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7.9.2011 | Von:
Peter Döge

Anerkennung und Respekt - Geschlechterpolitik jenseits des Gender Trouble - Essay

Homogenität oder Heterogenität

Eine erste Antwort auf diese Fragen innerhalb der Geschlechterforschung gibt die sogenannte Race-Class-Gender-Debatte, die darauf hingewiesen hat, dass das Merkmal Geschlecht sich immer mit anderen Merkmalen überlagert und "vielfache Dominanzsysteme" existieren.[1] Die Hierarchisierung von Menschen entlang von Geschlecht ist Bestandteil umfassender "Dominanzkulturen",[2] die generell Unterschiede etablieren und bewerten, wobei je nach Kontext jeweils unterschiedliche Merkmale zu Diskriminierungsfaktoren werden. Das Merkmal Geschlecht fungiert nicht immer und überall als primäres Diskriminierungsmerkmal. So zeigen geschichtswissenschaftliche Studien, dass das primäre Differenzierungsmerkmal, das während der Zeit des Nationalsozialismus die Behandlung von Personen und den Zugang zu Ressourcen bestimmte, die Klassifizierung von "höherwertig" oder "minderwertig" darstellte.[3] Wirtschaftswissenschaftliche Arbeiten aus den USA machen deutlich, dass im Rahmen von industriellen Restrukturierungsprozessen je nach Region und Branche bisweilen das Qualifizierungsniveau der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen bedeutender war als deren Geschlecht.[4] Nach Befunden der PISA-Studien bildet im deutschen Schulsystem nicht Geschlecht das primäre Diskriminierungsmerkmal, sondern soziale Herkunft: Es sind insbesondere die jungen Männer aus bildungsfernen Milieus, welche die Bildungsverlierer sind. Die Universalkategorie "Frau" ist also nichts weiter als eine Abstraktion, sie nutze - wie afroamerikanische Feministinnen kritisierten - vor allem den weißen, gut ausgebildeten Mittelschichtfrauen, ihre Interessen durchzusetzen. Ziel dieser Frauen ist jedoch nicht die Aufhebung von Diskriminierungsstrukturen im Allgemeinen, sondern die Gleichstellung "mit den Männern ihrer Klasse".[5]

Ebenso wie der Race-Class-Gender-Ansatz betonte auch die Männerforschung seit Anbeginn, dass Männer keinesfalls eine homogene Geschlechtergruppe sind, sich unterschiedliche Männlichkeitsentwürfe gegeneinander differenzieren und hierarchisieren.[6] Das historisch und kontextuell jeweils dominierende Modell von Männlichkeit, das gewissermaßen beschreibt, was ein "richtiger Mann" ist, wird in der Männerforschung als "hegemoniale Männlichkeit" bezeichnet.[7] Hegemoniale Männlichkeiten finden sich insbesondere in den Führungspositionen von Unternehmen und bestimmen dort Leistungs- und Karrieremuster - und zwar für Frauen und Männer gleichermaßen. Diese Muster bauen insbesondere auf einer Abwertung und Ausklammerung weiblich konnotierter Tätigkeiten und Bereiche wie Hausarbeit und Kinderbetreuung auf; das sogenannte Vereinbarkeitsproblem hat hier eine seiner wesentlichen strukturellen Ursachen. Vor diesem Hintergrund wird immer wieder auf die Gefahr hingewiesen, dass klassische Gleichstellungspolitiken, die über eine Quote ausschließlich auf eine zahlenmäßige Erhöhung des Anteils von Frauen in Führungspositionen zielen, ohne dabei gleichzeitig einen Wandel von Organisationskulturen anzustreben, auf eine Anpassung von Frauen an hegemoniale männliche Habituskulturen hinauslaufen. Die Familienunfreundlichkeit von Organisationen - die Ausklammerung des Lebendigen - und die damit verbundenen Selektivitäten im Hinblick auf spezifische Lebens- und Karrieremuster bleiben auf diese Weise erhalten.[8]

Fußnoten

1.
Vgl. Ester Ngan-Ling Chow, Introduction, Transforming Knowledgement, Race, Class, and Gender, in: dies./Doris Wilkinson/Maxine Baca Zinn (eds.), Race, Class & Gender. Common Bonds, Different Voices, Thousand Oaks u.a. 1996, S. xix.
2.
Birgit Rommelspacher, Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Berlin 1995.
3.
Vgl. Gisela Bock, Gleichheit und Differenz in der nationalsozialistischen Rassenpolitik, in: Geschichte und Gesellschaft, 19 (1993) 3, S. 277-310.
4.
Vgl. Leslie McCall, Complex Inequality. Gender, Class and Race in the New Economy, New York-London 2001.
5.
bell hooks, Black Women, shaping Feminist Theory, in: Joy James/T. Denean Sharpley-Whiting (eds.), The Black Feminist Reader, Oxford 2000, S. 137.
6.
Vgl. Peter Döge, Trägheit und Dynamik. Männer und Männlichkeiten am Beginn des 21. Jahrhunderts, in: John D. Patillo-Hess/Mario R. Smole (Hrsg.), Frauen und Männer. Die fiktive Doppelmasse, Wien 2010, S. 113-125.
7.
Tim Carrigan/Bob Connell/John Lee, Toward a new Sociology of Masculinity, in: Theory and Society, 14 (1985) 5, S. 587ff.
8.
Vgl. Peter Döge, Vom Lebendigen her denken. Perspektiven für eine zukunftsfähige Geschlechterpolitik aus Männersicht, in: Switchboard, (2010) 192, S. 16-19.