschieden ab. Neben den finanziellen Risiken einer Okkupation wies er dabei vor allem auf die kulturellen Differenzen jenseits des Grenzflusses hin und setzte sich damit gegen diejenigen Stimmen durch, die ganz Mexiko besetzen wollten. Der Rio Bravo (so die mexikanische Bezeichnung des Flusses) wurde somit als geokulturelle Grenze zwischen den Amerikas markiert.

Zugleich tauchte im 19. Jahrhundert die Vorstellung einer Einheit der westlichen Hemisphäre in den politischen Diskursen auf und wurde mit dem Ideal eines Panamerika verbunden. Die Bewunderung für die Befreiung der nordamerikanischen Kolonien von England 1776 und speziell für den ersten US-Präsidenten George Washington (1789-1797) unter den Unabhängigkeitsbewegten im Süden sowie die rasche Anerkennung der unabhängig gewordenen Republiken durch die USA beförderten die Bestrebungen, die Beziehungen zu vertiefen und interamerikanische Konferenzen anzustoßen. Doch erst 1889 gelang es, den ersten Panamerikanischen Kongress in New York abzuhalten, bei dem, mit Ausnahme der Dominikanischen Republik, alle Staaten der westlichen Hemisphäre vertreten waren. Doch die im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 deutlich zutage tretende expansionistische Interessenpolitik der USA gab nachträglich all denjenigen Recht, die vor der wirtschaftlichen Übermacht und dem politischen und militärischen Imperialismus des nördlichen Nachbars gewarnt hatten, wie etwa der kubanische Dichter José Martí. In diesem Rahmen konnte es also keine gemeinsame Interessensphäre aller Nationen in den Amerikas geben. Die "Neue Welt" war fortan zweigeteilt, und Mexiko sowie andere Staaten Mittelamerikas und der Karibik wiesen alle Merkmale auf, die sie in den "Hinterhof der USA" verwiesen, waren die entstehenden Republiken doch nicht in der Lage, dauerhaft für Stabilität und Sicherheit zu sorgen.

So war Mexiko am 21. September 1821, als es seine Unabhängigkeit von Spanien erklärte, weit davon entfernt, seine Souveränität nach innen oder außen durchsetzen zu können. Angesichts der fehlenden Staatsmacht und der ständigen bewaffneten lokalen Rebellionen und Auseinandersetzungen wurde die politische Szene von militärischen caudillos beherrscht: regionalen Chefs bewaffneter Banden, deren Bedeutung mit jedem Konflikt zunahm, insbesondere während ausländischer Interventionen.[3] Aus der Sicht des Südens war die "Neue Welt" gespalten in einen imperialen Norden auf der einen und eine Vielfalt von Völkern, die um ihre Würde kämpften, auf der anderen Seite. Aus der Perspektive des Nordens wiederum standen der Demokratie und der Freiheit des Handels revolutionäre, nationale Bewegungen und autoritäre Regime im Süden gegenüber. Hieraus ergebe sich, so schrieb der New Yorker Journalist John L. O'Sullivan 1845 im "Democratic Review", die "offenkundige Bestimmung" (manifest destiny) der US-amerikanischen Nation, "sich auszubreiten und den gesamten Kontinent in Besitz zu nehmen, den die Vorsehung uns für die Entwicklung des großen Experimentes Freiheit und zu einem Bündnis vereinigter Souveräne anvertraut hat". Den Expansionsbestrebungen des Nordens lieferte O'Sullivan damit eine wirkmächtige ideologische Rechtfertigung.

Die Zweiteilung der Amerikas wurde in unterschiedlicher Weise von beiden Seiten vorangetrieben. Die USA verstrickten sich in einen Widerspruch zwischen der eigenen revolutionären Tradition und einer Außenpolitik, die problemlos mit reaktionären und konterrevolutionären Kräften im Süden kooperierte. Während die revolutionäre Tradition durchaus die Anrufung eines gemeinsamen emanzipativen Ursprungs ermöglichte, zerstörte die von den USA betriebene "Hinterhofpolitik" jedoch eine Kooperation unter Gleichen.

