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Anerkennung und Respekt - Geschlechterpolitik jenseits des Gender Trouble - Essay


7.9.2011
Geschlechterpolitik kann nicht länger von der Idee homogener Geschlechtergruppen ausgehen. Im Sinne des Diversity Management muss sie die Vielfalt unter Frauen und Männern annehmen und benachteiligungsfrei gestalten.

Einleitung



"Frauen in Europa" - unter diesem Titel will die vorliegende Ausgabe der APuZ die Situation von Frauen in unterschiedlichen Ländern Europas darstellen und den Stand der Gleichstellung von Frauen analysieren.

Aber ist dies überhaupt möglich, gibt es überhaupt eine Geschlechtergruppe "Frau" oder eine Geschlechtergruppe "Mann" mit einheitlichen Alltagserfahrungen und Lebenslagen? Ist Geschlecht denn nicht nur eine soziale Konstruktion ohne jede materielle Basis? Kann es dann überhaupt eine Frauenpolitik oder Geschlechterpolitik geben?

Homogenität oder Heterogenität



Eine erste Antwort auf diese Fragen innerhalb der Geschlechterforschung gibt die sogenannte Race-Class-Gender-Debatte, die darauf hingewiesen hat, dass das Merkmal Geschlecht sich immer mit anderen Merkmalen überlagert und "vielfache Dominanzsysteme" existieren.[1] Die Hierarchisierung von Menschen entlang von Geschlecht ist Bestandteil umfassender "Dominanzkulturen",[2] die generell Unterschiede etablieren und bewerten, wobei je nach Kontext jeweils unterschiedliche Merkmale zu Diskriminierungsfaktoren werden. Das Merkmal Geschlecht fungiert nicht immer und überall als primäres Diskriminierungsmerkmal. So zeigen geschichtswissenschaftliche Studien, dass das primäre Differenzierungsmerkmal, das während der Zeit des Nationalsozialismus die Behandlung von Personen und den Zugang zu Ressourcen bestimmte, die Klassifizierung von "höherwertig" oder "minderwertig" darstellte.[3] Wirtschaftswissenschaftliche Arbeiten aus den USA machen deutlich, dass im Rahmen von industriellen Restrukturierungsprozessen je nach Region und Branche bisweilen das Qualifizierungsniveau der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen bedeutender war als deren Geschlecht.[4] Nach Befunden der PISA-Studien bildet im deutschen Schulsystem nicht Geschlecht das primäre Diskriminierungsmerkmal, sondern soziale Herkunft: Es sind insbesondere die jungen Männer aus bildungsfernen Milieus, welche die Bildungsverlierer sind. Die Universalkategorie "Frau" ist also nichts weiter als eine Abstraktion, sie nutze - wie afroamerikanische Feministinnen kritisierten - vor allem den weißen, gut ausgebildeten Mittelschichtfrauen, ihre Interessen durchzusetzen. Ziel dieser Frauen ist jedoch nicht die Aufhebung von Diskriminierungsstrukturen im Allgemeinen, sondern die Gleichstellung "mit den Männern ihrer Klasse".[5]

Ebenso wie der Race-Class-Gender-Ansatz betonte auch die Männerforschung seit Anbeginn, dass Männer keinesfalls eine homogene Geschlechtergruppe sind, sich unterschiedliche Männlichkeitsentwürfe gegeneinander differenzieren und hierarchisieren.[6] Das historisch und kontextuell jeweils dominierende Modell von Männlichkeit, das gewissermaßen beschreibt, was ein "richtiger Mann" ist, wird in der Männerforschung als "hegemoniale Männlichkeit" bezeichnet.[7] Hegemoniale Männlichkeiten finden sich insbesondere in den Führungspositionen von Unternehmen und bestimmen dort Leistungs- und Karrieremuster - und zwar für Frauen und Männer gleichermaßen. Diese Muster bauen insbesondere auf einer Abwertung und Ausklammerung weiblich konnotierter Tätigkeiten und Bereiche wie Hausarbeit und Kinderbetreuung auf; das sogenannte Vereinbarkeitsproblem hat hier eine seiner wesentlichen strukturellen Ursachen. Vor diesem Hintergrund wird immer wieder auf die Gefahr hingewiesen, dass klassische Gleichstellungspolitiken, die über eine Quote ausschließlich auf eine zahlenmäßige Erhöhung des Anteils von Frauen in Führungspositionen zielen, ohne dabei gleichzeitig einen Wandel von Organisationskulturen anzustreben, auf eine Anpassung von Frauen an hegemoniale männliche Habituskulturen hinauslaufen. Die Familienunfreundlichkeit von Organisationen - die Ausklammerung des Lebendigen - und die damit verbundenen Selektivitäten im Hinblick auf spezifische Lebens- und Karrieremuster bleiben auf diese Weise erhalten.[8]

