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7.9.2011 | Von:
Peter Döge

Anerkennung und Respekt - Geschlechterpolitik jenseits des Gender Trouble - Essay

Gender als Geschlechterkultur

Wie jedes andere Lebewesen ist auch der Mensch an Fortpflanzung interessiert, ohne Fortpflanzung ist ein Weiterbestehen unserer Gattung nicht möglich. Folglich wünschen sich von den Kinderlosen unter 45 Jahren in Deutschland 46 Prozent bestimmt und 32 Prozent vielleicht Kinder. Nur 15 Prozent schließen Kinder völlig aus ihrer Lebensplanung aus.[13] Zur Fortpflanzung gehört auch beim Menschen die Vereinigung von zwei unterschiedlichen Arten von Keimzellen, deren Produktion binär zwischen den beiden menschlichen Wesen aufgeteilt ist. Die Existenz intersexueller Menschen stellt diese Binarität meiner Meinung nach keineswegs in Frage, sie bewegt sich zahlenmäßig in einem nicht signifikanten Bereich.[14] So ist auch die Fähigkeit, neues Leben zu gebären, beim Homo sapiens binär aufgeteilt und definiert von daher objektiv zwei Geschlechterkategorien - allerdings nur im Hinblick auf die biologische Potenzialität und nicht auf die individuelle Realisierung: Nicht alle Frauen werden Mütter, nicht alle Männer Väter. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben von den Frauen, die im Jahr 2006 zwischen 50 und 75 Jahre alt waren, jedoch etwa 86 Prozent Kinder geboren.[15]

Zur Fortpflanzung gehört Sexualität, Schwangerschaft, Geburt, Monatszyklus, Menopause - all dies ist mit bestimmten Körpererfahrungen verbunden, die wiederum auf die beiden menschlichen Wesen unterschiedlich verteilt sind. Vor diesem Hintergrund hat die anthropologische Geschlechterforschung immer wieder darauf hingewiesen, "dass Menschen Körper haben, die in einer unterschiedlichen binären Gestalt präsent sind".[16]

Schon in den 1970er Jahren formulierte die Anthropologin Gayle Rubin den Begriff des Sex-Gender-Systems, welches das institutionelle Setting, in denen eine Gesellschaft Sexualität und Fortpflanzung handhabt, beschreibt.[17] Von diesem Konzept ausgehend habe ich den Begriff der Geschlechterkultur entwickelt.[18] Wenn Kultur allgemein als Art und Weise beschrieben werden kann, in der eine Gruppe eine Handlung - zum Beispiel Essen, Wohnen, Zeitmessung - ausführt oder einen Sachverhalt kommuniziert, beschreibt Geschlechterkultur die Art und Weise, wie menschliche Gruppen mit der beobachtbaren Tatsache umgehen, dass das Reproduktionsvermögen zwischen Menschen unterschiedlich verteilt ist. Geschlechterkultur meint von daher immer mehr als Frau und Rolle, sie umfasst auch und besonders den normativ-symbolischen Umgang mit Geschlecht. Geschlechterpolitik wird dann zur Gestaltung von Geschlechterkultur.

Der Mensch als Lebewesen ist immer zugleich ein Symbol produzierendes Wesen und so bilden Geschlechterbilder - Vorstellungen, die sich Menschen von den Fähigkeiten und Eigenschaften von Frauen und Männern machen - immer ein bedeutendes Moment von Geschlechterkulturen. Die hierzulande nach wie vor vorherrschende bipolare Geschlechterkultur schreibt Frauen und Männern jeweils exklusive Eigenschaften in dem Sinne zu, dass, wer rational ist, nicht emotional sein kann und wer technisch kompetent ist, nicht empathisch sein kann. Aber jeder Blick auf das samstägliche Verhalten von Männern in den Fußballstadien sowie auf das tägliche Treiben an den Börsen macht deutlich, dass Männer sehr wohl emotional und empathisch sein können. Ein Blick in die Technikgeschichte zeigt auf der anderen Seite, dass Frauen immer schon technisch kompetent waren, aber nur andere Techniken entwickelt haben, die gemeinhin nicht als Technik gelten - etwa die Filtertüte (Melitta Benz) oder den Scheibenwischer (Mary Anderson).[19] Männer wiederum sind ebenso kommunikativ kompetent wie Frauen - es scheint nur so zu sein, dass Männer und Frauen in einer jeweils anderen Weise und über andere Dinge sprechen.

In diesem Sinne lassen sich alle seriösen Studien der neurobiologischen Geschlechterforschung zusammenfassen: Männer und Frauen sind in allen Lebensbereichen gleichermaßen kompetent, sie scheinen nur unterschiedliche Strategien zu verfolgen und unterschiedliche Motivationslagen zu besitzen, sich mit bestimmten Dingen zu beschäftigen.[20] Dies gilt allerdings nicht für alle Männer und Frauen gleichermaßen, denn zwischen den einzelnen Individuen gibt es große Variationsbreiten, die wiederum größer sein können, als die zwischen den Geschlechtern insgesamt.

Fußnoten

13.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Familien Report 2009. Leistungen, Wirkungen, Trends, Berlin 2009.
14.
Schätzungsweise leben in Deutschland etwa 40000 intersexuelle Menschen; insgesamt einer von 2000 Menschen. Vgl. Claudia Lang, Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern, Frankfurt/M.-New York 2006.
15.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Geburten in Deutschland, Wiesbaden 2007, S. 28.
16.
Henrietta Moore, Was ist eigentlich mit Frauen und Männern passiert? Gender und andere Krisen in der Anthropologie, in: Ulrike Davis-Sulikowski et al. (Hrsg.), Körper, Religion und Macht. Sozialanthropologie der Geschlechterbeziehungen, Frankfurt/M.-New York 2001, S. 192.
17.
Vgl. Gayle Rubin, The Traffic in Women, Notes in the "Political Economy" of Sex, in: Rayna R. Reiter (ed.), Toward an Anthropology of Women, New York-London 1975.
18.
Vgl. Peter Döge, Von der Anti-Diskriminierung zum Diversity-Management. Ein Leitfaden, Göttingen 2008, S. 40ff.
19.
Vgl. Deborah Jaffé, Ingenious Women. From Tincture of Saffron to Flying Machines, Phoenix Mill 2004.
20.
Vgl. Doris Bischof-Köhler, Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede, Stuttgart u.a. 20114.