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Die Mauer und ihre Bilder

26.7.2011

Bildbotschaften



Um die Botschaft vom "Bauwerk der Unmenschlichkeit" dennoch sinnfällig zu machen, waren Bilddokumente unverzichtbar, die Menschen in unmittelbarem, schicksalhaftem Kontakt mit ihr zeigten, tragisch an ihr scheiterten oder sie heldenhaft überwanden. So begann sich der Fokus zwangsläufig auf "den Mauerspringer" Conrad Schumann und "das Maueropfer" Peter Fechter zu konzentrieren und geradezu zu verengen. Jahrzehntelang haben diese beiden Fotos, als Stellvertreter aller gelungenen oder misslungenen Fluchten, unser Bild von der Mauer bestimmt.[10] Welche Bedeutung gerade diese beiden "Fälle" für unsere kollektive Erinnerung haben, offenbart sich in der Tatsache, dass sie Anlass zur Errichtung von Denkmälern wurden.

Ihre Wirkungsmacht berührt noch heute, so, als spräche "die Mauer selbst". Dennoch täusche man sich nicht: Ein Foto bleibt immer Kunstprodukt - es ist stets nur Zeichen von etwas, nicht die Wirklichkeit selbst. Zudem gibt das "stehende Bild" zwangsläufig nur einen Ausschnitt einer komplexeren Wirklichkeit wieder. Was bewegte Bilder nicht vermögen, erreicht es dafür mit Leichtigkeit: Es rafft, konzentriert, pointiert und regt die Phantasie der Rezipienten an, sich ein "Davor" und "Danach" auszumalen.

Dies wird besonders deutlich, wenn man die Flucht Conrad Schumanns in beiden vorliegenden Formaten vergleicht. Weltberühmt wurde allein das Standfoto, das bereits am 16. August in der "Bild"-Zeitung erschien und schon kurz darauf durch die Weltpresse ging. Aufgenommen hatte es der Volontär der Bildagentur Contipress Peter Leibing. Die kurze Filmsequenz des Kameramanns Dieter Hofmann, die es sogar als Berlin-Souvenir zum Daumenkino verarbeitet gibt, fällt dagegen deutlich ab. Hier wirkt Schumann geradezu hüftsteif, von seiner Vitalität und Eleganz im Standfoto ist kaum etwas zu spüren.[11]

Für die überlegene Wirkungsästhetik des Fotos von Leibing gibt es plausible Gründe. Zum einen bot die Aufnahmeposition direkt gegenüber der Stacheldrahtabsperrung, auf die er sein Objektiv scharf eingestellt hatte, die ideale Voraussetzung. Zum anderen wurde "das Objekt" optimal getroffen, da Schumann den Stacheldraht des verhassten Systems noch im Sprung niedertrat. Symbolhaltiger hätte kein Foto sein können. Das Ergebnis war kein Zufall, sondern offenbarte große Professionalität. Als Sportfotograf hatte Leibing beim Springderby in Hamburg Gelegenheit gehabt, ein springendes Pferd so ins Bild zu bringen, dass es exakt über dem Hindernis zu stehen kam.[12] Davon konnte er jetzt profitieren - und im richtigen Sekundenbruchteil auf den Auslöser drücken. Zur nachhaltigen Wirkung des Fotos gehörte auch seine ihm "eingeschriebene" Botschaft. Sie lautet: Weil dieser Soldat die Unrechtmäßigkeit des Systems, dem er dienen sollte, verabscheute, ergriff er die Chance zur Flucht, spontan und unter Lebensgefahr.[13]

