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Die Mauer und ihre Bilder


26.7.2011
Mit der Errichtung der Berliner Mauer haben sich Bilder unserem kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Es handelt sich nicht um manipulierte Dokumente – dennoch ist die propagandistische Wirkung stark.

Einleitung



Im Zusammenhang mit der Errichtung der Berliner Mauer haben sich kaum ein Dutzend Bilder unserem kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Zu dem kleinen Kanon gehören das Plakat mit dem Ulbricht-Porträt und -Zitat "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten ...", das von bewaffneten DDR-Organen abgeriegelte Brandenburger Tor, dramatische, mittels verknoteter Bettlaken erfolgte Fluchten aus hoch gelegenen Fenstern an der Bernauer Straße, an Laternenmasten sich hochziehende Menschen, die ihren Freunden und Verwandten im Ostsektor zuwinken, zugemauerte U-Bahn-Stationen, sich gegenüberstehende Panzer der US-Army und der Roten Armee an der Friedrichstraße und natürlich das weltberühmt gewordene Foto des Grenzsoldaten Conrad Schumann, der mit einem kühnen Satz über den Stacheldraht den "Sprung in die Freiheit" wagte. Mitte Juli 1962 kamen die erschütternden Bilder vom qualvollen Sterben Peter Fechters hinzu.

Wenn wir diesen Kanon Revue passieren lassen, nach einem gemeinsamen Nenner suchend für das, was er beschreibt, so fällt auf, dass alle Bilder emotional hoch aufgeladen sind. Auf seine Weise hat jedes den Rang eines "Zeugen der Anklage". Gleichwohl wird niemand behaupten können, es handele sich um manipulierte Dokumente - dennoch ist die von ihnen ausgehende propagandistische Wirkung überaus stark. Der Versuch, diese Qualität zu analysieren, hat davon auszugehen, dass sie das Ergebnis eines sich über 50 Jahre hinziehenden Kommunikationsprozesses sind, an dem mindestens drei konstituierende Faktoren beteiligt waren: die Sender (Produzenten, Moderatoren, Medien), die Bilder selbst (Botschaft, "Format", Design) und die Rezipienten (Selbstverständnis, Mentalität, Sehgewohnheiten).

Bislang ist im Rahmen ikonografischer Analysen zwar mehrfach auf einige Fotos und deren Botschaft eingegangen, aber der Kommunikationsprozess selbst mit seinen komplexen Entstehungs-, Verbreitungs- und Rezeptionsbedingungen ist noch kaum in den Blick genommen worden.[1]


Fußnoten

1.
Vgl. Wanderausstellung und Katalog des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (21.5.2009 bis Sommer 2011), Köln 2009, insbesondere den Beitrag von Elena Demke, Mauerbilder - Ikonen im Kalten Krieg, S. 109-119. Eine semiotische Analyse derselben Fotos unternahm schon Gunter Holzweißig, Bilder im Westen, Sprachregelung im Osten. Die Darstellung des Mauerbaus in den deutschen Medien, in: Unsere Medien - unsere Republik, Heft 2:1961: Getrennte Lebenswege, hrsg. vom Adolf Grimme-Institut in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Hochschulverband, Marl 1992, S. 20ff.

 

Dossier

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