Scheitern der "Latinität"

Die Europäer wiederum, die aus der westlichen Hemisphäre der unabhängigen Republiken herausgehalten werden sollten (Monroe-Doktrin[4] ), versuchten sich auch noch nach der Unabhängigkeit in die Aufteilung des Doppelkontinents einzumischen. Bereits der französische Publizist Alexis de Tocqueville hatte bei seinen Reisen zwei sehr unterschiedliche Amerikas wahrgenommen. Er war es auch, der zusammen mit dem Ökonomen Michel Chevalier die Idee eines lateinischen, über Europa hinausgreifenden Kulturkreises oder von einer race latine unterstützte, die auch in außereuropäischen Regionen, insbesondere in Amerika, zu verorten wäre. Damit verband er zugleich die Warnung vor einer Expansion der USA und vor der Gefahr eines Konflikts entlang der Scheidelinie zwischen dem lateinischen und dem angelsächsischen Amerika. Mit der US-amerikanischen Annexion von Texas 1845 sah man in Frankreich diese Befürchtungen bestätigt. Der französische Außenminister François Pierre Guillaume Guizot formulierte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, die race latine nicht allein in Europa, sondern auch in Amerika zu schützen, damit sie nicht unter das Joch der Angelsachsen komme.[5] Doch erst unter der Herrschaft Napoleons III., im "Seconde Empire" (1852-1870), wurde die "Latinität" in Frankreich zunehmend politisiert und mit geostrategischen Überlegungen verbunden.

Mit der französischen Intervention in Mexiko von Januar 1862 bis März 1867, die mit der Hinrichtung des vom französischen Monarchen unterstützten Kaisers Maximilian (1864-1867) endete, erlebte die Konstruktion einer transatlantischen race latine jedoch ihr Fiasko. Der unmittelbare Anlass für das koloniale Abenteuer waren kommerzielle Interessen Frankreichs, etwa die Eintreibung höchst dubios begründeter Schulden. Die weitergehenden geopolitischen Motive Frankreichs zielten eindeutig darauf, im Wettlauf mit den USA zu bestehen und Mexiko im eigenen Einflussbereich zu verankern, bevor die USA die Vorherrschaft über den ganzen Kontinent erlangen konnten. Für viele Mexikaner war es dabei geradezu tragisch zu erfahren, dass die beiden Länder, die ihnen ideologisch am nächsten waren, die USA und Frankreich, offenbar nur ihre eigenen Interessen verfolgten und versuchten, an die Stelle Spaniens als Kolonialmacht zu treten. Die Gelegenheit für die Franzosen schien günstig zu sein: Die USA waren während des Bürgerkriegs ab 1861 außenpolitisch weitgehend handlungsunfähig und konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, ihre gegen die europäischen Kolonialmächte formulierte Monroe-Doktrin militärisch nicht durchsetzen. Legitimiert wurde das militärische Abenteuer von Napoleon III. mit der Behauptung, einen gemeinsamen lateinischen Kulturkreis beschützen zu müssen. Zugleich bemühte man sich auch über wirtschaftspolitische Maßnahmen um eine stärkere Integration. Die Zollunion der lateinischen Länder und die Gründung einer Union Monétaire Latine 1865 in Paris waren jedoch ebenso wenig erfolgreich wie die militärische Intervention der Franzosen in Mexiko.

Ende des 19. Jahrhunderts war das mit der französischen Außenpolitik eng verbundene Projekt der "Latinität" gescheitert. Allerdings bedeutete dies in keiner Weise das endgültige Aus dieser Idee und der damit verbundenen Abgrenzung gegenüber der angelsächsischen Kultur. Im Gegenteil: Durch die Aneignung im Diskurs lateinamerikanischer Intellektueller im Begriff "Lateinamerika" gewannen beide, die "Latinität" und ihre Frontstellung gegenüber dem "Angelsächsischen", im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine neue Bedeutung, die mit Überlegenheitsgefühlen der europäisierten Intellektuellen des Südens gegenüber dem pragmatischen Norden einherging. Zugleich erfährt der Begriff bis heute eine andauernde Karriere und Ausweitung und reicht mit der Zuschreibung latinos für die spanischsprachige Bevölkerung weit nach Nordamerika hinein.