Geschlecht als soziale Konstruktion?



Aber nicht nur die Existenz von homogenen Genusgruppen, sondern die Existenz von zwei Geschlechtern überhaupt wird seit Beginn der 1990er Jahre in Zweifel gezogen. Ausgangspunkt für das Konzept der "sozialen Konstruktion von Geschlecht" waren insbesondere die Arbeiten von Judith Butler.[9] Die sich auf Butler berufende sogenannte Queer-Theorie geht gegenwärtig sogar soweit, die Zweigeschlechtlichkeit als gesellschaftliche Norm insgesamt infrage zu stellen. Ins Blickfeld von Geschlechterpolitik rücken in diesem Zusammenhang vor allem Geschlechtsidentitäten und Geschlechterrollen, wobei angenommen wird, diese beliebig modifizieren zu können. Ihren politischen Niederschlag finden diese Ideen zum Beispiel in Maßnahmen wie dem Girl's und dem Boy's Day sowie in all den Programmen zur Veränderung des Berufs- und Studienfachwahlverhaltens von Frauen. Allerdings hat sich dieses in den vergangenen Jahren auf europäischer Ebene ebenso wenig verändert wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung oder das geschlechtsspezifische Muster in der Versorgung von kleinen Kindern.

Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, sich die theoretischen Wurzeln des sozial-konstruktivistischen Gender-Konzepts in Erinnerung zu rufen. Diese finden sich in einem psychologischen Ansatz, der in den 1920er Jahren ausgebildet wurde und unter dem Begriff des Behaviorismus eng mit den Namen Budrus F. Skinner und J.B. Watson verbunden ist. Der Behaviorismus geht davon aus, dass menschliches Verhalten in einem Reiz-Reaktions-Muster ausschließlich durch die Umwelt bestimmt wird, wobei gleiche Umweltbedingungen zu ähnlichen Verhaltensmustern führen sollen. Individuelle kognitive Bewusstseinsprozesse als Determinante von Verhalten erkennen die Behavioristen nicht an, jeder Mensch ist bei Geburt eine tabula rasa. Die empirische Grundlage dieser basalen Annahmen der behavioristischen Psychologie bilden dabei im Wesentlichen Experimente mit Tauben, Ratten und Hunden - die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Menschen bleibt doch eher fraglich. Es ist erstaunlich, dass dieser Aspekt im Queer-Diskurs niemals einer ebensolchen kritischen Reflexion unterzogen worden ist wie die Ergebnisse der Primaten-Forschung oder der Evolutionspsychologie.[10]

Der Behaviorismus verkennt in seiner einseitigen Perspektive auf die Umwelt als Verhaltensdeterminante zudem, dass die soziale Umwelt, die auf die Individuen einwirkt und ein bestimmtes Verhalten evoziert, immer das Produkt der Handlungen eben dieser Individuen, dieser Frauen und dieser Männer, ist. Und dann stellt sich die Frage, wovon das Handeln dieser Individuen bei der Gestaltung der sozialen Strukturen, die wiederum genau das Verhalten hervorbringen, das wir beobachten können, letztendlich bestimmt wird. Bei der Beantwortung dieser Frage wird deutlich, dass der Queer-Diskurs ein bedeutendes Moment des sozialkonstruktivistischen Ansatzes dauerhaft übersieht - nämlich die Biologie des Menschen: "Biologische Fakten beschränken die gesellschaftlichen Möglichkeiten des Einzelnen. Aber die gesellschaftliche Welt, die vor jedem Einzelnen ist, beschränkt auch das, was für den Organismus biologisch möglich wäre."[11] Soziale Konstruktionsprozesse entwickeln sich Peter Berger und Thomas Luckmann zufolge immer im Spannungsfeld von Natur und Kultur. Ein solcher Blick auf Männer und Frauen als Lebewesen wird von der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung und der Geschlechterpolitik bedauerlicherweise vorschnell als "biologistisch" abgetan - dies nicht selten ohne ein genaues Verständnis davon, was Biologie eigentlich ist oder in weitgehender Gleichsetzung von Biologie mit genetischem Determinismus.[12] Auf diese Weise wird dann ein Faktum völlig übersehen, das für das Geschlechterverhältnis und für Geschlechterpolitik von zentraler Bedeutung ist: der Aspekt der Reproduktion beziehungsweise der Fortpflanzung.

