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Die Mauer und ihre Bilder

26.7.2011

Sender und Moderatoren



Bekanntlich tat "der Westen" politisch gegen den Mauerbau "nichts" - eines dafür umso ausgiebiger: Er dokumentierte ihn. Zahllose Fotografen und Kameraleute aus aller Welt, Presseagenturen, Beauftragte des Berliner Senats, Mitarbeiter von Verlagen, Privatleute - sie alle sorgten dafür, dass sich schon innerhalb weniger Tage ein riesiger Fundus an Bildmaterial anhäufte. Wie war damit umzugehen im Hinblick auf Auswahl, Moderation, Kommentierung?

Mit den Absperrungsmaßnahmen vom 13. August 1961 war die Ära des deutsch-deutschen Propagandagrabenkampfes definitiv zu Ende gegangen. Was von nun an geschah, ereignete sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Das hatte Auswirkungen auf das Verhältnis von Wort und Bild. Was zuvor im innerdeutschen Schlagabtausch noch vielfach über das Wort erfolgen konnte - wovon der bis Anfang 1962 andauernde "Phonkrieg" über die Mauer mit Lautsprecherattacken ("Eure Schande wird um die Welt gehen!") noch ein mattes Nachspiel gab - war nun zunehmend auf das Bild als Medium verwiesen.

So verschieden die Absender auch waren, die fortan Kommunikationspolitik betrieben, angefangen vom Gesamtdeutschen Ministerium Ernst Lemmers über den Berliner Senat, informelle Gruppierungen wie das Kuratorium Unteilbares Deutschland, die gesamte Presselandschaft bis hin zu einzelnen Verlagen[2] - über die politisch-moralische Bewertung des Bildmaterials bestand Einigkeit. Die Titel verschiedener umlaufender Broschüren der frühen 1960er Jahre sprechen für sich: "Ulbrichts Mauer", "Stacheldraht um Berlin", "Mauer der Schande", "Verbrechen am Stacheldraht".

Dennoch sind einige der Moderatoren aus der Frühphase der "Mauerkommunikation" heute vergessen. Zu ihnen gehörten Schriftsteller wie Wolfgang Paul, Arno Scholz und Wolfdietrich Schnurre. Letzterer ist herauszuheben, weil seine beiden Bild-Text-Bände ("Die Mauer des 13. August", Dezember 1961, sowie "Eine Stadt wird geteilt", Mai 1962) sehr persönlich gehaltene Auseinandersetzungen mit dem Thema bieten. Schnurre konnte gar nicht anders als diese welthistorische Zäsur mit eigenen Worten zu verarbeiten. Indem er das tat, begriff er, wie einsam er war: Kaum einer seiner Kollegen fühlte sich herausgefordert, ebenfalls seine Stimme dagegen zu erheben. Schnurre zog die Konsequenz und trat 1962 aus Protest gegen das kollektive Schweigen des PEN-Clubs zum Mauerbau aus dem Verband aus. In "Die Mauer des 13. August" stellt er die Stadt wie seinen eigenen, an Abschnürung leidenden Körper dar: "Ein Berlin mit Würgemalen am schienengeäderten Hals.[3] Schnurres Bildbände sind deswegen aufschlussreich, weil sich in ihnen der Bildkanon, so wie wir ihn kennen, noch nicht verfestigt hat beziehungsweise haben konnte.[4] Dafür macht er seiner Empörung Luft und lässt es - ebenso wie Arno Scholz in seinem Buch "Stacheldraht um Berlin" - nicht an so manchem bitteren Kommentar fehlen, sei dies der häufige Verweis auf das "Ulbricht-KZ" oder die bewusste Wiedergabe von Fotos möglichst zynisch blickender Grenzer.