Interventionen aufgrund chronic wrongdoing

Freilich, das Argument einer möglichen innenpolitischen Destabilisierung der USA im Zuge einer Intervention in einen anderen Kulturkreis sorgte nicht für grundsätzliche Zurückhaltung. Im Gegenteil: In einer der einflussreichsten Reinterpretationen der Monroe-Doktrin, dem 1904 von US-Präsident Theodore Roosevelt (1901-1909) formulierten "Roosevelt Corollary of the Monroe Doctrine", wurde die Notwendigkeit einer Intervention in andere Staaten (gerade auch jenseits der im Mexiko-Krieg konstruierten geokulturellen Grenze) mit der Fehlerhaftigkeit und dem Versagen staatlicher Institutionen jenseits dieser Grenze begründet: "Chronic wrongdoing, or an impotence which results in a general loosening of the ties of civilized society, may in America, as elsewhere, ultimately require intervention by some civilized nations, and in the Western hemisphere, the adherence of the United States to the Monroe Doctrine may force the United States, however reluctantly, in cases of wrongdoing or impotence, to the exercise of the international police power."[6]

Zielte die Monroe-Doktrin zunächst darauf ab, die eigene politische Sphäre gegen die der "Alten Welt" abzugrenzen, also eine westliche Hemisphäre frei von Kolonialisierungsbestrebungen und Interventionen zu schaffen, so führten ihre Weiterentwicklungen dazu, dass die USA ein exklusives Interventionsrecht in inneramerikanische Angelegenheiten für sich beanspruchten - erst recht, wenn es darum ging, für Recht und Ordnung im eigenen "Hinterhof" zu sorgen. Diese Politik richtete sich nicht allein gegen mögliche Interventionen europäischer Staaten, sondern gegen jede Art von politischen Bewegungen, die den Interessen der USA zuwider liefen - auch innerhalb der lateinamerikanischen Staaten selbst.

Dies wird bereits in der Reaktion Washingtons auf die Mexikanische Revolution (1910-1917) und die postrevolutionäre Entwicklung deutlich. Dabei waren es weniger die revolutionären Auseinandersetzungen, die Anstoß erregten - vor diesen wussten beispielsweise die ausländischen Erdölproduzenten ihre Ölquellen zu schützen. Es war vor allem die mexikanische Verfassung von 1917 mit ihrem Artikel 27, der unterschiedliche Eigentumsformen, die Enteignung von Privateigentum sowie die Nationalisierung der Bodenschätze ermöglichte, die immer wieder zu Konflikten und zu einer Mexikopolitik unter dem Motto führte: "watching them narrowly and insisting that they shall take help when help is needed".[7] Mexiko war jedoch nicht allein wegen seiner unmittelbaren Nachbarschaft unter besonderer Beobachtung, sondern der "revolutionäre Nationalismus" des politischen Regimes galt vielen in den USA als eine Infragestellung US-amerikanischer Ordnungsvorstellungen. Um die Dramatik der Abgrenzung zu unterstreichen, wurden Vergleiche mit dem revolutionären Russland keineswegs gescheut. Franklin K. Lane, zu jener Zeit Innenminister der USA, sah gar eine Doppelbedrohung, auf die mit einer Neubestimmung des Selbstbestimmungsrechts, zumindest für rückwärtsgewandte Völker, reagiert werden müsse: "When I say that Russia may go her own way, and Mexico hers, I say so with a sense that I have a right in Russia and in Mexico, and also a right to see that they do not go their own way to the extent of blocking my way to what of good they hold. (...) That is why we are talking of backward peoples and recognizing for them another law of self-determination, a leading-string law."[8] Erst als die mexikanische Regierung versprach, die umstrittene Passage aus der Revolutionsverfassung nicht anzuwenden, erkannten die USA 1923 den mexikanischen Präsidenten Álvaro Obregon (1920-1924) an.