Die dahinter liegende Realität war komplexer. Als Unteroffizier war Schumann der Vorgesetzte zweier Soldaten, die mit ihm zusammen an diesem Grenzabschnitt eingesetzt waren. Er allein hatte scharfe Munition in seiner Kalaschnikow; ihre Magazine waren leer. Er allein durfte an den Stacheldraht herantreten. Zudem gab es zu dieser Zeit, nach allem, was wir wissen, noch keinen "Schießbefehl"; auf das Problem von "Republikfluchten", die zugleich Fahnenfluchten waren, war das SED-Regime noch nicht eingestellt. Von dieser Seite aus drohte Schumann keine Gefahr. Das größte Risiko war der Stacheldraht selbst, denn er hätte hängenbleiben können. Also konzentrierte er sich darauf, einen günstigen Augenblick zur Flucht abpassen. Beobachter auf der Westseite berichteten, er habe stundenlang nervös geraucht, sodass sich viele fragten: "Springt der?" Die nonverbale Kommunikation "über den Stacheldraht hinweg"[14] funktionierte deutlich besser als diejenige zwischen ihm und seinen Kameraden. Schumann konnte gar nicht anders als in die Kamera "hineinzuspringen": So entstand das perfekte Bild.

Es mag pietätlos erscheinen, doch auch die Dokumentation von Peter Fechters qualvollem Sterben ist zu den "perfekten Bildern" zu rechnen. Dennoch ist auch hier die außerordentliche "Prägekraft des Visuellen" (Christoph Hamann) nicht von der Hand zu weisen. Sie wurden zu Kronzeugen dafür, dass die Mauer nichts anderes war als das "Bauwerk der Unmenschlichkeit". Sie gipfelten in jenem Bild, das die Bergung des Erschossenen durch vier Uniformierte zeigt - wobei der Gesichtsausdruck des Gefreiten Lindenlaub den ganzen Schrecken des Hergangs widerspiegelt.

Auch hier gab es - wie im Falle Schumanns - im Vorfeld Kommunikation "über die Mauer hinweg". Das bestätigte der Fotograf Wolfgang Bera, der die Fotos machte, nachdem er Schüsse gehört hatte: "Ich rannte zum Ruinengrundstück an der Zimmerstraße. Nichts zu sehen. Ich wollte schon wieder gehen, da sah ich im 4. Stock im Haus gleich auf der Ostseite eine alte Frau. Sie zeigte mit dem Finger auf die Mauer neben mir. Zog die Gardine schnell wieder zu. Ich verstand sofort. Da musste einer liegen. Ich kletterte an der Mauer hoch. Die war damals noch aus Ziegeln gemauert. Obendrauf Moniereisen mit Stacheldraht. Da sah ich ihn: Ein junger Mann, direkt unter mir. Er fiel von der Seite auf den Rücken. Mit einer Hand hielt ich meine Leica M2 hoch und drückte ab. Ich rannte zu den Amis am Checkpoint Charlie, bat um Hilfe: Auf Alliierte durfte ja nicht geschossen werden. Doch der GI sagte: 'Nicht unser Bier.' Scheinbar endlos viel Zeit verging. Ich holte eine Leiter, ein Teleobjektiv. Konnte noch fotografieren, wie die vier Grenzer den Toten wegschleppten."[15]

Erstmals hatte ein Kameraauge hinter die dunkle, die Ostseite der Mauer geblickt. Und es waren neben dem Opfer selbst auch die für das Geschehen (mit-)verantwortlichen Grenzer im Bild, mitsamt ihren hilflos wirkenden Gesten: eine konzentrierte Anklage. Christoph Hamann hat detailliert herausgearbeitet, welche Professionalität in diesem Foto steckt. In seiner Komposition erinnert es an die Tradition christlicher Ikonographie, welche die Kreuzabnahme und Bergung des Leichnams Jesu Christi darstellen, etwa bei Rubens, Raffael, Rembrandt und vielen anderen.[16] Indessen: Fechter hatte seinen Fluchtversuch nicht allein unternommen, sondern zusammen mit seinem Freund Helmut Kulbeik. Ihm gelang es, die Mauer zu überklettern, Fechter nicht. Kulbeik, der ein Schumann hätte sein können, ist vergessen, die Erinnerung an Fechter begleitet uns bis auf den Tag. Wenn die Mauer "selbst sprach", brauchte sie einsame Helden oder einsame Opfer.