Auch die Bundesregierung war von einer souveränen Bildpolitik in dieser Phase noch weit entfernt. So stand auf der bereits im September 1961 vom Gesamtdeutschen Ministerium produzierten und in großer Auflage verteilten Broschüre "Sperrmaßnahmen gegen Recht und Menschlichkeit" auf dem Titelcover die "Eilmeldung" aus dem Nachrichtenticker zu lesen, "starke kommandos der kommunistischen volkspolizei" hätten die Sektorengrenzen abgeriegelt. Auf dem dazugestellten Foto waren aber gar keine Volkspolizisten zu sehen, sondern Betriebskampfgruppen in relativ entspannter Haltung - eigentlich das typische Propagandamotiv der Ostseite. In der zweiten, "durchgesehenen und erweiterten" Auflage von 1963 wurde das Bild ausgetauscht und durch eines ersetzt, das den Gewaltaspekt durch ein gepanzertes Fahrzeug im Brandenburger Tor deutlich unterstrich.

Die Unsicherheit betraf nicht nur die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Text, sondern forderte eine grundsätzliche Entscheidung: Brauchen Mauerfotos überhaupt einen Kommentar? Ist nicht jede Bildunterschrift schon ein Zuviel an Deutung, die Widerspruch herausfordert und die beabsichtigte Wirkung eher schwächt? Einer der ersten, der diese Meinung vertrat, war der Schriftsteller Kurt Ihlenfeld. In seinem "Berliner Tagebuch" schrieb er unter dem 5. Juli 1962: "Allein schon der leider hier üblich gewordene Ausdruck 'Schandmauer' schießt übers Ziel hinaus ... Lasse man doch die Mauer auch sprachlich in ihrer brutalen Nacktheit wirken."[5]

Zu derselben Einsicht war zu dieser Zeit auch der Berliner Senat gekommen, als er eine aufwendig produzierte Kassette herausgab, die als Dokumentationsmaterial für den politischen Unterricht in der Erwachsenenbildung gedacht war. Neben diversen Büchern, etlichen Broschüren und Zeitungsausgaben (auch des "Neues Deutschland") enthielt sie "absichtlich nicht in eine Reihe gestellte" Dias und Fotos: "Das vorliegende Studienmaterial soll Ihrer Gruppe dabei behilflich sein, die Berlin-Situation richtig zu erkennen. Sie sollen die Möglichkeit haben, sich aus einer Fülle von Dokumenten selbst eine Stellungnahme zu erarbeiten. Sie werden feststellen, daß das Material ohne eigene Arbeit gar nicht verwendbar ist (...). Es war unser Bemühen, ein Höchstmaß an Objektivität zu wahren. Politische Propaganda kann im Zusammenhang mit den Absperrmaßnahmen des 13. August der Stellung Berlins nur schaden." Interessant ist, dass die "eigene Arbeit" des Rezipienten betont wird und das entscheidende Stichwort "Propaganda" fällt: Jeder auch nur noch so leise Verdacht, es handele sich um einen subtilen Beeinflussungsversuch, sollte im Keim erstickt werden.

Daher konnte es dem Senat nur recht sein, nicht der (alleinige) Absender solcher Botschaften zu bleiben. Ab Sommer 1962 "übernahm" eine private Initiative die Bildpolitik im Hinblick auf die Mauer: die Arbeitsgemeinschaft 13. August (später Haus am Checkpoint Charlie) des Gründers der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) Rainer Hildebrandt. Auch er verfolgte - wie der Senat - schon früh eine Kommunikationsstrategie des "die Mauer spricht selbst". Erst heute, sieben Jahre nach dessen Tod, wird deutlich, wie sehr Hildebrandt unsere Wahrnehmung von der Mauer über Jahrzehnte hinweg bestimmt hat. Bei seinem Projekt stand er von Anfang an vor der Frage, ob "das Unrecht an der Mauer" überhaupt ausstellbar sei. Durch den intensiven Kontakt mit geflohenen Grenzsoldaten[6] reifte in ihm die Einsicht, dass von den Bildern und Objekten seiner Ausstellung keinesfalls eine provokative, sondern eine deeskalierende Wirkung ausgehen müsse. Bereits in der frühen Broschüre "Die Mauer. The Wall. Le Mure" von 1964 wird der ehemalige Grenzsoldat Michael Mara zitiert: "Es können unter den Grenzposten und Offizieren noch viel mehr Verbündete gewonnen werden. Es muß an der Grenze ein solches Maß an Gewaltlosigkeit geschaffen werden, daß sich die Mauer gegen ihren Erbauer kehrt!"[7] Diese Politik wurde in dem weit über eine Million Mal verkauften Ausstellungskatalog "Es geschah an der Mauer"[8] konsequent weiterverfolgt - etwa in der Kampagne "Durchschaut die Uniform!"