Als Präsident Lázaro Cárdenas (1934-1940) die Nationalisierung des Besitzes der US-amerikanischen und britischen Erdölgesellschaften wieder auf die Tagesordnung brachte, fürchtete die US-Regierung unter Franklin D. Roosevelt (1933-1945), dass andere lateinamerikanische Staaten diesem Beispiel folgen könnten. Zwar konnte 1941 ein Kompromiss ausgehandelt werden, aber insgesamt blieb die containment-Strategie gegen revolutionäre Bewegungen für die US-amerikanische Lateinamerikapolitik bestimmend. Erst nach dem Sieg der kubanischen Revolution 1959 suchte die von Präsident John F. Kennedy (1961-1963) geführte Regierung unter dem Motto "Allianz für den Fortschritt" eine engere Zusammenarbeit mit dem südlichen Amerika. Der new approach umfasste neben Hilfsprogrammen zur Unterstützung der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Lateinamerikas auch eine diskursive Rückbesinnung auf gemeinsame historische Erfahrungen. Dabei appellierte der US-Präsident an eine gemeinsame Geschichte: "Our continents are bound together by a common history, the endless exploration of new frontiers. Our nations are the product of a common struggle, the revolt from colonial rule. And our people share a common heritage, the quest for dignity and the freedom of man."[9] Doch dieser neue Ansatz sollte nicht von allzu langer Dauer sein.

Fatale Nähe

"Pobre México, tan lejos de Dios y tan cerca de los Estados Unidos." ("Armes Mexiko, so fern von Gott und den Vereinigten Staaten so nah.") Für eine Charakterisierung der Beziehungen zwischen den USA und Mexiko kommt man wohl ohne dieses bekannte Zitat des mexikanischen Diktators Porfirio Díaz (Präsident 1877-1880 und 1884-1911) nicht aus. Damit wird zugleich auf die Differenz und die Abhängigkeit von den USA verwiesen, in der sich die mexikanische Politik und Gesellschaft bewegt.

Die mexikanische Republik hat sich seit ihrer Gründung stets als souveräner Staat und nicht als Hinterhof des nördlichen Nachbarn gesehen und lange Zeit die Abhängigkeit zu überspielen versucht bzw. einen pragmatischen Umgang mit dieser praktiziert. Nach der Vertreibung der napoleonischen Truppen und erst recht nach der Mexikanischen Revolution beruhte das außenpolitische Verständnis der Republik auf der Doctrina Juárez, die das Selbstbestimmungsrecht der Nationen einfordert.[10] Vor allem während der Präsidentschaft von Luis Echeverría (1970-1976) wurden die Bemühungen um eine prononcierte, eigenständige Außenpolitik verstärkt. So positionierte sich Mexiko in dieser Zeit nicht nur als Teil Lateinamerikas, sondern ganz bewusst auch als Teil der "Dritten Welt" und versuchte sich als Sprecher der "Blockfreien" für die damit verbundenen Interessen zu profilieren. Washington schaute distanziert, wenn nicht gar irritiert auf den südlichen Nachbarn, der sich aus der Warte der USA angesichts der auch schon lange vor dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) bestehenden, engen wirtschaftlichen Verflechtungen und der zunehmenden Migration undankbar, ja feindlich gerierte. Trotz durchaus vorhandener antiamerikanischer Gefühle ließen sich die Mexikaner in ihren Beziehungen zu den USA hauptsächlich von Pragmatismus leiten. Die mexikanische Diplomatie sucht traditionell einen professionellen Umgang mit dem Hegemon des Kontinents.

Diese Praxis galt es in den 1990er Jahren den neuen Gegebenheiten einer globalisierten Welt anzupassen, in die Mexiko über rasch wachsende legale und illegale Wirtschafts- und Migrationsbeziehungen zu den USA eingebunden wurde. Nicht nur wurde die bereits in den 1980er Jahren begonnene außenwirtschaftliche Öffnung massiv vorangetrieben; zugleich wurden auch wirtschaftspolitische Vorstellungen der USA übernommen, was einen Bruch mit den in Lateinamerika lange Zeit stark verankerten Praxen der Importsubstitution und der Abgrenzung der eigenen Volkswirtschaft nach außen bedeutete. Viele Südamerikaner wiederum glaubten daraufhin, die Mexikaner könnten nun dem südlichen Teilkontinent den Rücken kehren.

