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Geschlechter-
beziehungen im (Post-)Sozialismus


7.9.2011
Vom Transformationsprozess waren auch die Geschlechterbeziehungen betroffen. Setzte die kommunistische Ideologie auf die Eingliederung der Frauen in die Erwerbsbevölkerung, so kam es nach 1990 zu einer Renaissance der Häuslichkeit.

Einleitung



Das erste Gesetz, das nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in Rumänien verabschiedet wurde, hob das Verbot von Abtreibungen auf und modifizierte damit ein Gesetz, das seit den 1960er Jahren in Kraft war. Dieses symbolisierte die strikte staatliche Kontrolle über den weiblichen Körper und kann auch als Sinnbild für Nicolae Ceauescus Wunsch gesehen werden, die weibliche Fruchtbarkeit in den Dienst des nation building zu stellen. Die Hast, mit der die Neufassung des Abtreibungsrechts unternommen wurde, weist darauf hin, dass die Politik und die Gesetzgebung, die sich mit den Geschlechterbeziehungen befassen, ganz wesentlich zum Verständnis des Transformationsprozesses post-sozialistischer Gesellschaften beitragen.[1]

Dieser Artikel untersucht, welchen Veränderungen das Leben der Frauen in Mittel- und Osteuropa nach 1990 unterlag, und dies in zwei Bereichen des Alltagslebens: im Haushalt und in der Lohnarbeit. Diese Bereiche und ihre Schnittflächen spielen eine wesentliche Rolle nicht nur für die Ausbildung der Identität eines Menschen, sondern auch für Wohlergehen und wirtschaftliche Sicherheit. Deshalb sollte eine nähere Untersuchung dieser Bereiche die Frage erhellen können, in welcher Weise der Prozess des Übergangs zu Marktwirtschaft und Demokratie die Geschlechterbeziehungen neu formte; aber auch über den Einfluss bereits existierender geschlechterspezifischer Praktiken und über Ideen zum Transformationsprozess selbst sollte Neues zu erfahren sein. Ich beginne mit einem kurzen Überblick über das Erbe der Vergangenheit, der den Rahmen abstecken soll für die darauf folgenden Abschnitte, in denen es um das Wiedererstarken der Häuslichkeit gehen wird sowie um deren Einfluss auf die weibliche Lohnarbeit in den Ländern des ehemaligen Ostblocks.


Fußnoten

1.
Vgl. Susan Gal/Gail Kligman, The Politics of Gender After Socialism, Princeton 2000.