Natürlich hatte Hildebrandt Tribut an die sich Mitte der 1960er Jahre abzeichnende Phase der Entspannungspolitik zu leisten. Das war am nachlassenden Interesse der Medien am Thema Mauer deutlich zu spüren. Besucher kamen ja nicht in das Museum, um sich Dutzende von Bildern von erschossenen Flüchtlingen anzusehen, sondern um Zeichen der Hoffnung mit nach Hause zu nehmen. Einerseits war Hildebrandt somit gefordert, die Mauer als "Bauwerk der Unmenschlichkeit" angemessen darzustellen und sie nicht zu verniedlichen - andererseits eben auch Hoffnungszeichen[9] genügend Raum zu geben. Der Vergleich verschiedener Auflagen des Ausstellungskataloges "Es geschah an der Mauer" bestätigt das. Nicht nur wurde das in der 1966er Ausgabe noch bestehende Unterkapitel "Mord" durch "Tote, die Symbole wurden" ersetzt, auch die Zahl der abgebildeten Maueropfer sank deutlich. Das Foto des toten Klaus Brüske etwa, am 18. April 1962 beim Versuch, mit einem LKW die Mauer zu durchbrechen erschossen, wurde ebenso weggelassen wie die Doppelseite mit fünf Fotos aus dem Lebenslauf des ersten dokumentierten Maueropfers Günter Litfin (24. August 1961).


Fußnoten

2.
Z.B. bonner berichte, Bund der Vertriebenen, Kuratorium Unteilbares Deutschland, hinzu kamen Verlage wie arani, Hohwacht oder Bechtle, die sich des Themas besonders annahmen.
3.
Ein halbes Jahr später - die erste gerade schulterhohe Mauer aus Hohlblocksteinen ist fertig gestellt - legte Schnurre in "Eine Stadt wird geteilt" das Protokoll dieser "Krankheitsgeschichte" nieder.
4.
Die beiden "berühmtesten" Fotos (Conrad Schumanns gelungene Flucht am 15.8.1961 sowie Peter Fechters tödlich verlaufener Fluchtversuch am 17.8.1962) tauchen in diesen Büchern noch nicht auf.
5.
Rudolf Hartung (Hrsg.), Hier schreibt Berlin, München 1963, S. 25.
6.
Vgl. Kontrollpunkt Kohlhasenbrück. Die Geschichte einer Grenzkompanie des Ringes um West-Berlin (Text: Rainer Hildebrandt, hrsg. vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen), Bonn 1963, S. 116.
7.
Die Mauer/The Wall/Le Mur, Berlin o.O. (ca. 1964).
8.
Die erste Auflage des Katalogs zu den Ausstellungen der Arbeitsgemeinschaft 13. August e.V. (fünfsprachig) erschien 1966 (112 S.). Mit der 18. Auflage 1992 (128 S.) wurde die Marke von einer Million verkaufter Exemplaren überschritten. Der Katalog wurde immer wieder angepasst, überarbeitet und ergänzt, zuletzt durch das Kapitel "Der 9. November - die siegreiche Revolution".
9.
Da ab Mitte der 1960er Jahre erfolgreiche Fluchten - die zudem noch dokumentiert und somit ausstellungsfähig waren - in Berlin sehr rar geworden waren und inzwischen meist nur noch mithilfe immer komplizierterer technischer Geräte gelangen, nahmen diese sogenannten Fluchtmobile (Mini-U-Boote, Sessellifte, Flugzeuge, Ballons) immer mehr Raum in der Ausstellung ein und wurden zu den größten Attraktionen.

 

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