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21.9.2011 | Von:
Sonja Hegasy

"Arabs got Talent": Populärkultur als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen

Im Zentrum der in diesem Beitrag skizzierten Massenkultur steht der Ruf nach individueller Ausdrucksfreiheit und Teilhabe. Sie ist nicht nur Ausdruck einer Nivellierung, sondern stellt auch überkommene Loyalitäten und Autoritäten infrage.

Einleitung

"Protests were all I had left. I wasn't part of any official political groups any more, any secret cells; shouting at the top of my lungs, getting riled up, watching a few old friends who'd become capitalists or informants or Muslim Brotherhood or spectators, that was all I had left." Mekkawi Said, Cairo Swan Song, Kairo 2006.

Um die Hintergründe der aktuellen Umbrüche in der arabischen Welt zu verstehen, ist es wichtig, kulturelle Veränderungen mindestens der vergangenen 20 Jahre zu betrachten. Dies betrifft Film, Musik, Kunst, moderne beziehungsweise postmoderne Literatur[1] ebenso wie die Anfänge des Internets. Entgegen langjährig gehegten Annahmen, war die arabische Welt kein "schwarzes Loch" auf der Landkarte der kulturellen Globalisierung. Inzwischen nutzen etwa 33,5 Prozent der Bevölkerung das Internet. Seit 2000 ist die Anzahl der Nutzerinnen und Nutzer um das 23-fache gestiegen.[2] Mit Erstaunen nahmen die Öffentlichkeiten außerhalb Nordafrikas Anfang 2011 eine ihr bislang unbekannte Jugend und Jugendkultur wahr, war der Islam doch bisher angeblich eine allumfassende Religion, die selbst das Privatleben junger Frauen und Männer bis in die intimsten Details regelte.

Zwar wandte man sich auch in den westlichen Staaten vehement gegen das patriarchale Verständnis einer vorgeblich wortgetreuen Auslegung des Korans, vergaß über die Beschäftigung mit den Fundamentalisten aber häufig die jungen Pragmatiker, die sich ein eigenes Weltbild zusammensetzten.[3] Natürlich entwickeln auch junge Christen und Muslime ihre Lebensentwürfe aus verschiedenen, miteinander konkurrierenden Elementen (bricolage). Insbesondere in dem immer längeren Lebensabschnitt zwischen Schulabschuss und Familiengründung ändern sich Identitäten ständig - und zum Teil radikal. Dies kann auch bedeuten, dass man sich - nur vorübergehend - einer extremistischen Gruppe anschließt. Mit Blick auf die immer wieder postulierte Normativität muslimischer Texte aber wurden die praktischen Bruchstellen innerhalb der arabischen Gesellschaften übersehen.

In vielen Familien gelang während der 1960er Jahre in nur einer Generation der Sprung vom Analphabeten zum Universitätsabsolventen. Diese Generation konnte sowohl von Entkolonialisierung und Nationalisierung der Wirtschaft als auch von der Bildungsrevolution dieser Zeit profitieren. Ihre Studentenbewegung fand übrigens zehn Jahre später statt als in Europa (Ende der 1970er Jahre) und markiert für viele den Beginn ihrer Politisierung an den Universitäten der arabischen Welt. Der Ausbau der Bildungsinstitutionen und die demografische Entwicklung seitdem führten in Marokko, Algerien, Tunesien und Ägypten zu einem hohen Anteil arbeitsloser Akademiker, aber auch zur Migration innerhalb der Region. Immerhin verdreifachte sich die Bevölkerung zwischen 1970 und 2010 nahezu von 128 auf 359 Millionen Einwohner.

Das geringe europäische Interesse an Entwicklungen außerhalb von Religion und politischem Islam zeigt sich sowohl im Bereich der Hochkultur[4] als auch in der Populärkultur. Die Vielfalt sufischer Bewegungen (muslimische Mystiker) und ihr Einfluss auf die Popmusik und Literatur in den arabischen Gesellschaften wurde ebenso wenig wahrgenommen wie nichtreligiöse Künstlerinnen und Künstler. Andrew Hammond vergleicht den Rückgriff auf musikalische Elemente des Sufismus in der Popkultur der vergangenen 20 Jahre mit der Vereinnahmung der jüdischen mystischen Tradition Kabbala durch die US-amerikanische Sängerin Madonna und verweist dazu auf Popstars wie den Ägypter Mohammed Mounir, die Algerier Cheb Khaled, Faudel und Rachid Taha oder den tunesischen Schlagersänger Saber Rubai,[5] die mystischen Tanz und Gesänge erfolgreich in populäre Musik integriert haben.

Fußnoten

1.
Vgl. zur arabischen Postmoderne: Angelika Neuwirth/Andreas Pflitsch/Barbara Winkler (Hrsg.), Arabische Literatur, postmodern, München 2004.
2.
So der Stand am 30. Juni 2011, online: www.internetworldstats.com/middle.htm (26.8.2011).
3.
Vgl. für eine kritische Auseinandersetzung mit der "Ethnologie des Islams": Samuli Schielke, Second Thoughts About the Anthropology of Islam, or How to Make Sense of Grand Schemes in Everyday Life, ZMO Working Papers, Berlin 2010.
4.
Vgl. Sonja Hegasy, Die Säkularisierung des arabischen Denkens, in: APuZ, (2009) 24, S. 3-8.
5.
Vgl. Andrew Hammond, Popular Culture in the Arab World. Arts, Politics, and the Media, Kairo 2006, S. 82.