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Editorial


7.9.2011
"Die" Frauen in Europa gibt es nicht. Sie sind durch das Merkmal Geschlecht verbunden, unterscheiden sich aber aufgrund von Bildungsstand, Herkunft oder Religion.

"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." Das programmatische Zitat der Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir ist auch 25 Jahre nach ihrem Tod gültig. Mittlerweile ist es weitgehend unstrittig, dass es neben dem biologischen Geschlecht, Sex, ein sozial konstruiertes Geschlecht, Gender, gibt. Frauen wie Männern werden durch Erziehung sowie durch gesellschaftliche und politische Institutionen "geschlechtsspezifische" Rollen zugewiesen.

"Frauen in Europa" sind keine homogene Gruppe. Wenn eine Quote für Frauen in Führungspositionen gefordert wird, so betrifft dies akademisch gebildete, ohnehin privilegierte Frauen. Wird dagegen eine bessere Absicherung für private Pflegekräfte diskutiert, so geraten hauptsächlich Migrantinnen in prekarisierten, meist irregulären Erwerbsverhältnissen in den Blick. Soziale Merkmale wie Bildungsstand und Herkunft oder auch Religion unterscheiden "die" Frauen voneinander.

Das Geschlecht bleibt dennoch eine wichtige Kategorie bei der Erforschung sozialer Ungleichheit. Trotz erheblichen Fortschritten in der Gleichstellung sind Frauen häufiger Opfer von (nicht nur häuslicher) Gewalt, haben einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt und damit zu sozialer Absicherung, sind unterrepräsentiert in den politischen und wirtschaftlichen Eliten. Ein zentrales Problem ist die ungleiche Verteilung von Sorge und Fürsorge, von Haus- und Familienarbeit. Werden Vätermonate und Führungsfrauen diese Situation langfristig verändern? Oder muss die weiblich konnotierte Sphäre der Fürsorge finanziell wie gesellschaftlich aufgewertet werden? "Das bisschen Haushalt" macht sich schließlich doch nicht von allein.