Gender als Geschlechterkultur



Wie jedes andere Lebewesen ist auch der Mensch an Fortpflanzung interessiert, ohne Fortpflanzung ist ein Weiterbestehen unserer Gattung nicht möglich. Folglich wünschen sich von den Kinderlosen unter 45 Jahren in Deutschland 46 Prozent bestimmt und 32 Prozent vielleicht Kinder. Nur 15 Prozent schließen Kinder völlig aus ihrer Lebensplanung aus.[13] Zur Fortpflanzung gehört auch beim Menschen die Vereinigung von zwei unterschiedlichen Arten von Keimzellen, deren Produktion binär zwischen den beiden menschlichen Wesen aufgeteilt ist. Die Existenz intersexueller Menschen stellt diese Binarität meiner Meinung nach keineswegs in Frage, sie bewegt sich zahlenmäßig in einem nicht signifikanten Bereich.[14] So ist auch die Fähigkeit, neues Leben zu gebären, beim Homo sapiens binär aufgeteilt und definiert von daher objektiv zwei Geschlechterkategorien - allerdings nur im Hinblick auf die biologische Potenzialität und nicht auf die individuelle Realisierung: Nicht alle Frauen werden Mütter, nicht alle Männer Väter. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben von den Frauen, die im Jahr 2006 zwischen 50 und 75 Jahre alt waren, jedoch etwa 86 Prozent Kinder geboren.[15]

Zur Fortpflanzung gehört Sexualität, Schwangerschaft, Geburt, Monatszyklus, Menopause - all dies ist mit bestimmten Körpererfahrungen verbunden, die wiederum auf die beiden menschlichen Wesen unterschiedlich verteilt sind. Vor diesem Hintergrund hat die anthropologische Geschlechterforschung immer wieder darauf hingewiesen, "dass Menschen Körper haben, die in einer unterschiedlichen binären Gestalt präsent sind".[16]

Schon in den 1970er Jahren formulierte die Anthropologin Gayle Rubin den Begriff des Sex-Gender-Systems, welches das institutionelle Setting, in denen eine Gesellschaft Sexualität und Fortpflanzung handhabt, beschreibt.[17] Von diesem Konzept ausgehend habe ich den Begriff der Geschlechterkultur entwickelt.[18] Wenn Kultur allgemein als Art und Weise beschrieben werden kann, in der eine Gruppe eine Handlung - zum Beispiel Essen, Wohnen, Zeitmessung - ausführt oder einen Sachverhalt kommuniziert, beschreibt Geschlechterkultur die Art und Weise, wie menschliche Gruppen mit der beobachtbaren Tatsache umgehen, dass das Reproduktionsvermögen zwischen Menschen unterschiedlich verteilt ist. Geschlechterkultur meint von daher immer mehr als Frau und Rolle, sie umfasst auch und besonders den normativ-symbolischen Umgang mit Geschlecht. Geschlechterpolitik wird dann zur Gestaltung von Geschlechterkultur.