Die ökonomische Einbindung des mexikanischen Territoriums in den Norden vollzog sich in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Etappen. Die seit 1994 durch das NAFTA bestehende Nordamerikanische Freihandelszone ist ganz im angelsächsischen Sinne der freien Beweglichkeit von Waren und Dienstleistungen verpflichtet; die freie Beweglichkeit der Menschen versuchte man aus den Vereinbarungen und von der Grenze fernzuhalten. Vorausgegangen war das mexikanische Grenzindustrieprogramm von 1965, in welchem eine 12,5 Meilen breite Sonderzone entlang der 3141 Kilometer langen Grenze zu den USA festgelegt worden war.[11] Das Programm sollte die hohe Arbeitslosigkeit in den Grenzregionen bekämpfen, indem ausländischen Investitionen eine Sonderbehandlung außerhalb des mexikanischen Arbeits- und Sozialrechts zugebilligt wurde. Der Grenzraum zog weitere Migration an und verwandelte zahlreiche twin cities an der Grenze zu boomenden Industrie- und Dienstleistungszentren. Von diesen gingen in den vergangenen Jahren nicht nur stärkere ökonomische, sondern auch kulturelle Impulse aus.

Darüber hinaus ist es den USA in jüngerer Zeit gelungen, Mexiko nicht nur ökonomisch über die Nordamerikanische Freihandelszone, sondern auch geostrategisch in die hemisphärische Konstruktion eines neuen North America einzubeziehen. Dieses neue Nordamerika ist Teil einer veränderten Sicherheitsperspektive auf die Amerikas,[12] ein Blick, der den Kontinent neu aufteilt und Mexiko, jenseits des "Hinterhofs", die Funktion eines Schleusen- und Grenzraums gegenüber Südamerika zuweist. Aus der Perspektive des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums gehört Mexiko seit 2002 zum "Northern Command" bzw. "NorthCom" und bildet damit Teil der homefront. Ins Visier geraten dabei weniger feindliche Staaten als vielmehr Individuen. Es geht um die Kontrolle illegaler und illegalisierter Bewegungen von Menschen und Waren, von Migranten, Terroristen und Drogen.

Legitimiert durch verschiedene Sicherheitsdiskurse wurden in den USA in den 1990er Jahren massive Ressourcen für Grenzschutzprogramme wie "Operation Gatekeeper" (in Kalifornien), "Operation Hold-the-Line" (in Texas) und "Operation Safeguard" (in Arizona) mobilisiert. Gleichzeitig wurde im Rahmen des "Plan Sur" begonnen, den mexikanischen Süden in einen befestigten Grenzraum zu verwandeln. Dennoch sind die Erfolge des rebordering der lange Zeit relativ offenen Grenze zwischen den USA und Mexiko empirisch kaum festzustellen. Denn trotz deutlich verstärkter Grenzkontrollen, technischer Aufrüstung, Zaun- und Mauerbau und einer gewachsenen Zahl von im Grenzraum aufgegriffenen und zurückgeschickten Personen steigt der Anteil der in Mexiko geborenen Menschen in den USA.[13]

Verflechtung und Spaltung

Folgt man dem argentinischen Kulturwissenschaftler Hector García Canclini, erleben die Lateinamerikaner Globalisierungsprozesse anders als ihre nördlichen Nachbarn.[14] Aus einer Perspektive von unten geht es, wie der Soziologe Ludger Pries es ausdrückt, um die "Transnationalisierung der sozialen Welt".[15] Eine solche findet an vielen Orten statt, diesseits und jenseits des Rio Bravo. Transmigrationsprozesse zum Beispiel ziehen nicht allein Verbindungslinien zwischen indianischen Dörfern im Süden und ländlichen Regionen oder städtischen Slums weit im Norden, sondern sie verändern die Räume an den Staatsgrenzen, am deutlichsten sichtbar in den wachsenden twin cities an der US-mexikanischen Grenze.[16] Sie sind geprägt durch die Bewegungen und Lebensweisen der zahlreich - legal oder illegal - in den USA lebenden Migranten und ihren Überweisungen in die mexikanische Heimat. Die damit verbundenen politischen Themen prägen neue grenzüberschreitende Politikfelder, so genannte intermestics, aber auch die Wahlkämpfe auf beiden Seiten. In wachsendem Maße werden die Stimmen der latinos in den USA als entscheidend wahrgenommen. US-amerikanische Organisationen, etwa Gewerkschaften, haben sich in den vergangenen Jahren durch den Zuwachs lateinamerikanischer Mitglieder, viele auch ohne legale Aufenthaltsgenehmigung, massiv verändert.

