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Neue Wege für Musliminnen in Europa


7.9.2011
Muslimische Frauen sehen sich heute vielfachen Herausforderungen und Diskriminierungen ausgesetzt: als Frau, als Migrantin, als Muslimin. Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung suchen sie ihren Platz in der europäischen Gesellschaft.

Einleitung



Muslimische Frauen haben sich inzwischen einen festen Platz in der deutschen und europäischen Gesellschaft erobert: Sie sind heute nicht nur Ärztinnen, Anwältinnen und Bankerinnen, sondern sie spielen auch in der Öffentlichkeit unübersehbare bis glanzvolle Rollen. In Niedersachsen hat mit Aygül Özkan eine bekennende Muslimin türkischer Herkunft ein Ministeramt inne, die türkeistämmige Schauspielerin Renan Demirkan ist in deutschen Filmen eine feste Größe, und Yasmeen Ghauri, Fotomodell deutsch-pakistanischer Abkunft, ziert die Titelseiten internationaler Frauenmagazine.

Es sind Erfolgsgeschichten wie diese, die in den Medien verbreitet und als Beispiele sowohl gelungener Integration als auch Emanzipation vermarktet werden - wohlgemerkt auf der Folie eines Bildes von der weitgehend ins Haus verbannten, der deutschen Sprache kaum mächtigen und unterdrückten muslimischen Frau, wie sie als westliches Stereotyp durch die Medien und Diskussionsrunden geistert.[1] Entsprechend konstatiert die Erfolgsautorin Hatice Akyün, dass sie immer "wieder als eine der seltenen Türkinnen herhalten (müsse), die 'es geschafft haben'", und die Fernsehmoderatorin Dunya Hayali hat im Laufe ihrer Karriere nur zu oft feststellen müssen, dass "in ihrem Beruf nicht nur ihr Geschlecht, sondern zusätzlich ihre Herkunft aus einem muslimischen Land einen Nachteil darstellen".[2] "Es geschafft zu haben", bedeutet also für viele muslimische Frauen, sich in einer Gesellschaft durchzusetzen, die ihnen in mehrfacher Hinsicht einen Sonderstatus zuweist oder sie gar diskriminiert: als Frau, als Migrantin und als Muslimin, eine Thematik, die vor allem die renommierte Psychologin Birgit Rommelspacher immer wieder anspricht, wenn sie die problematische Haltung europäischer Feministinnen zum Islam und zu ihren "muslimischen Schwestern" thematisiert.[3]

Muslimische Frauen hatten und haben es also schwer, sich ihren Platz in der westlichen Gesellschaft zu erkämpfen. Einerseits diskriminiert durch einen stereotypen westlichen Blick auf den Islam, andererseits möglicherweise eingeengt durch ein von patriarchalischen Wertvorstellungen geprägtes familiäres und persönliches Umfeld, suchen sie als bekennende Musliminnen meist vergeblich Unterstützung bei Feministinnen; eine Situation, welche die (muslimische) Sozialwissenschaftlerin Corrina Gomani wie folgt charakterisiert: "Während sich an der Kopftuchfrage und Stellung der muslimischen Frau im Islam das säkulare Weltbild westlicher Einwanderungsgesellschaften und Demokratien entzündet, wird leicht übersehen, dass sich auch im inner-islamischen bzw. muslimischen Diskurs die Geschlechterfrage weitaus komplexer aufzeigt als dies vielleicht den Anschein hat. Auch hier werden vielleicht mehrere Kontroversen berührt: die Kontroverse zwischen Traditionalismus und Verwestlichung, zwischen Islamismus und Säkularismus und zwischen Feminismus und Islamismus."[4]

Muslimische Frauen in Europa reagieren aktiv auf diese vielfältigen Herausforderungen. Es gibt unter ihnen eine starke Bewegung weg von einem patriarchalischen und hin zu einem egalitären, gendergerechten Islamverständnis. Diese Bewegung findet sich sowohl in den alten, gewachsenen muslimischen Gesellschaften wie auch in den jungen islamischen Gemeinschaften des Westens.


Fußnoten

1.
Vgl. Zuhal Yesilyurt Gündüz, Europe and Islam: No Securization, Please!, Berlin 2007, S. 3, online: http://library.fes.de/pdf-files/id/04966.pdf (26.7.2011).
2.
Marina Kormbaki, Weiblich und mit Migrationsvordergrund. Wie die Gleichberechtigung zu den Borussen kam: Ministerin Özkan diskutiert mit Dunja Hayali und Hatice Akyün, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 9.3.2011.
3.
Vgl. Birgit Rommelspacher, Ungebrochene Selbstidealisierung, in: die tageszeitung vom 18.1.2010, online: www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?cHash=50b746a530&dig=2010%2F01%2F18%2Fa0006&ressort=sw (6.7.2011).
4.
Corrina Gomani, "Rittlings auf den Barrikaden" - Zur komplexen Lage islamischer Pro-Glaubensaktivistinnen und Feministinnen, in: Mualla Selçuk/Ina Wunn (Hrsg.), Islamischer Feminismus und Gender Jihad - neue Wege für Musliminnen in Europa, Stuttgart 2011 (i.E.).