Es mag deutlich geworden sein, welch hoher Anteil ästhetischen Kategorien im Wahrnehmungsprozess zukommt. Bis heute glauben viele, dass diese Bilder die "ganze" Wahrheit zeigen und nichts als sie. Ein Blick auf die innerdeutsche Auseinandersetzung nach dem 13. August 1961 fördert andere Facetten zutage. In den Kampagnen der Psychologischen Kampfführung der Bundeswehr (PSK) etwa, zwischen 1961 und 1972 abgeschirmt vor den Augen der westdeutschen Öffentlichkeit und mit großer Intensität gegen die DDR betrieben, war die Mauer keineswegs dieses Monstrum.[17] Freilich war hier auch nicht die Weltöffentlichkeit der Adressat, sondern die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR. Auf Millionen von Flugblättern, per Wetterballon in die DDR geschickt - bis zu 80 Tonnen im Jahr - schrumpfte das "Bauwerk der Unmenschlichkeit" zum Mäuerlein oder, um mit Wolfdietrich Schnurre zu sprechen, zum "Brombeergestrüpp": "Wenn die Mauer schon von Schnee und Wind umfällt", so ein Text, sei der eigene "große Sprung" nach Schumann-Muster doch für jeden halbwegs durchtrainierten Soldaten nur eine kleine sportliche Herausforderung (siehe die Abbildung 1 der PDF-Version). Der in der Westpresse zum todesmutigen Helden Verklärte gab hier also nur den Vorturner ab. Genüsslich wurden immer wieder Namen von geflüchteten Kameraden samt Diensteinheit ausgebreitet, so etwa auf einem Propagandakissen mit der Auflistung von 36 allein 1964 geflüchteten Grenzern neben dem Schumann-Foto. Darüber die provokative Verhöhnung der NVA als "Nach Vorn Abgehauen": Das war nichts anderes als Zersetzungspropaganda (siehe die Abbildung 2 der PDF-Version).


Fußnoten

10.
Bis Ende der 1970er Jahre war die Wahrnehmung der Mauer durchweg schwarzweiß. Das änderte sich in den 1980er Jahren durch Hildebrandts Projekt "Überwindung der Mauer durch Bemalung der Mauer". Erst in jüngster Zeit wird die Mauer auch als Architekturphänomen wahrgenommen. Vgl. z.B. Leo Schmidt et al. (Hrsg.), Die Berliner Mauer. Vom Sperrwall zum Denkmal (Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz), Bd. 76/1, Berlin 2009.
11.
Vgl. auch Stefan Küpper, Der Sprung seines Lebens, in: Augsburger Allgemeine vom 6.5.2010, online: www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Der-Sprung-seines-Lebens-id7791041.html (11.7.2011); dort auch das Foto.
12.
Vgl. Na, springt der? Interview mit Peter Leibing, in: Junge Freiheit vom 10.8.2001.
13.
Welche Langzeitwirkung dieses Foto weltweit hatte, wurde 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt offenbar, an der in West-Berlin auch Ronald Reagan teilnahm. Es war der persönliche Wunsch des ehemaligen Hollywood-Schauspielers, Conrad Schumann, der durch seinen Sprung in James-Bond-Manier gezeigt hatte, was er vom "Reich des Bösen" hielt, auf der Ehrentribüne zu sehen.
14.
In Jochen Voigts Fernseh-Dokumentation "Sprung in die Freiheit - eine Flucht, die nie zu Ende ging" (WDR 1998) erklärt Schumann im Interview, er habe sich "durch Handzeichen mit der West-Berliner Bevölkerung" über seine Fluchtabsicht "verständigt".
15.
Interview mit Wolfgang Bera, in: Bild vom 4.3. 1997.
16.
Dort auch das Foto: Christoph Hamann, Schnappschuss und Ikone. Das Foto von Peter Fechters Fluchtversuch 1962, in: Zeithistorische Forschungen, 2 (2005) 2, online: www.zeithistorische-forschungen.de/site/40208419/default.aspx (9.6.2011).
17.
Vgl. Dirk Schindelbeck, Flugblattschlachten an den Zonengrenze. Propaganda als politisches Mittel im innerdeutschen Konflikt, in: Forum Schulstiftung. Zeitschrift für die katholischen Freien Schulen der Erzdiözese Freiburg, Heft 49, (2008), S. 94-116.

 

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