Umgekehrt erobern US-amerikanische Organisationen wie die evangelikalen Kirchen und andere religiöse Gruppierungen den Süden des Kontinents und verändern den Alltag und die sozialen Praxen von immer mehr Menschen. Schätzungen zufolge haben sich heute mehr Lateinamerikaner in kleinen "Sekten" oder "Mega-Kirchen" den auch weltlichen Wohlstand verheißenden Evangelikalen zugewandt, als seinerzeit Katholiken in Europa im Zuge der Reformation protestantisch wurden. In Mexiko scheint der Anteil dieser Konvertiten an der mehrheitlich katholischen Bevölkerung noch geringer als in anderen mittel- und südamerikanischen Ländern zu sein; doch gerade im Süden, wie im Bundesstaat Chiapas, der einen hohen Anteil indianischer und armer Bevölkerung hat, ist der offizielle Anteil der Nicht-Katholiken inzwischen auf 21 Prozent angestiegen.[17]

Eine weitere Transnationalisierung der sozialen Welt lässt sich im Konsumbereich beobachten. Schmuggel, Produktpiraterie und Produktfälschung stellen nicht allein Einkommensquellen dar, sondern vor allem erlauben sie dem wachsenden Teil der armen Bevölkerung Lateinamerikas am Konsummodell der westlichen Welt teilzuhaben. Unabhängig davon, ob die Produkte nun direkt in Mexiko-Stadt oder Lima produziert oder aus China legal oder illegal eingeführt werden, prägen sie den Konsum der Menschen und verändern zugleich das Straßenbild der großen lateinamerikanischen Städte.

Die seit Jahrzehnten rasch wachsende Verflechtung zwischen mexikanischen und US-amerikanischen Orten wird vor allem durch den Transit von Kokain und anderen Drogen befördert, die für den Konsum in den USA bestimmt sind. Durch das Territorium Mexikos laufen dabei nicht nur die Hauptrouten zwischen Süd- und Nordamerika, sondern auch Gewalt und Konsum haben in Mexiko massiv zugenommen. Auch wenn die mexikanische Regierung immer wieder darauf verweist, dass der Drogenkonsum in den USA sowie der Verkauf US-amerikanischer Waffen an mexikanische Drogenbanden Teil eines gemeinsamen Problems sind, welches auch gemeinsamer Lösungen bedarf, versuchen die US-amerikanischen Akteure über die Mérida Initiative[18] das Problem möglichst wieder in ihren "Hinterhof" zu verbannen.

Jenseits der Gegenüberstellung angelsächsischer und lateinamerikanischer Kulturkreise entstehen durch diese und viele andere transnationale Verflechtungsprozesse sogenannte zonas de negociacion transnacional (Räume transnationaler Aushandlungsprozesse). Diese schaffen neue mentale Landkarten und verändern die Beziehungen der Menschen in den Amerikas zueinander weit jenseits nationalstaatlicher Grenzziehungen. Doch trotz der zunehmenden Verflechtung scheint aus einer entangled history eher eine geteilte Zukunft geworden zu sein.
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Fußnoten