Der Mensch als Lebewesen ist immer zugleich ein Symbol produzierendes Wesen und so bilden Geschlechterbilder - Vorstellungen, die sich Menschen von den Fähigkeiten und Eigenschaften von Frauen und Männern machen - immer ein bedeutendes Moment von Geschlechterkulturen. Die hierzulande nach wie vor vorherrschende bipolare Geschlechterkultur schreibt Frauen und Männern jeweils exklusive Eigenschaften in dem Sinne zu, dass, wer rational ist, nicht emotional sein kann und wer technisch kompetent ist, nicht empathisch sein kann. Aber jeder Blick auf das samstägliche Verhalten von Männern in den Fußballstadien sowie auf das tägliche Treiben an den Börsen macht deutlich, dass Männer sehr wohl emotional und empathisch sein können. Ein Blick in die Technikgeschichte zeigt auf der anderen Seite, dass Frauen immer schon technisch kompetent waren, aber nur andere Techniken entwickelt haben, die gemeinhin nicht als Technik gelten - etwa die Filtertüte (Melitta Benz) oder den Scheibenwischer (Mary Anderson).[19] Männer wiederum sind ebenso kommunikativ kompetent wie Frauen - es scheint nur so zu sein, dass Männer und Frauen in einer jeweils anderen Weise und über andere Dinge sprechen.

In diesem Sinne lassen sich alle seriösen Studien der neurobiologischen Geschlechterforschung zusammenfassen: Männer und Frauen sind in allen Lebensbereichen gleichermaßen kompetent, sie scheinen nur unterschiedliche Strategien zu verfolgen und unterschiedliche Motivationslagen zu besitzen, sich mit bestimmten Dingen zu beschäftigen.[20] Dies gilt allerdings nicht für alle Männer und Frauen gleichermaßen, denn zwischen den einzelnen Individuen gibt es große Variationsbreiten, die wiederum größer sein können, als die zwischen den Geschlechtern insgesamt.

Geschlechtsspezifisch oder geschlechtshierarchisch



So zeigt sich, dass im Durchschnitt mehr Männer als Frauen die Motivation besitzen, eine Führungsposition einnehmen zu wollen. Diese Motivation findet sich aber nicht bei allen Männern, sie findet sich jedoch auch bei einigen Frauen. So äußerten in einer Studie der Harvard University 15 Prozent der befragten weiblichen Hochschulabgängerinnen und 27 Prozent der männlichen Hochschulabgänger, dass sie eine Führungsposition anstreben.[21] Ebenso ist es nach wie vor eher wahrscheinlich, dass Frauen ihre Berufstätigkeit zugunsten der Betreuung von kleinen Kindern oder von Familienangehörigen unterbrechen als Männer. Mehr Frauen als Männer streben in den Universitäten nach wie vor in die kulturwissenschaftlichen, mehr Männer als Frauen in die ingenieurwissenschaftlichen Bereiche - auch in der ehemaligen DDR konnte dieses Studierverhalten beobachtet werden. Ob diese Motivationslagen sozialisations- oder evolutionsbedingt sind, wird Geschlechterforschung - auch in einer transdisziplinären Perspektive - niemals mit eindeutiger Sicherheit beantworten können. Eine solche Sicherheit im Hinblick auf die Interpretation von Prozessen und Vorgängen wird in Zeiten von Unschärferelation und Chaostheorie nicht einmal mehr in der Physik postuliert, und von daher sollte auch die Geschlechterforschung und vor allem die Geschlechterpolitik lernen, mit diesen Unsicherheiten umzugehen. Voraussetzung hierfür wäre insbesondere eine präzise Unterscheidung der Begriffe geschlechtshierarchisch und geschlechtsspezifisch, die im geschlechterpolitischen Diskurs noch immer weitgehend synonym gebraucht werden.

Eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist Bestandteil einer jeden Geschlechterkultur - sie kann als Ausdruck der unterschiedlichen Motivationslagen und Vorlieben gesehen werden. So gibt es Frauenberufe und Männerberufe, Frauenbereiche und Männerbereiche, Frauenleben und Männerleben - insbesondere mit Blick auf die Versorgung von kleinen Kindern. Wie eine vergleichende Überblicksstudie zeigt, wird in nur 5 Prozent von 156 Ethnien eine enge Beziehung zwischen Vater und Kleinkind unterstützt.[22] Aber stellt es denn tatsächlich eine Ungerechtigkeit dar, wenn Frauen in sogenannten Frauenberufen arbeiten oder in Teilzeit arbeiten möchten, um kleine Kinder besser betreuen zu können? Ist eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung per se negativ zu bewerten oder ist es nicht vielmehr die unterschiedliche Bewertung männlich und weiblich konnotierter Bereiche, Berufe, Kompetenzen sowie der Lebensmuster, die eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu einer geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung werden lassen? Ein von diesen Fragen ausgehender differenzierender Blick auf unsere Geschlechterkultur würde deutlich machen, dass es vor allem diese Wertigkeiten sind, die für die unterschiedliche Einkommenshöhe von Frauen und Männern sowie für den geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen verantwortlich sind, wobei die Abwertung von "Frauenleben" auch familienorientierte Männer trifft. So verdienen einer US-amerikanischen Studie zufolge sogenannte moderne Männer im Durchschnitt 6000 Euro weniger im Jahr als sogenannte traditionelle Männer,[23] auch familienorientierte Männer erfahren eine "gläserne Decke".

Geschlechterpolitik als Diversity Management



Das sogenannte Vereinbarkeitsproblem wird für Väter und Mütter demnach ebenso nur zu lösen sein wie die Einkommensungleichheit der Geschlechter, wenn an dieser Wertigkeit von Lebensbereichen und Berufen angesetzt wird. Ziel von Geschlechterpolitik sollte von daher sein, weiblich konnotierte Tätigkeiten und Lebensmuster aufzuwerten mit dem Ziel "Arbeit und Familienleben so zu organisieren, daß Zuständigkeiten und Entgelt absolut unparteiisch an Menschen mit verschiedenen sozialen Merkmalen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen, verteilt werden".[24] Auf diese Weise könnte eine wirkliche Gleichstellung im Sinne einer Gleichwertigkeit von Lebensmustern hergestellt werden, einhergehend mit einer wirklichen Wahlfreiheit in den Lebensbiografien. Gleichwertigkeit lässt Unterschiedlichkeit zu und versucht nicht, Frauen und Männer an eine Norm anzupassen - weder an die Norm des hegemonial Männlichen noch an eine sozial-konstruktivistische Norm der Unterschiedslosigkeit. In diesem Zusammenhang ergibt sich dann die Frage nach wirklich aussagekräftigen Indikatoren für Chancengleichheit von Frauen und Männern: Ist denn die Höhe der Erwerbsbeteiligung von Frauen tatsächlich ein angemessener Maßstab? Ist es tatsächlich der Anteil von Frauen in sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) und in Führungspositionen? Oder ist es der Anteil von Vätern in Elternzeit und der Anteil von Männern in sogenannten Frauenberufen? Oder ist es ganz einfach die Zufriedenheit von Frauen und Männern mit ihrem Leben?

Vor dem Hintergrund der bisherigen Überlegungen erscheint mir das Konzept des Diversity Managements als die vielversprechendste Strategie, mit dem "gender trouble" politisch angemessen umzugehen. Diversity Management setzt an der Vielfalt von Merkmalskonstellationen an und sieht Unterschiedlichkeit als wichtige Organisationsressource. Es geht darum, gesellschaftliche und organisationale Kontexte zu schaffen, in denen jedes Individuum unabhängig von seinen körperlichen oder sozial-kulturellen Merkmalen seine Potenziale einbringen kann. Orientiert an den Leitbildern Offenheit und Vielfalt bietet das Konzept des Diversity Managements zudem die Möglichkeit für einen unverkrampften Umgang mit dem Natur-Kultur-Dilemma: Offenheit impliziert, Männern und Frauen alle Möglichkeiten und Bereiche offenzuhalten und quasi zu unterstellen, alles wäre nur sozial konstruiert. In diesem Zusammenhang erhalten dann Antidiskriminierungsstrategien ihren Stellenwert. Vielfalt bedeutet, das Resultat der individuellen Handlungen anzuerkennen, die Unterschiedlichkeit etwa im Berufswahlverhalten oder den Lebensmustern anzunehmen und so gleichwertig wie möglich zu behandeln. Vielfalt bedeutet auch, biologische Unterschiede zuzulassen und - wie etwa in der Gesundheitspolitik - entsprechend differenzierte Angebote für Frauen und Männer zu entwickeln. Anerkennung und Respekt würden auf diese Weise zu zentralen Achsen von Geschlechterpolitik jenseits homogener Genusgruppen.

