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21.9.2011 | Von:
Gil Yaron

Israel und der "Arabische Frühling" - Essay

Die Umbrüche in den arabischen Staaten haben aus israelischer Sicht auch besorgniserregende Konsequenzen. Der Sturz der Diktatoren birgt die Gefahr eines Machtvakuums. Der Terroranschlag in Israel im August 2011 war ein erstes Beispiel.

Einleitung

Am 18. August 2011 drohten Israels schlimmste Albträume wahr zu werden. An jenem Tag kamen palästinensische Terrorkommandos etwa 15 Kilometer nördlich von Eilat vom Sinai aus über die Grenze und setzten der Wüstenidylle an der Südspitze Israels ein Ende. Rund zehn bis 20 Kämpfer der palästinensischen "Volkswiderstandskomitees" (PRC) verübten das schwerste Attentat in Israel seit Jahren. Die Männer eröffneten das Feuer auf vorbeifahrende Busse und Privatwagen, verletzten mindestens zehn Personen und ermordeten acht Menschen. Einer sprengte sich neben einem Bus in die Luft und tötete den Fahrer. Eine Armeepatrouille, die zu Hilfe eilte, geriet in einen Hinterhalt, den die Terroristen gelegt hatten. Nach dem Attentat eskalierte die Lage schnell: Israel übte in Gaza Vergeltung und tötete die PRC-Führung in Rafah. Die Palästinenser beantworteten den Angriff mit dem Bombardement israelischer Großstädte. Nachdem rund 100 Raketen in Israel niedergingen und insgesamt 14 Palästinenser und zwei weitere Israelis getötet wurden, trat eine wacklige Waffenruhe in Kraft. Drei Tage danach steckten Israels Beziehungen zu Ägypten in der tiefsten Krise seit elf Jahren. Kairo beschuldigte Israel, bei der Verfolgungsjagd auf die Terroristen in den Sinai eingedrungen und dabei bis zu fünf ägyptische Grenzschützer getötet zu haben.

Dabei war noch völlig unklar, wie die ägyptischen Grenzschützer ums Leben kamen. Trotzdem waren viele in Ägypten außer sich vor Wut. Präsidentschaftskandidaten wie Muhammad al Baradei oder Ayman Nur forderten den Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Premierminister Issam Scharef warnte auf seiner Facebook-Seite, dass "ägyptisches Blut nicht umsonst vergossen" werde. Auch eine Entschuldigung des israelischen Verteidigungsministers beruhigte kaum die Gemüter. Der Umstand, dass die Terroristen ihre Attacke von einer Position aus starteten, die "nur 50 Meter von einem ägyptischen Stützpunkt entfernt war", so eine Quelle in der israelischen Armee, oder dass laut ägyptischen Berichten drei der Attentäter ägyptische Staatsbürger waren, führte nicht dazu, dass Kairo Anteilnahme für Israel zeigte oder sich verantwortlich fühlte.

Der Angriff aus dem Sinai ist für Israelis ein Zwischenfall mit strategischer Bedeutung. Die Terroristen verbrachten laut Angaben der israelischen Armee mindestens einen Monat im Sinai, ohne von Polizisten behelligt zu werden - dies ist nur eines von zahlreichen Indizien dafür, dass hier nach der Revolution ein gefährliches Machtvakuum entstand. Seit Monaten warnten die israelischen Behörden davor, in den Sinai zu reisen, um die Entführung eigener Staatsbürger zu verhindern. Bis August griffen Terroristen die Gasleitungen zwischen Ägypten, Israel und Jordanien fünf Mal an, drei Mal waren sie erfolgreich. Die ägyptischen Behörden waren unfähig, die Verantwortlichen dingfest zu machen, und gingen dazu über, Beduinenstämmen Schutzgeld zu zahlen, um weiteren Angriffen vorzubeugen. Im August erreichte die Herausforderung für die Zentralgewalt in Kairo einen neuen Höhepunkt, als Splittergruppen von Al Qaida im Nordsinai die Gründung eines islamischen Kalifats verkündeten. "Unsere Grenze zu Ägypten ist zu einem Sicherheitsproblem geworden", sagte eine hochrangige Quelle in der israelischen Armee.