1.
Stephanie Schütze, La nacion mexicana llega hasta donde estamos los mexicanos. Los partidos políticos mexicanos y su participacion política transnacional, in: Iberoamericana. América Latina, España, Portugal: Ensayos sobre letras, historia y sociedad. Notas, Reseñas iberoamericanas, 7 (2007) 25, S. 143-154.
2.
Samuel P. Huntington, The Hispanic Challenge, in: Foreign Policy, (2004) März-April, S. 30-45.
3.
Der mexikanische Prototyp dieser überall in Lateinamerika beheimateten politischen Figur war Antonio Lopez de Santa Anna: Unter anderem dank seiner Beteiligung an der Niederschlagung des Versuches einer reconquista durch die Spanier 1829 als nationaler Held gefeiert, erwies er sich während seiner autoritären Herrschaft als Präsident (1853-1855) in allen Bereichen als unfähig, was anarchistische Zustände im Land zur Folge hatte.
4.
Mit der Doktrin formulierte US-Präsident James Monroe (1817-1825) 1823 ein Angebot an die europäischen Kolonialmächte, sich nicht in europäische Revolutionsprozesse einzumischen, um zugleich von ihnen zu fordern, von Versuchen der Rekolonialisierung der Neuen Welt Abstand zu nehmen.
5.
Vgl. Frank Ibold, Die Erfindung Lateinamerikas. Die Idee der latinité im Frankreich des 19. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf die Eigenwahrnehmung des südlichen Amerika, in: Hans-Joachim König/Stefan Rinke (Hrsg.), Transatlantische Perzeptionen. Lateinamerika - USA - Europa in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 1998, S. 80.
6.
Zit. nach: Martin Sicker, The Geopolitics of Security in the Americas. Hemispheric Denial from Monroe to Clinton, Westport 2002, S. 61. Ähnlich wurde während des Krieges mit Mexiko argumentiert. "Mexico's failure to improve California, a land of Eden, was attributed to an incompetent local bureaucracy, degenerating into a state of anarchy, and to a slothful population." Zit. nach: Frederick Merk, Manifest Destiny and Mission in American History. A Reinterpretation, Cambridge, MA 1963.
7.
US-Präsident Woodrow Wilson (1913-1921) zit. nach: P. Edward Haley, Revolution and intervention. The diplomacy of Taft and Wilson with Mexico, 1910-1917, Cambridge, MA 1970, S. 138.
8.
Zit. nach: Hans-Jürgen Schröder, Amerika als Modell? Das Dilemma der Washingtoner Außenpolitik gegenüber revolutionären Bewegungen im 20. Jahrhundert, in: Erich Angermann (Hrsg.), Revolution und Bewahrung. Untersuchungen zum Spannungsgefüge von revolutionärem Selbstverständnis und politischer Praxis in den Vereinigten Staaten von Amerika (HZ Beiheft 5), München 1979, S. 221.
9.
Ebd., S. 234.
10.
Die Doctrina Juárez geht zurück auf eine im Juli 1867 gehaltene Rede des Präsidenten Benito Juárez (1861-1872).
11.
Dieses war als Ersatz für das 1951 unterzeichnete und 1964 durch den US-amerikanischen Kongress nicht mehr verlängerte Bracero-Abkommen gedacht. Dieses hatte die saisonale Arbeitsvermittlung von mexikanischen, hauptsächlich männlichen Arbeitskräften in die USA rechtlich geregelt und Tausenden von Arbeitsmigranten zeitweilig ein Einkommen gesichert.
12.
Vgl. Marianne Braig/Christian Baur, "¿Hemisferio occidental dividido?" O bien: ¿Hasta donde llega México?, in: Iberoamericana, 5 (2005) 20, S. 109-126.
13.
Vgl. Andrés Solimano, International Migration and the Age of Crisis and Globalization, New York 2010, S. 129.
14.
Vgl. Hector García Canclini, Latinoamericanos buscando lugar en este siglo, Buenos Aires 2002, S. 12.
15.
Ludger Pries, Die Transnationalisierung der sozialen Welt, Frankfurt/M. 2008.
16.
Vgl. ebd., S. 10.
17.
Vgl. Gerhard Kruip, Religion, Kirche und Staat, in: Walter L Bernecker et al. (Hrsg.), Mexiko heute. Politik, Wirtschaft, Kultur, Frankfurt/M. 2004, S. 152.
18.
Die Mérida Initiative ist ein Sicherheitsabkommen zwischen den USA, Mexiko und anderen zentralamerikanischen Ländern, um das organisierte Verbrechen und insbesondere den Drogenhandel südlich des Rio Bravo zu bekämpfen. Das von US-Präsident George W. Bush (2001-2009) initiierte und 2008 vom Kongress verabschiedete Abkommen sieht vor allem die Lieferung technischer Ausrüstung an die mexikanischen Militär- und Polizeikräfte vor.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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