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Fußnoten

1.
Vgl. Ester Ngan-Ling Chow, Introduction, Transforming Knowledgement, Race, Class, and Gender, in: dies./Doris Wilkinson/Maxine Baca Zinn (eds.), Race, Class & Gender. Common Bonds, Different Voices, Thousand Oaks u.a. 1996, S. xix.
2.
Birgit Rommelspacher, Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Berlin 1995.
3.
Vgl. Gisela Bock, Gleichheit und Differenz in der nationalsozialistischen Rassenpolitik, in: Geschichte und Gesellschaft, 19 (1993) 3, S. 277-310.
4.
Vgl. Leslie McCall, Complex Inequality. Gender, Class and Race in the New Economy, New York-London 2001.
5.
bell hooks, Black Women, shaping Feminist Theory, in: Joy James/T. Denean Sharpley-Whiting (eds.), The Black Feminist Reader, Oxford 2000, S. 137.
6.
Vgl. Peter Döge, Trägheit und Dynamik. Männer und Männlichkeiten am Beginn des 21. Jahrhunderts, in: John D. Patillo-Hess/Mario R. Smole (Hrsg.), Frauen und Männer. Die fiktive Doppelmasse, Wien 2010, S. 113-125.
7.
Tim Carrigan/Bob Connell/John Lee, Toward a new Sociology of Masculinity, in: Theory and Society, 14 (1985) 5, S. 587ff.
8.
Vgl. Peter Döge, Vom Lebendigen her denken. Perspektiven für eine zukunftsfähige Geschlechterpolitik aus Männersicht, in: Switchboard, (2010) 192, S. 16-19.
9.
Vgl. Judith Butler, Zwischen den Geschlechtern, in: APuZ, (2002) 33-34, S. 6-8.
10.
Vgl. Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/M. 1995.
11.
Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt/M. 200118, S. 192.
12.
Vgl. Griet Vandermassen, Who's afraid of Charles Darwin. Debating Feminism and Evolutionary Theory, Lanham 2005.
13.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Familien Report 2009. Leistungen, Wirkungen, Trends, Berlin 2009.
14.
Schätzungsweise leben in Deutschland etwa 40000 intersexuelle Menschen; insgesamt einer von 2000 Menschen. Vgl. Claudia Lang, Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern, Frankfurt/M.-New York 2006.
15.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Geburten in Deutschland, Wiesbaden 2007, S. 28.
16.
Henrietta Moore, Was ist eigentlich mit Frauen und Männern passiert? Gender und andere Krisen in der Anthropologie, in: Ulrike Davis-Sulikowski et al. (Hrsg.), Körper, Religion und Macht. Sozialanthropologie der Geschlechterbeziehungen, Frankfurt/M.-New York 2001, S. 192.
17.
Vgl. Gayle Rubin, The Traffic in Women, Notes in the "Political Economy" of Sex, in: Rayna R. Reiter (ed.), Toward an Anthropology of Women, New York-London 1975.
18.
Vgl. Peter Döge, Von der Anti-Diskriminierung zum Diversity-Management. Ein Leitfaden, Göttingen 2008, S. 40ff.
19.
Vgl. Deborah Jaffé, Ingenious Women. From Tincture of Saffron to Flying Machines, Phoenix Mill 2004.
20.
Vgl. Doris Bischof-Köhler, Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede, Stuttgart u.a. 20114.
21.
Vgl. McKinsey & Company (ed.), Women Matter. Gender diversity, a corporate performance driver, o.O. 2007, S. 9.
22.
Vgl. Janet Brown/Gary Barker, Global Diversity and Trends in Patterns of Fatherhood, Den Haag 2004, S. 17-43.
23.
Vgl. Timothy A. Judge/Beth A. Livingston, Is the gap more than gender? A longitudinal analysis of gender, gender role orientation, and earnings, in: Journal of Applied Psychology, 93 (2008) 5, S. 994-1012.
24.
Judith Lorber, Kontinuitäten, Diskontinuitäten und Konvergenzen in neueren feministischen Theorien und in feministischer Politik, in: Feministische Studien, (1998) 1, S. 52.